Skyline von Schanghai
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Mexiko-Stadt

Selbstbausiedlungen als Lösung


24.8.2006
Das Leben ist nicht einfach für die Einwohner der zweitgrößten Stadt der Welt: 60 Prozent gelten als arm. Viele leben in Selbstbausiedlungen am Stadtrand. Täglich versinkt die Stadt unter einer Smogwolke. Im Sommer wird das Trinkwasser knapp.

Satellitenaufnahme Mexiko-StadtMexiko-Stadt, Zentrum der Politik und Wirtschaft Mexikos (© NASA/JPL-Caltech)

Überblick



Die mexikanische Hauptstadt liegt auf einer Höhe von etwa 2.300 Metern – umgeben von Bergen, zu denen auch die Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl gehören. Mexiko-Stadt ist die höchstgelegene Megastadt der Welt und die einzige, die nicht an einem Fluss oder am Meer liegt. Heute leben über 19 Millionen Menschen in Mexiko-Stadt, der zweitgrößten urbanen Agglomeration nach Tokio. Ciudad de México, wie die Stadt amtlich heißt, ist das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Laut der letzten Volkszählung von 2005 leben rund 8,4 Prozent aller Mexikaner in der Hauptstadt.

Der Zuzug der Landbevölkerung nach Mexiko-Stadt verstärkte sich mit der Ansiedlung von Industriebetrieben in den 1940er Jahren. Lebten 1950 noch keine drei Millionen Bewohner in der Hauptstadt, stieg die Zahl innerhalb von zwei Jahrzehnten auf das Dreifache. Diesen Zustrom hat Mexiko-Stadt schlecht verkraftet. Probleme zeigen sich vor allem bei der Versorgung mit Trinkwasser und dem Anschluss an die Kanalisation – das Wasser muss von entlegenen Brunnen hoch in die Stadt gepumpt werden, das Leitungssystem jedoch ist marode.

Insbesondere die Versorgung der Randbezirke, die ohne offizielle Stadtplanung als Selbstbausiedlungen entstehen, ist problematisch. Dort hat sich ein illegaler Wohnungsmarkt etabliert, bei dem Bodenhändler Gebiete parzellieren und ohne bauliche Auflagen verkaufen. Von offizieller Seite wird dies meist geduldet, denn die Stadtverwaltung selbst ist nicht im Stande, den benötigten Wohnraum bereitzustellen. Eine große Herausforderung an die Politik stellt auch die hohe Luftverschmutzung und das Verkehrschaos dar, das auch durch den Bau eines U-Bahn-Systems Anfang der 1970er Jahre bislang nicht gebändigt werden konnte.

Hintergrund



1325 gründeten die Azteken, die sich selbst méxica nannten, auf einer Insel im See Texcoco die Stadt Tenochtitlán. Als der Spanier Hernán Cortés 1519 an der Ostküste des heutigen Mexikos landete und die Stadt zwei Jahre später eroberte, lebten dort nach Schätzungen 200.000 bis 300.000 Menschen – für damalige Verhältnisse bereits eine Megastadt.

2010 wird Mexiko-Stadt 20 Millionen Menschen zählen - eine Hybercity.2010 wird Mexiko-Stadt 20 Millionen Menschen zählen - eine Hybercity (© Eckhart Ribbeck)
In der Folge zerstörten die Spanier nicht nur zahlreiche aztekische Kulturdenkmäler, sondern legten auch den Texcocosee trocken. So konnte sich die Stadt weiter ausdehnen. Allerdings führte die Bebauung des trockengelegten Sees zu einem noch heute schwerwiegenden Problem: Mexiko-Stadt steht nicht auf festem Grund. Die Metropole senkt sich jährlich um rund 20 Zentimeter, teilweise sind Häuser über die Jahre metertief in den Boden gesackt. Das macht die Bebauung schwierig, und viele vor Jahrzehnten errichtete Gebäude stehen mittlerweile schief.

Ein weiteres Problem ist die Wasserversorgung: Trinkwasser muss teilweise aufwändig aus tiefer gelegenen Regionen in die Stadt gepumpt werden. Das Leitungssystem ist überaltet, so dass ein beträchtlicher Teil des Wassers unterwegs versickert. Im Sommer rationieren die Stadtwerke teilweise das Trinkwasser. Mexiko-Stadt ist auch eine erdbebengefährdete Region. 1985 erschütterte ein großes Beben die Stadt. 9.500 Menschen starben und rund 30.000 wurden obdachlos.

Spontansiedlungen – Entwicklung mit ungewissem Ausgang
Etwa die Hälfte der Wohnbebauung der Metropole besteht aus illegalen, aber meist geduldeten Selbstbausiedlungen. Bereits um 1950 entstanden so genannte colonias populares, die sich jenseits der offiziellen Stadtpolitik und -planung entwickelten. Am Stadtrand etablierte sich der illegale Handel mit Grund und Boden: Die Gebiete werden kleinteilig parzelliert und profitorientiert verkauft. Entsprechend frei ist auch die Gestaltung und Bebauung der Grundstücke: Oft sind es ein- bis zweistöckige Wohnhäuser mit einem Hof, die den wirtschaftlichen und familiären Umständen der Bewohner angepasst werden. So entstehen im Parterre häufig Läden oder Werkstätten.

Der Begriff Slum greift in Mexiko-Stadt nicht immer, hier eine konsolidierte Slumsiedung.Der Begriff Slum greift in Mexiko-Stadt nicht immer, hier eine konsolidierte Slumsiedung (© Eckhart Ribbeck)
Nicht zwangsläufig müssen sich am Stadtrand auf Dauer Elendsquartiere entwickeln. Durch das hohe Maß an Hauseigentum handelt es sich auch bei den armen Gebieten nicht um Slums im engeren Sinne. Einige dieser Siedlungen konnten sich nach Jahrzehnten konsolidieren und weisen mittlerweile eine tragfähige Infrastruktur auf. Das prominenteste Beispiel einer solchen, schnell gewachsenen Siedlung ist Nezahualcoyotl im Osten von Mexiko-Stadt. Anfang der 1970er Jahre galt "Nezo" als größter Slum Lateinamerikas, heute ist die Siedlung weitgehend eine intakte Vorstadt. Das Gebiet, in dem heute fast zwei Millionen Menschen leben, ist zum Großteil durch eine großstädtische Infrastruktur geprägt und vom Stadtkern gut mit Bussen oder der Metrolinie zu erreichen. Mittlerweile ist Nezahualcoyotl politisch selbstständig, gehört jedoch zur urbanen Region von Mexiko-Stadt. "Nezo" zählt zu den ärmsten Millionenstädten des Landes.

Eine Luftaufnahme von Häusern in Mexiko-Stadt.Städtebaulich ist Mexiko-Stadt eine echte "Sparstadt" (© AP)
Zuwachs am Rand
Die Selbstbausiedlungen am Stadtrand bilden aufgrund der kleinteiligen Parzellierung und streng symmetrischer Straßen ein gigantisches, monotones Muster. Auch der Stadtkern ist wie die meisten Städte, die von den Spaniern errichtet wurden, schachbrettartig strukturiert – allerdings immer wieder auch durchsetzt mit großen Parks und verkehrsberuhigten Gebieten. Das historische Zentrum – das centro historico – von Mexiko-Stadt ist von der Unesco 1987 auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt worden.

Im eigentlichen Stadtkern wohnen heute 8,7 Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 1.500 Quadratkilometern. Dieses Gebiet bildet einen eigenen Bundesdistrikt (distrito federal), dem seit 1997 ein Bürgermeister vorsteht, der direkt gewählt wird. Mexiko-Stadt ist in 16 Bezirke (delegaciones) unterteilt, die politisch weitgehende Selbstständigkeit besitzen. Indem man von den vormals zentralistischen Strukturen abrückte, erhoffte man sich auch, die Entwicklung der Metropole besser steuern zu können. Während das Bevölkerungswachstum im Zentrum nur gering ist, steigt es an der Peripherie weiter an. 2010 wird die gesamte Agglomeration mehr als 20 Millionen Bewohner haben. Längst hat sich Mexiko-Stadt auf die angrenzenden Bundesstaaten Mexiko und Hidalgo ausgeweitet.

Bevölkerung



Mexiko Stadt ist mit Abstand die bevölkerungsreichste Metropole Mexikos. In der Hauptstadt leben über 19 Millionen Menschen. Mexiko Stadt ist die zweitgrößte urbane Agglomeration weltweit nach Tokio mit 35 Millionen Menschen. 2010 wird Mexiko Stadt mit dann über 20 Millionen Einwohnern zur "Hybercity" aufsteigen – mit Tokio und Mumbai die dritte weltweit.

Die zweitgrößte Stadt Mexikos war 2005 Guadalajara, westlich von Mexiko Stadt gelegen, mit knapp vier Millionen Menschen. Dann folgte Monterrey im Nordosten des Landes mit 3,6 Millionen Bewohnern. Mexiko zählt viele Millionenstädte, doch keine reicht an die Bevölkerungsstärke der Hauptstadt heran. Mexiko Stadt wuchs vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, mit jährlich über fünf Prozent. Seit den 1980er Jahren nahm die Bevölkerungszunahme langsam ab. Zurzeit wächst die Hauptstadt um jährlich 1,27 Prozent. Andere Städte vor allem im Norden Mexikos an der Grenze zu den USA, so zum Beispiel Tijuana oder Ciudad Juarez, wachsen um fast vier Prozent. Sie zählten 2005 jeweils rund 1,5 Millionen Einwohner.

2000 lag der Grad der Verstädterung in Mexiko bei knapp 75 Prozent. In Europa waren es 71 Prozent. Laut Statistik lebte bereits 1960 die Hälfte der Menschen Mexikos in Städten. Doch in Lateinamerika werden auch kleinere Siedlungen mit mehr als 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern als urban bezeichnet. Verstädterung wird damit weiter gefasst als beispielsweise in Asien oder auch Europa.


Mexiko Stadt



Einwohner in Millionen
1950: 2,88 Millionen
1960: 5,01
1970: 8,77
1980: 13,01
1990: 15,31
2000: 18,07
2005: 19,41
2010: 20,67*
2015: 21,57


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +5,53 %
1960: +5,67
1970: +3,96
1980: +1,62
1990: +1,84
1995: +1,47
2000: +1,44
2005: +1,27
2010: +0,83


Fläche und Bevölkerungsdichte
Mexiko-Stadt umfasst knapp 1.500 km² mit rund 8,8 Millionen Einwohnern. Damit liegt die Bevölkerungsdichte bei über 5.800 Menschen pro Quadratkilometer.



Mexiko



Einwohner in Millionen
1950: 27 Millionen
1960: 36
1970: 50
1980: 68
1990: 84
2000: 100
2005: 107
2010: 113
2015: 119
2020: 124


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +1,34 %
2010: +1,01
2020: +0,74


Grad der Urbanisierung
2000: 74,7 %
2010: 77,3
2020: 80,1


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 74 Millionen (+1,69 %)
2010: 87 (+1,36)
2020: 99 (+1,09)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 25 Millionen (+0,29 %)
2010: 25 (-0,23)
2020: 24 (-0,69)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2005 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben



Soziale Situation
Wie Mexiko insgesamt, so ist auch die Hauptstadt von einem starken Gefälle zwischen arm und reich geprägt. 60 Prozent der Einwohner gelten als arm. Den abgeschotteten Luxusvierteln nahe des Stadtkerns wie Santa Fe und Pedregal, stehen die Selbstbausiedlungen am Stadtrand gegenüber, die teils ohne intakte Infrastruktur sind. Kriminalität ist ein Problem, nicht nur in den teilweise slumartigen Siedlungen an der Peripherie, sondern auch in der Kernstadt. Laut Statistik kommen auf 100.000 Einwohner von Mexiko-Stadt 8,5 Mordfälle, das ist etwa doppelt so viel wie in Berlin.

Wohnen
Etwa ein Drittel der Bevölkerung des Ballungsgebiets Mexiko-Stadt lebt heute in colonias populares, den Selbstbausiedlungen, die sich durch illegalen Grundstückshandel in einem Ring um die Kernstadt gelegt haben. Durch die extrem kleinteilige Parzellierung sind monotone Strukturen entstanden. Den neuesten dieser Siedlungen fehlt es nicht nur an Infrastruktur, sondern auch an zentralen Plätzen. Während des Erdbebens von 1985 wurden zahlreiche Gebäude im Stadtzentrum beschädigt.

Religion und Sprache
Offiziell sind rund 90 Prozent aller Mexikaner katholisch, allerdings vermischt sich der Glaube vielfach mit Inhalten der präkolumbischen Epoche. Das religiöse Wahrzeichen von Mexiko-Stadt ist die Basílica de la Guadalupe: Auch im Kult um die indianische Heilige Jungfrau von Guadalupe zeigt sich, wie sich vorkolumbische und christliche Religionen vermischt haben. Standardsprache in Mexiko-Stadt ist Spanisch.

Verkehr
Die Straßen der Hauptstadt sind schachbrettartig angelegt, zentrale Verkehrsachsen sind die großen Boulevards Paseo de la Reforma und Avenida de los Insurgentes sowie die Stadtautobahn Anillo Periférico. Dass Mexiko-Stadt vor rund 80 Jahren noch Luftkurort war, ist heute kaum vorstellbar: Smog liegt über der Stadt, die Straßen sind verstopft und die drei Millionen Autos täglich kommen nur mühsam voran. Das U-Bahn-System, das Anfang der 1970er angelegt wurde, funktioniert gut, auch die Außenbezirke sind überwiegend angeschlossen. Das Streckennetz ist heute rund 200 Kilometer lang und wird von 4,6 Millionen Pendlern genutzt. Doch das Verkehrsproblem konnte dadurch nicht gelöst werden. Mit Benito Juárez besitzt Mexiko-Stadt den größten Flughafen des Landes, der auch international bedeutend ist. Auch hier gilt, was für den Verkehr auf den Straßen gilt: Die Kapazität ist ausgelastet.

Links



Ciudad de Mexiko

UNESCO-Weltkulturerbe: Das historische Zentrum

UNESCO-Weltkulturerbe: Der Campus der Universidad Nacional Autonoma de Mexico

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