Skyline von Schanghai
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Einführung: Wie urban ist die Welt?

Megastädte und die zunehmende Urbanisierung


30.8.2007
Die Gegenwart ist durch zunehmende Verstädterung und globale Verknüpfung gekennzeichnet. Beide sind eng miteinander verbunden, denn in den Städten überlagern sich vielfältige globale Netzwerke: Dort werden Entscheidungen getroffen, die sowohl die Weltwirtschaft als auch die Weltpolitik bestimmen. In den Städten sind die Börsen, die Zentralen der Unternehmen und nicht zuletzt die politischen Körperschaften und internationalen Organisationen. Dieser Zusammenhang ist keine aktuelle Entwicklung, sondern lässt sich bis in die Zeit des Kolonialismus zurückverfolgen. Neu ist, dass diese Prozesse zunehmend von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden: entweder als Gefahr ("Zeitbombe Stadt") oder als Potenzial gesellschaftlicher Entwicklung ("Recht auf die Stadt").

Ein Faktor dafür, dass Verstädterung als globaler Prozess stärker ins Alltagsbewusstsein eingedrungen ist, ist sicherlich die Verbindung des Jahrtausendwechsels mit der Feststellung, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Menschen in Städten leben. Ein wenn auch zufälliges Zusammenfallen, das von den Medien ausführlich aufgenommen wurde. Ein Problem sind allerdings die Daten, die solchen Aussagen zu Grunde liegen. Denn aggregiert auf die globale Ebene sind die Daten zur Verstädterung kaum aussagefähig. Daher lohnt es sich zunächst einen genauen Blick auf die Daten und ihre Erhebung zu werfen.

Wie definiert man urban?



Die Berechnungen der Urbanisierungstrends basieren auf nationalen Daten, d.h. Daten, die von den jeweiligen statistischen Ämtern mehr oder weniger genau erhoben werden. Die offiziellen Definitionen von "urban", die den jeweiligen nationalen Statistiken zu Grunde liegen, unterscheiden sich deutlich, wie eine Analyse der aktuellen Urbanisierungstrends durch die United Nations Population Division aus 2006 zeigt: In Lateinamerika werden z.B. Siedlungen mit mehr als 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern als urban bezeichnet. Demgegenüber gelten in China Siedlungen erst dann als Städte, wenn die Bevölkerungszahl 100.000 übersteigt.

Je nachdem also, wie "urban" definiert wird, ergibt sich ein ganz anderes Verhältnis zwischen Stadt und Land. Die Definition von urban ist vor allem wichtig, wenn es um die bevölkerungsreichen Länder und Regionen geht, die die auf Weltebene aggregierten Daten bestimmen. Würde zum Beispiel die lateinamerikanische Definition von Stadt international gelten, dann wäre die Erde schon in den 1950er Jahren weitgehend urbanisiert gewesen.

Vergleichbare Probleme bestehen bei der Erfassung von Megastädten. Megastadt bezeichnet zunächst die bevölkerungsreichsten urbanen Agglomerationen. Genauere Definitionen sind uneinheitlich: Für die Vereinten Nationen (UN) gelten Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern als Megastädte. Andere Autoren bezeichnen Städte ab fünf Millionen Menschen bereits als Megastadt.

Ein weiteres Problem sind fehlende räumliche Abgrenzungskriterien. Denn Megastädte bestehen zumeist aus mehreren oftmals eigenständigen Städten, sprich aus verschiedenen administrativen Einheiten. Wo also sind die Stadtgrenzen einer Megastadt zu ziehen?

Teilweise werden Stadtgebilde als eine urbane Agglomeration erfasst, wie z.B. Tokio: Mehr als 35 Millionen Menschen leben in dieser Megastadt, der größten weltweit. Teils werden angrenzende städtische Gebiete jedoch nicht als Teil der urbanen Agglomeration erfasst oder städtische Randgebiete gehen als ländliche Gegenden in die Statistiken ein, auch wenn sie schon seit längerem Teil der Megastadt sind. Auf Grund dieser unterschiedlichen administrativen Gebietseinteilungen sind deshalb Ranglisten der größten Städte weltweit nicht immer identisch.

Megastädte: Neues oder altes Phänomen?



Das Wachstum von Metropolen ist keine Erscheinungsform der Moderne. Städte, die in Relation zur Gesamtbevölkerung eines Landes eine Großstadt darstellten, finden sich bereits in den alten Hochkulturen. Babylon zählte um 1800 v. Chr. etwa 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner und im chinesischen Xian lebten um 900 n. Chr. über eine Million Menschen – nur um zwei alte Metropolen zu nennen. Bei diesen Städten wie auch bei anderen frühen Großstädten wie Theben, Rom oder Angkor handelte es sich um Zentren von Reichen. Die Größe dieser Städte resultierte daraus, dass das gesamte Reich Ressourcen bereitstellte.

Das explosionsartige Wachstum von Städten während der letzten Dekaden ist ein neues Phänomen. Megastädte im heutigen Sinne entstanden im Zuge der Industrialisierung. So war London mit rund 6,5 Millionen Menschen um 1900 die größte Stadt weltweit. 1950 gab es zwei Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern: Tokio (11,2 Millionen) und New York (12,3 Millionen). Erst 1975 kam eine weitere Megastadt hinzu, Mexiko Stadt mit 10,6 Millionen Menschen. Danach kam es zu einem wahren Boom an Megastädten – fast ausschließlich in sich entwickelnden Regionen. 2005 zählte die UN erstmals 20 Megastädte weltweit, 15 davon in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Zu diesen "neuen" Megastädten gehört u.a. Delhi, dessen Bevölkerung zwischen 1950 und 2005 um das 11-fache wuchs, von 1,36 auf über 15 Millionen Menschen. Die Bevölkerung Dhakas wuchs sogar um das 30-fache, von 0,41 auf heute über 12 Millionen Menschen. Hervorgebracht wurden diese Megastädte durch die weltweite Bevölkerungsexplosion, die vor allem in der Dritten Welt stattfand und von städtischem Wachstum sowie dem Entstehen neuer Städte absorbiert wurde. Mittlerweile nimmt die Wachstumsgeschwindigkeit der größten urbanen Agglomerationen langsam ab und liegt im Durchschnitt bei rund 2,4 Prozent: So wächst die Bevölkerung in Tokio zurzeit um jährlich 0,1, in New York um 0,6 Prozent. Dhaka hat hingegen eine Wachstumrate von 3 und Lagos von 4 Prozent. Wobei die Wachstumsraten in Abhängigkeit zu den nationalen Bevölkerungsraten stehen.

Ein Zeichen der Verstädterung sind aber bei weitem nicht nur die Megastädte. Vor allem die Zahl kleiner und mittlerer Städte wächst stetig, wobei in China Millionenstädte als mittlere Städte gelten. Die UN prognostiziert für 2015 300 Millionenstädte weltweit, die meisten in Entwicklungs- und Schwellenländern.



 
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