Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

Lagos

Hyperwachstum – ungebremst und informell

Hintergrund

Lagos: Verkehrschaos gehört hier zum Alltag.Lagos: Verkehrschaos gehört hier zum Alltag. (© AP)
Eigentlich ist Lagos nur eine Insel mit einer Fläche von knapp neun Quadratkilometern. Doch gemeinsam mit den weiteren Hauptinseln Ikoyi und Victoria sowie dem Festland bildet die Insel Lagos, auch als Eko bezeichnet, mittlerweile die Metropolregion Lagos mit rund 11 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Drei Brücken verbinden das Festland mit der extrem dicht besiedelten Insel Lagos. Hier findet sich das Handelszentrum der Metropole, ebenso die Hafenanlagen. Lagos Marina, das Geschäftsviertel, ragt mit seinen Hochhäusern direkt am Meer in die Lüfte. Auf der Insel Lagos hat auch die Hauptmoschee der Stadt ihren Platz sowie die Kathedrale "Church of Christ".

Die Insel Victoria ist in den letzten Jahren zum Finanz- und Wirtschaftszentrum Lagos avanciert. Komfortable Wohngegenden sind entstanden. Noch kostspieliger ist die Insel Ikoyi: Hier finden sich Gebäude aus der britischen Kolonialzeit, ebenso Regierungsgebäude und eine großzügige Golfanlage. Ikoyi ist ein Ort der luxuriösen "gated communities" – komfortable Wohnsiedlungen, die durch Zäune und Mauern abgeschirmt und von Schutzleuten bewacht werden.

Lagos ist eine Stadt am Meer mit vielen Kanälen, die auch als Transportwege dienen. Die Inseln und das Festland grenzen an die Lagune von Lagos. Sie gehört zu den großen Lagunen des Golfs von Guinea und erreicht teils eine Breite von bis zu 15 Kilometern, die durchschnittliche Tiefe beträgt nur zwei Meter. Durch den stetigen Zufluss des Golf von Guinea müssen die Hafenbecken von Lagos immer wieder ausgebaggert und vor Versandung geschützt werden.

Bunt und impulsiv – dreckig und arm
Die Metropolregion Lagos hat keine übergreifende Stadtregierung. 1968 wurde Nigeria in 12 Bundesstaaten unterteilt, darunter der Bundesstaat Lagos. Zu diesem gehört auch die Metropolregion. Der Bundesstaat Lagos ist in fünf Verwaltungseinheiten unterteilt, die wiederum in Local Area Governments untergliedert wurden. Ein Großteil von ihnen zählt mittlerweile zur Metropolregion Lagos. Sie bilden die inneren Stadtteile sowie Vororte des wachsenden Lagos: So zum Beispiel die Insel Lagos selbst, Surulere auf dem Festland mit Nachtleben und dem Sitz der Filmindustrie – Lagos ist für Nigeria was Bombay für Indien ist. Ebenso Apapa mit dem größten Seehafen Nigerias oder auch Ikeja, Hauptstadt des Bundesstaats Lagos.

Zerstörte Häuser in Slum-Gebiet von Lagos im Mai 2005. Polizei und Regierungstruppen hatten hier hunderte Häuser niedergerissen.Zerstörte Häuser in Slum-Gebiet von Lagos im Mai 2005. Polizei und Regierungstruppen hatten hier hunderte Häuser niedergerissen. (© AP)
Lagos galt einst als Venedig Afrikas, doch diesen Charme hat es längst eingebüßt. Heute ist Lagos eine der ärmsten Megastädte weltweit: Schätzungsweise 50 bis 70 Prozent der Menschen leben in Elendsvierteln, also mindestens fünf Millionen Menschen. 53 Prozent der Haushalte leben in Armut. Der informelle Sektor macht einen großen Teil des Wirtschaftslebens aus. Die nach Lagos strömenden Menschen aus dem Umland bauen immer mehr informelle Siedlungen, es wird spontan gebaut. Genauso werden die Menschen von der Regierung wieder vertrieben, ohne Vorwarnung und ohne Alternative. Aber nicht nur der Zustrom der Menschen vom Land lässt Lagos rapide wachsen. Die hohe Geburtenrate in der Metropolregion selbst trägt ebenso zum rasanten Wachstum bei. Lagos versinkt zusehends im Verkehrschaos und der Immobilität. Die Stadt erstickt im Müll und ist heute eine der schmutzigsten Metropolen Afrikas. Auch das Leben in den abgeschirmten Luxus-Siedlungen lässt den Moloch vor der Tür nicht verschwinden.

Pipeline-Explosion mitten im Wohnviertel
Im Dezember 2006 gelangte Lagos in die internationale Presse als eine Benzin-Pipeline mitten in einem dicht besiedelten Vorort explodierte. Treibstoff-Diebe hatten die Leitung angebohrt, um illegal Benzin abzuzapfen. Immer mehr Anwohnerinnen und Anwohner strömten hinzu, um auch ein wenig vom dem kostbaren Treibstoff in ihre mitgebrachten Kanister zu füllen. Bei der Explosion kamen hunderte von Menschen ums Leben. Lagos gewann auch traurige Berühmtheit als die Nigerian E-Mail-Connection: Aus den zahlreichen Internet Cafes der Stadt wurde der Internet-Betrug auf die Spitze getrieben. Die Polizei führte verstärkt Razzien durch, man wollte international den Ruf wahren.

Missmanagement und Korruption beherrschen die Landes- sowie Staatspolitik. Trotz Ölbooms haben es die wechselnden Regierungen Nigerias nicht vermocht, das Land aus der Armut zu führen. Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Organisation Transparency International hat die nigerianische Situation für das Jahr 2006 einmal mehr als extrem korrupt beschrieben. Die Geschichte Nigerias durchziehen Demokratisierungsversuche und Militärregierungen. Zuletzt kam 1995 Sani Abacha an die Macht und mit ihm eine der brutalsten Militärdikaturen Nigerias. Erst 1998, nach dem Tod Abachas, konnte das Land wieder aufatmen. Doch ethnische Konflikte zwischen dem überwiegend muslimischen Norden und dem vorwiegend christlich-animistischen Süden dauern an und fordern immer wieder Menschenleben – auf beiden Seiten.

Lagos ist die heimliche Hauptstadt
Lagos war einst die Hauptstadt Nigerias, das 1960 seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft gewann. 1861 wurde das Land offiziell als Kolonie annektiert. Zuvor war Lagos im 18. Jahrhundert bis in die 1850er Jahre eines der Zentren des Sklaven-Handels. Als 1914 die Protektorate Süd- und Nord-Nigeria vereinigt wurden, wurde Lagos zur Hauptstadt erklärt. Nach der Unabhängigkeit Nigerias mit einer föderalen Verfassung wurde 1968 der Bundesstaat Lagos gegründet und Lagos zu dessen Hauptstadt. Das änderte sich 1976 als Ikeja, das heute zur Metropolregion Lagos zählt, zur Landeshauptstadt wurde. Ebenso wurde bereits Mitte der 1970er Jahre auf Regierungsebene beschlossen, eine neue Bundeshauptstadt im Landesinneren und damit im Zentrum Nigerias zu bauen. Es gingen noch ein paar Jahre ins Land, doch am Ende entstand die Planhauptstadt Abuja. Eine Stadt vom Reißbrett, die 1991 zur politischen Hauptstadt Nigerias wurde. Die Stadt zählt heute rund 450.000 Menschen, den Bevölkerungsdruck auf Lagos konnte sie nicht eindämmen. Doch bis heute ist Lagos Dreh- und Angelpunkt Nigerias geblieben. Die Metropolregion Lagos ist das Zentrum für Handel, Wirtschaft und Kultur.


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