Skyline von Schanghai
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Kalkutta

Abgehängte Megastadt, trotz Kultur und Tradition


19.10.2006
Der Fluss Hooghly, Nebenarm des heiligen Ganges, prägt mit seinen breiten Brücken das Bild Kalkuttas. Die Millionenstadt liegt am östlichen Rand Indiens und war einst politisches Zentrum.

Satellitenaufnahme KalkuttaDie Megastadt Kalkutta in Westbengalen (© NASA)

Überblick



Kalkutta liegt am östlichen Rand Indiens, nahe der Grenze zu Bangladesch. Mit über 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Metropolregion zurzeit die achtgrößte urbane Agglomeration weltweit. In Indien rangiert Kalkutta nach Mumbai und Delhi auf Platz drei der bevölkerungsreichsten Städte des Landes.

Kalkutta liegt im westlichen Gangesdelta am Fluss Hooghly, einem Mündungsarm des Ganges – dem heiligen Fluss der Hindus. Zum Kern der wachsenden Metropolregion Kalkutta gehören gleich zwei Städte: Kalkutta, das am östlichen Ufer des Hooghly liegt und Howrah am westlichen. Die beiden Zwillingsstädte sind durch mehrere Brücken über den Hooghly hinweg miteinander verbunden. Doch die Hierarchi ist eindeutig: Kalkutta ist die bedeutsamere der beiden Städte.

Das moderne Kalkutta wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet und erlebte einen rasanten Aufstieg. Bis 1911 war Kalkutta Hauptstadt der britischen Kolonialmacht in Indien. Doch spätestens mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 verlor Kalkutta zunehmend an Bedeutung. Mit der Teilung des Subkontinents rutschte die Stadt an den östlichen Rand des Landes. Tausende von Flüchtlingen aus Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch, strömten nach 1947 in die Stadt. Hinzu kamen Binnenmigranten: Bis heute kommen viele von ihnen aus dem nahen Bundesstaat Bihar, einem der ärmsten Indiens. Kalkutta platzte schier aus allen Nähten: Es entstanden illegale Siedlungen, teils Slums. Heute hat Kalkutta den Ruf eines Armenhauses. Der Name der Stadt ist eng mit der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa verbunden, die in Kalkutta ein Hospiz gründete und sich bis zu ihrem Tod 1997 um Sterbende, Waisen und Kranke kümmerte. Aber Kalkutta ist auch ein wichtiges Zentrum Indiens für Kunst und Kultur.

Hintergrund



Ein wichtiges Symbol Kalkuttas ist die Howrah Brücke, die über den Hooghly hinweg das Stadtgebiet Kalkutta mit Howrah verbindet. Mit einer Spanne von 457 Metern ist sie eine der längsten Auslegerbrücken weltweit. Und sie ist eine der verkehrsreichsten: Täglich passieren tausende von Fußgängern, PKWs, Bussen sowie die für Kalkutta typischen gelben Taxis die Brücke. 1943 löste die Howrah Brücke eine alte Pontonbrücke ab. 1965 bekam sie den offiziellen Namen Rabindra Brücke: Nach dem bedeutsamen und bis heute einflussreichen bengalischen Dichter und Reformator Rabindranath Tagore. Der erste asiatische Nobelpreisträger ist ein Kind Kalkuttas – er wurde 1861 in der Stadt geboren und verstarb dort 1941.

Tradtion und Moderne, im Hintergrund die Rabindra BrückeTradtion und Moderne, im Hintergrund die Rabindra Brücke (© Arnab Banerjee)
Kalkutta ist die Hauptstadt von Westbengalen, einem von insgesamt 28 indischen Bundesstaaten. Westbengalen liegt im Osten Indiens, an der Grenze zu Bangladesch. Mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 und der Teilung des kolonialen Indien zerfiel Bengalen in einen Ost- und Westteil. Ostbengalen wurde zunächst der Ostteil Pakistans – bis zur Gründung des unabhängigen Staates Bangladesch in 1971. Westbengalen wurde zum indischen Bundesstaat. Bis heute erlebt die Region einen erheblichen Zustrom von Migrantinnen und Migranten aus Bangladesch, ebenso kommen Menschen aus den angrenzenden Bundesstaaten in der Hoffnung auf Arbeit, auf ein wenig Zukunft. Das machte Westbengalen zu einem der am dichtesten bevölkerten Bundesstaaten im heutigen Indien. Und Kalkutta zu einem der wichtigsten Bevölkerungsmagneten.

Entstanden aus drei Dörfern
Den Grundstein für das moderne Kalkutta legte 1690 Job Charnock. Er stand der Ostindienkompanie vor, der privilegierten britischen Handelskompanie in Indien wie auch China. Charnock siedelte das Hauptquartier in dem Dorf Sutanuti am Ostufer des Hooghly an. Wenige Jahre später wurde Sutanuti mit zwei weiteren Dörfern, Gobindapur und Kalikata, zusammengelegt und die Stadtgeschichte Kalkuttas begann. Auch andere europäische Mächte hatten in der Nähe ihre Handelsniederlassungen – die Portugiesen, Franzosen, Niederländer und auch die Dänen.

Ab dem 18. Jahrhundert begann der Aufstieg Kalkuttas als politisches und ökonomisches Zentrum des Subkontinents. Ende des Jahrhunderts verlegte die Ostindienkompanie ihren Hauptsitz in die Stadt. Und Kalkutta blieb Hauptstadt auch nachdem 1858 die Ostindienkompanie ihre Machtbefugnisse an die britische Krone abtreten musste.

Mehr als 200 Jahre war Kalkutta die führende Stadt Indiens unter britischer Kolonialherrschaft. Im Jahr 1911 verlegten die britischen Machthaber die Hauptstadt nach Delhi. Nach und nach verlor Kalkutta an Bedeutung. Der Abwärtstrend wurde durch die Unabhängigkeit Indiens und die Teilung noch verstärkt: Kalkutta rückte an den äußersten Rand Indiens. Die Metropole Bombay, heute Mumbai, wie auch Delhi gewannen hingegen stetig an Bedeutung.

Ein Großteil der Menschen arbeitet im informellen Sektor.Ein Großteil der Menschen arbeitet im informellen Sektor (© Arnab Chatterjee)
Wenn sich die Bevölkerungszahl verdreifacht
Das rasante Wachstum Kalkuttas ab 1947 brachte die Stadt und ihre Infrastruktur schnell an ihre Grenzen. Die Wasserver- und Abwasserentsorgung, wie sie noch unter britischer Herrschaft gebaut wurde, war für wenige Millionen Menschen ausgelegt. Doch zwischen 1950 und 2000 verdreifachte sich die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner – von 4,5 auf 13 Millionen Menschen. Heute leben rund 14 Millionen Menschen in Kalkutta. Auch wenn das enorme Wachstum der Bevölkerung langsam nachlässt, die Stadt wird schon 2015 fast 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählen, die Wohnraum, eine Trinkwasser- und Gesundheitsversorgung und vieles mehr brauchen.

Heute leben über 30 Prozent der Menschen im Stadtgebiet Kalkuttas in Slums – rund 1,5 von 4,5 Millionen Menschen. Davon sind zehn Prozent unter Sechsjährige – etwa 140.000 Jungen und Mädchen. Es gibt fast 5.000 "bustees" in Kalkutta, so heißen die von der Stadtverwaltung registrierten Elendsviertel. Hinzu kommen nicht registrierte Slums und eine unbekannte Zahl an Obdachlosen. Teils wohnen ganze Familien unter einer Plane am Straßenrand, auf dem Bürgersteig. Dort wird gekocht, geschlafen und gelebt. Der Schriftsteller Günther Grass, der Mitte der 1980er Jahre einige Monate in Kalkutta verbrachte, zeichnete in "Zunge zeigen", einer Art Tagebuch, ein elendes Bild von Kalkutta und nannte die Stadt "Gottes Scheißhaufen". Grass kehrte als Nobelpreisträger 2005 noch einmal nach Kalkutta zurück: Er erkannte Fortschritte, aber auch neue Misstände wie den komatösen Verkehr.

Der Fluß Hooghly ist die Lebensader Kalkuttas.Der Fluss Hooghly ist die Lebensader Kalkuttas (© Darko Penjalov)
Das Wirtschaftswachstum Indiens hat auch in Kalkutta eine aufstrebende Mittelschicht entstehen lassen, konsumfreudig und zukunftsgläubig. Östlich vom Zentrum liegt beispielsweise der Stadtteil Salt Lake City, eine schicke Enklave mit Banken und Hotels. Das aufstrebende Geschäftsviertel ist durch und durch geplant. Es ist nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen Netaji Subhash Chandra Bose entfernt. Im Stadtzentrum liegt der große Maidan Park, die grüne Lunge der Stadt, an dessen südlichen Ende das Victoria Memorial steht: Der koloniale Bau wurde zu Ehren der englischen Königin – und indischen Kaiserin – Victoria aus weißem Marmor erbaut und 1921 fertiggestellt. Bis heute wurde das Gebäude nicht umbenannt, wie viele andere Bauten aus der Kolonialzeit. In der Nähe findet sich der Kali-Tempel, der heiligste Tempel der Hindus in Kalkutta. Er ist Kali geweiht, der Schutzgöttin Kalkuttas, der schwarzen Göttin. Nach dem hinduistischen Glauben ist Kali die Gattin Shivas. Der Tempel wurde in seiner heutigen Form 1809 gebaut. Er ist auch ein Pilgerort für Menschen aus ganz Westbengalen.

Kalkutta ist ein Zentrum des Theaters und der Musik. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Hochschulen und Kunst-Akademien. Die Stadt verfügt über eine pulsierende Filmszene. Zu den wichtigsten Festen Kalkuttas zählt die Durga Puja, ein zentrales Fest der Hindus zu Ehren der Göttin Durga. Doch vor allem ist es auch ein soziales Ereignis für die Bewohnerinnen und Bewohner Kalkuttas, das über mehrere Tage in den Tempeln, Höfen und auf den Straßen zelebriert wird. Nachbarn und Vereine bauen im Vorfeld gemeinsam Altare mit Durga-Statuen, die überall zu finden sind.

Bevölkerung



In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit Indiens war es zunächst Kalkutta, das die meisten Einwohnerinnen und Einwohner zählte. 1950 zählte Kalkutta 4,44 Millionen Menschen. Damit war Kalkutta die zehntgrößte urbane Agglomeration weltweit. 1970 zählten Kalkutta und Mumbai dann fast gleich viele Menschen, nämlich 6,91 bzw. 6,17 Millionen. Mumbai wuchs sehr viel rascher: Zwischen 1975 und 1980 um 4,56 Prozent, Kalkutta wuchs derweil "lediglich" um 2,71 Prozent. 1985 zog Mumbai dann an Kalkutta vorbei. Aber auch Delhi wuchs beständig, vor allem ab den 1990er Jahren, allein zwischen 1990 und 2000 um rund vier Millionen Bewohnerinnen und Bewohner, und zählte 2005 mehr Menschen als Kalkutta.

Der Urbanisierungsgrad in Indien liegt bei rund 28 Prozent. Im Vergleich: In Deutschland hat die Verstädterung 75 Prozent erreicht. Der durchschnittliche Urbanisierungsgrad Asiens liegt bei 39,8 Prozent. Die städtische Bevölkerung Indiens wächst zurzeit um fast 2,4 Prozent jährlich. Auch die ländliche Bevölkerung wächst, wenn auch langsamer, um 1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Zahl der Inderinnen und Inder nimmt zurzeit um 1,55 Prozent jährlich zu. Damit wächst die Bevölkerung Indiens schneller als die chinesische, die um 0,65 Prozent wächst. Indien wird voraussichtlich 2030 China als bevölkerungsreichtes Land der Welt ablösen, mit dann über 1,4 Milliarden Menschen.


Kalkutta



Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 4,51 Millionen
1960: 5,65
1970: 6,92
1980: 9,03
1990: 10,89
2000: 13,05
2005: 14,27
2010: 15,54*
2015: 16,98


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +2,27 %
1960: +2,05
1970: +2,60
1980: +1,93
1990: +1,82
1995: +1,82
2000: +1,78
2005: +1,71
2010: +1,76


Fläche und Bevölkerungsdichte
Das Stadtgebiet Kalkutta, die Kolkata Municipal Corporation, umfasst 187 km². Dort lebten 2001 4,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, das heißt durchschnittliche lebten 24.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Im Vergleich: In Köln liegt die Besiedlungsdichte bei rund 2.500 Menschen pro km².


Indien



Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 357 Millionen
1960: 442
1970: 554
1980: 688
1990: 849
2000: 1.021
2005: 1.103
2010: 1.183
2015: 1.260
2020: 1.332


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +1,55 %
2010: +1,26
2020: +0,93


Grad der Urbanisierung
2000: 27,7 %
2010: 30,1
2020: 34,4


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 282 Millionen (+2,30 %)
2010: 356 (+ 2,46)
2020: 457 (+ 2,56)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 738 Millionen (+ 1,25 %)
2010: 826 (+0,72)
2020: 874 (+0,02)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2005 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben



Soziale Situation
Die Lebenserwartung für Frauen in Kalkutta liegt bei 75 und für Männer bei 74 Jahren. 78 Prozent der Frauen und 85 Prozent der Männer können lesen und schreiben. In den Slums sind durchschnittlich nur 67 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner alphabetisiert. Das Geschlechterverhältnis liegt bei etwa 828 Frauen pro 1.000 Männern.

Wohnen
Im Stadtgebiet Kalkutta leben rund 1,5 Millionen Menschen in Slums: Das sind mehr als 30 Prozent der 4,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Im Jahr 2001 hatten 73 Prozent der Menschen in Kalkutta ausreichend Wohnraum, das heißt nicht mehr als drei Menschen teilten sich einen Raum. In den Slums lebt der Großteil der Familien in einem Zimmer zusammen. Etwa 40 Prozent der Hauhalte in den Slums leben schon seit mehr als zwei Generationen in Armutsvierteln Kalkuttas.

Kalkutta: Im Januar wird Makar Sankranti gefeiert, dazu gehört ein Bad im HooghlyIm Januar wird Makar Sankranti gefeiert, dazu gehört ein Bad im Hooghly (© Arnab Chatterjee)
Religion und Sprache
Der Großteil der Menschen in der Megastadt Kalkutta sind Hindus, sie stellen rund 80 Prozent der Bevölkerung. Dann folgen Muslime mit 12, Sikhs mit 4 und Christen mit knapp einem Prozent. Die meistgesprochene Sprache ist Bangla (Bengalisch), dann folgen Hindi, Urdu sowie weitere Regionalsprachen. Auch Englisch wird gesprochen und dient vor allem als Geschäftssprache.

Verkehr
Kalkutta hat ein umfassendes Busnetz, ebenso eine Straßenbahn und eine U-Bahn. Die "Kolkata Metro Railway" wurde 1984 als erste U-Bahn Indiens eröffnet. Erst 2003 wurde auch in Delhi eine U-Bahn in Betrieb genommen. Die U-Bahn Kalkuttas soll weiter ausgebaut werden, bislang transportiert sie rund 25 Prozent der täglichen Pendler. Wichtige Verkehrsmittel sind ebenso Taxis und zunehmend auch private PKWs. Nach dem Human Development Report für Westbengalen 2004 ging die Hälfte der Luftverunreinigung Kalkuttas auf Automobilabgase zurück, vor allem auf Dieselfahrzeuge. In den innenstädtischen Stadtvierteln Kalkuttas gibt es auch noch Rikschas, die von Menschen gezogen werden. Immer wieder gab es den Versuch diese Rikscha-Läufer zu verbieten – als menschunwürdige Arbeit, aber auch um das Stadtbild aufzupolieren.

Links



Kolkata Municipal Corporation

Howrah District

Kolkata Metropolitan Development Authority

Ministry of Urban Development

Ministry of Statistics And Programme Implementation

The Statesman (englischsprachige Zeitung aus Kalkutta)

The Telegraph (englischsprachige Zeitung aus Kalkutta)

Outlook India (englischsprachiges Magazin)

India Today (englischsprachiges Magazin)

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