Skyline von Schanghai

20.1.2007 | Von:
Hartmut Häußermann

Es kommt auf die soziale Integration an – in allen Städten

Öffentlicher Raum, Boomstädte und urbane Kultur

Welchen Einfluss wird künftig die Stadtsozologie haben, wenn die Welt zur Stadt wird? Das haben wir den Stadtsoziologen Häußermann gefragt. Ebenso gibt er Auskunft über die soziale Integration in Städten und die Bedeutung des öffentlichen Raums. Außerdem spricht Häußermann über neue urbane Lebensstile, die jedoch keineswegs typisch seien für die Masse der Stadtbewohner.

bpb: Wir sind mitten in einer Urbanisierungswelle. 2007 werden erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Wird die gesellschaftliche Entwicklung eine urbane?

Häußermann: Das ist sie schon. Mit der Industrialisierung und Demokratisierung urbanisieren sich Gesellschaften. Das ist nicht mehr unbedingt mit einer Wanderung in die zentralen Städte verbunden. Früher wurde Land mit bäuerlich assoziiert, doch das passt immer seltener. Auf dem Land sind Lebensmittelproduzenten heute Industriebetriebe, und die Lebensweise passt sich entsprechend an. Insofern kann man von einer Urbanisierung der Gesellschaft insgesamt sprechen.


bpb: Was bedeutet das für die Stadtsoziologie? Wächst ihre Bedeutung so sehr, dass sie die Soziologie ablöst?

Häußermann: Manche sagen, dass die moderne Stadtsoziologie überflüssig wird. Denn die Städte sind die modernen Gesellschaften und moderne Gesellschaften sind städtisch. Andere sagen, die Stadtsoziologie werde zur wahren Disziplin, weil die Erforschung der Lebensbedingungen in den Städten, der Formen des Zusammenlebens und der Integration von Fremden die zentralen Fragen auch der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung sind.

bpb: Die Stadtsoziologie greift also die entscheidenden Themen auf. Gewinnt sie damit auch an Einfluss auf die Stadtplanung?

Häußermann: Zum Teil ja. Sie nimmt Einfluss auf die Stadtplanung insofern als die zukünftigen Probleme der Städte weniger in baulich-physischen Dimensionen liegen. Das war 150 Jahre lang so, denn mit der Industrialisierung und Verstädterung mussten Infrastrukturen aufgebaut werden, wie zum Beispiel Verkehrssysteme. Zumindest in den westlichen Ländern kommt es nun zu einer Sättigung dieses Bedarfs und die künftigen Probleme der Städte sind eher sozialer Natur. Es geht um das Zusammenleben und den sozialen Ausgleich. Diese Fragen standen in der Stadtpolitik früher eher am Rand, denn mit der Stadtsanierung und -erweiterung ging es vor allem um bauliche Themen.

bpb: Sie haben wiederholt auf die Problemkonzentration in Quartieren deutscher Städte hingewiesen, beispielsweise in Berlin. Dabei haben Sie eine soziale Segregation sowie die Bildung "ethnischer Kolonien" geschildert. Woran fehlt es, an Stadtplanung oder Sozial- und Jugendarbeit?

Häußermann: Die Probleme, die sich heute in den Städten zeigen, lassen sich nur durch integrierte Politiken bearbeiten. Das war schon immer so, nur heute ist es deutlicher als je zuvor. Das heißt, die Lösungen sind nicht einseitig städtebaulich, nicht einseitig sozialpolitisch, nicht einseitig arbeitsmarkt oder -bildungspolitisch. Vielmehr müssen diese verschiedenen Politikbereiche integriert werden, um die Zuspitzung sozialer Probleme in bestimmten Stadtteilen zu verhindern. Will man die europäische Besonderheit der integrierten und inklusiven Stadt erhalten, ist das der zentrale Angriffspunkt.

bpb: Häufig wird der Verlust des öffentlichen Raumes beklagt, wie zum Beispiel durch die Kommerzialisierung der Innenstädte. Was bedeutet das langfristig für eine moderne urbane Gesellschaft?

Häußermann: Die Bedeutung des öffentlichen Raumes kennzeichnet vor allem die europäischen Städte. Nur hier gab es in der Stadtgeschichte einen öffentlichen Raum, der den Bürgern gehört hat. In asiatischen Städten waren öffentliche Räume heilige Orte. Sie dienten der Verehrung der Götter oder gehörten dem Adel. In Amerika hingegen sind öffentliche Räume weitgehend kommerzielle Räume. Es ist eine europäische Tradition, dass öffentliche Räume eine bürgerschaftliche Angelegenheit sind. Der langsame Verlust von Öffentlichkeit in den Städten verändert natürlich auch das Leben in ihnen. Das Gefühl von "wir sind die Stadt", uns gehört das Zentrum, dort erleben wir die Begegnung mit Unbekanntem, ist ein typisches urbanes Lebensgefühl. Es ist eng mit der europäischen Stadtentwicklung verbunden und es gerät in Gefahr, wenn öffentliche Plätze immer stärker privatisiert und kommerzialisiert werden.

bpb: Heute finden sich die boomenden Megastädte in Asien, Afrika und Lateinamerika. Rasant wachsende Städte wie Dhaka oder Lagos sind durch starke Arm-Reich-Gegensätze geprägt, durch Multiethnizität oder Multireligiösität. Was hält diese Städte zusammen, wo liegt deren Identität?

Häußermann: Das ist die große Frage. Zur Zeit sammeln sich einfach nur Menschen im Umkreis dieser Städte. Das Drama ist, dass sie nicht in den städtischen ökonomischen Kreislauf einbezogen werden, dass sie sozialpolitisch der Stadt nicht zugehören, sondern vom Stadtzentrum aus eher als Parasiten betrachtet werden. Nur durch informelle Beziehungen werden sie in die städtische Reproduktion einbezogen, aber auch nicht alle und nicht hinreichend. Die Lebensverhältnisse sind oft elend.

Das hat mit jener Urbanisierungs- und Verstädterungsgeschichte, die mit Industrialisierung verbunden war, nicht sehr viel zu tun. In Europa und den USA war die Verstädterung mit einer Nachfrage nach Arbeitskräften verbunden. Die Wanderung in die Städte war gleichbedeutend mit einer sozialen und ökonomischen Inklusion. Das ist in diesen neu entstehenden Megastädten nicht der Fall. Wir sehen dort eine Verstädterung, die die Menschen in den Agglomerationen gar nicht mehr als Arbeitskräfte nachfragt. Von sozialer Integration oder gar Identifikation mit der Stadt kann man bei den Menschen, die ausgeschlossen sind, kaum sprechen.

bpb: Es gibt die europäische Idealvorstellung von "Stadtluft macht frei". Trifft diese auch auf die neuen Megastädte zu?

Häußermann: Wir können nur hoffen, dass es sich so entwickelt. Im Moment ist das Stadtleben für viele Menschen aber nur die zweitbeste schlechte Möglichkeit. Zur Auswahl steht, auf dem Land zu leben, wo man nichts zu essen hat und keine Arbeit. Oder in der Stadt, wo man keine Arbeit hat und kaum etwas zu essen. "Stadtluft macht frei" wurde in einer Zeit geprägt, als die Menschen auf dem Land Leibeigene und nicht als individuelle Subjekte anerkannt waren. Diese Situation haben wir heute fast nirgends mehr. Wir haben aber in Asien die furchtbare Armut auf dem Land, wo ähnlich wie in Deutschland im 19. Jahrhundert das Leben in der Stadt auf jeden Fall besser ist, selbst wenn man nur von Abfall lebt. Doch kann man hier kaum von "Stadtluft macht frei" reden. In der heutigen Stadtentwicklung ist der Spruch recht zweifelhaft.

Das gilt auch für Teile der Bevölkerung in den Industrieländern. Es ist heute nicht mehr gesagt, dass wer in die Stadt geht, auch Arbeit findet und dadurch individuelle Freiheit in seiner Lebensführung gewinnt. Wir haben eine hohe Arbeitslosigkeit in den Städten. Es ist heute eine Frage der Qualifikation, ob man tatsächlich das Leben findet, das dieser Spruch verspricht.

bpb: Sie haben den Ausschluss von Bevölkerungsteilen in Megastädten angesprochen. In den Slums vor Ort leben Menschen auf engstem Raum, geprägt von Armut und Hunger. Welches Stress- oder auch Gewaltpotential schlummert da?

Häußermann: Das ist sehr unterschiedlich. Generell lässt sich nicht sagen, dass das dichte Zusammenleben in Städten eine politische Gefahr darstelle. Oft sind Leute in Elendsvierteln eher resigniert, mutlos und apathisch. Aber andererseits bilden sich natürlich auch Gangs, insbesondere unter Jugendlichen. Durch kleinkriminelle oder auch mit Drogenhandel verbundene Aktionen wollen sie schnell zu Geld kommen. Das Problem ist dabei nicht das städtische Zusammenleben, sondern dass es keine soziale Fürsorge gibt. Dass es keine funktionierenden Familien gibt. Wir kennen das Problem AIDS in Afrika, das die Familien zerstört und die Kinder auf die Straße treibt. Es gibt eine Waffen- und Gewaltproblematik in den lateinamerikanischen Städten, aber sie wird nicht durch die Städte generiert.

bpb: Mittlerweile spricht man auch von "failing cities", von Städten also, die der Armuts- und Gewaltproblematik nicht mehr Herr werden. Halten sie das für übertrieben?

Häußermann: Das ist eine sehr normative Betrachtungsweise. Dafür müsste man eine Vorstellung von "good cities" haben: Wie also eine Stadt organisiert sein soll, damit es keine Probleme gibt. Ich glaube nicht, dass man mit solch einem Maßstab an die verschiedenartigsten Probleme der Städte weltweit herangehen kann. Jede Stadt muss in ihrem gesellschaftlichen Kontext, in ihrer eigenen Problematik gesehen werden. Natürlich gibt es bestimmte Prinzipien von Good Governance, die beispielsweise von der UN propagiert werden. Hierzu zählen die Beteiligung der Bevölkerung oder der Ausgleich aller Interessen. Das sind keineswegs Prinzipien, die überall selbstverständlich sind. Diese auch in Städte der Dritten Welt zu übertragen, ist nur zu begrüßen.

bpb: Es gibt auch Gewinner. In Global Cities wie New York, Bangkok aber auch Frankfurt am Main, lebt eine soziale Schicht, die entscheidend am internationalen Finanz- und Kapitalmarkt mitmischt. Steht diese für eine neue und globale urbane Kultur?

Häußermann: Im Zuge der Globalisierung bildet sich eine globale Kultur heraus, die vor allem kommerziell ist. Und auch in den Städten bildet sich eine Schicht heraus, die global lebt, kommuniziert und denkt, die jedoch einen winzigen Bevölkerungsanteil ausmacht. Diese Schicht ist abhängig von der globalen Ökonomie. Ein Stadtbewohner kann im Zeitrhythmus und in ökonomischer Beziehung mit Indien leben und sein Nachbar vielleicht mit Peru. Die beiden leben nebeneinander und haben nichts miteinander zu tun, weil sie als Individuen in globale Kommunikations- und Austauschnetze eingebunden sind. Aber irgendwo sind sie dann doch auch Angehörige der örtlichen Gemeinschaft, der Stadt. Dort bilden sie eigene Kulturen, es entstehen neue Lebensformen in der Stadt. Das findet man überall in unseren Städten, wo sich die Migrantenkultur und die Kultur der alteingesessenen Bevölkerung zu durchmischen beginnt. Es entstehen also ganz neue hybride Formen von Kultur und auch von Lebensstilen, die aber keineswegs typisch sind für die Masse der Stadtbewohner.

Das Interview führte Sonja Ernst.


Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen