Skyline von Schanghai

13.9.2007 | Von:
Ulf Meyer

Das Zeitalter der Megastädte

Zum Stand der internationalen Debatte

Städte sind Wirtschaftsmotoren. Sie sind Orte der Kultur, Kunst und Bildung. Verstädterung bedeutet aber auch städtische Armut, ausufernde Slums und soziale Ausgrenzung. Wie also sollen wir die Stadt und die fortschreitende Urbanisierung bewerten? Hemmt das städtische Wachstum die Entwicklung auf dem Land? Der Architekturjournalist Ulf Meyer führt in die Debatte ein.

Während hierzulande – besonders, aber nicht ausschließlich im Osten – viele Städte schrumpfen und "zurückgebaut" werden, sprießen weltweit betrachtet die Megastädte wie nie zuvor: Ihr urbanes Wachstum ist ungehemmt und die "Urbanisierung der Welt" galoppiert, angetrieben von einem atemberaubenden Bevölkerungswachstum, zunehmender wirtschaftlicher Liberalisierung und der immer engeren Verknüpfung der Weltwirtschaft.

Die zukünftige Menschheits- und Umweltentwicklung wird zum Großteil in den Megastädten entschieden und von ihrer Planung, Gestaltung und Nachhaltigkeit hängt die urbane Zukunft ab: Noch 1950 war New York die einzige Stadt der Welt mit mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Heute sind es 20, Tendenz steigend. Der größte städtische Ballungsraum der Welt ist Tokio mit über 35 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Noch schwindelerregender sind die Einwohnerzahlen der städtischen Ballungsräume: In China leben im Yangtze-Delta schon 87, im Perlflussdelta 40 und im Beijing-Tianjin-Korridor 27 Millionen Menschen dichtgedrängt in urbanen Agglomerationen, die wie im Ruhrgebiet in Deutschland aus mehreren Städten zusammengeschmolzen sind.


Wirtschaftlich liegen Welten zwischen den Metropolen in Ost und West und Nord und Süd: Während das Wirtschaftswachstum in den chinesischen Großstädten in den 1990er Jahren von niedrigem Niveau aus stürmisch empor schnellte, stagnierte es weitgehend in reiferen städtischen Ökonomien wie der von Tokio oder auch Kuala Lumpur und Bangkok, Metropolen der asiatischen Tigerstaaten. Trotz der schnell alternden Gesellschaften in reichen Nationen wie Japan beispielsweise schrumpft auch in der Megalopolis Nippons die Bevölkerung kaum: Seit dem Zerplatzen der Spekulationsblase hat Tokio selbst als Wohnstandort sogar wieder deutlich an Attraktivität gewonnen.

Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen untersuchen das Phänomen des explodierenden städtischen Wachstums genauer: Vom Städtebau über die Energieversorgung bis zur urbanen Gesundheitsversorgung – das sind die Themen im Mega-City-Diskurs. Ob die schnelle Urbanisierung überwiegend eine wirtschaftliche und politische Chance ist, weil sie hilft, mittelständische, bürgerliche, demokratie-affine (Stadt-)Gesellschaften herauszubilden oder ob die Verstädterung überwiegend zu Armut, Slumbildung, Radikalisierung, Umweltverschmutzung und Pandemien führt, ist in der Debatte heiß umstritten. Während einige Beobachter Urbanismus als das künftige und tragbare Gesellschaftsmodell schlechthin betrachten, bezweifeln Kritiker die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit von Megastädten.

Zwei westliche Stimmen

Es ist nicht ohne Ironie, dass die Debatte über die Megastädte Asiens, Südamerikas und Afrikas in erster Linie im Westen und damit von fernen Beobachtern geführt wird: Zu zwei der bekanntesten und profiliertesten Autoren, die sich mit dem Phänomen des weltweiten Stadtwachstums kreativ auseinandersetzen, gehören der amerikanische Kritiker Mike Davis mit seinem Buch "Planet of Slums" und der niederländische Star-Architekt Rem Koolhaas.

Davis, ein "Sozialkommentator, Soziologe und Historiker" wurde durch seine politisch-soziologischen Untersuchungen urbaner Entwicklungen bekannt. Als selbsternannter "marxistischer Umweltschützer" hatte er sich von der "City of Quartz" (1994), seiner Heimatstadt Los Angeles als Exempel einer Stadt der ersten Welt, die Elemente einer Stadt der Dritten Welt in sich trägt, inhaltlich mit seiner neuesten Veröffentlichung "Planet der Slums" (2006, deutsch 2007) auf eine globalere Betrachtungsebene hervorgearbeitet. Weil sowohl in der westlichen Welt als auch in der Dritten Welt mittlerweile die städtische Bevölkerung überwiegt und die großen Städte zunehmend "stadtstaatlichen Charakter" annehmen, der mit der Macht des jeweiligen Nationalstaats konkurriert, gewinnen Davis` Betrachtungen auch außerhalb der Stadtsoziologie zunehmende Beachtung.

Rem Koolhaas hingegen hat schon seit der Gründung seines "Office for Metropolitan Architecture (OMA)" 1975 eine wichtige Rolle in der weltweiten Architektur- und Stadtdiskussion gespielt, auch wenn seine Herangehensweise nicht akademisch, sondern künstlerisch geprägt ist: Schon in "Delirious New York: A Retroactive Manifesto of Manhattan" von 1978 hat Koolhaas Manhattan als typisches Beispiel der Großstadt interpretiert, deren Charakter sich in der "Kultur der Verdichtung" manifestiert. Die Dichte der Großstadt und ihre innere Widersprüchlichkeit in ästhetischer, sozialer und kultureller Hinsicht machen Koolhaas zufolge deren Reiz und Qualität aus. Viele von Koolhaas collagenartigen und labyrinthischen Architekturentwürfen sind von diesem Verständnis der Stadt geprägt. In seinem 1995 veröffentlichten Manifest "S, M, L, XL" gelang es ihm, die Fachöffentlichkeit auch auf faszinierende Phänomene der Selbstorganisation in aufstrebenden Dritt-Welt-Metropolen wie Lagos in Nigeria zu lenken, deren Betrachtung zugleich Zynismus und Bewunderung ausstrahlen.


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