Skyline von Schanghai

20.7.2007 | Von:
Lisa Sous

Es gilt die Ärmsten der Armen wahrzunehmen

Lisa Sous berichtet aus Kalkutta

Vor vier Jahren reiste ich zum ersten Mal nach Kalkutta. Es war meine erste Reise außerhalb Europas, mein erster Kontakt zu einem Entwicklungsland. Ich war als Ärztin für "Ärzte für die Dritte Welt" unterwegs. Ich hatte mich gut vorbereitet, viel gelesen – nicht nur Medizinisches – und mir viel erzählen lassen. Ich war neugierig, wollte Unbekanntes kennen lernen und mich selbst in Unbekanntem erfahren. Auch und vor allem wollte ich helfen. Seither hat diese Arbeit mich nicht mehr losgelassen, sie hat mein Leben verändert und facettenreicher gemacht.

In Kalkutta waren überall Menschen, überall Musik, überall Farben und dazu dieses unbekannte, warme Licht. Mein erster Eindruck von dieser fremden Welt ist mir heute noch sehr präsent. Neben repräsentativer alt-englischer Pracht bevölkerte ein Heer von Straßenhändlern die Innenstadt. Rikschafahrer drängten zum Mitfahren. Lärmendes, pulsierendes Leben in subtropischer Schwüle. In Teestuben konnte man ein bisschen Abstand und Ruhe gewinnen. Mein erster Stadtbummel in Kalkutta hinterließ auch Erschreckendes: Menschen, die auf den schmalen Grünstreifen inmitten des hupenden, stinkenden, chaotischen Verkehrs einen Schlafplatz gefunden hatten; Menschen, die unter Plastikplanen am Straßenrand wohnten.


Das Elend Kalkuttas ist in den letzten Jahren diskreter geworden – verdrängt in die Außenbezirke, in illegale Slums, die der Besucher nicht sogleich wahrnimmt. Kalkutta wird immer mehr zu einer modern anmutenden Stadt. Die neue indische Mittelschicht, die vom Wirtschaftsaufschwung profitiert, schafft sich Wohnraum in neuen, schönen Wohnbezirken und kauft in westlich anmutenden Kaufhäusern ein. Schmutz und Unrat sind von den Straßen in vielen Bezirken fast gänzlich verschwunden.

Nicht alle profitieren vom Wirtschaftswachstum
Seit meinem ersten Aufenthalt bin ich viele Male in Kalkutta gewesen. Ich habe viele Menschen und Lebensgeschichten kennen gelernt. Viele Rituale und Bräuche kann ich inzwischen besser verstehen. Ich habe an verschiedenen Plätzen der Stadt gelebt und bin von den Menschen fürsorglich und achtsam behandelt worden. Ich habe erlebt, wie Menschen in Großfamilien zusammenleben und gesehen, mit welcher Achtung sie ihre Toten bestatten. Mit einer indischen Freundin habe ich ihre Puja, ein großes Fest im Hinduismus, erlebt, die kindliche Liebe und das kindliche Vertrauen in die Macht der Göttin Durga – der Mutter. Mit muslimischen Frauen habe ich Ramadan und das Fastenbrechen – eines der Hauptfeste im Islam – gefeiert.

Doch ich reise nach Kalkutta, um mich auf der Schattenseite der schönen, aufstrebenden Stadt aufzuhalten. Ich reise in diese Stadt, um Menschen wirksam zu helfen. Besser als die großen Straßen kenne ich inzwischen die illegalen Slumsiedlungen an Kanälen und Bahndämmen. Hier leben Menschen zusammengedrängt in provisorischen Hütten oder unter Plastikplanen. Jeden Tag können ihre Wohnungen von Bulldozern der Stadtverwaltung niedergewalzt werden, denn sie sind nicht willkommen. Sie kommen vom Land oder aus armen Nachbarstaaten in der Hoffnung, in der Metropole Arbeit und ein Auskommen für ihre Familien zu finden. Für die meisten enttäuschte Hoffnungen! Am Aufschwung nehmen sie nicht teil, profitieren nicht vom Wirtschaftswachstum oder den verbesserten medizinischen Möglichkeiten.

Alle Inder haben ein verfassungsmäßig garantiertes Recht auf kostenfreie Gesundheitsfürsorge. Öffentliche Kliniken und ihre Angestellten werden vom Staat bezahlt. Indische Ärzte sind gut ausgebildet und in ihren Fachgebieten hoch spezialisiert. Die Realität für die Menschen aus den Slums sieht dennoch hoffnungslos aus: Die Krankenhausbetten sind knapp, die staatlichen Krankenhäuser oft schlecht ausgestattet. Alle notwendigen Untersuchungen, Medikamente und Hilfsmittel müssen vom Patienten selbst mitbezahlt werden. Menschen aber, die zum Überleben kaum genug haben, können sich diese Notwendigkeiten nicht leisten. Die ambulante Versorgung bietet hier keinen Ausweg, denn sie liegt in den Händen niedergelassener Ärzte, für deren Dienste auch die Ärmsten der Armen bezahlen müssen. In indischen Privatkliniken werden koronare Bypässe und Hüftgelenks-Implantationen mit hohem Standard durchgeführt, diese Privatkliniken sind allerdings nur für die Oberschicht bezahlbar.

Ein Teufelskreis aus Armut und Erkrankungen
So leben die Armen mit ihren Erkrankungen – mit Durchfällen, Würmern, Leberentzündungen, Blutarmut, Husten – und sie stecken andere an. Unterernährung, Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen schwächen das Immunsystem und machen den Körper anfälliger für Erkrankungen. Mangel an sauberem Wasser und schlechte hygienische Bedingungen verstärken das Problem. Trifft eine Erkrankung gar den Ernährer einer Großfamilie – zu einer indischen Familie gehören immer neben den eigenen Kindern auch die Großeltern und mindestens ein oder mehrere Brüder oder Schwestern mit Familie – so erfolgt ein weiterer sozialer Abstieg. Ein Teufelskreis aus dem es eigentlich kein Entrinnen geben kann.

Stirbt der Mann, so gibt es für die Frau und ihre Kinder in der Großfamilie keinen Platz mehr. In seltenen Fällen mag die Frau eine Anstellung als Dienstmädchen bei einer wohlhabenden Familie finden, dies bedeutet Geld für die Ernährung der Kinder, aber macht ihre Betreuung unmöglich. Meist wird die Frau versuchen, Dinge, die sie irgendwo billig einkaufen kann, weiter zu verkaufen, aber dazu gehört ein Startkapital. Oft wird ihr nichts anderes übrig bleiben als vom Betteln auf der Straße zu leben oder der Weg in die Prostitution.

Tuberkulose kann man stoppen
"Ärzte für die Dritte Welt", für die ich arbeite unterhält seit über 20 Jahren mobile Ambulanzen an verschiedenen Plätzen der Stadt, so in Tiljala, am Rajabazar und in Topsia sowie in Außenbezirken wie Chengail, Bankra, Shalimar, Brace Bridge, Bojerhat u.a. Zu diesen Ambulanzen kommen täglich hunderte von Menschen, um sich untersuchen und behandeln zu lassen. Deutsche Ärzte verbringen ihren Jahresurlaub in einer einfachen Wohnung in Howrah, einer angrenzenden Stadt. Täglich fahren sie in die Siedlungen der Armen. Da die Ärzte keine Bezahlung bekommen und die Hälfte ihrer Flugkosten selbst übernehmen, werden in Deutschland gesammelte Spendengelder fast vollständig in die Arbeit vor Ort investiert.

Ein Team aus indischen Gesundheitshelfern, Übersetzern und Impfschwestern gemeinsam mit jeweils zwei deutschen Ärzten bietet allgemeinmedizinische Versorgung, freie Untersuchungen (Labor, Röntgen, Ultraschall), freie Medikamentengabe und alle von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Impfungen für die Menschen an, die aus eigener Kraft keinen indischen Arzt bezahlen können. Ist eine Krankenhausbehandlung dringend notwendig, so werden die Kosten hierfür übernommen. Die Behandlung erfolgt dann in indischen Krankenhäusern, mit denen wir kollegial zusammenarbeiten.

Ein Thema, was uns besonders bewegt und beschäftigt ist die rasante Ausbreitung der Tuberkulose unter der armen Bevölkerung. Dunkle, feuchte Behausungen in denen viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben, sind die ideale Brutstätte für diese Seuche. In den Vierteln, in denen wir arbeiten gibt es kaum eine Familie ohne mindestens ein Mitglied mit einer Tuberkulosevorgeschichte oder aktiver Tuberkulose. In Howrah und Kalkutta sterben jedes Jahr 10.000 Menschen an Tuberkulose – jeder einzelne von ihnen unnötigerweise, denn die Tuberkulose ist eine heilbare Erkrankung. Da die Zahl der erkrankten Kinder ständig zunimmt und diese Kinder vom staatlichen Gesundheitssystem kaum aufgefangen werden, gibt es inzwischen eine Tuberkuloseambulanz speziell für Kinder, ein Kinder-Tuberkulosekrankenhaus ist im Bau. In diesen speziellen Einrichtungen arbeiten von "Ärzte für die 3.Welt" bezahlte indische Ärzte und Ärztinnen mit besonderer Qualifikation auf dem Gebiet der Kinderheilkunde und Tuberkulosebehandlung.

Kalkutta – eine aufstrebende Stadt – ist eine Herausforderung für die indischen Behörden, die Ärmsten der Armen wahrzunehmen und sie teilhaben zu lassen am wirtschaftlichen Aufschwung. Jedes indische Kind, dem eine Schulausbildung ermöglicht wird, wird – eingebunden in uralte Regeln und Normen – seine Familie aus dem Elend befreien.


Das Komitee Ärzte für die Dritte Welt wurde 1983 von dem Jesuitenpater Bernhard Ehlen gegründet (Sitz der deutschen Organisation ist Frankfurt/Main). Dr. Harald Kischlat ist der jetzige Generalsekretär. Seit Gründung wurden über 3.800 Einsätze von Ärzten auf freiwilliger und unentgeltlicher Basis in der "Dritten Welt" durchgeführt. Das Komitee hat zurzeit neun Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Nicaragua. Die Projekte werden von jeweils zwei bis acht Ärztinnen und Ärzten an den Standorten unterstützt.


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