Skyline von Schanghai

24.8.2006 | Von:
Christof Parnreiter

Global Cities – Urbane Zentren der Weltwirtschaft

Globalisierung und Verstädterung

Globales Handeln der Eliten – lokale Interessen der Mehrheit

Global Cities zeichnen sich ferner dadurch aus, dass ihre Eliten eine starke Orientierung auf den Weltmarkt aufweisen. Die dominanten sozialen Schichten dieser Städte haben bezüglich "ihrer" Stadt primär ein Klassen-, aber weniger ein territoriales oder nationales Interesse. Sie agieren global und sind lokal vergleichsweise wenig verwurzelt. Die Folge ist ein Auseinanderfallen von lokalen Institutionen und Anliegen großer Bevölkerungsteile einerseits, und den nach "außen" orientierten Interessen und Aktivitäten der global agierenden Eliten andererseits.

Dennoch wäre es falsch, die Global Cities als losgelöst von den Staaten, in denen sie liegen, zu betrachten. Sie unterliegen nationaler Gesetzgebung und ihre Fähigkeit, jene Unternehmen anzuziehen, die Ökonomien und Gesellschaften in unterschiedlichsten Weltgegenden hierarchisch miteinander verbinden, hat viel mit der Stärke des Staates zu tun, in dem sie sich befinden – beispielsweise hinsichtlich der Währung, aber auch der politischen Ordnung. Die Wall Street wäre ohne US-Dollar und ohne demokratische Verfassung sicher nicht DIE Börse der Welt. Schließlich sind Global Cities auch für Binnenmärkte bedeutsam – in ihnen leben und arbeiten Millionen Menschen, deren Interessen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eben nicht global verortet sind.

Die Liste der Global Cities der Forschungsgruppe GaWC führen unumstritten die "Großen Drei" an: New York, London und Tokio. Dahinter folgen Städte wie Paris, Chicago, Frankfurt, Los Angeles, Mailand oder Zürich. Aber auch Städte in Schwellen- und Entwicklungsländern üben "Global City-Funktionen" aus: Mexico City, São Paulo, Johannesburg, Peking oder Bangkok sind für die Integration der Weltwirtschaft entscheidend – und sie sind ähnlich bedeutsam wie Madrid, Amsterdam oder Rom. Die mexikanische Hauptstadt beispielsweise ist mehr als nur eine riesige Megastadt mit wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen. Sie ist auch eine Stadt, der eine wichtige Aufgabe für das Funktionieren der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) zukommt. War die Rolle von Mexico City für Jahrzehnte die eines Motors für die nachholende und binnenmarktorientierte Industrialisierung Mexikos, so ist es heute ihre Aufgabe, Dienstleistungen für die in Mexiko produzierende Exportwirtschaft zu erbringen.

Urbane Dynamiken in der "Dritten Welt"

Der zweite entscheidende Zusammenhang zwischen Verstädterung und Globalisierung ist, dass in vielen Ländern der so genannten Dritten Welt die Verstädterung durch die Neustrukturierung der Weltwirtschaft enorm beschleunigt wurde und wird. Zwei Prozesse sind dafür verantwortlich.

Auf der einen Seite sind viele klein- und mittelbäuerliche Betriebe in zahlreichen Ländern der Konkurrenz, die durch die Liberalisierung des weltweiten Agrarhandels forciert wird, nicht gewachsen. So erlebt Mexiko, das seit 1994 mit den USA in der NAFTA verbunden ist, eine scharfe Polarisierung der Landwirtschaft in einen prosperierenden Exportmarkt und einen stagnierenden binnenmarktbezogenen Sektor. Während Ausfuhren von Frischgemüse und -obst in die USA wachsen, werden die Produzentinnen und Produzenten von Weizen, Bohnen oder Mais durch rasch steigende Importe aus den USA vom heimischen Markt verdrängt.

"Überflüssig" gemacht, müssen diese Bäuerinnen und Bauern abwandern – nach Mexico City, in eine der neuen Industriestädte im Norden des Landes oder in die USA. Sowohl die Binnen- als auch die internationale Migration haben durch die Öffnung des Agrarhandels bisher nicht gekannte Ausmaße angenommen. Mexiko ist dabei nur ein Beispiel für diesen Trend. Globalisierung bedeutet also auch eine transnationale Verstädterung. Die Krise der mexikanischen Landwirtschaft als Folge des Freihandels, lässt Städte wie Los Angeles oder Houston besonders schnell wachsen. Dort, wie in anderen Städten im Süden der USA, suchen Migrantinnen und Migranten aus Mexiko und weiteren Ländern Lateinamerikas Arbeit und eine Zukunft.

Auf der anderen Seite sind durch die globale Verlagerung von Industrien nach Asien (vor allem nach China, Thailand oder Indonesien), aber auch nach Lateinamerika (insbesondere Mexiko wie auch Costa Rica) neue Industriestädte mit großer wirtschaftlicher Dynamik entstanden. In diesen Boomstädten herrscht im Landesvergleich eine überproportionale Nachfrage nach Arbeitskräften. Es kommt zu umfangreichen Binnenmigrationen, die zu einem raschen Bevölkerungswachstum in diesen Städten führen.

In China hat sich beispielsweise in neuen Industriestädten wie Chongqing oder Wuhan die Bevölkerung in den letzten 25 Jahren verdoppelt. Administrativ gesehen, zählt Chongqing heute zu den größten Städten der Welt mit rund 31 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die chinesische Sonderwirtschaftszone Shenzhen hat ihre Bevölkerungszahl gar vervierfacht. In Mexiko wachsen an der Grenze zu den USA neue Industriestädte wie Tijuana oder Ciudad Juarez heran. In den so genannten "Maquiladoras" (Exportproduktionszonen) fertigen schlecht entlohnte Arbeitskräfte, vor allem Frauen, Güter für die Ausfuhr in die USA.


Zahlen und Fakten: Globalisierung
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