Skyline von Schanghai
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Planet der Slums

Urbanisierung ohne Urbanität


27.8.2007
Der amerikanische Stadtforscher Mike Davis hat mit seinem Buch "Planet der Slums" einen Bestseller geschrieben. Der Autor zeichnet darin eine unheilvolle Zukunft der Städte. Davis beklagt eine Urbanisierung ohne Urbanität und die Verklärung der informellen Ökonomie in den Städten. Langfristig sei die wachsende städtische Armut der Nährboden für eine Radikalisierung. Mit dem Artikel bietet Davis einen Überblick über die Thesen seines Buches.

Der Planet der Slums ist etwas absolut Neues. Erst seit wenigen Jahren sind wir in der Lage, die globale Dimension der Urbanisierung zu erkennen. So erstaunlich es klingt, aber in den klassischen Sozialwissenschaften – egal ob bei Marx, Weber oder auch in der Modernisierungstheorie aus den Zeiten des Kalten Krieges – ist nirgendwo antizipiert worden, was mit der Stadt in den letzten 30 oder 40 Jahren geschehen ist. Niemand sah das Aufkommen einer großen Klasse voraus, die überwiegend aus jugendlichen Stadtbewohnern besteht, welche keine reguläre Beziehung zur Weltwirtschaft haben und auch keine Chance, jemals in eine solche zu treten. Bei dieser informellen Arbeiterklasse handelt es sich weder um das Lumpenproletariat von Karl Marx, noch um das "Slum der Hoffnung" voller Menschen, die letztlich Anschluss an die reguläre Wirtschaft finden werden, wie man es sich vor 20 oder 30 Jahren vorstellte. Abgedrängt an die Peripherie der Städte und gewöhnlich ohne Zugang zur traditionellen Kultur dieser Städte stellt diese informelle globale Arbeiterklasse eine präzedenslose Erscheinung dar, die kein Theoretiker vorhersah.

Bis vor kurzem gab es keine zuverlässigen Daten, aber die Habitat-Organisation der Vereinten Nationen hat enorme Anstrengungen unternommen, neues Datenmaterial, Volkszählungen und Fallstudien einzubeziehen, um der Debatte über unsere städtische Zukunft eine zuverlässige Datengrundlage zu verschaffen. Dem vor drei Jahren vorgelegten Habitat-Report [1]kommt ähnlich bahnbrechende Bedeutung zu wie den großen Untersuchungen zur städtischen Armut im 19. Jahrhundert von Friedrich Engels, Henry Mayhew, Charles Booth oder, im Hinblick auf die Vereinigten Staaten, von Jakob Riis.

Den vorsichtigen Berechnungen des Berichts zufolge leben gegenwärtig eine Milliarde Menschen in Slums, und mehr als eine Milliarde kämpft in irregulären Arbeitsverhältnissen ums Überleben. Das Spektrum reicht von Straßenhändlern über Tagelöhner, Kindermädchen und Prostituierte bis hin zu Menschen, die ihre eigenen Organe zur Transplantation verkaufen. Dies sind bestürzende Zahlen, die um so mehr beunruhigen müssen, als unsere Kinder und Enkel die Menschheit auf ihrem quantitativen Höchststand erleben werden. Irgendwann um 2050 oder 2060 wird die menschliche Bevölkerung der Erde ihr Maximum erreichen, wahrscheinlich bei ungefähr zehn oder zehneinhalb Milliarden. Diese Zahl liegt zwar weit unter den apokalyptischen Vorhersagen der Vergangenheit, aber nicht weniger als 95 Prozent dieses Wachstums wird sich in den Städten des Südens abspielen. Das bedeutet: Das gesamte künftige Wachstum der Menschheit wird in Städten erfolgen, ganz überwiegend in armen Städten, und mehrheitlich in Slums.

Die Urbanisierung der Armut



Urbanisierungen nach dem klassischen Modell – wie in Manchester, Chicago, Berlin oder St. Petersburg – gibt es auch heute noch in China und in einigen anderen Weltgegenden. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass die industrielle Revolution in Chinas Städten vergleichbare Entwicklungen anderswo ausschließt. Sie absorbiert alle Kapazitäten für Erzeugnisse der Leichtindustrie – und zunehmend auch für alles andere. Aber in China und in der chinesischen sowie einigen angrenzenden Volkswirtschaften kann man immer noch städtisches Wachstum beobachten, das von einem industriellen Motor vorangetrieben wird. Überall sonst findet es weitgehend ohne Industrialisierung statt – und, was noch schockierender ist, fast ohne jegliche Entwicklung, gleich welcher Art. Darüber hinaus haben die, historisch gesehen, großen Industriestädte des Südens – Johannesburg, São Paulo, Mumbai, Bello Horizonte, Buenos Aires – während der vergangenen 20 Jahre allesamt unter einer massiven Deindustrialisierung gelitten; der absolute Rückgang der Beschäftigtenzahlen im produzierenden Gewerbe betrug zwischen 20 und 40 Prozent.

Die heutigen Mega-Slums entstanden überwiegend während der 70er und 80er Jahre. Vor 1960 stellte sich die Frage anders herum: Warum wuchsen die Städte in der "Dritten Welt" so langsam? Damals gab es nämlich gewaltige institutionelle Hindernisse auf dem Weg einer schnellen Urbanisierung. Die Kolonialreiche beschränkten noch den Zugang zu den Städten, während in China und anderen stalinistischen Staaten ein innerstaatliches Passsystem für eine Kontrolle sozialer Rechte und damit der Binnenmigration sorgte. Der große Boom der Städte setzt in der 60er Jahren mit der Entkolonialisierung ein. Aber zu jener Zeit behaupteten zumindest die revolutionären Nationalstaaten, der Staat könne bei der Bereitstellung von Wohnraum und Infrastruktur eine zentrale Rolle spielen. In den 70er Jahren beginnt der Staat sich dann jedoch zurückzuziehen, und mit den 80er Jahren, dem Zeitalter der Strukturanpassungen, erlebten Lateinamerika und in noch stärkerem Maße Afrika eine Dekade der Rückentwicklung. Zur gleichen Zeit wuchsen im subsaharischen Afrika die Städte schneller als viktorianische Industriestädte in ihrer Boomperiode – boten aber gleichzeitig immer weniger reguläre Arbeitsplätze.

Grenzen eines "Urbanismus von unten"



Wie war es möglich, dass Städte ohne ökonomische Entwicklung im klassischen Sinne ihr Bevölkerungswachstum weiter fortsetzten? Oder, anders gefragt, warum sind die Städte der Dritten Welt angesichts dieser Widersprüche nicht explodiert? Nun, in gewissem Sinne taten sie es. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gab es überall auf der Welt Aufstände gegen die Verschuldung, gegen den Internationalen Währungsfonds. In den 80er Jahren entdeckten die Weltbank, Entwicklungsökonomen und große Nichtregierungsorganisationen, dass die Leute – trotz der fast vollständigen Abkehr von der interventionistischen Politik des Staates bei der Planung und Bereitstellung von Wohnungen für arme Stadtbewohner – irgendwie trotzdem immer noch Unterkunft fanden, Siedlungen bauten und überlebten. Dies führte zum Aufstieg einer Art neoliberaler "Selbsthilfe-Schule der Urbanisierung": Man gebe armen Menschen die Mittel an die Hand und sie werden sich selbst Häuser bauen und ihre eigenen Viertel organisieren. Teilweise handelte es sich dabei um eine durchaus gerechtfertigte Würdigung eines "Urbanismus von unten"; aber in den Händen der Weltbank wurde daraus ein ganz neues Paradigma: Der Staat ist erledigt, zerbrecht euch nicht den Kopf über den Staat; arme Menschen sind in der Lage, in der Stadt zu überleben. Sie brauchen bloß einige kleine Darlehen, und dann schaffen die Armen auf wundersame Weise ihre eigenen urbanen Welten und ihre eigenen Jobs.

Meine Studie "Planet der Slums" schließt an den UN-Challenge-Report an, der uns die Augen dafür öffnete, dass die globale Beschäftigungskrise in den Städten unsere gemeinsame Zukunft ähnlich massiv bedroht wie der Klimawandel. Es handelt sich zugebenermaßen um eine Art "Reise im Lesesessel" in die Städte der Armen, doch stellt meine Arbeit den Versuch dar, Schlüsse aus einer Unmenge an Fachliteratur über städtische Armut und irreguläre Siedlungen zu ziehen. Dabei ergaben sich zwei grundlegende Schlussfolgerungen.

Erstens: Siedler finden keine Freigelände mehr vor, in manchen Fällen bereits seit langem nicht mehr. Wer ein Stück freies Land sucht, um eine Hütte darauf zu bauen, hat heutzutage nur noch eine Möglichkeit, nämlich einen Bauplatz zu wählen, der so gefährlich ist, dass er keinerlei Marktwert besitzt. Irreguläre Siedlungen erweisen sich so mehr und mehr als "Wette auf die Katastrophe". Wenn man beispielsweise von Kalifornien aus die mexikanische Grenze überquert und ein paar Meilen in Richtung Tijuana fährt, springt bald ins Auge, dass Landstreifen, auf denen einst irreguläre Hüttensiedlungen entstanden, jetzt als – manchmal sogar parzelliertes und erschlossenes – Bauland verkauft werden. In Tijuana können die ganz Armen ihre Hütten in der früher üblichen Weise nur noch an den Rändern von Schluchten und in Flussbetten errichten, wo sie nur wenige Jahre überstehen werden. Und so sieht es überall in der Dritten Welt aus.

Die Verklärung der informellen Ökonomie



Selbst das "Squatting", das Siedeln auf "herrenlosem" Land, ist privatisiert worden. In Lateinamerika nennt man es "Piraten-Urbanisierung". Wo vor 20 Jahren die Leute unbebautes oder leeres Land besetzt und der Vertreibung widerstanden hätten sowie am Ende vom Staat anerkannt, legalisiert worden wären, zahlen sie heute hohe Preise für kleine Parzellen oder, wenn sie sich das nicht leisten können, mieten sie diese von anderen Armen. In einigen Slums besteht die Mehrheit der Ansiedler nicht aus "Besetzern", sondern aus Vermietern. Wenn Sie nach Soweto (in Johannesburg, Südafrika) gingen, könnten Sie beobachten, dass die Leute ihre Hinterhöfe mit Wellblechhütten füllen, die sie vermieten. Für Millionen armer städtischer Hüttenbewohnerinnen und -bewohner, die lange genug in der Stadt leben, um ein bisschen Land erwerben zu können, besteht die wichtigste Überlebensstrategie darin, dieses Land in kleinere Teile aufzuteilen und noch ärmere Menschen zur Miete darauf wohnen zu lassen, die ihr Stück Land ihrerseits manchmal noch weiter aufteilen und an andere verpachten. So zeigt sich, dass ein entscheidendes Sicherheitsventil, nämlich diese oft verklärte Zuflucht zu "herrenlosem" städtischen Siedlungsland, kaum noch funktioniert.

Die andere wesentliche Schlussfolgerung meiner Untersuchung betrifft die informelle Ökonomie – die Fähigkeit der Armen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, indem sie amtlich nicht erfassten wirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen, indem sie als Straßenhändler, Tagelöhner oder Haushaltshilfen arbeiten oder gar durch "Subsistenz-Kriminalität" überleben. Diese Art informelle Ökonomie ist womöglich noch stärker verklärt worden als das "Besetzen"; dabei wurden dem Mikro-Unternehmertum enorme Möglichkeiten zugeschrieben, Menschen aus der Armut herauszuhelfen. Aber Unmengen von Fallstudien aus allen Ecken der Welt belegen, dass immer mehr Menschen in eine begrenzte Zahl von Überlebensnischen gedrängt werden: Es gibt einfach zu viele Rikschafahrer, zu viele Straßenhändler, zu viele afrikanische Frauen, die ihre Hütten in Verkaufsstände verwandeln, um Schnaps zu verkaufen, zu viele Leute, die gegen Geld Wäsche waschen, zu viele Leute, die vor Fabriken und Arbeitsgelegenheiten Schlange stehen.

Das heißt: Die beiden wesentlichen Mechanismen zur Unterbringung der Armen in Städten, in die der Staat schon seit langem nicht mehr investiert, erreichen just in dem Moment ihre Wirkungsgrenzen, in dem sich abzeichnet, dass wir es während der nächsten zwei Generationen mit fortgesetzt anhaltendem Hochgeschwindigkeitswachstum in armen Städten zu tun haben werden. Die Unheil verkündende, aber auf der Hand liegende Frage lautet: Wenn es kein Neuland mehr zu erschließen gibt, was dann?

Der existenzielle Ground Zero



Die beiden wichtigsten armen Städte im Europa des 19. Jahrhunderts, die mit unserem gegenwärtigen Modell vergleichbar sind, waren Dublin und Neapel; aber niemand betrachtete sie als Abbild der Zukunft. Und die Ursache dafür, dass es nicht mehr Dublins und Neapels gab, bestand vor allem in der – auch als Sicherheitsventil wirkenden – Auswanderung über den Atlantik. Heute ist der größte Teil des Südens de facto abgeriegelt. So gibt es schlechterdings keinen Präzedenzfall für die Art der Grenzregelungen, die Australien und Westeuropa geschaffen haben, und die auf vollständige Abschottung gegen Einwanderer hin konzipiert sind – abgesehen von einem begrenzten Zufluss hochqualifizierter Arbeitskräfte. Die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hat historisch einen anderen Charakter. Sie funktioniert wie ein Damm, der den Zufluss von Arbeitskräften reguliert, aber nicht vollständig verhindert. (Derzeit entwickelt sich allerdings eine Anti-Einwanderungsbewegung, die auf die Schließung der Grenzen drängt.) Ganz allgemein gesprochen verfügen die Menschen in den armen Ländern heute nicht über die Möglichkeiten, die armen Europäern damals offen standen.

Unerbittliche Kräfte vertreiben die Menschen aus den ländlichen Gebieten, und diese, durch die globalisierte Ökonomie überflüssig gemachte Bevölkerung drängt sich in den Slums, an Stadträndern, die weder Land noch wirklich Stadt sind und deren Realität sich den Theoretikern des Urbanismus nur mit Mühe erschließt.

In den Vereinigten Staaten würden wir solche Siedlungen "exurbia" nennen, aber bei den dortigen "exurbs" handelt es sich um ein anders geartetes Phänomen. Wenn man sich amerikanische Städte heute anschaut, springt besonders der Charakter dieser Umlandsiedlungen ins Auge – die Leute, die von dem vormals ländlichen Raum in die neuen Randstädte (edge cities) pendeln, leben heute in "McVillen" auf immer größeren Grundstücken mit immer mehr geparkten "Geländelimousinen" (SUVs) davor. Mit ihnen verglichen sehen die traditionellen Lewittown-Vororte der 50er Jahre mit ihren stilistisch einfältigen Standard-Häuschen und kleinen Konsumwürfeln geradezu ökologisch effizient aus. Anders gesagt: In dem Maße, in dem die Angehörigen der Mittelschicht weiter nach draußen ziehen, hinterlassen sie, ökologisch gesehen, Fußabdrücke, die zwei oder drei Schuhnummern größer sind als damals.

Urbanes Niemandsland




Die Kehrseite besteht darin, dass die Ärmsten in die gefährlichsten Gegenden abgedrängt werden, auf erdrutschgefährdete Hänge, in die Nachbarschaft giftverseuchter Müllgruben oder in Überflutungsgebiete, was zu den Jahr für Jahr steigenden Opferzahlen von Naturkatastrophen führt – die weniger Ausdruck von Veränderungen in der Natur sind als der Risiken, die verzweifelte Arme auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten eingehen müssen. In den Großstädten der Dritten Welt gibt es einerseits die Flucht eines Teils der Reichen in "gated communities", weit draußen in den schwer bewachten Vororten; hauptsächlich aber leben dort zwei Drittel der Slumbewohner dieser Welt zusammengepfercht in einer Art urbanem Niemandsland.

Ich bezeichne diesen Zustand als "existencial ground zero", als existenziellen Nullpunkt, denn es handelt sich um Urbanisierung ohne Urbanität. Ein Beispiel hierfür liefert der Fall der radikalislamistischen Gruppe, die vor einigen Jahren in Casablanca zuschlug – ungefähr 15 oder 20 arme Jugendliche, die zwar in der Stadt aufgewachsen waren, aber in keiner Weise zu ihr gehörten. Sie wurden am Rand geboren – nicht in Stadtteilen der traditionellen Arbeiterklasse und der Armen, die einen fundamentalistischen Islam unterstützen, aber keinen nihilistischen –, oder sie waren vom Land vertrieben, aber nie in die Stadt integriert worden. In ihren Slumwelten boten alleine Moscheen oder islamistische Organisationen eine Art von Gesellschaft oder Ordnung. Als diese Jugendlichen die Stadt angriffen, waren einige von ihnen, wie berichtet wird, nie zuvor im Zentrum gewesen; für mich wurde dies eine Metapher dessen, was überall auf der Welt vor sich geht: Eine ganze Generation wird auf die Müllplätze der Städte verbannt, und dies durchaus nicht nur in den ärmsten und brutalsten der großen Städte.

Nehmen wir etwa Hyderabad, Indiens Hightech-Schaufenster, eine Stadt mit 60 000 Softwarebeschäftigten und Ingenieuren, in der die Menschen in Vororten nach dem Muster des Santa Clara Valley den kalifornischen Lebensstil imitieren und wo man zu Starbucks gehen kann. Schön, aber Hyderabad ist umgeben von endlosen Slums, dort draußen leben mehrere Millionen Menschen. Es gibt mehr Lumpensammler als Softwareentwickler. Einige dieser Slumbewohner, die jetzt dazu verurteilt sind, die Abfälle der Hightech-Ökonomie aufzulesen, hatte man zuvor aus den zentraler gelegenen Slums vertrieben, als diese niedergerissen wurden, um Platz für die Forschungsparks der neuen Mittelschicht zu schaffen.

Bagdad als Paradigma



Heute wird allerdings Bagdad auf ganz besondere Weise paradigmatisch – im Hinblick auf den Zusammenbruch des öffentlichen Raums und des immer weiter gehenden Fehlens irgendeines Zwischenraums zwischen den Extremen. Die integrierten Wohnviertel der Sunniten und Schiiten werden in schneller Folge zerstört, und dies mittlerweile nicht nur durch amerikanische Aktivitäten, sondern auch durch den Terror extremistischer Gruppen. Sadr City, das einmal Saddam City genannt wurde, Bagdads östlicher Quadrant, hat groteske Proportionen angenommen. Heute leben dort zwei Millionen Arme, hauptsächlich Schiiten. Und Sadr City wächst immer noch, wie übrigens auch sunnitische Slums, und dies nicht mehr dank Saddam, sondern dank des verheerenden Umgangs der Amerikaner mit der Landwirtschaft, in deren Wiederaufbau Washington so gut wie gar nicht investiert hat. Die Wüste hat große Flächen Kulturland zurückerobert, während alle Energien, zudem erfolglos, auf die Wiederinbetriebnahme der Ölindustrie konzentriert wurden. Es wäre entscheidend gewesen, ein gewisses Gleichgewicht zwischen Land und Stadt zu bewahren, aber Amerikas Vorgehensweise hat die Landflucht nur noch beschleunigt.

Natürlich handelt es sich bei den "Grünen Zonen" um eine Art "gated community", sozusagen die Zitadelle innerhalb der größeren Festung. Auch dies kann man in zunehmendem Maße überall in der Welt beobachten. Man könnte dies als Gegenstück zum Anwachsen der Slums in den Randgebieten verstehen: Die Mittelschichten geben, zusammen mit den Stadtzentren, ihre traditionelle Kultur auf, um sich in Außenwelten weit draußen mit künstlich inszenierten Lebensgewohnheiten nach kalifornischem Muster zurückzuziehen. Einige darunter sind unglaublich sicherheitsbewusst, regelrechte Festungen. Andere ähneln mehr den typischen amerikanischen Vorstädten, aber sie alle sind regelrecht besessen von einer Phantasievorstellung von Amerika, insbesondere von jenem Phantasiebild Kaliforniens, welches das Fernsehen weltweit vermarktet.

Beverly Hills in Ägypten – Orange County in China



In Peking etwa können die Neureichen über Autobahnen in bewachte Außenviertel pendeln, die etwa Orange County oder Beverly Hills heißen; auch in Kairo gibt es ein Beverly Hills und ein ganzes Viertel, das unter dem Motto Walt Disney steht. Jakarta bietet das gleiche Bild – ganze Viertel, in denen die Menschen imaginäre Amerikas bewohnen. Indem sie überall aus dem Boden schießen, unterstreichen derartige Kunststädte die globale Wurzellosigkeit der neuen städtischen Mittelschicht. Dies geht einher mit einer regelrechten Obsession so zu leben, wie man es in den Fernsehbildern sieht. Architekten aus dem echten Orange County entwerfen im Umland Pekings ein "Orange County". Die globale Mittelschicht legt eine ungeheure Anhänglichkeit gegenüber den Dingen an den Tag, die sie im Fernsehen oder im Kino sieht.

Was die Leute für "echt" halten, steht längst in keinem Verhältnis mehr zur Realität. In "Ökologie der Angst" habe ich dargestellt, wie die Universal Studios die Wahrzeichen von Los Angeles genommen, miniaturisiert und dann in ein bewachtes Wohngebiet namens "City Walk" verpflanzt haben.[2] Und dann geht man dort hin – oder in das entsprechende Imitat von Las Vegas –, anstatt die Stadt selbst zu besuchen. Man besucht den Themenpark der Stadt, bei dem es sich im Wesentlichen um eine Einkaufszone handelt. Wenn es ein Casino gäbe, wäre das Las-Vegas-Erlebnis perfekt. In diesem Prozess werden die Armen zunehmend von den kulturellen Angeboten und dem öffentlichen Raum der Stadt abgeschnitten, während die Wohlhabenden freiwillig darauf verzichten, um sich in ein künstliches Universum zurückzuziehen, das sich von Land zu Land wenig unterscheidet. Was dazwischen lag, zerfällt.

Aber es gibt immer noch große Unterschiede zwischen Kulturräumen und Kontinenten. In Lateinamerika erschreckt am meisten das Ausmaß politischer Polarisierung, die Schärfe des Widerstands, den die Mittelschichten den Bedürfnissen und Forderungen der Armen entgegensetzen. Hugo Chávez muss sich Ärzte aus Kuba holen, da er nur eine Handvoll venezulanischer Ärzte dazu bewegen kann, in den Slums zu arbeiten. Im Nahen Osten sieht es ganz anders aus. In Kairo beispielsweise, wo der Staat sich zurückgezogen hat oder zu korrupt ist, um die Grundversorgung zu gewährleisten, kümmern sich stattdessen islamische Fachkräfte darum. Die Muslimbrüder haben dort den Ärzteverband und die Ingenieursvereinigung übernommen. Anders als die lateinamerikanische Mittelschicht, die sich nur für die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien engagiert, hat ihr muslimisches Gegenstück sich auf die Bereitstellung von Dienstleistungen eingestellt und eine Art parallele Zivilgesellschaft für die Armen geschaffen. Das liegt zum Teil an der Verpflichtung durch den Koran, den Zehnten zu geben; jedenfalls läuft es auf einen markanten Unterschied mit bedeutsamen Auswirkungen auf das städtische Leben hinaus.

Die globale Ausbreitung von Krankheiten



Bevor ich "Planet der Slums" schrieb, habe ich in einem Buch über die Vogelgrippe gezeigt, wie eine an Dickens und die viktorianische Zeit erinnernde Welt der Armut wiederersteht, doch diesmal in einem Maßstab, der die Viktorianer erschreckt hätte.[3] Da stellt sich naturgemäß die Frage, ob auch die Sorgen der viktorianischen Mittelschichten über die Krankheiten der Armen zurückkehren, beispielsweise mit Blick auf die Cholera. Damals bestand die erste Reaktion auf Epidemien darin, nach Hempstead zu ziehen, aus der Stadt zu flüchten und zu versuchen, sich von den Armen abzuschirmen. Erst als offenkundig wurde, dass die Cholera so oder so aus den Slums in die Mittelschichtsviertel übergriff, begann man, in ein Mindestmaß an öffentlicher Gesundheitspflege und die entsprechende Infrastruktur zu investieren. Auch heute leben wir, wie im 19. Jahrhundert, in der Illusion, wir könnten uns irgendwie gegen die Krankheiten der Armen abschirmen, uns einmauern oder flüchten. Den wenigsten unter uns dürfte klar sein, welch riesige, im wahrsten Sinne des Wortes explosive Krankheitspotentiale sich mittlerweile zusammenballen.

Vor über 20 Jahren haben führende Forscher in einer Reihe von Büchern vor neuen und wiederaufkommenden Krankheiten gewarnt. Die Globalisierung destabilisiere die Umwelt im globalen Maßstab und verursache ökologische Veränderungen, die das Gleichgewicht zwischen den Menschen und ihren Mikroben wahrscheinlich in einer Weise verschiebe, die neue Seuchen heraufbeschwören können. Gleichzeitig warnten sie davor zu versäumen, rechtzeitig eine Infrastruktur zur Überwachung der Ausbreitung von Krankheiten und für das öffentliche Gesundheitswesen zu schaffen, die den Anforderungen der Globalisierung entspricht.

Ich habe das Verhältnis zwischen dem überall vordringenden globalen Slum, der allenthalben mit Gesundheitskatastrophen einhergeht, und den klassischen Erscheinungsformen jener Bedingungen untersucht, die die schnelle Verbreitung von Krankheiten in menschlichen Populationen begünstigen; zugleich habe ich mich auf die Frage konzentriert, wie die Transformation der Fleischproduktion völlig neue Voraussetzungen für die Entstehung von Tierkrankheiten und deren Übertragung auf den Menschen hervorruft.

Urbanisierung der Nutztierhaltung



Ein wichtiges Beispiel für Infektionskrankheiten ist die Grippe. Ihr Ursprung liegt in dem einzigartig produktiven Landwirtschaftssystem des südlichen China mit seiner langen und engen ökologischen Verbindung zwischen Wildvögeln, Hausvögeln, Hausgeflügel, Schweinen und Menschen. Jetzt haben wir die Vogelgrippe: Auf der einen Seite verschafft die moderne Welt ihr optimale Verbreitungsbedingungen; andererseits hat auch das Wachstum der armen Städte den Proteinbedarf zur Ernährung der Menschen gesteigert, und dieser Bedarf kann nicht länger durch die herkömmlichen Proteinquellen gedeckt werden. Er wird durch die industrialisierte Nutztierproduktion gestillt.

Das bedeutet schlicht und einfach die Urbanisierung des Nutzviehs. Statt um die 15 oder 20 Hühner im Hinterhof oder ein paar Schweine beim Bauern geht es heute – beispielsweise in der Umgebung von Bangkok mit seinem Geflügelzuchtgürtel, der ganz ähnlich aussieht wie seine Gegenstücke in Arkansas oder im nordwestlichen Georgia – um Millionen von Hühnern, die in Speicherhäusern, in Fabriken zur Tierproduktion auf dem Lande leben. Eine solche Konzentration von Vögeln auf engstem Raum hat es in der Natur niemals gegeben. Den Epidemiologen, mit denen ich gesprochen habe, zufolge begünstigt sie vermutlich die maximale Virulenz und die beschleunigte Entwicklung von Krankheiten.

Gleichzeitig hat man überall in der Welt Feuchtgebiete trocken gelegt und Wasser umgeleitet, in der Regel zu Gunsten landwirtschaftlicher Bewässerungssysteme, und auf diese Weise Wandervögel auf bewässerte Felder, Reisfelder und Farmen getrieben. All dies – die Revolutionierung der Nutztierhaltung, die wachsende städtische Nachfrage speziell nach Geflügel (die Proteinquelle Nummer zwei des Planeten), das Wachstum der Slums und die Reduzierung der Feuchtgebiete – vollzog sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren in besonders hohem Tempo. Und vor all dem haben uns, über eine Generation ist es her, Spezialisten für Infektionskrankheiten gewarnt. Wir haben es mit einer besonders radikalen Form ökologischer Störung zu tun, welche die Ökologie der Grippen ebenso verändert hat, wie die Bedingungen, unter denen Tierkrankheiten auf Menschen übergreifen. Zudem vollzog sich das Ganze in einer Zeit, in der sich das öffentliche Gesundheitswesen in den Städten in großen Teilen der Dritten Welt massiv verschlechtert hat. Zu den Konsequenzen der Strukturanpassungen in den 80er Jahren gehört es, das hunderttausende Ärzte, Krankenschwestern und andere Beschäftigte des öffentlichen Gesundheitswesens sich zur Auswanderung gezwungen sahen und etwa Kenia oder die Philippinen verließen, um in England oder Italien zu arbeiten.

Eine Formel für biologische Katastrophen



In gewisser Weise wiederholt sich hier etwas, womit ich mich anderswo ausführlicher auseinandergesetzt habe: nämlich die Tatsache, dass das Weltklima und der Hunger in enger Verbindung mit der Weltwirtschaft stehen, wenn sie nicht sogar von ihr erzeugt werden. Ohne das Studium der "politischen Ökologie des Hungers" können wir daher die "Geburt der Dritten Welt" nicht wirklich begreifen.[4]


Wir haben es hier mit einer Formel für biologische Katastrophen zu tun, und bei der Vogelgrippe handelt es sich bereits um die zweite Pandemie der Globalisierung. Heute ist klar, dass HIV/Aids zumindest teilweise durch den Handel mit Bushmeat (dem Fleisch wild lebender Tiere) entstand, als die Westafrikaner sich gezwungen sahen, auf Bushmeat zurückzugreifen, weil europäische Fischfabrikschiffe den Golf von Guinea regelrecht leer fischten und damit die herkömmlicherweise wichtigste Proteinquelle für die Ernährung der Städter wegfiel. Es gibt auch die auf eine Menge Beweismaterial gestützte These, dass Aids wahrscheinlich in Kinshasa im Kongo eine kritische Masse erreicht hat – in einer großen Stadt also, die das jüngste Beispiel dafür liefert, was passiert, wenn der Staat zusammenbricht oder kollabiert bzw. sich zurückzieht.

Neben HIV und Vogelgrippe gibt es mit SARS eine weitere Krankheit, die auf den Bushmeat-Handel zurückgeht, diesmal in den Städten Südchinas, und die sich mit Furcht erregendem Tempo weltweit verbreitete. So sieht die Zukunft der Krankheiten in einer Welt der Slums aus. Dass so etwas wie die Vogelgrippe auf die Menschheit übergreift, erscheint so gut wie unausweichlich, angesichts der Kombination des globalen Slums mit den gewaltigen Verschiebungen in der Ökologie von Mensch und Tier. Noch beunruhigender als die bloße Gefahr einer Seuche wie der Vogelgrippe ist jedoch die Reaktion auf diese: die unverzügliche Hortung von Impfstoffen und antiviralen Präparaten, die exklusive Beschäftigung mit dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung einer Handvoll reicher Länder, die gleichzeitig die Produktion der entsprechenden Medikamente monopolisieren. Anders ausgedrückt: das fast reflexhafte Abschreiben der Armen, auf die man kaum einen Gedanken verschwendete. Wäre die Vogelgrippe nicht kürzlich, sondern fünf Jahre später ausgebrochen, bestünde der Unterschied lediglich im Ausmaß der Schutzvorkehrungen in den Vereinigten Staaten, Deutschland oder England. Die Armen würden genauso dastehen wie heute.

Stadtguerilleros



Ein zweiter, ähnlich virulenter Austausch zwischen Stadt und Land findet im Bereich der Gewalt statt. Ohne die explosiven gesellschaftlichen Widersprüche herunterzuspielen, die sich auf dem Lande immer noch aufstauen, ist doch klar, dass die Zukunft der Guerillakriegführung, des Aufstands gegen das Weltsystem, sich in die Städte verlagert. Nirgendwo sieht man das klarer als im Pentagon, und nirgendwo wird energischer versucht, mit den empirischen Konsequenzen fertig zu werden. Die Strategieplaner dort sind Geopolitikern und Außenpolitikexperten herkömmlichen Typs um Längen voraus, wenn es darum geht zu begreifen, was eine Welt der Slums tatsächlich bedeutet. Sie sehen das Destabilisierungspotential, das in dieser Welt heranwächst, und malen sich vielleicht auch vorteilhafte Verschiebungen des Kräftegleichgewichts im Gefolge dieser Entwicklungen aus.

Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren eine außergewöhnliche Befähigung dazu demonstriert, die hierarchische Organisation der modernen Stadt lahm zu legen, ihre entscheidenden Infrastrukturen und Knotenpunkte anzugreifen, die Fernsehstationen in die Luft zu jagen, die Pipelines und Brücken unbrauchbar zu machen – mit "intelligenten" Bomben geht das. Gleichzeitig aber musste das Pentagon entdecken, dass diese Technologie sich nicht auf die Slumperipherie anwenden lässt, auf die labyrinthischen, nicht kartographierten, fast unbekannten Teile der Stadt, in denen es keine Hierarchien gibt, keine zentralisierte Infrastruktur und keine großen Gebäude. Es gibt bereits erstaunlich viele militärische Studien, die sich auf einem Feld zu orientieren versuchen, welches das Pentagon als das Neuland dieses Jahrhunderts betrachtet und gegenwärtig in den Slums von Karachi, Port-au-Prince und Bagdad studiert. Vieles davon geht auf die Erfahrung von Mogadischu im Jahr 1993 zurück, die den Vereinigten Staaten einen gewaltigen Schock versetzte und demonstrierte, dass die herkömmlichen Methoden des Straßenkampfs in der Slum-City nicht funktionieren.

Städte und Slums im Fokus der Kriegsplaner



Man kann Blutbäder großen Stils anrichten; man kann Tausende von Menschen töten. Aber man verfügt nicht über die Fähigkeit, die entscheidenden Knotenpunkte auszuschalten. Weil es sie ganz einfach kaum gibt – weil man es weder mit hierarchischen räumlichen Systemen zu tun hat, noch ganz allgemein überhaupt mit hierarchischen Organisationen. Ich weiß nicht, ob der Nationale Sicherheitsrat das begriffen hat, aber vielen militärischen Köpfen ist der Sachverhalt zweifellos klar. Wer beispielsweise die Studien des "Army War College" liest, entdeckt dort eine ganz andere Geopolitik als die, welche die Bush-Regierung betreibt. Die Kriegsplaner interessieren sich nicht für Achsen des Bösen oder ausgedehnte Verschwörungen; sie interessiert das Gelände, der ausufernde Slum der Peripherie und die Chancen, die sich einem ganzen Sammelsurium von Gegnern – Drogenbaronen, Al-Qaida, revolutionären Organisationen und religiösen Sekten – eröffnen, sich Domänen und Gefolgschaft zu sichern. Folglich studieren Pentagon-Theoretiker Architektur und Stadtplanung. Sie benutzen GIS-Technologie und Satelliten, um die Informationslücken zu schließen, weil der Staat in der Regel sehr wenig über seine eigenen Slums weiß.

Die traditionelle Arbeiterklasse war, wie Marx im "Kommunistischen Manifest" betonte, revolutionär aus zwei Gründen: weil sie an der bestehenden Ordnung keinen Anteil hatte, aber auch deshalb, weil der Prozess der modernen Industrieproduktion ihre Zentralisierung bewirkt hatte. Sie besaß ein enormes Potential gesellschaftlicher Macht, weil sie streiken, die Produktion einfach einstellen und die Fabriken übernehmen konnte.

Das Chaos in den Städten und die Macht der Störung



Heute aber haben wir eine informelle Arbeiterklasse, die über keinen strategischen Platz in der Produktion, in der Wirtschaft verfügt, aber trotzdem eine neue Art sozialer Macht für sich entdeckt hat – die Macht, die Stadt lahm zu legen, zu bestreiken. Das reicht von der kreativen Gewaltlosigkeit der Menschen in El Alto, dem ungeheuren Slum-Zwilling von La Paz in Bolivien, dessen Bewohner regelmäßig die Straße zum Flughafen sperren oder Transporte unterbrechen, um ihre Forderungen zu stellen, bis zu dem jetzt universell gewordenen Einsatz von Autobomben durch nationalistische und sektiererische Gruppen, die auf diese Weise die Viertel der Mittelschichten, Finanzbezirke und sogar Grüne Zonen angreifen. Offenbar wird weltweit sehr viel experimentiert, um herauszufinden, wie man die Macht der Störung am besten einsetzen kann.

"Planet der Slums" endet mit der folgenden Bemerkung: "Wenn das Empire Orwellsche Unterdrückungstechnologien einsetzen kann, so haben die Ausgestoßenen die Götter des Chaos auf ihrer Seite." Das heißt, dass das Chaos nicht immer und überall eine Kraft des Bösen ist. Das Worst-Case-Szenario besteht ganz einfach darin, die Menschen zum Schweigen zu bringen. Dann wird ihr Exil permanent. Es kommt zur impliziten Selektion der Menschheit. Ungefähr auf die gleiche Weise, wie wir Aids vergessen oder uns gegen Appelle zur Hungerbekämpfung immunisieren, werden dann Menschen dazu eingeteilt, zu sterben und vergessen zu werden.

Der Rest der Welt muss aufgeweckt werden, und die Armen im Slum experimentieren mit einer Vielzahl von Ideologien, Plattformen und Mitteln, sich die Unordnung zu eigen zu machen – das reicht von fast apokalyptischen Angriffen auf die Modernität selbst bis zu Avantgarde-Versuchen, neue Formen der Moderne zu erfinden, neue Arten sozialer Bewegungen. Es gibt allerdings ein Grundproblem: Wenn so viele Menschen um Jobs und um einen Platz zum Leben kämpfen, liegt es nahe, Zuflucht bei Göttern, Stammeschefs, Volksgruppenführern zu suchen, die alle mit Hilfe von ethnischer, religiöser oder rassischer Exklusion operieren. Daraus erwächst die Gefahr fortgesetzter, nahezu unendlicher Kriege unter den Armen selbst. In ein und derselben armen Stadt findet man also eine Vielzahl widersprüchlicher Tendenzen – Leute, die auf den heiligen Geist setzen, oder solche, die sich Straßenbanden anschließen oder radikalen sozialen Organisationen beitreten oder zu Klienten sektiererischer bzw. populistischer Politiker werden.

Armutsstädte am Abgrund



Letzten Endes ist die Stadt unsere Arche Noah, in der wir das Umweltchaos des kommenden Jahrhunderts vielleicht überleben können. Wirklich urbane Städte sind die umweltfreundlichste Art, mit der Natur zu koexistieren, über die wir verfügen, weil sie öffentlichen Luxus an die Stelle privater oder innerfamiliärer Konsumption setzen können. Ihnen kann die Quadratur des Kreises gelingen – die Verbindung zwischen einem nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und einem anständigen Lebensstandard. Schließlich wird sich Ihre Bibliothek, wie groß sie auch sein mag, nie mit der New York Public Library messen können und Ihr Swimmingpool, sei er noch so luxuriös, niemals mit einem großen öffentlichen Schwimmbad, keine Villa und kein San Simeon wird je so viel bieten wie der Central Park oder der Broadway.

Eines der Hauptprobleme aber ist das Folgende: Wir bauen Städte ohne urbane Eigenschaften. Insbesondere Armutsstädte konsumieren genau jene natürlichen Flächen und Wasserläufe, die für ihre Funktionsweise als Umweltsysteme, ihre ökologische Nachhaltigkeit unverzichtbar sind; sie verzehren sie entweder aufgrund destruktiver privater Spekulation oder einfach deshalb, weil die Armut sich in jeden Freiraum ergießt. Rund um den Globus werden die Wasserläufe und Grünflächen, die die Städte brauchen, um ökologisch funktionieren und wahrhaft urban sein zu können, durch Armut und spekulative Privaterschließung bestimmt. Im Ergebnis werden die Armutsstädte immer verwundbarer gegenüber allen Arten von Katastrophen, Pandemien und Ressourcenengpässen, besonders beim Wasser.

Der Umkehrschluss besagt, dass der wichtigste Schritt, um mit dem globalen ökologischen Wandel fertig zu werden, darin besteht, erneut und massiv in die soziale und materielle Infrastruktur unserer Städte zu investieren, was zugleich Dutzenden von Millionen armer Jugendlicher Beschäftigung verschaffen könnte. Es sollte uns zu denken geben, dass Jane Jacobs – die so klar erkannt hatte, dass der "Wealth of Nations" durch Städte erzeugt wird, nicht durch Nationen – ihr letztes, visionäres Buch der Gefahr gewidmet hat, dass die Welt in die Finsternis eines neuen Mittelalters stürzen könnte.


Der Original-Text erschien in »Blätter für deutsche und internationale Politik«, Heft 7/2006.
Der Text basiert auf dem neuen Buch des Autors, "Planet der Slums", das im Februar auf deutsch im Verlag Assoziation A erschienen ist.

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Fußnoten

1.
UN-Habitat, The Challenge of the Slums: Global Report on Human Settlements 2003, London 2003.
2.
Mike Davis, Ökologie der Angst. Das Leben mit der Katastrophe, München 2004; vgl. auch Mike Davis, City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles, Berlin und Göttingen 1994.
3.
Mike Davis, Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin und Hamburg 2005; vgl. Mike Davis, Grippe im Anflug, in: "Blätter für deutsche und internationale Politik" 10/2005, S. 1172-1175.
4.
Mike Davis, Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin und Hamburg 2004. Ähnlich auch für das Beispiel des Hurrikan Katrina in New Orleans: Peter Marcuse, Heimatfront Hurrikan, in: "Blätter für deutsche und internationale Politik" 10/2005, S. 1168-1171.

 
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