Skyline von Schanghai

23.8.2006 | Von:
Petra Steinberger

Die Verwundbarkeit moderner Städte

Es droht der urbane Krieg – die Stadtarchitektur versucht der inneren und äußeren Bedrohung zu begegnen

Anschläge wie in New York oder Mumbai machen die Verwundbarkeit der urbanen Riesen deutlich. Die Dichte der Menschen und Häuser macht Städte verletzbar, auch für Naturkatastrophen. Zugleich brodelt es in den Städten: Unruhen in Los Angeles, Karatschi als Versteck von Terroristen. Städte sind "hochkomplexe Großrisiken" und rücken in den Fokus der Militärstrategen.

Bewaffnete Banden griffen die Polizeiwachen mit Gewehren und Handgranaten an. Die Läden blieben geschlossen. Busse wurden in Brand gesetzt. Die Eltern behielten ihre Kinder daheim. In zwei Nächten starben mehr als 100 Menschen. Der Chef der Sicherheitskräfte sagte: "Wir befinden uns in einem Krieg", und kündigte eine Gegenoffensive an. Das war Sao Paulo, im Frühjahr 2006.

Jugendliche starben, Wohnblocks wurden von Rauchschwaden verhüllt, es war die Wut der ansonsten Unsichtbaren. Man sagte, der Mob, die bösartige Variante des Volkes, habe sich zusammengerottet in Frankreichs Städten. Hier standen die Untoten auf, mitten im Herzen des kultivierten Europa, und nahmen Rache an denen, die sie abgeschoben hatten. Das war Paris, im Herbst 2005.


Wir brauchen mehr Sicherheit, mehr Überwachung, fordern die Politiker. Wir brauchen mehr Polizeikontrollen, mehr Zugriff auf Daten, mehr Macht. Jeder Passant könnte ein Attentäter sein. Kann man aber den Terror mit stahlverstärkten Mauern aufhalten? Mit fensterlosen Bürotürmen, verschlossenen Tiefgaragen und Betonbarrieren? Diesmal ist es nicht der Aufstand des Landvolkes gegen die Städter, wie es so oft geschehen war in der Vergangenheit. Es ist die Stadt selbst, die, glaubt man den Propheten des "Urbanizid", vor der Selbstzerstörung steht. In immer kürzeren Abständen kommt es zu Unruhen – in Jakarta, Los Angeles oder London. Und wo der Mob sich erhebt, werden die üblichen Ursachen zitiert: Armut, Rassismus, Slumbildungen, Immigration, fehlende Sozialstrukturen und religiöser Fanatismus, vorzugsweise einer islamischen Prägung.

Die New Yorker Polizei bewacht die Abwasserkanäle und durchsucht Taschen von U-Bahn-Fahrgästen. Tagungen verwandeln Städte in Festungen – wie das Weltwirtschaftsforum in Davos 2005, bei dem man allein für die Sicherheitsvorkehrungen sechs Millionen Dollar ausgab, und für das die Polizei schon 30 Kilometer vor der Stadt Straßensperren errichtete. Während der Olympischen Spiele in Athen überwachten Nato-Flugzeuge den Luftraum.

Fragen nach der Sicherheitsarchitektur der Stadt stellen sich spätestens seit den Anschlägen von New York im September 2001. Die Attacken in Madrid (2004) oder London (2005), denen, so wird zumindest immer wieder beschworen, täglich weitere folgen könnten, machen Antworten aber umso notwendiger. Und so denken Stadtplaner, Architekten und Sicherheitsexperten seit ein paar Jahren so intensiv wie selten zuvor über die Zukunft des öffentlichen Raumes nach. Nicht das Städtewachstum, sondern das wachsende Sicherheitsbedürfnis der städtischen Gesellschaft könnte die Urbanismus-Symposien der Zukunft dominieren.

Währenddessen ziehen sich die, die sich schon länger mit den Sicherheitsrisiken der Stadt befassen, zurück oder proben für den Ernstfall. Die große Rückversicherungsgesellschaft Münchener Rück gab vor einiger Zeit eine Studie heraus, in der Mega-Städte als "hoch komplexe Großrisiken" eingestuft werden. Städte wie Tokyo oder Istanbul werden nicht mehr versichert. Die hohe Dichte an Menschen, Werten und Infrastruktur macht sie unversicherbar. Als Risiko gilt nicht nur der Terror, sondern auch Naturkatastrophen oder Industrieunfälle.


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