Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

Kairo

Weltkulturerbe neben Wolkenkratzern

Hintergrund

Die Starke, das bedeutet Al-Qâhira, der arabische Name Kairos. Von vielen wird die Stadt einfach "Masr" genannt, so lautet der Name Ägyptens in der Landessprache, dem Äpyptisch-arabischen. Denn die Megastadt am Nil ist von zentraler Bedeutung für Ägypten insgesamt. Kairo ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens; Sitz der Regierung, des Parlaments und aller staatlichen sowie religiösen Zentralbehörden. Die Megastadt Kairo dehnt sich über drei verschiedene administrative Einheiten aus. Insgesamt gliedert sich Ägypten in 26 Verwaltungseinheiten, so genannte Governorates. Für Kairo ist das wichtigste das Governorate Kairo, das mit den Stadtteilen an dem östlichen Nilufer den Großteil Kairos umfasst. Im Norden schließt sich das Governorate Al-Kalubiya an. Die Stadtteile westlich vom Nil gehören zum Governerate Giza, einschließlich der Pyramiden im Südosten der Metropole.

Kairo ist das Zentrum ÄgyptensKairo ist das Zentrum Ägyptens (© Jorge Reverter)
Kairo liegt im Nordosten Ägyptens, an der Südspitze des Nildeltas. Die Stadt ist umgeben von Wüste, in den Sommermonaten Juni bis August herrschen im Durchschnitt um die 28 Grad Celsius. Kairo erstreckt sich entlang des Nils, auf beiden Ufern. Auch Inseln gehören zum Stadtbild: Die wichtigste Insel ist Bulak, die schlicht "el Gezira" genannt wird – Insel auf arabisch. Gezira liegt im Zentrum der Stadt und umfasst den Stadtteil Zamalek, mit Wohn- und Geschäftshäusern, Parkanlagen und Tennisplätzen. Auf der Insel steht das Opernhaus sowie der Fernsehturm mit seinen 187 Metern Höhe.

Gassen und Gässchen
Kairo ist eine der ältesten Städte der Welt: Schon vor 6000 Jahren gab es im heutigen Großraum Kairo Siedlungen. Das heutige Kairo hat seine Ursprünge in mehreren Siedlungen, so dass die Megastadt verschiedene historische Orte umfasst. Nach der Eroberung Ägyptens durch die Fatimiden gründeten diese 969 östlich des Nils eine Palaststadt mit dem Namen Al-Qâhira. Die Stadt lag nahe der altägyptischen Siedlung Babylon. Dieses "Babylon von Ägypten" hatten die Römern bereits im ersten Jahrhundert nach Christi gegründet. Unweit war ebenso Fustat, die erste arabische Siedlung. Fustat war 641 als Militärlager gegründet worden und später zur Stadt herangewachsen. Von der langen Geschichte Kairos zeugt bis heute seine Altstadt.

Gewürze en masseGewürze en masse (© Marco Tansini)
Am östlichen Nilufer im Governorate Kairo findet sich eines der größten Altstadtgebiete der gesamten arabischen Welt, das seit 1979 Weltkulturerbe ist – ein Grund für den täglichen Strom der Touristen nach Kairo, ein weiterer sind sicherlich die nahen Pyramiden, die über das Kairoer Häusermeer hinweg zu sehen sind. Zur Altstadt zählt das islamische Kairo mit seinen prachtvollen Bauten wie zum Beispiel der Al-Azhar Moschee aus dem Jahr 970. Diese wurde zu einer einflussreichen sunnitischen Lehranstalt und beherbergt heute die Al-Azhar Universität. Die Altstadt ist ein Labyrinth aus engen Gassen und Gässchen. Hier finden sich auch die verschiedenen Sûqs, die traditionellen Marktbereiche – typisch für orientalische Städte. Handwerk und Gewerbe haben hier ihren Platz, Einzel- und Großhandel. Ebenso finden sich Moscheen, Koranschulen, Teehäuser und öffentliche Bäder. Im Sûq wird nicht gewohnt, er dient dem Arbeiten und Wirtschaften.

Ein rasantes Wachstum
Die Zitadelle aus dem Jahr 1176 dominiert das Stadtbild, sie liegt auf einer Anhöhe und umfasst Paläste und Moscheen. Südlich liegt das koptische Viertel, Alt-Kairo. Hier finden sich bedeutsame Kirchen, neben Synagogen und Moscheen. Östlich von Alt-Kairo liegt die so genannte Stadt der Toten. Eine Nekropole mit Grabmoscheen und Mausoleen. Die Wohnungsnot hat die Menschen auf die zentralen Friedhöfe getrieben. Hunderttausende sollen dort leben. Zwischen Gräbern und Kuppelbauten sind Häuser entstanden, es gibt Läden, Werkstätten und Märkte. Das Armenviertel ist an das Wasser- und Stromnetz angeschlossen, doch die Siedlung ist illegal und nur geduldet.

Das historische KairoDas historische Kairo (© Marco Tansini)
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Kairo ein enormes Bevölkerungswachstum. Anfang der 1960er Jahre wuchs die Bevölkerung um jährlich fünf Prozent. Mit der liberalen Wirtschaftspolitik unter Präsident Sadat kam es ab den 1970er Jahren zu einem erneuten Boom. Nach wie vor kommen Binnenmigranten auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt. Aber nicht nur der Zustrom lässt die Bevölkerung Kairos weiterhin wachsen, die Stadt selbst weist ein hohes natürliches Wachstum auf.

Kairo ist eine Mischung aus alt und neu, aus historisch und modern. Neben der Altstadt schießen moderne Geschäfts- und Finanzviertel in die Höhe. Entlang des Nils erstrecken sich schicke Viertel wie Garden City oder auch Qasr en-Nil mit ihren Wolkenkratzern. Mit dem Bau neuer Stadtteile verlor die Altstadt zunehmend an Bedeutung. Noch dazu nahm mit dem raschen Wachstum der Stadt ab den 1950er Jahren der Bevölkerungsdruck enorm zu. Es kam zur sozialen Segregation: Die Mittel- und Oberschicht zog in neue moderne Wohnviertel, zentral gelegen oder auch am sich immer weiter ausdehnenden Stadtrand. In der Altstadt blieben die ärmeren Bewohner zurück und die Neu-Kairoer, die vom Land in die Stadt kamen, fanden hier ihre erste Anlaufstelle.

Aus einer Schutthalde wurde der Al-Azhar Park.Aus einer Schutthalde wurde der Al-Azhar Park (© Aga Khan Trust for Culture)
Satellitenstädte in die Wüste gebaut
Kairo wuchs zunehmend in die Breite, in die Wüste hinein. Es entstanden Satellitenstädte wie zum Beispiel Sixth of October im Südwesten Kairos, im Governorate Giza. Oder auch New Cairo City, eine neue Stadt in der Wüste am östlichen Stadtrand. Zu New Cairo City gehören unter anderem luxuriöse Wohnanlagen mit Parks und Gärten. 1,5 Millionen Menschen haben dort vorläufig Platz, eine Vergrößerung steht noch aus. Doch neben den formellen sind zahlreiche informelle Siedlungen entstanden – auf innerstädtischen Brachflächen wie auch am Stadtrand. Diese informellen Siedlungen sind nicht immer Elendsviertel. Doch auch die gibt es in Kairo: Slums aus Hütten wie auch Teile der Altstadt. Dabei ist die Armut selten zentralisiert, vielmehr sind die Viertel stark gemischt. Doch in vielen Vierteln wie zum Beispiel Basatiin und Manshiet Nesser im Zentrum Kairos herrschen Überbevölkerung und Enge, die Analphabetenrate liegt bei teils 40 Prozent. Nach Schätzungen liegt die Armut in Kairo bei bis zu 40 Prozent.

Slum in KairoSlum in Kairo (© AP)
Lange Zeit wurden die aashwa´i, so der offzielle Name, der willkürliche, ungeordnete Siedlung bedeutet, nicht beachtet. Seit Anfang der 1990er Jahre hat die Regierung ein Programm zur Verbesserung informeller Siedlungen für Kairo wie für ganz Ägypten aufgelegt. Es gibt auch Anstrengungen, Teile der Altstadt zu restaurieren und Brachflächen neu zu gestalten. Hier ist vor allem der Al-Azhar Park im Zentrum Kairos zu nennen. Mit ihm hat die Stadt eine wichtige grüne Lunge und einen Ort der Erholung bekommen. Der Park umfasst rund 30 Hektar, das entspricht der Größe von über 40 Fußballfeldern. Die Neugestaltung der ehemaligen Schutthalde hat die Aga-Khan-Stiftung finanziert, eine private ismailitische Stiftung.

Die Zukunft Kairos wird im Wesentlichen davon abhängen, ob die Wohnungsnot und die Überbevölkerung gemeistert werden. Es fehlt an einer intakten Infrastruktur, ebenso muss die zunehmende Umweltverschmutzung durch Industrie und Bevölkerung aufgehalten werden. Zudem muss in Bildung und Arbeit investiert werden, Kairo hat eine sehr junge Bevölkerung. Mehr als 30 Prozent sind unter 15 Jahren.


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