Skyline von Schanghai

8.7.2007 | Von:
Mohamed Salheen

Wie ein Edelstein in einer schäbigen Fassung

Der Architekt und Stadtplaner Mohamed Salheen über die aktuellen Herausforderungen Kairos

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bpb: Kairo ist eine Stadt mit rund 12 Millionen Einwohnern. Sie ist chaotisch, stark verschmutzt und dennoch florierend. Wir würden Sie Kairo beschreiben?

Salheen: Kairo ist eine Stadt, die ihren Bewohnern mehr bietet, als sie erwarten und weniger als sie verdienen. In Kairo gibt es rund um die Uhr Interessantes zu entdecken, jedoch nicht immer in den besten Gegenden. Kairo ist wie ein Edelstein in einer schäbigen Fassung. Wenn man den Edelstein einmal gesehen hat, dann übersieht man die unpolierte Fassung. Und für manche Menschen, die Kairo lieben, ist die unpolierte Fassung etwas, was diese Stadt zu einem Großteil ausmacht.


bpb: Die Hauptstadt Ägyptens ist voll von historischen Sehenswürdigkeiten. Einige Teile der Altstadt haben jedoch an Bedeutung verloren, Gebäude verfallen zusehends. Wie kann Kairo seine Identität als islamisch-orientalische Stadt verteidigen?

Salheen: Es wird Kairo nicht gerecht, wenn man es nur als islamisch-orientalische Stadt bezeichnet. Die Geschichte formt in Kairo mehrere übereinander liegende Schichten. Jede dieser Schichten hat einen ganz eigenen Wert und die Zusammensetzung dieser Schichten sowie deren Vermischung ist vielleicht ein Merkmal, das man als Identität Kairos bezeichnen könnte.

bpb: In einigen Stadtbezirken sind bis zu 40 Prozent der Menschen Analphabeten. Heutzutage herrscht eine große Diskrepanz zwischen den Reichen und den Armen Kairos. Was kann man gegen dieses Ungleichgewicht tun?

Salheen: Man braucht in Kairo mehr soziale Einrichtungen bei gerechteren berufliche Chancen. Damit meine ich Verdienstmöglichkeiten, die einen sozialen Aufstieg ermöglichen und nicht nur ausreichen, um die Grundbedürfnisse zu decken, am sozialen Status jedoch nichts ändern. Wenn man in einer gesellschaftlichen Struktur keinen Aufstieg schaffen kann, dann sorgt das für Frustration und Depression. Beides führt zu einer noch größeren Kluft innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen.

bpb: Das Governorate von Kairo sowie die anliegenden Governorate versuchen, informellen Siedlungen Einhalt zu gebieten, indem sie riesige Vororte in die Wüste bauen, ein Beispiel dafür ist "New Cairo City". Ist das die richtige Maßnahme, um das Städtewachstum zu kontrollieren?

Salheen: Ich möchte diesen Satz richtig stellen. Diese Governorate haben dies in der Vergangenheit beabsichtigt, bis die Politik 1993 geändert wurde. Danach wurden diese Gebiete, die ursprünglich Menschen mit geringem Einkommen zur Verfügung gestellt werden sollten, Großverdienern, Konzernen und Investoren angeboten. Dies führte natürlich zum absoluten Gegenteil einer "Kontrolle des Städtewachstums" – stattdessen hat sich der Großraum Kairo in weniger als zehn Jahren seit Einführung dieser politischen Maßnahme verdoppelt.

bpb: Die Binnenmigration in die Hauptstadt ist weiterhin sehr hoch. Sie macht bis zu 50 Prozent des Bevölkerungsanstiegs im Großraum Kairo aus. Es gibt jetzt die Idee, eine neue Hauptstadt als Verwaltungssitz und alternatives Entwicklungszentrum zu gründen. Wie umsetzbar sind solche Pläne?

Salheen: Bis in die 1970er Jahre war es vielleicht noch eine realistische Idee, als das relative Gewicht Kairos als Hauptstadt noch mit besserer Lebensqualität in einer neuen Hauptstadt hätte aufgewogen werden können, befördert von politischen Entscheidungen. In der Zwischenzeit hat Kairo jedoch den Punkt der maximalen Machtkonzentration erreicht, der nicht mehr umkehrbar ist. Ein Kompromiss lässt sich jetzt nicht mehr schließen.

bpb: Herr Salheen, was gefällt Ihnen an Kairo am Besten?

Salheen: Ich mag Kairo bei Nacht, wenn man den Charme dieser einzigartigen Atmosphäre wirklich spüren kann. Ich mag auch die Einwohner von Kairo, die trotz ihrer schwierigen Lebensumstände immer ein Lächeln auf den Lippen haben und Fremde herzlich willkommen heißen.

Das Interview führte Sonja Ernst


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