Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Mike Davis

Planet der Slums

Urbanisierung ohne Urbanität

Der amerikanische Stadtforscher Mike Davis hat mit seinem Buch "Planet der Slums" einen Bestseller geschrieben. Der Autor zeichnet darin eine unheilvolle Zukunft der Städte. Davis beklagt eine Urbanisierung ohne Urbanität und die Verklärung der informellen Ökonomie in den Städten. Langfristig sei die wachsende städtische Armut der Nährboden für eine Radikalisierung. Mit dem Artikel bietet Davis einen Überblick über die Thesen seines Buches.

Der Planet der Slums ist etwas absolut Neues. Erst seit wenigen Jahren sind wir in der Lage, die globale Dimension der Urbanisierung zu erkennen. So erstaunlich es klingt, aber in den klassischen Sozialwissenschaften – egal ob bei Marx, Weber oder auch in der Modernisierungstheorie aus den Zeiten des Kalten Krieges – ist nirgendwo antizipiert worden, was mit der Stadt in den letzten 30 oder 40 Jahren geschehen ist. Niemand sah das Aufkommen einer großen Klasse voraus, die überwiegend aus jugendlichen Stadtbewohnern besteht, welche keine reguläre Beziehung zur Weltwirtschaft haben und auch keine Chance, jemals in eine solche zu treten. Bei dieser informellen Arbeiterklasse handelt es sich weder um das Lumpenproletariat von Karl Marx, noch um das "Slum der Hoffnung" voller Menschen, die letztlich Anschluss an die reguläre Wirtschaft finden werden, wie man es sich vor 20 oder 30 Jahren vorstellte. Abgedrängt an die Peripherie der Städte und gewöhnlich ohne Zugang zur traditionellen Kultur dieser Städte stellt diese informelle globale Arbeiterklasse eine präzedenslose Erscheinung dar, die kein Theoretiker vorhersah.


Bis vor kurzem gab es keine zuverlässigen Daten, aber die Habitat-Organisation der Vereinten Nationen hat enorme Anstrengungen unternommen, neues Datenmaterial, Volkszählungen und Fallstudien einzubeziehen, um der Debatte über unsere städtische Zukunft eine zuverlässige Datengrundlage zu verschaffen. Dem vor drei Jahren vorgelegten Habitat-Report [1]kommt ähnlich bahnbrechende Bedeutung zu wie den großen Untersuchungen zur städtischen Armut im 19. Jahrhundert von Friedrich Engels, Henry Mayhew, Charles Booth oder, im Hinblick auf die Vereinigten Staaten, von Jakob Riis.

Den vorsichtigen Berechnungen des Berichts zufolge leben gegenwärtig eine Milliarde Menschen in Slums, und mehr als eine Milliarde kämpft in irregulären Arbeitsverhältnissen ums Überleben. Das Spektrum reicht von Straßenhändlern über Tagelöhner, Kindermädchen und Prostituierte bis hin zu Menschen, die ihre eigenen Organe zur Transplantation verkaufen. Dies sind bestürzende Zahlen, die um so mehr beunruhigen müssen, als unsere Kinder und Enkel die Menschheit auf ihrem quantitativen Höchststand erleben werden. Irgendwann um 2050 oder 2060 wird die menschliche Bevölkerung der Erde ihr Maximum erreichen, wahrscheinlich bei ungefähr zehn oder zehneinhalb Milliarden. Diese Zahl liegt zwar weit unter den apokalyptischen Vorhersagen der Vergangenheit, aber nicht weniger als 95 Prozent dieses Wachstums wird sich in den Städten des Südens abspielen. Das bedeutet: Das gesamte künftige Wachstum der Menschheit wird in Städten erfolgen, ganz überwiegend in armen Städten, und mehrheitlich in Slums.

Die Urbanisierung der Armut

Urbanisierungen nach dem klassischen Modell – wie in Manchester, Chicago, Berlin oder St. Petersburg – gibt es auch heute noch in China und in einigen anderen Weltgegenden. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass die industrielle Revolution in Chinas Städten vergleichbare Entwicklungen anderswo ausschließt. Sie absorbiert alle Kapazitäten für Erzeugnisse der Leichtindustrie – und zunehmend auch für alles andere. Aber in China und in der chinesischen sowie einigen angrenzenden Volkswirtschaften kann man immer noch städtisches Wachstum beobachten, das von einem industriellen Motor vorangetrieben wird. Überall sonst findet es weitgehend ohne Industrialisierung statt – und, was noch schockierender ist, fast ohne jegliche Entwicklung, gleich welcher Art. Darüber hinaus haben die, historisch gesehen, großen Industriestädte des Südens – Johannesburg, São Paulo, Mumbai, Bello Horizonte, Buenos Aires – während der vergangenen 20 Jahre allesamt unter einer massiven Deindustrialisierung gelitten; der absolute Rückgang der Beschäftigtenzahlen im produzierenden Gewerbe betrug zwischen 20 und 40 Prozent.

Die heutigen Mega-Slums entstanden überwiegend während der 70er und 80er Jahre. Vor 1960 stellte sich die Frage anders herum: Warum wuchsen die Städte in der "Dritten Welt" so langsam? Damals gab es nämlich gewaltige institutionelle Hindernisse auf dem Weg einer schnellen Urbanisierung. Die Kolonialreiche beschränkten noch den Zugang zu den Städten, während in China und anderen stalinistischen Staaten ein innerstaatliches Passsystem für eine Kontrolle sozialer Rechte und damit der Binnenmigration sorgte. Der große Boom der Städte setzt in der 60er Jahren mit der Entkolonialisierung ein. Aber zu jener Zeit behaupteten zumindest die revolutionären Nationalstaaten, der Staat könne bei der Bereitstellung von Wohnraum und Infrastruktur eine zentrale Rolle spielen. In den 70er Jahren beginnt der Staat sich dann jedoch zurückzuziehen, und mit den 80er Jahren, dem Zeitalter der Strukturanpassungen, erlebten Lateinamerika und in noch stärkerem Maße Afrika eine Dekade der Rückentwicklung. Zur gleichen Zeit wuchsen im subsaharischen Afrika die Städte schneller als viktorianische Industriestädte in ihrer Boomperiode – boten aber gleichzeitig immer weniger reguläre Arbeitsplätze.

Grenzen eines "Urbanismus von unten"

Wie war es möglich, dass Städte ohne ökonomische Entwicklung im klassischen Sinne ihr Bevölkerungswachstum weiter fortsetzten? Oder, anders gefragt, warum sind die Städte der Dritten Welt angesichts dieser Widersprüche nicht explodiert? Nun, in gewissem Sinne taten sie es. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gab es überall auf der Welt Aufstände gegen die Verschuldung, gegen den Internationalen Währungsfonds. In den 80er Jahren entdeckten die Weltbank, Entwicklungsökonomen und große Nichtregierungsorganisationen, dass die Leute – trotz der fast vollständigen Abkehr von der interventionistischen Politik des Staates bei der Planung und Bereitstellung von Wohnungen für arme Stadtbewohner – irgendwie trotzdem immer noch Unterkunft fanden, Siedlungen bauten und überlebten. Dies führte zum Aufstieg einer Art neoliberaler "Selbsthilfe-Schule der Urbanisierung": Man gebe armen Menschen die Mittel an die Hand und sie werden sich selbst Häuser bauen und ihre eigenen Viertel organisieren. Teilweise handelte es sich dabei um eine durchaus gerechtfertigte Würdigung eines "Urbanismus von unten"; aber in den Händen der Weltbank wurde daraus ein ganz neues Paradigma: Der Staat ist erledigt, zerbrecht euch nicht den Kopf über den Staat; arme Menschen sind in der Lage, in der Stadt zu überleben. Sie brauchen bloß einige kleine Darlehen, und dann schaffen die Armen auf wundersame Weise ihre eigenen urbanen Welten und ihre eigenen Jobs.

Meine Studie "Planet der Slums" schließt an den UN-Challenge-Report an, der uns die Augen dafür öffnete, dass die globale Beschäftigungskrise in den Städten unsere gemeinsame Zukunft ähnlich massiv bedroht wie der Klimawandel. Es handelt sich zugebenermaßen um eine Art "Reise im Lesesessel" in die Städte der Armen, doch stellt meine Arbeit den Versuch dar, Schlüsse aus einer Unmenge an Fachliteratur über städtische Armut und irreguläre Siedlungen zu ziehen. Dabei ergaben sich zwei grundlegende Schlussfolgerungen.

Erstens: Siedler finden keine Freigelände mehr vor, in manchen Fällen bereits seit langem nicht mehr. Wer ein Stück freies Land sucht, um eine Hütte darauf zu bauen, hat heutzutage nur noch eine Möglichkeit, nämlich einen Bauplatz zu wählen, der so gefährlich ist, dass er keinerlei Marktwert besitzt. Irreguläre Siedlungen erweisen sich so mehr und mehr als "Wette auf die Katastrophe". Wenn man beispielsweise von Kalifornien aus die mexikanische Grenze überquert und ein paar Meilen in Richtung Tijuana fährt, springt bald ins Auge, dass Landstreifen, auf denen einst irreguläre Hüttensiedlungen entstanden, jetzt als – manchmal sogar parzelliertes und erschlossenes – Bauland verkauft werden. In Tijuana können die ganz Armen ihre Hütten in der früher üblichen Weise nur noch an den Rändern von Schluchten und in Flussbetten errichten, wo sie nur wenige Jahre überstehen werden. Und so sieht es überall in der Dritten Welt aus.

Die Verklärung der informellen Ökonomie

Selbst das "Squatting", das Siedeln auf "herrenlosem" Land, ist privatisiert worden. In Lateinamerika nennt man es "Piraten-Urbanisierung". Wo vor 20 Jahren die Leute unbebautes oder leeres Land besetzt und der Vertreibung widerstanden hätten sowie am Ende vom Staat anerkannt, legalisiert worden wären, zahlen sie heute hohe Preise für kleine Parzellen oder, wenn sie sich das nicht leisten können, mieten sie diese von anderen Armen. In einigen Slums besteht die Mehrheit der Ansiedler nicht aus "Besetzern", sondern aus Vermietern. Wenn Sie nach Soweto (in Johannesburg, Südafrika) gingen, könnten Sie beobachten, dass die Leute ihre Hinterhöfe mit Wellblechhütten füllen, die sie vermieten. Für Millionen armer städtischer Hüttenbewohnerinnen und -bewohner, die lange genug in der Stadt leben, um ein bisschen Land erwerben zu können, besteht die wichtigste Überlebensstrategie darin, dieses Land in kleinere Teile aufzuteilen und noch ärmere Menschen zur Miete darauf wohnen zu lassen, die ihr Stück Land ihrerseits manchmal noch weiter aufteilen und an andere verpachten. So zeigt sich, dass ein entscheidendes Sicherheitsventil, nämlich diese oft verklärte Zuflucht zu "herrenlosem" städtischen Siedlungsland, kaum noch funktioniert.

Die andere wesentliche Schlussfolgerung meiner Untersuchung betrifft die informelle Ökonomie – die Fähigkeit der Armen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, indem sie amtlich nicht erfassten wirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen, indem sie als Straßenhändler, Tagelöhner oder Haushaltshilfen arbeiten oder gar durch "Subsistenz-Kriminalität" überleben. Diese Art informelle Ökonomie ist womöglich noch stärker verklärt worden als das "Besetzen"; dabei wurden dem Mikro-Unternehmertum enorme Möglichkeiten zugeschrieben, Menschen aus der Armut herauszuhelfen. Aber Unmengen von Fallstudien aus allen Ecken der Welt belegen, dass immer mehr Menschen in eine begrenzte Zahl von Überlebensnischen gedrängt werden: Es gibt einfach zu viele Rikschafahrer, zu viele Straßenhändler, zu viele afrikanische Frauen, die ihre Hütten in Verkaufsstände verwandeln, um Schnaps zu verkaufen, zu viele Leute, die gegen Geld Wäsche waschen, zu viele Leute, die vor Fabriken und Arbeitsgelegenheiten Schlange stehen.

Das heißt: Die beiden wesentlichen Mechanismen zur Unterbringung der Armen in Städten, in die der Staat schon seit langem nicht mehr investiert, erreichen just in dem Moment ihre Wirkungsgrenzen, in dem sich abzeichnet, dass wir es während der nächsten zwei Generationen mit fortgesetzt anhaltendem Hochgeschwindigkeitswachstum in armen Städten zu tun haben werden. Die Unheil verkündende, aber auf der Hand liegende Frage lautet: Wenn es kein Neuland mehr zu erschließen gibt, was dann?

Fußnoten

1.
UN-Habitat, The Challenge of the Slums: Global Report on Human Settlements 2003, London 2003.

Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen