Skyline von Schanghai

30.8.2007 | Von:
Ruediger Korff

Einführung: Wie urban ist die Welt?

Megastädte und die zunehmende Urbanisierung

Aspekte der Urbanisierung

Zwei Trends lassen sich festhalten: Zum einen die zunehmende Verstädterung von Gesellschaften, wenn auch mit Unterschieden. Japan ist nach Angaben der UN heute zu fast 80, Indien zu fast 30 Prozent urbanisiert. Doch weltweit gilt, dass die städtische Bevölkerung schneller wächst als die ländliche. In Japan nahm die städtische Bevölkerung in 2005 um 0,4 Prozent zu, die ländliche Bevölkerung schrumpfte hingegen um 0,5 Prozent. In Indien wuchs die ländliche Bevölkerung zwar noch um ein Prozent, doch die städtische um 2,4 Prozent. Zum anderen ist die Zentralisierung der Verstädterung in einer Megastadt festzustellen, d.h. ein großer Teil der städtischen Bevölkerung lebt in einer Stadt. Hierfür sind Mexiko mit Mexiko-Stadt, Bangladesch mit Dhaka und Argentinien mit Buenos Aires Beispiele.

Sowohl die Verstädterung der Gesellschaft als auch die Entstehung von Megastädten sind eng verbunden mit wirtschaftlicher Entwicklung und der Integration der Städte in globale wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge. Die Bedeutung einer Stadt im regionalen und nationalen Kontext wird durch die Funktionen, die die Stadt im globalen Zusammenhang erfüllt, mitbestimmt. Megastädte stehen in Abhängigkeit zu Dynamiken der Weltwirtschaft, der weltweiten Arbeitsteilung und den damit verbundenen Kontroll- und Dienstleistungsbereichen. Diese globalen Funktionen werden überlagert von der regionalen und nationalen Bedeutung der Stadt.

Globale Dynamiken und städtisches Wachstum

Daraus ergeben sich drei unterschiedliche Problembereiche: In Städten in stark urbanisierten Gesellschaften (wie den USA, Japan oder Westeuropa), die mit spezifischen Funktionen verbunden sind, können internationale Verlagerungen die wirtschaftliche Grundlage zerstören. Solch ein städtischer Niedergang ist heute in den alten Industriestädten Europas am sichtbarsten: So zum Beispiel in Teilen des Ruhrgebiets. Die Auslagerungen der Schwerindustrie und Massenproduktion in Billiglohnländer löst die wirtschaftliche Grundlage von Industriestädten auf.

Ebenso können globale Dynamiken ein rapides Wachstum von Städte auslösen, wie Bangkok oder auch Bangalore belegen. Megastädte sind oftmals "boom-towns" in sich rapide entwickelnden Regionen, was sich bei den Megastädten in China (Schanghai, Kanton-Shenzen) und Indien (Mumbai, Chennai) am deutlichsten zeigt.

Ein weiterer Fall sind Megastädte, deren Wachstum sich nur teilweise aus rapider wirtschaftlicher Entwicklung ergibt, sondern aus der Verschlechterung der Lebensbedingungen auf dem Lande, wie z.B. zunehmende Überbevölkerung und Landknappheit, Bürgerkrieg, Dürre oder Überflutung. Dhaka und auch Lagos sowie andere Städte Afrikas können als Beispiel zitiert werden: Die Stadt wird zu einem Auffangbecken.

In beiden Fällen gilt, das ein rapides Bevölkerungswachstum die Infrastruktur vollkommen überfordert: Die Versorgung mit Wasser und Strom, der Bau von Straßen etc. sind oftmals völlig unzureichend. In Lagos z.B. basiert heute der Aufbau der Infrastruktur weitgehend auf der Eigeninitiative der Bewohnerinnen und Bewohner.

Dichte, Dimension, Vielfalt

Der US-amerikanische Soziologe Louis Wirth nannte Dichte, Dimension und Vielfalt als die zentralen Merkmale von Städten. Die Stadt macht also aus, dass dort viele unterschiedliche Menschen und Aktivitäten auf engem Raum konzentriert sind. Daraus ergeben sich vielfältige Probleme, aber auch Lösungen.

"Dimension" heißt bei einer großen Stadt, dass alle Zahlen fast schon astronomisch werden. Verbraucht eine Person pro Tag 50 Liter Wasser sind es bei einer Stadt von 10 Millionen Menschen entsprechend 500 Millionen Liter: Ein Fluss also, der in die Stadt hineinführt und über die Kanalisation abgeführt werden muss. Dasselbe gilt für Nahrungsmittel, Energie usw.

"Dimension" zeigt sich auch bei den Wachstumszahlen. Wenn auch viele der Megastädte nur noch relativ langsam wachsen, d.h. mit einer Rate von 1 bis 3 Prozent, kommen bei einer Stadt von 10 Millionen Menschen pro Jahr weitere 100.000 bis 300.000 Menschen hinzu. Mit anderen Worten: Jährlich wird eine weitere Großstadt zur Megastadt hinzugefügt.

Wo finden diese Menschen ausreichend Wohnraum? Für die Reichen bietet der Wohnungsmarkt Häuser und Appartements, doch für die ärmeren Bewohnerinnen und Bewohner wird es immer schwerer, überhaupt physisch in der Stadt sein zu können. Jeder mögliche Ort wird genutzt: Seien es die Rieselfelder wie in Kalkutta, die Steilhänge oder Brücken wie in Manila, die Ufer häufig überflutender Flüsse wie in Jakarta. Wer einen Platz im Slum findet, ist schon privilegiert. Auch rapides Wirtschaftswachstum bietet keine Lösung, denn der Aufschwung basiert meistens auf Niedriglöhnen wie in China, Indien, Bangladesch usw. Der US-amerikanische Soziologe und Historiker Mike Davis beschreibt diese Entwicklung als "Planet der Slums" und spricht in seinem gleichnamigen Buch von einer Urbanisierung ohne Urbanität.

Die teils apokalyptische und leider auch gut begründete Sichtweise von Davis, nach der das kommende "urbane Zeitalter" keine Realisierung der Utopien menschlicher Zivilisation sein wird, findet sich in vielen anderen Arbeiten zur Urbanisierung wieder. Tatsächlich sind die Probleme der Städte nicht zu ignorieren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sehr viel mehr über Städte berichtet wird als über ländliche Regionen, denn dort wohnen die Journalisten ebenso wie die Stadtforscher.

Dabei wird zu leicht vergessen, dass die Städte – auch gerade die Megastädte – zentrale Probleme der Menschheit in der Gegenwart lösen bzw. abmildern. Wie sähe die Umwelt aus, wenn der Bevölkerungsdruck nicht durch Konzentration abgemildert würde? Selbst China kann trotz enormen Wirtschaftswachstum die Landbevölkerung nicht mit den notwendigen Diensten wie Schulen, Ärzte, Krankenhäuser usw. versorgen. Es wird ernsthaft diskutiert, ob eine Mega-Urbanisierung nicht gefördert werden sollte, denn Megastädte erlauben "economies of scale" – Kostenersparnisse also, die sich auf Grund von Größenvorteilen ergeben.


Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen