Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

São Paulo

Motor der brasilianischen Wirtschaft

Hintergrund

Blick auf Sao PauloFast jeder Quadratmeter in São Paulo ist bebaut. (© Eric Christian Knutsson)
Im Gegensatz zu vielen anderen südamerikanischen Großstädten, ging São Paulo nicht aus einer prä-europäischen Siedlung hervor. Im Zuge der portugiesischen Kolonisation gründeten jesuitische Missionare 70 Kilometer von der Hafenstadt Santos entfernt im Landesinneren am 25. Januar 1554 ein Kloster zu Ehren des Apostels Paulus. Hier beginnt die Geschichte São Paulos, das anfangs noch Santos unterstellt war.

Der Aufstieg zur Metropole nahm am Ende des 19. Jahrhunderts seinen Lauf: Begünstigt durch den Bau von Eisenbahnlinien und den Hafen von Santos, wurde São Paulo zu einem der wichtigsten Handelsplätze für Kaffee. Bei der ersten Volkszählung 1872 wurden 32.000 Einwohner gezählt, bereits 1890 waren es schon mehr als doppelt so viele – überwiegend portugiesische Einwandererinnen und Einwanderer und Menschen, die aus Afrika verschleppt und versklavt wurden. Mit dem Aufstieg von São Paulo geht auch der Wandel von der Sklavenwirtschaft zur geregelten Lohnarbeit einher.

Im öffentlichen Raum herrscht Werbeverbot
Im Zuge des Booms kamen Facharbeiter und Handwerker, darunter viele aus Italien, aber auch Deutschland, Polen und Portugal; später auch Japaner sowie Menschen aus dem Nahen Osten. Mit dem Aufstieg der Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte bewusst forciert. Man schätzt, dass um 1900 im gesamten Bundesstaat São Paulo 90 Prozent der Arbeiter aus dem Ausland kamen. In den 1930er Jahren überschritt die Einwohnerzahl erstmals die Millionengrenze. Bis heute hat São Paulo multi-kulturelle Züge: Es gibt viele Stadtviertel, die von den Nachfahren der damaligen Einwanderer bis heute geprägt sind. So gibt es das italienische Viertel Bela Vista, das asiatische Viertel Liberdade sowie Brooklin Paulista, wo sich deutsche Einflüsse finden.

Sao Paulo: Straßenschluchten und HochhäuserDie Stadt drängt in die Höhe (© Eric Christian Knutsson)
Das Stadtbild ist bestimmt durch eine sehr dichte Bebauung mit Hochhäusern, deren Zahl scheinbar unablässig zunimmt. Zwischen 1922 und 1930 entstand mit dem Edificio Martinelli der erste Wolkenkratzer Südamerikas, Besitzer war der italienische Einwanderer Giuseppe Martinelli.

Längst haben die vielen Hochhäuser dazu geführt, dass die Stadt unstrukturiert und chaotisch wirkt. Markante Orientierungspunkte gibt es kaum. Der prominenteste Straßenzug ist die ehemalige Villenstraße Avenida Paulista, heute eine gigantische Hochhausschlucht mit riesigen Shopping Malls und luxuriösen Apartments. Zentral gelegene Grünflächen wie den Ibirapuera-Park finden sich selten. Eine Besonderheit in dieser scheinbar wild wuchernden und unkontrollierbaren Stadt, ist es, dass es so gut wie keine Reklametafeln und Plakatwände gibt: 2007 wurde in São Paulo ein völliges Werbeverbot im öffentlichen Raum beschlossen.

Überschwemmungen in der Regenzeit
Wie fast alle Megastädte hat São Paulo mit ökologischen Problemen zu kämpfen. Die Luftverschmutzung ist extrem hoch. Außer der Luft sind auch die Flüsse der Stadt stark verschmutzt. Weil ein großer Teil des Stadtgebietes bebaut ist und die Böden versiegelt sind, kommt es in der Regenzeit zu Beginn des Jahres regelmäßig zu Überschwemmungen. Das verschmutzte Wasser der Flüsse Rio Tietê und Rio Pinheiros flutet dann in die Wohngebiete, so dass das Alltagsleben stark eingeschränkt ist: Die Verkehrswege sind unbrauchbar, und der Gestank ungeklärter Abwässer von Industrie und Privathaushalten durchdringt die Luft.

Sao Paulo: Blick in die StadtSão Paulo ist eine multi-kulturelle Metropole. (© Eric Christian Knutsson)
Wie in ganz Brasilien ist die Kluft zwischen Arm und Reich sehr groß. Im Jahr 2002 lebten 6,5 Prozent der Stadtbevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In den Favelas – den informellen Siedlungen, die am Stadtrand liegen und überwiegend durch Armut geprägt sind – ist die Kriminalitätsrate hoch. Überfälle auf PKWs und Busse sowie Entführungen sind keine Seltenheit. Das Viertel Jardim Ângela, im Südosten von São Paulo gelegen, weist eine der höchsten Kriminalitätsraten bei Kapitaldelikten auf. 1996 wurde das Gebiet von der UN als "gewalttätigste Region der Erde" eingestuft. Nach einigen der aktuellen Statistiken kommen in Jardim Ângela auf 100.000 Einwohner 166 Mordopfer – das ist weltweit der höchste Wert.

Das starke soziale Gefälle und die daraus resultierende hohe Kriminalitätsrate sowie das tägliche Verkehrschaos und die Umweltprobleme machen São Paulo aber anscheinend nicht weniger attraktiv: Jährlich kommen 9,3 Millionen Urlauber sowie Geschäftsreisende in die Metropole. Damit liegt São Paulo noch vor Rio de Janeiro und ist somit auch unter touristischen Gesichtspunkten führend in Brasilien.


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