Skyline von Schanghai
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19.10.2006 | Von:
Sonja Ernst

Delhi

Eine Megastadt aus zwei Städten

Dilli, wie Delhi auf Hindi heißt, ist mit Neu-Delhi das politische Zentrum Indiens. Ebenso ist die Metropole in Nord-Indien ein wichtiger Industriestandort und baut sogar auf sieben Städten auf.
Satellitenbild von DelhiSatellitenbild von Delhi (© NASA)

Überblick

15 Millionen Menschen zählt die nordindische Stadt Delhi, nach Mumbai die bevölkerungsreichste Stadt Indiens. Die Metropolregion Delhi besteht aus zwei Städten: Delhi und Neu-Delhi. Letztere ist die Hauptstadt Indiens mit seinen 1,1 Milliarden Menschen.

Dilli, wie Delhi auf Hindi heißt, ist das politische Zentrum Indiens und ein wichtiger Industriestandort. Wie in den anderen Megastädten Indiens, wie in Mumbai und Kalkutta, findet sich auch in Delhi eine konsumfreudige Mittelschicht. In den innenstädtischen Vierteln und den Satellitenstädten sprießen Shopping Malls wie Pilze aus dem Boden. Zugleich leben in Delhi schätzungsweise 3 Millionen Menschen in Armutsvierteln. Rund 60 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner arbeiten im informellen Sektor. Die Stadt versinkt in Verkehrs- und Industrieabgasen. Trotz U-Bahnnetz, das 2002 seinen Betrieb aufnahm und seitdem ausgebaut wird, leidet Delhi nach wie vor unter einem hohen Verkehrsaufkommen. Der Fluss Yamuna, der sich durch Delhi schlängelt, verschmutzt zusehends. Dort landen Müll und ungeklärte Abwässer.

In der Megastadt Delhi finden sich auch zahlreiche Baukunstwerke aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Delhi wird deshalb auch die Stadt der sieben Städte genannt: Ruinen von sieben Städten finden sich dort. Heute ist sicher, dass sogar mehr als sieben Städte auf dem heutigen Stadtgebiet errichtet wurden. Eine Legende besagt, dass jeder Herrscher und König, der eine neue Stadt in Delhi baut, schon bald seine Herrschaft darüber verlieren wird.

Hintergrund

Neu-Delhi, Delhi und dann gibt es noch das Unionsterritorium Delhi – es ist nicht ganz einfach den Überblick zu bewahren. Delhi wird oft als Hauptstadt Indiens gehandelt, doch das ist Neu-Delhi und zwar seit 1931. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand Neu-Delhi am südlichen Stadtrand Delhis. Doch schon lange bilden die beiden Städte einen zusammenhängenden urbanen Raum, die Metropolregion Delhi.

Jami Masjid in Old Delhi.Die Jami Masjid in Old Delhi
(© Peter Hoffmann)
Die Megastadt Delhi liegt im Nordosten Indiens am Fluss Yamuna und gehört zum Unionsterritorium Delhi: Indien ist in 28 Bundesstaaten und sieben "Union Territories" untergliedert. Letztere haben weniger Handlungsautonomie und werden zentral verwaltet, mit Ausnahme des Hauptstadt-Territoriums Delhi. Das genießt seit einer Verfassungsänderung 1991 einen Sonderstatus: Als "National Capital Territory of Delhi" verfügt es über ein eigenes Parlament, wenn auch mit eingeschränktem Entscheidungsspielraum. So liegt beispielsweise die Rechtsordnung weiterhin in den Händen der indischen Zentralregierung.

Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt
Die beiden Städte Delhi und Neu-Delhi haben jeweils eine eigene Stadtverwaltung. Für Delhi ist das die "Municipal Corporation of Delhi" mit fast 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Der "New Delhi Municipal Council" ist die Verwaltung Neu-Delhis, hier leben rund 300.000 Menschen. Beide Stadtverwaltungen sind dem Unionsterritorium Delhi untergeordnet. Doch die stetig wachsende Metropolregion Delhi dehnt sich längst auch in die angrenzenden Bundesstaaten Haryana im Westen und Uttar Pradesh im Osten aus.

Als Teil der Metropolregion macht Neu-Delhi diese zum Zentrum der Politik und Verwaltung Indiens. Die Megastadt hat einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und ist heute ein wichtiger Industriestandort. Wirtschafts- und Finanzzentrum Indiens wird jedoch auf lange Sicht Mumbai bleiben. Delhi ist ein wichtiger Straßen- und Eisenbahnknotenpunkt für den Norden Indiens. Hierzu zählt auch der westlich von Delhi gelegene Internationale Flughafen Indira Gandhi, eine Drehscheibe des nationalen und internationalen Flugverkehrs. Zugleich ist Delhi mit verschiedenen Universitäten und (Forschungs-)Instituten auch ein bedeutendes Bildungszentrum für Indien.

Zwei Städte – zwei Gesichter
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Delhi von britischen Streitkräften erobert und gehörte zur Britischen Ostindien-Kompanie. Diese hatte bis 1911 ihren Hauptsitz in Kalkutta und verlegte ihn dann nach Delhi. Die britischen Machthaber ließen südlich von Delhi, wenige Kilometer von der Altstadt entfernt, ein neues Regierungsviertel errichten: das moderne Neu-Delhi. Es entstand eine Stadt vom Reißbrett nach den Plänen der britischen Architekten Edwin Lutyens und Herbert Barker. Symmetrisch angelegt, mit breiten Prachtstraßen und Kreisverkehr, Gärten und Regierungsgebäuden. So fand das durch und durch geplante neue Delhi seinen Platz direkt neben der verwinkelten, engen Altstadt Delhis.

Mit der Fertigstellung des neuen Regierungsviertels wurde Neu-Delhi 1931 zur Hauptstadt von Britisch-Indien. Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 blieb Neu-Delhi Regierungssitz – mit dem indischen Parlament, zahlreichen Regierungsgebäuden sowie dem prachtvollen Präsidentenpalast. Dieser war noch 1931 als Sitz des indischen Vizekönigs errichtet worden.

In der Altstadt von DelhiIn der Altstadt von Delhi (© Anamitra Chakladar)
Zu Neu-Delhi gehört auch der Connaught Place, der Rajiv Gandhi Chowk, mit seinen Bürohäusern und Geschäftsvierteln, die kreisförmig angeordnet sind. In unmittelbarer Nähe liegt die Altstadt Delhis, das "Old Delhi", mit seinen engen Gassen, Basaren, Tempeln, Moscheen und anderen historischen Monumenten. Doch der Name führt rasch in die Irre, denn die im 17. Jahrhundert entstandene Altstadt ist nicht der älteste Stadtteil Delhis. Old Delhi platzt fast aus allen Nähten: Straßenverkäufer, Märkte, überfüllte Restaurants und Geschäfte.

In der Altstadt finden sich einige der beeindruckensten Bauwerke Delhis, so zum Beispiel das "Rote Fort" mit seinen roten Steinmauern, das Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet wurde. Nur wenige Meter entfernt ist die rot-weiße Jami Masjid, eine der größten Moscheen Indiens. Beides Prachtbauten aus der Zeit der Mogulherrschaft.

Eine Cyber City vor den Toren der Megastadt
Die rasche Bevölkerungszunahme in Delhi ab 1947 ließ den Bevölkerungsdruck zunehmend wachsen. Am Stadtrand wurden weiträumige Vororte mit Mehrfamilienhäusern errichtet, es entstanden komplette Satellitenstädte. Zurzeit wird letzte Hand an eine der modernsten Bürostädte Indiens gelegt: Gurgaon, das südwestlich von Delhi liegt. Die Stadt gehört bereits zum angrenzenden Bundesstaat Haryana, ist aber durchaus eine Erweiterung der Metropolregion. Gurgaon ist eine Retortenstadt mit futuristischen Bürotürmen, Appartmenthäusern und Shopping Malls – "the Cyber City of Haryana". Die Bürogebäude haben teils eine autonome Stromversorgung, Stromausfälle wie in anderen Teilen der Metropolregion kann man hier also weitestgehend ausschließen. Viele multinationale Konzerne haben ihren Sitz in der neuen Vorstadt. In Gurgaon leben rund eine Million Menschen, vor allem aus der Ober- und Mittelschicht.

Eine Frau im Yamuna Pushta-Slum in Neu DelhiEine Frau im Yamuna Pushta-Slum in Neu Delhi (© AP)
Doch auch Delhi hat seine informellen Siedlungen, seine Armut und seine Elendsviertel. Fast 20 Prozent der Menschen leben in Armutsvierteln, in Mumbai und Kalkutta ist der Anteil sogar höher. In den Slums, den Jhuggi-Jhopri, leben zumeist Angehörige der unteren Kasten. Teils leben Familien in der zweiten, dritten Generation in den informellen Siedlungen, so dass es gewachsene soziale Strukturen gibt. Auch sind die Siedlungen unterschiedlich stark von Armut geprägt. In Delhi kommt es immer wieder zu Räumungen informeller Siedlungen. Teilweise erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner Ersatzunterkünfte, doch oft am Rande der Stadt. Mit Blick auf die Commonwealth Games, die 2010 in Delhi stattfinden, nimmt die Politik der Räumung zu. Doch für die Armen am Stadtrand ist der Weg in die innenstädtischen Viertel zu weit und zu teuer. Und nur dort können sie ein paar Rupien verdienen, als Tagelöhner, Rikschawfahrer oder Müllsammler.

Bevölkerung

Die Megastadt Delhi ist die fünftgrößte urbane Agglomeration weltweit. Mit ihren rund 15 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist sie nach Mumbai die zweitgrößte Stadt Indiens. Die Bevölkerung Delhis wächst zurzeit um 2,42 Prozent jährlich und damit schneller als die Mumbais oder Kalkuttas – die beiden anderen indischen Megastädte.

Holi wird vor allem in Nordindien gefeiert, mit der roten Farbe begrüßt man den Frühling.Holi wird vor allem in Nordindien gefeiert, mit der roten Farbe begrüßt man den Frühling (© Wietse Jongsma)
In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit Indiens in 1947 war zunächst Kalkutta die bevölkerungsreichste Stadt Indiens. 1970 zählten Kalkutta und Mumbai dann fast gleich viele Menschen: 6,91 bzw. 6,17 Millionen. Heute ist Mumbai mit rund 18 Millionen Menschen die größte Stadt Indiens. Dann folgt Delhi und knapp dahinter Kalkutta mit 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Delhi erlebte nach 1947 ein rasantes Wachstum. Zwischen 1950 und 1955 nahm die Bevölkerung um jährlich 5,26 Prozent zu. Bis Ende der 1990er Jahre blieb die Wachstumsrate auf einem hohen Niveau zwischen 3,9 und 4,5 Prozent jährlich.

Der Urbanisierungsgrad in Indien liegt bei rund 28 Prozent. Im Vergleich: In Deutschland hat die Verstädterung 75 Prozent erreicht. Der durchschnittliche Urbanisierungsgrad Asiens liegt bei 39,8 Prozent. Die städtische Bevölkerung Indiens wächst zurzeit um fast 2,4 Prozent jährlich. Auch die ländliche Bevölkerung wächst, wenn auch langsamer, um 1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Zahl der Inderinnen und Inder nimmt zurzeit um 1,55 Prozent jährlich zu. Damit wächst die Bevölkerung Indiens schneller als die chinesische, die um 0,65 Prozent wächst. Indien wird voraussichtlich 2030 China als bevölkerungsreichtes Land der Welt ablösen, mit dann über 1,4 Milliarden Menschen.


Delhi

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 1,36 Millionen
1960: 2,28
1970: 3,53
1980: 5,55
1990: 8,20
2000: 12,44
2005: 15,04
2010: 16,98*
2015: 18,60


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +5,26 %
1960: +4,40
1970: +4,52
1980: +3,94
1990: +4,14
1995: +4,18
2000: +3,80
2005: +2,42
2010: +1,82


Fläche und Bevölkerungsdichte
Das Stadtgebiet von Delhi, der Verwaltungsbereich "Municipal Corporation of Delhi", umfasst knapp 1.400 km². Dort leben rund 14 Millionen Menschen. Die Besiedlungsdichte liegt damit im Durchschnitt bei knapp 10.000 Menschen pro Quadratkilometer, in einzelnen Stadtteilen jedoch sogar weit darüber.


Indien

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 357 Millionen
1960: 442
1970: 554
1980: 688
1990: 849
2000: 1.021
2005: 1.103
2010: 1.183
2015: 1.260
2020: 1.332


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +1,55 %
2010: +1,26
2020: +0,93


Grad der Urbanisierung
2000: 27,7 %
2010: 30,1
2020: 34,4


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 282 Millionen (+2,30 %)
2010: 356 (+ 2,46)
2020: 457 (+ 2,56)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 738 Millionen (+ 1,25 %)
2010: 826 (+0,72)
2020: 874 (+0,02)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2005 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben

Soziale Situation
16 Prozent der Haushalte Delhis lebten 2002 unter der Armutsgrenze. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren liegt bei 2,6 Prozent. Im Vergleich: In Berlin liegt diese Rate bei 0,1 Prozent. 74 Prozent der Frauen und 87 Prozent der Männer in Delhi können lesen und schreiben. Das Geschlechterverhältnis liegt bei etwa 820 Frauen pro 1.000 Männern.

Infrastruktur
2002 hatten rund 78 Prozent der Haushalte in Delhi Zugang zu Wasser im Umkreis von maximal 200 Metern. 78 Prozent der Häuser und Unterkünfte waren an die Kanalisation angeschlossen, 97 Prozent an die Stromversorgung. 45 Prozent hatten einen Telefonanschluss. Der private Wasserkonsum lag im städtischen Durchschnitt bei rund 136 Litern pro Person am Tag; in den informellen Siedlungen lag der Wasserverbrauch bei durchschnittlich 45 Litern pro Person und Tag.

Religion und Sprache
In der Megastadt Delhi leben vor allem Hindus, sie stellen rund 80 Prozent der Bevölkerung. Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft bilden die Muslime mit rund 12 Prozent, dann folgen die Sikhs mit vier und die Christen mit knapp einem Prozent. Es gibt auch religiöse Minderheiten von Buddhisten und Jinas. An erster Stelle werden Hindi und Englisch gesprochen, die beiden indischen Landessprachen. Ebenso sind die Regionalsprachen Punjabi und Urdu vertreten.

Verkehr
Der Großteil der Menschen in Delhi benutzt den Bus. Mit PKWs oder Taxis bewegen sich rund 20 Prozent durch die Stadt. Zum Straßenbild gehören auch die Auto-Rikschas, dreirädrige Mini-Taxis. 2002 wurde in Delhi die erste U-Bahnlinie eröffnet. Bis heute sind zwei weitere Linien hinzugekommen und der Ausbau des U-Bahnnetzes geht weiter. Kalkutta und Delhi sind bislang die einzigen indischen Städte mit einem U-Bahnnetz. Delhi versucht mit dem Ausbau der U-Bahn dem alltäglichen Verkehrschaos entgegen zu steuern.
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