Skyline von Schanghai
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19.10.2006 | Von:
Sonja Ernst

Peking

Smogfrei für Olympia

2008 wird Peking Gastgeber der Olympischen Spiele. Die alte Kaiserstadt und Hauptstadt Chinas bereitet sich vor. Ähnlich Schanghai herrscht auch in Peking ein unvergleichbarer Wirtschafts- und Bauboom.

Satellitenaufnahme PekingDie alte Kaiserstadt Peking (© NASA/JPL-Caltech)

Überblick

Peking ist die zweitgrößte Stadt Chinas. In der Hauptstadt im Norden der Volksrepublik leben 10,71 Millionen Menschen. Die Megastadt rangiert auf Platz 18 der Liste der bevölkerungsreichsten urbanen Agglomerationen weltweit. Wenn es bislang in China um städtische Wirtschaftskraft oder modernen Städtebau ging, stand Peking zumeist im Schatten Schanghais, der aufstrebenden Metropole im Süden. Mittlerweile herrscht auch in Peking ein unvergleichlicher Bau- und Wirtschaftsboom. Die Stadt scheint entfesselt.

Doch anders als Schanghai blickt Peking auf eine 1000-jährige urbane Identität als politisches Zentrum zurück. Bis heute prägt die alte Kaiserstadt als zentraler Dreh- und Angelpunkt die städtische Entwicklung. So herrscht im Umkreis der Verbotenen Stadt ein Höhenlimit: Erst am Rande des Zentrums schießen die Wohn- und Bürotürme in die Höhe. Ebenso behalten die breiten Stadtachsen, die vom Palast fortführen, ihre Bedeutung. Zwischen den breiten Boulevards finden sich die Hutong-Quartiere, die alten Wohnviertel. Viele sind mittlerweile in einem desolaten Zustand. Vor allem die zentral gelegenen Hutongs geraten zunehmend unter Druck. Die Quartiere und ihre Bewohnerinnen und Bewohner müssen der boomenden Bauindustrie weichen.

Peking wird im Sommer 2008 Gastgeber der Olympischen Spiele sein. Mit diesem großen Event will man eine prosperierende und moderne Stadt vorzeigen, und ein "grünes" Peking ohne Smoghimmel. Denn die Stadt gilt als eine der am meisten verschmutzten Metropolen der Welt. Während der Olympischen Spiele soll deshalb ein Fahrverbot gelten. Dafür gab es im August schon einmal einen Testlauf. An vier Tagen durften die privaten Fahrzeuge jeweils nur mit geraden oder ungeraden Nummern auf die Straße. Das ließ den Verkehr zwar schneller fließen, aber der Smoghimmel blieb.

Hintergrund

Straße in PekingPeking leidet unter Luftverschmutzung (© Mike Christensen)
Zu den Olympischen Spielen im Sommer 2008 soll nicht nur ein Fahrverbot für einen blauen Himmel über Peking sorgen. Auch einzelne Fabriken werden dann abgeschaltet. So will Peking zumindest während des Sport-Events der hohen Luftverschmutzung zu Leibe rücken. Mittlerweile sind mehr als drei Millionen Autos auf den Straßen Pekings unterwegs, viele Fabriken sind überaltert. Die Ozon- und Feinstaubwerte in der Pekinger Luft liegen fast immer weit über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation. Neben der Luftverschmutzung leidet Peking auch unter Wassernot. Die Grundwasservorräte reichen nicht mehr aus, um die Stadt ausreichend zu versorgen. Große Pipeline-Projekte sollen nun den Wassermangel beseitigen.

Peking durchläuft zurzeit einen radikalen Wandel. Neben Schanghai soll auch die Hauptstadt zur Weltklasse aufsteigen. Unter Deng Xiaoping hatte ab den 1980er Jahren die Öffnung des Landes begonnen: Schrittweise wurden ausländische Investitionen zugelassen, Privateigentum wurde möglich. In den 1990er Jahren konnte die chinesische Volkswirtschaft mit enormen Wachstumsraten auftrumpfen: Seitdem prosperieren auch die Städte.

Superlative moderner Architektur
So herrscht in Peking derzeit ein wahrer Bau- und Wirtschaftsboom. Entlang des Chang' an Boulevards, der Ost-West-Achse, die südlich der Verbotenen Stadt verläuft, reihen sich die Büro- und Geschäftskomplexe aneinander – gedrungen wirkende Gebäude, begrenzt durch das Höhenlimit rund um die Verbotene Stadt. Erst ab dem dritten, vierten Stadtring schießen die Gebäude auch in die Höhe. Dort steht das China World Trade Center, ebenso der gigantische Wohnkomplex SOHO. Der Name ist dem New Yorker Stadtteil entliehen. Etwas abseits der breiten Straße entsteht die neue Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Entworfen von dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas ist die CCTV Zentrale zurzeit eines der spektakulärsten Hochhäuser Chinas. Und es ist nur der Anfang einer "neuen Stadt": Rund um die CCTV Zentrale entstehen hunderte neuer Hochhäuser.

Auch die Gebäude für die Olympiade 2008 zeichnen sich teils durch eine markante Architektur aus. Das Olympiagelände entsteht im Norden Pekings: 19 Wettkampfstätten werden neu gebaut, andere aufwändig renoviert. Herzstück wird der Olympia-Park sein: Im "Olympic Green", so der Name, werden tausende neuer Bäume gepflanzt. Dort findet sich das Schwimm- und Hallenstadion sowie das Olympiastadion. Letzteres hat aufgrund der Form seiner Stahlkonstruktion auch schon einen Spitznamen erhalten: Das Vogelnest. Architektonische Superlative sind zunehmend auch in der Hauptstadt zu finden. Peking wird zur World City ausgebaut.

Eingang zum KaiserpalastHeute eine Sehenswürdigkeit: Der Eingang zur Verbotenen Stadt (© Mike Christensen)
Die nördliche Hauptstadt
1.000 v. Chr. wurde die Stadt zum ersten Mal erwähnt. Anfang des 15. Jahrhunderts erlebte die Stadt ihre erste Blütezeit. Unter der Ming-Dynastie wurde Peking, wörtlich die "nördliche Hauptstadt", zum politischen Zentrum des chinesischen Reiches. Die Verbotene Stadt wurde erbaut: Auf über 700.000 Quadratmetern entstanden zahlreiche Paläste, Pavillons, Innenhöfe und Gärten umgeben von einer hohen Mauer. Abgeschirmt vom Volk regierten die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastie aus der Verbotenen Stadt heraus das Land. Das Zentrum wurde nicht zum öffentlichen Raum, sondern blieb den Mächtigen und ihrem Hofstaat vorenthalten.

Das Ende der letzten Dynastie, der Qing-Dynastie kam 1911. Mit der Gründung der Republik China verlegte die neue Nationalregierung die Hauptstadt nach Nanking. Nach den Kriegswirren nahmen Anfang 1949 die Kommunisten Peking ein. Noch im selben Jahr rief Mao Tse-tung die Volksrepublik China aus – auf dem Tiananmen-Platz.

Die riesige Freifläche erstreckt sich südlich der Verbotenen Stadt. Heute ist der Tiananmen-Platz, der "Platz des Himmlichen Friedens" umrahmt vom Mao-Mausoleum, dem National-Museum und der Großen Halle des Volkes, hier tritt der Nationale Volkskongress, das Parlament, zusammen. 1989 wurde auf dem Tiananmen-Platz der Studenten-Aufstand niedergeschlagen.

Pekings HochhäuserIn Peking herrschen Höhe und Dichte (© Ulf Meyer)
Migrationsbewegung in die Stadt
Nach 1949 wuchs die Bevölkerung Pekings jährlich um konstante 1,33 Prozent. 1960 zählte die Stadt schon fast fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. In den 1990er Jahren wuchs die Bevölkerung schneller: Das Wachstum lag bei jährlich 2,84 Prozent. Und so zählte Peking im Jahr 2000 9,7 Millionen Menschen. Am Stadtrand entstanden Vor- und Satellitenstädte. Der städtische Raum griff um sich und umschloss nach und nach auch dörfliche Siedlungen. Fast drei Millionen Menschen leben allein am "urbanen Rand".

Für das Bevölkerungswachstum Pekings in den letzten Jahren hat vor allem der Zuzug der Menschen vom Land gesorgt. In Peking wie überall in China herrscht seit den 1980er-Jahren eine strenge Geburtenkontrolle. Mit dem wirtschaftlichen Boom Chinas hat nun eine große Migrationsbewegung vom Land in die Stadt eingesetzt, denn der Aufschwung findet vor allem in den großen Ballungsräumen wie Peking statt. Schätzungsweise bis zu vier Millionen Wanderarbeiterinnen und -arbeiter leben in Peking. Zum Großteil ohne Registrierung und damit illegal. Verlässt man seinen Wohnsitz braucht es eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis, doch die kostet. Ebenso ist ein Arbeitsvertrag notwendig. Beides bringen viele der jungen Frauen und Männer vom Land nicht mit, wenn sie in der Stadt ihr Glück suchen. Diese "Illegalität" macht sie rechtlos gegenüber den Arbeitgebern, wenn zum Beispiel die Löhne ausbleiben. Der Bauboom Pekings beruht zu einem großen Teil auf diesen billigen Arbeitskräften. Sie leben in sanierungsbedürftigen Wohnhäusern am Stadtrand oder in den alten Quartieren der historischen Stadt. Und obwohl sie am Aufschwung Pekings mitbauen, sind sie nicht Teil der städtischen Gesellschaft.

Bevölkerung

Peking ist neben Schanghai die zweitgrößte Stadt Chinas. 2005 lebten in Peking 10,71 Millionen Menschen, in Schanghai waren es 14,5 Millionen. Bereits 1950 zählte Peking über vier 4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und war die zehntgrößte Stadt weltweit, vor Mumbai oder auch Mexiko-Stadt. Im Vergleich zu anderen Megastädten wuchs Peking langsam und kontrolliert. Bis Anfang der 1990er Jahre wuchs die städtische Bevölkerung gleichmäßig um 1,33 Prozent jährlich. Erst ab 1990 nahm das Wachstum zu und lag bei jährlich 2,84 Prozent. Seit 2000 hat es sich bei 1,83 eingependelt.

2015 wird China neben Peking und Schanghai eine weitere Megastadt haben. Die Hafenstadt Fuzhou mit 8,42 Millionen Menschen in 2005 wird dann die Zehn-Millionen-Grenze überschritten haben. Zurzeit liegt der Urbanisierungsgrad Chinas bei rund 40 Prozent. Das entspricht dem durchschnittlichen Urbanisierungsgrad Asiens von 39,8 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland hat die Verstädterung 75 Prozent erreicht.

Die ländliche Bevölkerung Chinas schrumpft zurzeit. Im Jahr 2000 nahm sie um 0,85 Prozent ab, Tendenz steigend. Hingegen wächst die städtische Bevölkerung, doch das Wachstum wird langsam abnehmen und 2010 bei noch +2,38 Prozent liegen. Im Jahr 2020 werden in China erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Zurzeit ist China das bevölkerungsreichtes Land der Welt. Doch die Bevölkerung Indiens wächst schneller. Indien wird voraussichtlich 2030 China als bevölkerungsreichtes Land ablösen, mit dann über 1,4 Milliarden Menschen.


Peking

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 4,33 Millionen
1960: 4,94
1970: 5,64
1980: 6,44
1990: 7,36
2000: 9,78
2005: 10,71
2010: 11,74*
2015: 12,85


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +1,33 %
1960: +1,33
1970: +1,33
1980: +1,33
1990: +2,84
1995: +2,84
2000: +1,83
2005: +1,83
2010: +1,81


Fläche und Bevölkerungsdichte
Peking umfasst insgesamt rund 17.000 km². 2005 lebten dort 15,38 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Damit lag die Bevölkerungsdichte bei nur 904 Menschen pro Quadratkilometer.
Die eigentliche Stadt plus Vorstädten umfasst etwa 8.800 Quadratkilometer. 2005 lebten dort 10,71 Millionen Menschen. Eine Bevölkerungsdichte also von 1.217 Menschen pro Quadratkilometer. In einzelnen Stadtteilen jedoch, so zum Beispiel in den alten Quartieren der historischen Stadt, liegt die Siedlungsdichte deutlich höher.


China

**

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 554 Millionen
1960: 657
1970: 830
1980: 998
1990: 1.155
2000: 1.273
2005: 1.315
2010: 1.354
2015: 1.392
2020: 1.423


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +0,65 %
2010: +0,56
2020: +0,24


Grad der Urbanisierung
2000: 35,8 %
2010: 44,9
2020: 53,2


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 455 Millionen (+3,08 %)
2010: 608 (+2,38)
2020: 757 (+1,57)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 818 Millionen (-0,85 %)
2010: 745 (-1,06)
2020: 666 (-1,38)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.
**Die Zahlen beziehen sich auf China ohne Hong Kong und Macao.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2005 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben

Soziale Situation
Im UN-Habitat Report 2005 finden sich keine Anaben zur sozialen Situation in Peking. Laut Angaben der Pekinger Behörden lag 2005 das Einkommen pro Kopf bei 17.653 Yuan, knapp 1.700 Euro. Laut UN Development Programme lag die Lebenserwartung im Jahr 2003 für Frauen bei knapp 80 und für Männer bei 76 Jahren. Fast 100 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchten 2003 die Grund- sowie Mittelschule, 87 Prozent gingen auf weiterführende Schulen und 68 Prozent besuchten eine Universität oder ein College.

Infrastruktur
Laut UN-Habitat hatten im Jahr 2000 fast 98 Prozent der Menschen in Peking Zugang zu Wasser. 47 Prozent der Haushalte waren an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. 92 Prozent der Menschen hatten im Jahr 2000 ausreichend Wohnraum, das heißt, laut UN-Definition, nicht mehr als drei Menschen lebten in einem Raum.

Religion und Sprache
In Peking wird Hochchinesisch gesprochen, jedoch auch eine Vielzahl der verschiedenen Dialekte. Denn fast alle der über 50 ethnischen Gruppen Chinas sind in der Hauptstadt vertreten. Zum Großteil leben in Peking Han-Chinesen. In Peking sind verschiedene Religionen vertreten, so vor allem der Buddhismus, ebenso Taoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus. Die Religionsfreiheit wird durch staatliche Kontrollen teils eingeschränkt.

Verkehr
2005 waren über 20.000 öffentliche Busse und 70.000 Taxen unterwegs. Neben Bussen sind Fahrräder nach wie vor ein wichtiges Verkehrsmittel. In Peking gibt es rund 3 Millionen zugelassene Autos. Die Zahl steigt, denn längst ist auch in China das Auto zum Prestigeobjekt geworden. Außerdem verfügt Peking über eine U-Bahn, die mit bislang zwei Linien jedoch nur einen kleinen Teil des Stadtgebiets abdeckt. Der Beijin International Airport hat sich zu einer wichtigen Drehscheibe des nationalen und internationalen Flugverkehrs entwickelt.


Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
China Human Development Report 2005, hrsg. von: United Nations Development Programme, 2005.


Links

Beijing Official Website

Beijing Municipal Bureau of Statistics

UNESCO-Weltkulturerbe: Die Verbotene Stadt

Peking: Olympische Spiele 2008

China Daily (englischsprachige Tageszeitung)
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