Skyline von Schanghai
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14.11.2007 | Von:
Ou Ning

Die Vergangenheit hat sich von uns verabschiedet

Der Pekinger Künstler Ou Ning über Fortschritt, die Olympischen Spiele und die Verdrängung des Alten

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bpb: Gemeinsam mit Cao Fei haben Sie ein Forschungs- und Filmprojekt über Da Zha Lan, ein traditionelles Viertel im Zentrum von Peking, umgesetzt. Warum haben Sie sich für Da Zha Lan entschieden?

Ou Ning: Wir beschäftigen uns schon immer besonders mit solchen Bezirken in Zentren wachsender Metropolen in China, die dicht mit armen Menschen bevölkert und eng bebaut sind. Aus unserer Sicht geht dieses Phänomen mit den sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen einher, die sich durch Chinas Urbanisierungsprozess ergeben. Im Jahr 2003 haben wir ein Dokumentar- und Forschungsprojekt über einen ähnlichen Bezirk durchgeführt, San Yuan Li in Guangzhou, einer Großstadt in Südchina. Das Projekt entstand 2003 im Rahmen der 50. Biennale von Venedig. 2005 erhielten wir finanzielle Unterstützung seitens der Kulturstiftung des Bundes, um das rasche Wachstum Pekings, angetrieben durch die Austragung der Olympischen Spiele 2008, zu untersuchen. Dabei haben wir über einen Monat lang verschiedene Orte in und um die Hauptstadt besucht und dort näher recherchiert. Letztendlich haben wir uns für den Stadtbezirk Da Zha Lan nahe dem Platz des Himmlischen Friedens entschieden. Dabei handelt es sich um einen Slum im Herzen von Peking mit zahlreichen historischen Bauten, in denen viele geringverdienende Migranten leben. Genau der Ort, nachdem wir gesucht hatten.


bpb: Was sind heute die Hauptprobleme in Da Zha Lan?

Da Zha LanAbriss und Schutt sind Alltag in Da Zha Lan (© Ou Ning)
Ou Ning: Das größte Problem für Da Zha Lan besteht in der rasanten Geschwindigkeit seines Verfalls. In der Vergangenheit war es das wichtigste Geschäftszentrum Pekings. Während der Ming- und Qing-Dynastien war dies der aktivste Bezirk des alten Peking, mit vielen Geschäften und viel Kundschaft. Sogar nach Anbruch der sozialistischen Ära 1949 blieben hier noch zahlreiche Läden und Einrichtungen als Zeugen des Wohlstands der Hauptstadt erhalten. In den 1990er Jahren änderten sich die Dinge, als das Zentrum Pekings in den Osten verlagert wurde, um mehr Raum für die Expansion zu schaffen. Ein Großteil der Investitionen wurde aufgrund der Nähe zum Tiananmen-Platz in den Chaoyang-Bezirk im Osten gepumpt. In Da Zha Lan dagegen dürfen Gebäude nicht höher sein als die historische Architektur der Verbotenen Stadt. So kam es zu einer unausgeglichenen Entwicklung der verschiedenen Stadtteile Pekings. Der östliche Teil der Stadt ändert sich täglich, während im Süden – wo sich Da Zha Lan befindet – die Entwicklung stagniert. Da Zha Lan leidet unter dem Konflikt zwischen Denkmalschutz und Stadtentwicklung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung selbst nicht in der Lage ist, diese hohe Belastung aufzufangen. Gleichzeitig mangelt es an Vertrauen in Chinas Eigentumsrechte und das Steuersystem, so dass kein Privatkapital in den Stadtteil fließt. Die Folge: Die städtischen und staatlichen Einrichtungen in Bezirken wie Da Zha Lan können nicht rechtzeitig auf den neuesten Stand gebracht werden. Die Eliten sind weggezogen. Die Mieten und der Lebensstandard fielen kontinuierlich. Migranten mit geringem Einkommen kamen. Das ehemals goldene Geschäftzentrum wurde schließlich zum Slum.

bpb: Peking erlebt einen gewaltigen Wandel. Seit den 1990er Jahren boomt die Stadt: Wolkenkratzer und neue Geschäftsviertel entstehen fast überall. Wie empfinden die Einwohner Pekings diesen Wandel?

Da Zha LanBlick in einen der alten Innenhöfe (© Ou Ning)
Ou Ning: Die meisten Stadtbewohner sind froh darüber, dass Peking zur Metropole wird. Im Vergleich zu ihren früheren Häusern – Wohnhöfen, die von vielen Familien geteilt wurden, mit hohem Brandrisiko und ohne private Badezimmer – ziehen sie offensichtlich moderne Wohnungen mit gut ausgestatteten Bädern und Küchen vor, bewacht von Sicherheitspersonal. Es mag sich von Zeit zu Zeit ein wenig Nostalgie einstellen, wenn sie an ihr altes Zuhause denken, doch nur wenige möchten tatsächlich zurückziehen. Die Menschen arbeiten gerne in modernen Bürogebäuden und kaufen in riesigen Shoppingzentren ein. Nur während der traditionellen Feiertage wie dem Chinesischen Neujahrsfest erinnern sie sich an Da Zha Lan und kaufen dort etwas im alten Stil als Souvenir. Ironischerweise können sich heutzutage nur die sehr Reichen diese alten Hofanlagen von damals leisten. Sie kaufen einen kompletten Hof und setzen die Bewohner vor die Tür. Moderne Einrichtungen werden hinzugefügt, damit es sich dort angenehm leben lässt. Während man versucht, alles zu standardisieren, ist das Leben im "hutong" – alte, enge Gassen mit Wohnhöfen zu beiden Seiten – zum Luxus geworden. Für eine Stadt oder ein Land ist der Drang nach Modernisierung mit gewaltigen Kosten verbunden. Unsere Geschichte und unsere Erinnerung sind dem so genannten Fortschritt zum Opfer gefallen. Wir haben für die angebliche Entwicklung einen enorm hohen Preis bei der Umwelt und im Sozialen bezahlt. Als wir die Modernisierung begeistert annahmen, wurde klar, dass sich die Vergangenheit von uns verabschiedet hatte. Als alles für den neuen Traum geopfert war, ist uns aufgefallen, dass das, was wir hatten, in Wirklichkeit von unbezahlbarem Wert war. Dies ist das Paradox der Geschichte.
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bpb: Was glauben Sie, welche wichtigen Verbesserungen haben Modernisierung und Städtewachstum den Menschen gebracht?

Da Zha LanIn Da Zha Lan geht der Abriss aber vorerst weiter (© Ou Ning)
Ou Ning: Die Modernisierung und Verstädterung hat die Geisteshaltung und die Ansichten der Menschen weitestgehend verändert. Aufgrund des großen wirtschaftlichen Aufschwungs konfisziert die Regierung mehr ländliche Gebiete für die Stadtentwicklung oder führt eine neue Städteplanung für alte Stadtteile ein. Dieser Prozess ist durch einen tiefen Konflikt der Interessen und Meinungen gekennzeichnet. Die Menschen sind sich in Zeiten des raschen Wandels ihrer Rechte zunehmend bewusst. Sie bringen sich stärker in staatliche Angelegenheiten ein, um ihre eigenen Interessen zu schützen. Sie fordern den Aufbau einer rechtmäßigen und gleichberechtigten Gesellschaft. Die Bürger wagen sich immer häufiger, die Städteplanungspolitik der Regierung zu kritisieren und kämpfen für ihre Rechte, wenn es im Verlauf des Entschädigungsprozesses durch Konfiszierung und Umsiedlung zu Ungerechtigkeiten kommt. Obwohl anfänglich mit großen Schwierigkeiten verbunden, bildet sich langsam eine bürgerliche Gesellschaft heraus, die mit einem Gefühl der eigenen Identität und dem Bewusstsein für die eigenen Eigentumsrechte die Stadt quasi mit überwacht. Dies wird der wichtigste Erfolg für China sein.

bpb: Peking wird Austragungsort der Olympischen Spiele 2008. Wird dieses Großereignis lediglich neue Baustellen bedeuten, wie z. B. den Olympischen Park? Oder wird es auch die urbane Mentalität der Menschen in Peking verändern?

Ou Ning: Die Olympischen Spiele 2008 werden die Urbanisierung Pekings noch beschleunigen. Dies bringt nicht nur symbolträchtige Bauten mit sich, sondern hat auch Pekings Immobilienmarkt angekurbelt und die Preise in die Höhe getrieben. Dies hat nicht nur die Luftqualität und das Transportwesen der Stadt verbessert, sondern auch mehr Menschen in die Stadt gebracht. Es hat nicht nur dazu geführt, dass Taxifahrer darauf brennen, Englisch zu lernen, sondern auch dazu, das IT- sowie Medien- und Kreativberufe heiß begehrt sind. Für die chinesische Zentralregierung bietet sich eine großartige Gelegenheit, die nationale Identität im Zeitalter der Globalisierung neu zu gestalten. Es dient auch als politische Möglichkeit, sich kritisch auszutauschen. Die kommenden Spiele werden aber nicht nur die Zuversicht der Pekinger um ein Hundertfaches steigern, sondern bei den Chinesen auch die verrückte Vorstellung des wiederauferstehenden Drachen und den Traum von der Supernation im 21. Jahrhundert beflügeln.

bpb: Neben Peking gibt es in China noch eine weitere florierende Megastadt: Schanghai. Wie unterscheiden sich diese beiden Städte im Bezug auf Wachstum und urbane Entwicklung?

Ou Ning: Schanghai ist eine Wirtschaftsstadt. Sie verfügt in ihrem Stadtbild über kein ersichtliches Zentrum. Peking dagegen ist eine politische Stadt. Als Machtzentrum Chinas wurde die Stadt durch Ringstraßen um den Kaiserpalast herum erweitert. Schanghais Innenstadtbereich hat kleinere Straßen, engere Straßennetze und bietet bessere Verkehrsbedingungen für Fußgänger. In Peking verlaufen breite Straßen als Hauptadern für den Transport; regionale Verbindungen sind dagegen weniger ausgebaut. Es kommt daher häufig zu Staus und für Fußgänger bleibt nur wenig Platz. In Schanghai werden westliche Werte hochgehalten; die Stimmung ist sehr geschäftig. Hier fühlt man sich dem geistigen Erbe des frühen Kapitalismus verschrieben und möchte ein frisches Image im heutigen globalen Wettbewerb vertreten. Peking ist ebenfalls auf dem Weg hin zur Internationalisierung, glaubt aber dabei noch an die große Macht der Tradition und an ihre Aussicht auf Erneuerung. Die Werte sind sehr unterschiedlich und durch verschiedene Interessen geprägt. Die Kulturszene boomt. Mit ihrer recht konservativen Haltung und aufgrund ihrer begrenzten politischen Entwicklungsmöglichkeiten steht die Stadt Schanghai in politischer Hinsicht auf dem zweiten Rang. Peking ist das politische Zentrum Chinas. Alle wichtigen nationalen Institutionen haben hier ihren Sitz. In der Stadt wird über das Schicksal Chinas entschieden.

bpb: Herr Ou Ning, was gefällt Ihnen an Peking am besten?

Da Zha LanDie Liangshidian Straße in Da Zha Lan (© Ou Ning)
Ou Ning: Die lässige und offene Persönlichkeit Pekings gefällt mir am besten. Hier zu leben bedeutet, dass ich tun und lassen kann, was ich will und keinen Trends, keinen einheitlichen Standards folgen muss. In Peking kann man isoliert leben oder so vielen sozialen Netzwerken wie nur möglich zugehören. Egal wie man als Person ist, wie man lebt, hier wird einen niemand merkwürdig finden und behelligen. Dazu kommt, dass Peking sowohl das Alte würdigt als auch gleichzeitig Neues entwickelt. Dieser Gegensatz ist sehr charmant und erfüllt den eigenen Alltag mit Inspiration und Leidenschaft. Dies ist der Hauptgrund, warum ich letztes Jahr von Guangzhou nach Peking gezogen bin.


Weitere Informationen: Da Zha Lan Project

Das Interview führte Sonja Ernst
Übersetzung aus dem Englischen Mia Rimac
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