Skyline von Schanghai

30.8.2007 | Von:
Sheela Patel

In dieser Stadt sind die Slums für jeden sichtbar

Die "Slumexpertin" Sheela Patel über Wachstum und Gerechtigkeit in Mumbai

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bpb: Im zentralen Stadtgebiet von Mumbai leben etwa sechs Millionen Menschen in Slums. Allein in Dharavi, einem der größten Slums der Stadt, leben mehr als 300.000 Menschen. Was benötigen die Slumbewohner am Nötigsten?

Patel: In Dharavi leben schätzungsweise zwischen 450.000 und 600.000 Menschen. Eine genaue Zahl ist nicht bekannt, da die Regierung bisher noch keine Basiserhebung dieses Stadtgebiets, bei dem es sich um einen Township handelt, durchgeführt hat. Slumbewohner, ob in Dharavi oder anderswo, brauchen gesicherte Besitzansprüche, Zugang zu den wichtigsten Versorgungseinrichtungen sowie zu öffentlichen Verkehrsmitteln.


bpb: Slums werden meist als Desaster gesehen. Sie setzen sich für eine andere Sichtweise ein: Sollten Slums als eine Lösung erachtet werden?

Patel: Es ist leicht, Slums als Desaster zu sehen, wenn man selbst nicht in einem Slum lebt. Für arme Menschen sind Slums ein Mittel zur Selbsthilfe. So beschaffen sie sich eine Unterkunft, da der Staat diese Verantwortung nicht übernimmt. Slums werden anfänglich immer als Übergangslösung gesehen; die Menschen hoffen auf eine bessere Alternative, wenn diese jedoch nicht eintritt, dann entwickeln sie ein Gefühl der Dauerhaftigkeit. Slums werden zum Desaster, wenn sie als dauerhafte Lösung des Wohnproblems verstanden werden, denn sie vergrößern die Ungleichheit zwischen den Stadtbewohnern und keine Form der Selbsthilfe kann an einem mangelnden Zugang zu Wasser und Sanitäreinrichtungen etwas ändern.

bpb: Trotzdem strömen weiterhin Menschen vom Land in die indischen Megastädte – Mumbai, Kakutta und Delhi. Was erhoffen sich die Menschen nach wie vor?

Patel: Die Menschen in Europa und der entwickelten Welt sollten sich vor Augen halten, dass die Migration nach Nordamerika, Australien und in die zahlreichen Kolonien damals für Migranten aus ländlichen Gebieten der Ausweg aus der Verelendung in europäischen Städten war. Die Migration ist unausweichlich, da die durch Globalisierung und Effizienz geprägte Landwirtschaft zu einer Veränderung der Arbeits- und Lebensformen geführt hat. Die Menschen streben immer nach einer Änderung und Besserung ihrer Lebensverhältnisse. Sie glauben, dass diese Möglichkeit in Städten eher gegeben ist als auf dem Land.

bpb: 2015 werden mehr als 21 Millionen Menschen in Mumbai leben, mehr als 18 Millionen in Dehli. Gibt es Grenzen des Wachstums?

Patel: Ich denke, dass niemand über die Grenzen des Wachstums eine Aussage treffen kann. In der Vergangenheit haben wir erlebt, dass Städte wieder schrumpfen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, Menschen aufzunehmen. Das ist bei vielen Städten im Norden der Fall gewesen und wird auch als Beginn ihres Zusammenbruchs verstanden. Wir leben also in einer seltsam paradoxen Welt, in der wir von Wachstum besessen sind, die Armen daran aber nicht teilhaben lassen wollen. Es ist auch klar, dass sich aufgrund der unzureichenden Infrastruktur im ganzen Land Städte wie die von Ihnen genannten mit angrenzenden Kleinstädten zusammengeschlossen haben und zum städtischen Großraum wurden.

bpb: Die sozialen Gegensätze in indischen Megastädten sind gewaltig. Ihre Organisation SPARC kämpft für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig gehört Indien heute zu den Ländern mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum. Wird die Stadt der Zukunft gerechter sein oder wird das soziale Gefälle noch größer werden?

Patel: Die neue globale Wirtschaftsordnung hat eindeutig zu einer schlimmen Ungleichheit und zu demonstrativem Konsum geführt. Vielen sagen, dass der Versuch von zivilgesellschaftlichen Organisationen [wie SPARC], die Gerechtigkeit zu verteidigen, einem Kampf gegen Windmühlen gleichkomme. WIR glauben, dass es in der gegenwärtigen Phase des indischen Wirtschaftswachstums noch zahlreiche Verfechter eines gerechten Systems gibt, sowohl im Staat als auch in der Zivilgesellschaft. Solange dies der Fall ist, können wir angesichts des aggressiven Markts, der an der Spitze der Entwicklung steht, vom Staat die Schaffung eines politischen Systems fordern, das gewisse Bedingungen für grundlegende Gerechtigkeit und den Rahmen für den Schutz der Menschenrechte schafft. Wenn wir scheitern, dann wird Gewalt herrschen, denn arme Stadtbewohner, die den demonstrativen Konsum anderer sehen, werden dies auch für sich fordern. Wir haben dies zur Genüge in Städten des Nordens und des Südens beobachten können.

bpb: Frau Patel, Sie leben in einer indischen Megastadt – in Mumbai. Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt am Besten?

Patel: Es herrscht immer noch ein weltoffener Geist, der die Stadt gesund hält, trotz vielfacher Versuche politischer Parteien, diesen zu verderben. Mumbai ist eine Stadt, in der die Slums nicht versteckt sind. Jeder sieht sie, Slumbewohner und Menschen aus der Mittelschicht leben in dieser Stadt Tür an Tür. Mumbai ist für Frauen weitestgehend sicher. Ich kann zum Beispiel nachts für gewöhnlich mit dem Taxi oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, obwohl es hier kürzlich einige Vorfälle gab, die uns alle schockiert haben. Besonders zu erwähnen ist, dass in der Vergangenheit bei Überflutungen in Bombay die betroffenen Menschen, Arm und Reich, zusammen gestanden und sich gegenseitig geholfen haben – ganz im Gegensatz zu den Bildern, die wir vom Hurrikan Katrina in New Orleans gesehen haben, wo nur die arme Bevölkerung unter der Katastrophe gelitten hat. Diese Stadt ist sehr aktiv und hat eine lange Tradition der Zusammenarbeit, auf die wir alle sehr stolz sind.

Das Interview führte Sonja Ernst
Übersetzung aus dem Englischen: Mia Rimac


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