Skyline von Schanghai

8.1.2007 | Von:
Bernd Hansjürgens
Dirk Heinrichs

Mega-Urbanisierung: Chancen und Risiken

Nachhaltige Entwicklung in Megastädten

Umweltveränderung und Armut als Risiken für nachhaltige Entwicklung

Das Zusammenwirken von sich rapide verschärfenden Umweltproblemen einerseits und der Konzentration von Armut andererseits birgt soziale, ökologische und ökonomische Risiken. Diese gefährden eine nachhaltige Entwicklung der Megastädte, das heißt eine zukunftsfähige und ressourcensparende Entwicklung, die nicht allein wachstumsorientiert ist. Doch aktuell nimmt die Zahl der Umweltprobleme unaufhörlich zu.

Wenn sich Städte ausdehnen
Das Flächenwachstum der Megastädte ist immens und bislang grenzenlos. Es beeinträchtigt die landwirtschaftliche Produktion, Wasserversorgung, Waldwirtschaft und Biodiversität.

Die Ausdehnung der Städte führt vielfach zum Verlust der natürlichen Flutregulationskraft und damit zu einem steigenden Risiko von Überschwemmungen. Eingriffe in Wassereinzugsgebiete gefährden zunehmend die Wasserversorgung als auch die Wasserqualität. Wenn beständig landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden, dann kommt es zu Krisen bei der Nahrungsmittelversorgung. Dabei begünstigt die Landnutzungsentwicklung in den Megastädten eher die mittleren und hohen Einkommensschichten. Sie zwingt ärmere Gruppen zur Ansiedlung auf gefährdetem Land oder an der urbanen Peripherie. Informelle Siedlungen und Slums entstehen so oftmals in Gegenden mit hoher Gefährdung durch Überflutung, Hangrutsche oder Industrieunfälle. Nach Schätzungen von UN-Habitat, dem Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, leben allein in den Elendsvierteln rund um die Städte der Schwellen- und Entwicklungsländer heute bereits eine Milliarde Menschen. Jedes Jahr landen weitere 27 Millionen Menschen in den Slums der Großstädte. In Metropolen wie Sao Paulo, Mumbai oder Mexiko Stadt leben inzwischen etwa 40 bis 60 Prozent der Menschen in informellen Siedlungen.

Wasserverbrauch und mangelnde sanitäre Versorgung
Der Hauptanteil an nicht landwirtschaftlich genutztem Wasser wird heute in den Städten verbraucht, insbesondere in den größten Agglomerationen. Einige der Metropolen wie Mexiko Stadt, Peking, Buenos Aires oder Dhaka sind bereits extrem abhängig vom Grundwasser. Infolge der Übernutzung der Grundwasservorkommen ist Wasserknappheit an der Tagesordnung. In der Metropole Jakarta erreicht die öffentliche Trinkwasserversorgung weniger als 60 Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig hat die Übernutzung des Grundwassers zum Eindringen von Salzwasser in die Versorgungsleitungen geführt.

Ein weiterer Faktor für die Verunreinigung des Wassers und das Auslösen von Epidemien sind die vielfach katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Millionenstädten. Nach dem 2. Weltwasserbericht der UN sind weltweit 2,6 Milliarden Menschen ohne Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen sanitären Einrichtungen wie Toiletten oder Waschmöglichkeiten. Allein in der 18-Millionen-Metropole Mumbai wird ihre Zahl auf zwei Millionen geschätzt. Weltweit haben ein Drittel der Stadtbewohnerinnen und -bewohner, etwa 1,1 Milliarden, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch hiervon sind besonders die Armen in den informellen Siedlungen betroffen, die nicht an das Versorgungssystem angeschlossen sind. Viele sind auf private Wasserverkäufer angewiesen, die ein Vielfaches des Preises kassieren, den wohlhabende Mitbürgerinnen und Mitbürger für ihre Wasserversorgung zahlen.

Beim Abwasser ist die Situation nicht besser: In Jakarta erreichen weniger als drei Prozent der täglich anfallenden 1,3 Millionen Kubikmeter Abwasser eine der wenigen Behandlungs- und Aufbereitungsanlagen. Vor allem in Küstengebieten – in ihnen liegen die meisten der Megastädte – hat die Wasserverschmutzung einen kritischen Stand für die menschliche Gesundheit und den Zustand der Ökosysteme erreicht. Die Stadt Lima leitet nach Schätzungen der UNESCO etwa 18.000 Liter Abwasser pro Sekunde in den Pazifischen Ozean.

Verschmutztes Wasser und mangelnde sanitäre Einrichtungen bergen ein eklatantes Gesundheitsrisiko. Durch Wasser übertragbare Erreger sind die häufigsten Verursacher von Krankheit und Tod. Im Jahr 2000 wurde die Sterblichkeitsrate infolge von Diarrhöe und anderen Erregern auf über zwei Millionen geschätzt. Hinzu kamen etwa eine Million Tode durch Malaria. Beides infolge von sanitären Defiziten.

Steigende Produktion von Abfall
Die Städte ertrinken im Abfall. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Industrialisierung und ein sich änderndes Konsumverhalten führen zu einer stetigen Zunahme von Abfallstoffen. Deren Beseitigung stellt die Städte vor große Probleme. Wo eine kontrollierte Abfallbeseitigung nicht funktioniert, sind ungeregelte und offene Lagerung oder Verbrennung die Regel. Letzteres trägt erheblich zur Verunreinigung der Luft bei. Die Umwelt- und Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung nehmen zu, insbesondere in der Nähe der illegalen Deponien. Vor allem die informellen Siedlungen dienen oft als Müllkippe der Stadt. In Nairobi werden beispielsweise nur etwa 25 Prozent des städtischen Abfalls gesammelt und entsorgt. Auf der Müllkippe im Slumviertel Dandora werden täglich 1.600 Tonnen Müll abgeladen. Die Halde und zugleich Wohnsiedlungen entstanden in den 1980er Jahren: teils legal, teils illegal. Heute leben knapp 300.000 Menschen in Dandora und viele leben vom Durchsuchen und Verkaufen der Abfälle.

Luftverschmutzung
Megastädte konsumieren einen großen Anteil der fossilen Brennstoffe für Stromerzeugung, Verkehr, Industrieproduktion, Wärmeversorgung etc. Dies verursacht vielerorts alarmierende Konzentrationen einer Vielzahl von Luftschadstoffen. Oftmals werden die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stark überschritten. Hinzu kommt, dass mit dem Verlust von klimaregulierenden Grünflächen in Megastädten Hitzeinseln entstehen, so dass in Städten wie Tokio oder Los Angeles die Temperaturen stetig steigen. In Mexiko Stadt erhöhte sich die durchschnittliche Temperatur im letzten Jahrzehnt um 2°C. Höhere Temperaturen führen nicht nur zu einer Zunahme der Ozon- und Feinstaubwerte. Sie treiben wiederum den Energiebedarf für Luftkühlung in die Höhe, was zu einem weiteren Anstieg der Temperatur führt.

Die Luftverschmutzung stellt ein fundamentales Gesundheitsrisiko dar. Die WHO schätzt, dass die Luftverschmutzung allein in den Städten jährlich etwa 800.000 Todesopfer fordert. In Delhi, Peking und Jakarta sind etwa 20 bis 30 Prozent aller Atemwegserkrankungen auf Luftkontamination zurückzuführen. In Dhaka wird die Stadtbevölkerung nach einem jüngeren Bericht der US-Regierungsorganisation USAID langsam mit Blei vergiftet: Da der Großteil der Autos mit verbleitem Benzin fährt, haben die Kinder einen der weltweit höchsten Bleiwerte im Blut. Bei etwa 90 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler wurden Konzentrationen gemessen, die Entwicklungs- und Lernstörungen hervorrufen.


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