Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

Mumbai

Aufstieg zur Weltklasse

Hintergrund

Mumbai ist die vielfältigste, reichste und wohl auch extremste Stadt Indiens. Wolkenkratzer, Blechhütten, Diätkliniken, Yuppies, Religionsführer, Müllsammler. In der dicht besiedelten Stadt begegnen sich Arm und Reich tagtäglich. Mumbai hat die höchste Slumrate Indiens, und in der Stadt findet sich das größte Elendsviertel Asiens: In dem innerstädtischen Slum Dharavi leben über 500.000 Menschen, eine Stadt in der Stadt.

Am Marine DriveDer "Marine Drive", die beliebte Meerespromenade Mumbais (© Quentin Donze)
"Bom Bahia" – die gute Bucht
Nach wie vor ist Mumbai vielen als Bombay bekannt. Das mag nicht verwundern, denn über 400 Jahre trug die Hafenstadt diesen Namen: Abgeleitet von "bom bahia", was auf portugiesisch gute Bucht heißt. So nannten die Portugiesen eine der Inseln als sie Anfang des 16. Jahrhunderts mit ihren Schiffen an der Westküste Indiens landeten. 1995 beschloss die Regierung des Bundesstaates Maharashtra, dessen Landeshauptstadt Bombay ist, die Umbenennung: Mumbai sollte die Millionenmetropole von nun an heißen, benannt nach der hinduistischen Lokalgöttin Mumbadevi.

Mumbai nahm seinen Anfang auf sieben sumpfigen Inseln entlang der Küste am Arabischen Meer. Die von Fischern bewohnte Region erlebte wechselnde Herrscher. Ab 1384 gehörte ein Teil zum Sultanat Gujarat bis Anfang des 16. Jahrhunderts die Portugiesen das Küstengebiet eroberten. Das Sultanat war militärisch geschwächt und beugte sich: Im Vertrag von Bassein erwarb 1534 Portugal das heutige Gebiet rund um Mumbai. 1661 ging das Küstengebiet als Mitgift der portugiesischen Prinzessin Katharina von Braganza an ihren Ehemann, den englischen Thronfolger Karl II. Dieser verpachtete wenige Jahre später das ehemalige Bombay an die Britische Ostindien-Kompanie. Eine Handelsniederlassung wurde gegründet und der Aufstieg der Stadt zum Handelszentrum begann.

Bombay wurde das "Tor nach Indien"
Unter den Briten kam es zu umfangreichen Landgewinnungsmaßnahmen: Durch Aufschüttungen wurden die Inseln nach und nach miteinander verbunden und es entstand eine kohärente Landmasse, deren Spitze als längliche Halbinsel ins Arabische Meer hineinragt. Darauf findet sich heute das Stadtzentrum Mumbais. Ab 1860 wurde die erste Eisenbahn Indiens im heutigen Bundesstaat Maharashtra gebaut: Die ersten Teilstücke verbanden das Hinterland mit Bombay und machten die Stadt zum "Tor nach Indien". Der Hafen wurde zum zentralen Umschlagplatz für Baumwolle aus dem Hinterland auf dem Weg nach England. Ende des 19. Jahrhunderts war die Stadt neben Kalkutta zu einem der wichtigsten Handelszentren Indiens avanciert, mit über 800.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Als erste indische Stadt erhielt Bombay 1872 eine Stadtverwaltung, die Bombay Municipal Corporation.

Nach und nach gewann die Stadt auch als Industriestandort an Bedeutung, zunächst vor allem im Bereich der Textilindustrie. 1911 besuchten König George V und Königin Mary von England Bombay. Ihnen zu Ehren wurde kurz darauf das "Gateway of India" gebaut, ein imposanter Torbogen am Hafen und bis heute Wahrzeichen der Stadt. Als 1915 Gandhi nach Indien zurückkehrte, ging er nach Bombay und machte die Stadt zu einer wichtigen Basis für seinen gewaltfreien Widerstand gegen die britische Kolonialmacht. 1947 erfolgte die Unabhängigkeit Indiens und die Teilung des Subkontinents. Die letzten britischen Truppen verließen durch das "Gateway of India" die ehemalige Kolonie.

Nach der Unabhängigkeit nahm das Bevölkerungswachstum des heutigen Mumbais beständig zu. Immer mehr Menschen strömten aus dem Hinterland wie auch aus anderen Bundesstaaten in die Metropole. In den 1970er Jahren wuchs die Bevölkerung um fast vier Prozent jährlich: Bereits 1980 lebten fast neun Millionen Menschen im heutigen Mumbai. Nach und nach dehnte sich die Stadt nach allen Seiten hin aus. Zu "Greater Mumbai" gehört heute Mumbai Stadt, das auf der Halbinsel liegt, sowie die Vororte auf der Insel Salsetta. Die Megastadt Mumbai umfasst jedoch längst auch angrenzende Städte wie Thane, Kalyan oder Navi Mumbai: Satellitenstädte, die um so schneller wuchsen, je unerträglicher die Siedlungsdichte in den innerstädtischen Gebieten wurde.

Vision Mumbai – auf dem Weg zur Weltklasse
Die "boomtown" Mumbai verkörpert den wirtschaftlichen Aufschwung Indiens. Doch in den letzten Jahren hat die Megastadt an ökonomischer Stärke verloren. Mit einem Wachstum von jährlich 2,4 Prozent zwischen 1998 und 2002 konnte Mumbai mit dem gesamtindischen Wirtschaftswachstum von 5,6 Prozent nicht mithalten. Aber Mumbai darf nicht schwächeln: Nicht nur der Bundesstaat Maharashtra ist abhängig von der Leistungskraft der Metropole. Daher soll nun in die Megastadt investiert werden. Erstmals nannte Premierminister Mammohan Singh im Jahr 2004 Mumbai in einem Atemzug mit Schanghai. Mumbai solle zum "talking point" werden, zum Gesprächsthema.

Kurz zuvor hatte sich die Unternehmensberatung McKinsey in einem Bericht mit der Megastadt beschäftigt und ein Umdenken gefordert. Die städtische Politik müsse weg vom Reagieren auf Engpässe und Missstände hin zu großen Schritten der städtischen Planung und Entwicklung. Mumbai sei an einem kritischen Punkt angelangt: Ohne Wende drohe der städtische Kollaps. So wird in dem Bericht der Bau von über einer Million Wohnungen für Familien mit niedrigen Einkommen gefordert; ein "Infrastruktur Fond" soll für Investitionen in die Wasserversorgung, die Bildung, das Transportwesen etc. sorgen; die Politik soll effektiver, effizienter und transparenter werden. Neben einem "Mehr" an Lebensqualität soll das Wirtschaftswachstum der Stadt angekurbelt werden. Diese und andere Forderungen wurden seitens der Politik in der "Vision Mumbai" zusammengefasst: In den kommenden Jahren sollen nun 50 Milliarden US Dollar in die Entwicklung der Metropolregion fließen.

Die "dhobi gats" sind eine riesige Open-Air-Wäscherei, täglich arbeiten dort hunderte von MenschenDie "dhobi gats" sind eine riesige Open-Air-Wäscherei, täglich arbeiten dort hunderte von Menschen (© Quentin Donze)
Doch Teil einer erfolgreichen "Vision Mumbai" wird auch sein, den Kreislauf der Marginalisierung eines Großteils der Bevölkerung durch Teilhabe an der städtischen Ökonomie aufzubrechen. Rund 60 Prozent der Menschen in Mumbai sind im informellen Sektor tätig, so der McKinsey-Bericht. Die Armen verdingen sich als Müllsammler, Wäscher, Hausbedienstete etc. In "Greater Mumbai", in Mumbai Stadt mit seinen Vororten, leben von zwölf Millionen Menschen sechs Millionen in Slums. In den illegalen Siedlungen ohne ausreichende Grundversorgung bleiben die Armen sozial ausgegrenzt. Zuletzt kam es Anfang 2005 zu massiven Zerstörungsaktionen von Slums, mehr als 350.000 Menschen verloren ihr Obdach. Und auch Dharavi, das größte Elendsviertel, soll nun einem Büro- und Wohntürmen weichen. Seit einigen Wochen steht das Slum zum Verkauf.

Urbane Verwundbarkeit
In der Vergangenheit ist Mumbai immer wieder zum Ort terroristischer Anschläge geworden. Zuletzt wurde die Stadt im Juli 2006 von einer Bombenserie erschüttert. Ziel waren die vollbesetzten Vorortzüge, die täglich Millionen von Pendlern in das Stadtzentrum bringen: Es gab über 200 Tote und hunderte Verletzte. Hinter den Anschlägen wurden muslimische Aufständische aus Pakistan vermutet. Doch die bislang größte Bedrohung ereignete sich im März 1993. 13 Bomben wurden in Serie in der Stadt gezündet, es gab über 250 Tote und mehr als 800 Verletzte. Es war ein Vergeltungsschlag muslimischer Fundamentalisten nachdem radikale Hindu-Nationalisten eine Moschee in Ayodhya im Norden Indiens zerstört hatten. Es kam zu landesweiten Zusammenstößen, die mit der Bombenserie in Mumbai kulminierten.

Damit wurde stellvertretend für ganz Indien der Religionsfrieden von Mumbai auf eine harte Probe gestellt. Bislang steht die Stadt für die funktionierende Vielfalt Indiens: Die städtische Gesellschaft bündelt die verschiedenen Religionen, ethnischen Gruppen und Sprachen. Doch der ökonomische Druck, der permanent nicht nur auf den Ärmsten lastet, kann künftig zum Nährboden für religiöse und ethnische Intoleranz werden.


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