Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

Delhi

Eine Megastadt aus zwei Städten

Hintergrund

Neu-Delhi, Delhi und dann gibt es noch das Unionsterritorium Delhi – es ist nicht ganz einfach den Überblick zu bewahren. Delhi wird oft als Hauptstadt Indiens gehandelt, doch das ist Neu-Delhi und zwar seit 1931. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand Neu-Delhi am südlichen Stadtrand Delhis. Doch schon lange bilden die beiden Städte einen zusammenhängenden urbanen Raum, die Metropolregion Delhi.

Jami Masjid in Old Delhi.Die Jami Masjid in Old Delhi
(© Peter Hoffmann)
Die Megastadt Delhi liegt im Nordosten Indiens am Fluss Yamuna und gehört zum Unionsterritorium Delhi: Indien ist in 28 Bundesstaaten und sieben "Union Territories" untergliedert. Letztere haben weniger Handlungsautonomie und werden zentral verwaltet, mit Ausnahme des Hauptstadt-Territoriums Delhi. Das genießt seit einer Verfassungsänderung 1991 einen Sonderstatus: Als "National Capital Territory of Delhi" verfügt es über ein eigenes Parlament, wenn auch mit eingeschränktem Entscheidungsspielraum. So liegt beispielsweise die Rechtsordnung weiterhin in den Händen der indischen Zentralregierung.

Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt
Die beiden Städte Delhi und Neu-Delhi haben jeweils eine eigene Stadtverwaltung. Für Delhi ist das die "Municipal Corporation of Delhi" mit fast 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Der "New Delhi Municipal Council" ist die Verwaltung Neu-Delhis, hier leben rund 300.000 Menschen. Beide Stadtverwaltungen sind dem Unionsterritorium Delhi untergeordnet. Doch die stetig wachsende Metropolregion Delhi dehnt sich längst auch in die angrenzenden Bundesstaaten Haryana im Westen und Uttar Pradesh im Osten aus.

Als Teil der Metropolregion macht Neu-Delhi diese zum Zentrum der Politik und Verwaltung Indiens. Die Megastadt hat einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und ist heute ein wichtiger Industriestandort. Wirtschafts- und Finanzzentrum Indiens wird jedoch auf lange Sicht Mumbai bleiben. Delhi ist ein wichtiger Straßen- und Eisenbahnknotenpunkt für den Norden Indiens. Hierzu zählt auch der westlich von Delhi gelegene Internationale Flughafen Indira Gandhi, eine Drehscheibe des nationalen und internationalen Flugverkehrs. Zugleich ist Delhi mit verschiedenen Universitäten und (Forschungs-)Instituten auch ein bedeutendes Bildungszentrum für Indien.

Zwei Städte – zwei Gesichter
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Delhi von britischen Streitkräften erobert und gehörte zur Britischen Ostindien-Kompanie. Diese hatte bis 1911 ihren Hauptsitz in Kalkutta und verlegte ihn dann nach Delhi. Die britischen Machthaber ließen südlich von Delhi, wenige Kilometer von der Altstadt entfernt, ein neues Regierungsviertel errichten: das moderne Neu-Delhi. Es entstand eine Stadt vom Reißbrett nach den Plänen der britischen Architekten Edwin Lutyens und Herbert Barker. Symmetrisch angelegt, mit breiten Prachtstraßen und Kreisverkehr, Gärten und Regierungsgebäuden. So fand das durch und durch geplante neue Delhi seinen Platz direkt neben der verwinkelten, engen Altstadt Delhis.

Mit der Fertigstellung des neuen Regierungsviertels wurde Neu-Delhi 1931 zur Hauptstadt von Britisch-Indien. Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 blieb Neu-Delhi Regierungssitz – mit dem indischen Parlament, zahlreichen Regierungsgebäuden sowie dem prachtvollen Präsidentenpalast. Dieser war noch 1931 als Sitz des indischen Vizekönigs errichtet worden.

In der Altstadt von DelhiIn der Altstadt von Delhi (© Anamitra Chakladar)
Zu Neu-Delhi gehört auch der Connaught Place, der Rajiv Gandhi Chowk, mit seinen Bürohäusern und Geschäftsvierteln, die kreisförmig angeordnet sind. In unmittelbarer Nähe liegt die Altstadt Delhis, das "Old Delhi", mit seinen engen Gassen, Basaren, Tempeln, Moscheen und anderen historischen Monumenten. Doch der Name führt rasch in die Irre, denn die im 17. Jahrhundert entstandene Altstadt ist nicht der älteste Stadtteil Delhis. Old Delhi platzt fast aus allen Nähten: Straßenverkäufer, Märkte, überfüllte Restaurants und Geschäfte.

In der Altstadt finden sich einige der beeindruckensten Bauwerke Delhis, so zum Beispiel das "Rote Fort" mit seinen roten Steinmauern, das Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet wurde. Nur wenige Meter entfernt ist die rot-weiße Jami Masjid, eine der größten Moscheen Indiens. Beides Prachtbauten aus der Zeit der Mogulherrschaft.

Eine Cyber City vor den Toren der Megastadt
Die rasche Bevölkerungszunahme in Delhi ab 1947 ließ den Bevölkerungsdruck zunehmend wachsen. Am Stadtrand wurden weiträumige Vororte mit Mehrfamilienhäusern errichtet, es entstanden komplette Satellitenstädte. Zurzeit wird letzte Hand an eine der modernsten Bürostädte Indiens gelegt: Gurgaon, das südwestlich von Delhi liegt. Die Stadt gehört bereits zum angrenzenden Bundesstaat Haryana, ist aber durchaus eine Erweiterung der Metropolregion. Gurgaon ist eine Retortenstadt mit futuristischen Bürotürmen, Appartmenthäusern und Shopping Malls – "the Cyber City of Haryana". Die Bürogebäude haben teils eine autonome Stromversorgung, Stromausfälle wie in anderen Teilen der Metropolregion kann man hier also weitestgehend ausschließen. Viele multinationale Konzerne haben ihren Sitz in der neuen Vorstadt. In Gurgaon leben rund eine Million Menschen, vor allem aus der Ober- und Mittelschicht.

Eine Frau im Yamuna Pushta-Slum in Neu DelhiEine Frau im Yamuna Pushta-Slum in Neu Delhi (© AP)
Doch auch Delhi hat seine informellen Siedlungen, seine Armut und seine Elendsviertel. Fast 20 Prozent der Menschen leben in Armutsvierteln, in Mumbai und Kalkutta ist der Anteil sogar höher. In den Slums, den Jhuggi-Jhopri, leben zumeist Angehörige der unteren Kasten. Teils leben Familien in der zweiten, dritten Generation in den informellen Siedlungen, so dass es gewachsene soziale Strukturen gibt. Auch sind die Siedlungen unterschiedlich stark von Armut geprägt. In Delhi kommt es immer wieder zu Räumungen informeller Siedlungen. Teilweise erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner Ersatzunterkünfte, doch oft am Rande der Stadt. Mit Blick auf die Commonwealth Games, die 2010 in Delhi stattfinden, nimmt die Politik der Räumung zu. Doch für die Armen am Stadtrand ist der Weg in die innenstädtischen Viertel zu weit und zu teuer. Und nur dort können sie ein paar Rupien verdienen, als Tagelöhner, Rikschawfahrer oder Müllsammler.


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