Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

28.10.2013 | Von:
Julia Anna Bingler

Analyse: Die Ukraine als Fossil des Tages oder: Wem dient der Grüne Tarif tatsächlich?

Trotz einiger Maßnahmen inklusiver hoher Einspeisetarife ("Grüner Tarif") zur Förderung erneuerbarer Energien, wurde die Ukraine 2009 bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen vom "Climate Action Network" gleich dreifach als "Fossil des Tages" ausgezeichnet. Wem dient der "Grüne Tarif" also tatsächlich?

TAR-TASS: CRIMEA, UKRAINE. NOVEMBER 15, 2011. Worker walks along solar panels on the premises of the Ohotnikovo Solar Power Station built by Vienna-based Activ Solar Company. A 80 megawatt solar photovoltaic power station is the largest solar plant in central and eastern Europe and the world_s 4th largest photovoltaic plant. The project is divided into four 20MW phases. (Photo ITAR-TASS/ Alexei Pavlishak)
pixelSolarenergie aus der Ukraine. (© picture-alliance/dpa)

Die Energielage der Ukraine zwischen Visionen und Erdgas

Potentiale für erneuerbare Energien

Weite Brachflächen, eine hohe Sonnenintensität und starker Wind an den Küsten – das Potential für erneuerbare Energien in der Ukraine beträgt laut Berechnungen des Kiewer Instituts für erneuerbare Energien 550 Mrd. kWh pro Jahr. Wenngleich die angeführten Zahlen meist von Spitzenleistungen ("Peak") ausgehen und Schwankungen in der tatsächlichen Produktion je nach Tages- und Jahreszeit in die Kalkulation einfließen müssten, sind die Möglichkeiten vielversprechend. Bei der jährlichen Stromproduktion der Ukraine von rund 160 Mrd. kWh pro Jahr könnte Strom in Höhe von 120 Mrd. kWh pro Jahr aus erneuerbaren Energien gedeckt werden (darunter 80 Mrd. kWh pro Jahr Windenergie; 27 Mrd. kWh pro Jahr Biomasse und 5 Mrd. kWh pro Jahr Solarenergie, Zahlen von Ernest&Young, der OECD und des Instituts für Erneuerbare Energien). Momentan haben erneuerbare Energien an der Stromversorgung durch die Wasserkraft einen Anteil von 6 %, wobei dies keine neue Entwicklung darstellt: Schon im Jahr 1932 entstand das bis heute leistungsstärkste Kraftwerk am Fluss Dnipro. Durch einen Ausbau der erneuerbaren Energien könnte der Einsatz von Erdgas (derzeit 11 % der Stromproduktion) und Kohle (36 %) reduziert werden. Zudem würde dies den Ausbau der Atomenergie (diese deckt momentan 46 % der Stromproduktion) obsolet machen. Im Bereich der Wärme- und Bewegungsenergie könnten 430 Mrd. kWh pro Jahr durch erneuerbare Energien gedeckt werden, insbesondere durch Wärmepumpen (150 Mrd. kWh pro Jahr), Geothermie und Biomasse, aber auch durch Solaranlagen (30–90 Mrd. kWh pro Jahr).

Problemlage: Russisches Erdgas, belastete Staatsfinanzen, Energieverschwendung

Trotz der Energiepotentiale im eigenen Land wird die ukrainische Energienachfrage zu rund 45 % durch Erdgas gedeckt. Die Fernwärmeproduktion wird gar zu 97 % durch Erdgas bestritten. Ein Großteil des Erdgases, ca. 32 Mtoe (Millionen Tonnen Ölequivalent ) wird importiert, hauptsächlich aus Russland. Dies führte in der Vergangenheit zu erheblichen Problemen. So schränkt die Gasabhängigkeit die Ukraine nicht nur den außen- und innenpolitischen Handlungsspielraum Kiews ein, sie bedeutet auch ein staatliches finanzielles Desaster. Erst im Januar hatte der russische Gaskonzern "Gazprom" dem ukrainischen Staatskonzern "Naftogas Ukrainy" eine Rechnung in Höhe von 5,2 Milliarden Euro für nicht abgenommenes Gas geschickt. Unter Experten wurde dies als Reaktion auf den Abschluss eines Vertrages mit der Firma Royal Dutch Shell über den Abbau von Schiefergas in der Region Donetsk gewertet. Der Importpreis für Erdgas aus Russland in die Ukraine zählt zu den höchsten Europas, zwischen 2005 und 2012 stieg er von 50 US-Dollar auf 426 USD pro tausend Kubikmeter – und läge noch gut 100 USD höher, hätte die ukrainische Regierung der Verlängerung der Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim nicht zugestimmt. Gleichzeitig subventioniert der Staat die Gaspreise für die Bevölkerung, welche somit keinerlei Anreize zum Energiesparen hat. Die enorme Energienachfrage verschlechtert die Außenhandelsbilanz. Die Differenz zwischen Importpreis und jenem, den die privaten Haushalte zahlen müssen, verursacht nicht nur die faktische Pleite des staatseigenen Unternehmens "Naftogas Ukrainy", der Fiskus wird auch durch damit einhergehende Schuldenschnitte für Naftogas Ukrainy stark belastet. Alleine zwischen 2007 und 2010 stieg die ukrainische Gesamtschuld von 12,3 % auf 39,5 % des BIP. Bei einem Haushaltsdefizit von 45,5 Milliarden Hrywnja ist es beachtlich, dass alleine 12,5 Milliarden Hrywnja zur Unterstützung von Naftogas Ukrainy ausgezahlt wurden. Die Leidtragenden sind die Industrie und das produzierende Gewerbe, welche im Verhältnis zu den privaten Haushalten einen doppelt so hohen Gaspreis zahlen müssen. Der Europäische Chemieverband CEFIC verweist darauf, dass ukrainische Chemieunternehmen im Durchschnitt einen dreimal höheren Preis für Erdgas zahlen würden als Chemieunternehmen der EU, und einen fünfmal höheren Preis als jene in Russland. Die Ukraine hat dennoch einen enormen Energieverbrauch. Nicht nur in privaten Haushalten werden auf Grund der subventionierten Energiepreise und mangels Gebäudedämmung wertvolle Ressourcen verschwendet. Pro Einheit produzierten Bruttoinlandsprodukts stoßen ukrainische Unternehmen durchschnittlich 6 Millionen Tonnen Treibhausgase aus, die mit dem Energieeinsatz korrelieren – in Russland mit einem vergleichbaren Anteil in Höhe von 40 % Industrie an der Gesamtwertschöpfung sind es 3,9 Millionen Tonnen, in Deutschland 0,4 Tonnen bei ca. 25 % Anteil Industrie am BIP. Es ist unter anderem diese Ineffizienz, die die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie verringert, was ein Grund für Arbeitsplatzverluste während der Wirtschaftskrise war und zum Einbruch der ukrainischen Wirtschaftsleistung um 15 % im Jahr 2009 führte. Die einzigen Wege aus dieser Situation sind erstens weniger Energieverbrauch sowie zweitens die Substitution von Erdgas durch andere Energieträger. Die Ziele der "Energiestrategie für die Ukraine 2030" sind diesbezüglich ambitioniert: Bis 2015 sollen 10 % der Energieproduktion aus erneuerbaren Energien stammen, bis 2030 sollen es 19 % sein. Die Einführung des "Grünen Tarifs" im Jahr 2009 könnte helfen, dies zu realisieren – könnte, muss aber nicht. Entscheidend ist die konkrete Ausgestaltung des Tarifes.

Der "Grüne Tarif" zwischen Theorie und Praxis

Ausgestaltung

Seit 2009 ist in der Ukraine ein Maßnahmenpaket zur Förderung erneuerbarer Energien in Kraft. Dessen zentrale Instrumente sind die Verpflichtung des staatlichen Netzbetreibers Ukrenergo zur Abnahme des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen sowie ein an den Eurokurs gekoppelter Einspeisetarif ("Grüner Tarif"). Unter den Grünen Tarif fallen die Stromerzeugung durch Wind- und Solaranlagen, Wasserkraft in kleinem Maßstab und Biomasse. Die verschiedenen Mindesteinspeisetarife, welche bis Ende 2029 gesichert sind und in den kommenden Jahren sukzessive abnehmen werden, zählen zu den höchsten Europas. Mit beispielsweise 46 ct/kWh für Solar-Freiflächenanlagen entspricht der Satz jenem für Photovoltaikanlagen in Deutschland aus dem Jahr 2004, welcher seit Januar 2012 bei 18 ct/kWh liegt. Bei Biomasse (13 ct/kWh), Wind- (12 ct/kWh) und Wasserkraft (12 ct/kWh) sind die Unterschiede nicht ganz so hoch. Der Grüne Tarif zeige seine Wirkung, es seien schon 92 Anlagen unter dem Grünen Tarif in Betrieb genommen worden, so die Nationale Kommission zur Elektroenergieregulierung NERC. Bisher tragen die erneuerbaren Energien neben der Wasserkraft weniger als 1 % zum Elektroenergieverbrauch bei. Dennoch ist in den letzten Jahren ein enormes Wachstum in diesem Bereich zu verzeichnen. Sowohl die Stromerzeugung durch Windräder mit einer installierten Spitzen("peak")-Kapazität von 193,8 Megawattpeak, als auch durch Wasserkraft mit 73,5 MWpeak, hat in der Vergangenheit zugelegt. Seit 2011 sind 30 mittlere bis große Solaranlagen in Betrieb genommen worden, allein im letzten Jahr wurde die Gesamtsolarkapazität fast verdoppelt. Besonders Großanlagen sind hier im Kommen. Von den bisher installierten 373,2 Megawattpeak (entspricht 3,27 Mrd. kWh pro Jahr) entfallen alleine 100 Megawattpeak auf einen Photovoltaik-Park auf der Krim. Was wie eine Erfolgsmeldung aussehen könnte, scheint bei genauerer Betrachtung sehr problematisch.


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