Skyline von Schanghai

13.9.2007 | Von:
Ulf Meyer

Das Zeitalter der Megastädte

Zum Stand der internationalen Debatte

Stadt gegen Land

Viele Probleme der Megastädte resultieren aus dem Einkommensgefälle ihrer Bewohner und der begrenzten finanziellen Möglichkeiten zur Bewältigung der administrativen und infrastrukturellen Probleme. Die Vormachtstellung von Megastädten gegenüber den umgebenden Regionen bzw. Staaten resultiert oft aus der hohen Konzentration von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Funktionen in der Megastadt. Die Ansiedlung der bedeutsamsten Unternehmen ist oft Motor dieser Polarisierung. Den hochbezahlten, städtischen Berufsgruppen steht die Masse von Unbeteiligten gegenüber. Das Stadtwachstum hemmt oft die wirtschaftliche Entwicklung der übrigen Landesteile und fördert somit die weitere Migration in die Megastadt. Während die städtische Agglomeration sich wirtschaftlich entwickelt, profitieren weite Teile des Landes nicht. Die soziale Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten führt zu Problemen, die für die Stadtverwaltungen nicht lösbar sind: Hohe Arbeitslosigkeit, fehlender Wohnraum, Gesundheits- und Ernährungsprobleme, ungenügende Wasserver- und Abwasserentsorgung, überfüllte Verkehrswege, Umweltverschmutzung sowie steigende Kriminalitätsraten.

Uneins sind sich die Experten, wie die schnell wachsende Bedeutung der "informellen Ökonomie" zu bewerten ist, wie sie fast alle und besonders die ärmeren Megastädte stark prägt: Der International Labour Organization (ILO) zufolge weitet sich der informelle Sektor dort schnell aus und erreicht bereits mehr als ein Drittel des Bruttosozialprodukts. Für den Arbeitsmarkt ist er noch essentieller: Bis zu 70 Prozent aller Beschäftigten in den ökonomisch sich entwickelnden Staaten gehen einer informellen Beschäftigung nach. Während der informelle Sektor einerseits den Massen von oft geringqualifizierten Zuwanderern Zugang zum Arbeitsmarkt verschafft, sehen Kritiker die Gefahr einer "Parallelökonomie", in der ohne Vertrag, ohne soziale Sicherung und unter prekären Arbeitsschutzbedingungen gearbeitet werden muss.

PekingIn Peking hat der Stadtumbau begonnen. (© Ulf Meyer)
Spätestens wenn Peking 2008 die Olympischen Sommerspiele veranstaltet und zwei Jahre später Schanghai die nächste Weltausstellung, wird die globale Medienaufmerksamkeit verstärkt auf die "neuen" Mega-Städte fallen. Beide Metropolen putzen sich derzeit mit einem radikalen Stadtumbau als "erste chinesische Weltstadt" heraus. Doch wichtiger als Prestigeprojekte wie die Olympischen Spiele oder die Weltausstellung, ist die Entwicklung der Masse der Metropolen, deren Namen in Europa niemand kennt: Schon in weniger als zwanzig Jahren werden nach einer Schätzung der Asian Development Bank von 1998 über zwei Milliarden Menschen allein in den Metropolen der Pazifikanrainerländer leben. Shenzhen in Süd-China zum Beispiel soll erfolgreich als ökonomische Modellstadt die Zukunft des Landes vorexerzieren. Direkt an einer extremen Wohlstandsgrenze gelegen, profitiert die vergleichsweise arme, aber boomende Instant-Stadt ökonomisch von der Anziehungskraft der reicheren, aber auch saturierteren benachbarten Metropole Hongkong.

Wirtschaftlich, politisch, religiös und kulturell sind die weltweiten Mega-Citys so heterogen wie die Welt selbst. Gemeinsam ist ihnen lediglich das rapide Stadtwachstum und die pressierenden Probleme ebenso wie die enormen Chancen, die sie zum Aufbau einer zivilen Gesellschaft bieten. Die fachliche und populäre Debatte in Deutschland tut deshalb gut daran, über die näherliegenden und bisweilen nicht minder dringlichen Probleme der "Shrinking Cities" den Blick auf die rasende Urbanisierung der Welt nicht zu verlieren.


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