Skyline von Schanghai

24.8.2006 | Von:
Christof Parnreiter

Global Cities – Urbane Zentren der Weltwirtschaft

Globalisierung und Verstädterung

"Weltstädte" und ihre innere Fragmentierung

Zusammenhänge zwischen Globalisierung und Stadtentwicklung zeigen sich – drittens – auch im Inneren der Städte. Viele Städte, und zwar sowohl in der "Ersten" wie auch in der "Dritten" Welt, mach(t)en im Zuge der Globalisierung einen Prozess der Polarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft durch. Der Niedergang traditioneller städtischer Industrien und das Entstehen neuer Wirtschaftsmotoren, beispielsweise Finanzsektoren oder produktionsbezogene Dienstleistungen, führen nicht nur zu Veränderungen in der Arbeitsorganisation, der Einkommensverteilung und der Arbeitskraftnachfrage. Ebenso bilden sich neue sozialpolitische Arrangements. Mit der Folge einer starken Polarisierung der urbanen Gesellschaft. Global Cities sind vielfach auch "Dual Cities" – gespaltene Städte. Einer der Gründe dafür ist, dass der gehobene Dienstleistungssektor einen relativ großen Anteil hoch qualifizierter und sehr gut bezahlter, aber einen noch größeren Anteil unqualifizierter und schlecht entlohnter Arbeitskräfte erzeugt. Währenddessen die traditionelle Mittelschicht, die in den Städten etwa durch Beamte, aber auch durch Facharbeiterinnen und -arbeiter gebildet wird, am Arbeitsmarkt mehr und mehr unter Druck gerät.

Sichtbar werden die Fragmentierungstendenzen in den Städten an der massiven Ausweitung informeller Arbeitsmärkte, die oft auch durch Gelegenheitsjobs gekennzeichnet sind. Das gilt nicht nur für Lateinamerika oder Afrika, sondern auch für den "Norden". In den OECD-Staaten werden nach Angaben des Ökonomen Friedrich Schneider aktuell 18 Prozent der Wertschöpfung informell erbracht, wobei bemerkenswert ist, dass dieser Anteil kontinuierlich steigt – zwischen 1989 und 2002 um rund ein Viertel.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Informalisierung städtischer Arbeitsmärkte. Lauten die Prinzipien der so genannten "shareholder-value economy" Kostensenkung und Flexibilität, um möglichst hohe Gewinne erzielen zu können, so versuchen viele Unternehmen, die Regulierungen auf den städtischen Arbeitsmärkten in den USA, in Europa und teilweise auch in Lateinamerika zu umgehen. "Making it underground", so Sassen und der Soziologe Alejandro Portes, wurde zu einer bewusst gewählten Strategie, um mehr und mehr Produktionsabschnitte in den informellen Sektor auszulagern, wo die Arbeitskräfte weniger geschützt sind.

Erste und Dritte Welt in direkter Nachbarschaft

Die Fragmentierung der städtischen Arbeitsmärkte geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach zugewanderter Arbeitskraft, weil Immigrantinnen und Immigranten meist weniger Rechte haben und schlechtere Arbeits-, aber auch Wohnbedingungen akzeptieren müssen. Die Stadtentwicklung im globalen Zeitalter ist folglich geprägt durch wachsende Zuwanderung. Die türkisch- und kurdischsprachige Einwanderergemeinde in Berlin würde für sich genommen zahlenmäßig einer Großstadt in der Türkei entsprechen. In Los Angeles ist Spanisch ob der massiven Zuwanderung aus Mexiko so gegenwärtig, dass manche schon von einer Re-Mexikanisierung sprechen. Und selbst Tokio, das bis in die 1980er Jahre kaum Immigration kannte, ist mittlerweile Ziel für – meist illegale – Zuwanderinnen und Zuwanderer von den Philippinen, aus China, Süd-Korea oder Thailand.

Die Folge dieser Entwicklung ist, dass die Mittelschicht kleiner wird und der Gegensatz zwischen "arm" und "reich" wächst. Was die Lage in vielen Städte heute so explosiv macht, ist, dass dort das globale "Zentrum" und die globale "Peripherie" auf das Engste aufeinander treffen – New York hat seine "Dritte Welt" ebenso wie São Paulo seine "Erste Welt". Aber anders als zur Zeit der Industrialisierung ist das Ghetto der Armen der Stadt heute nicht mehr der Ausgangspunkt für gesellschaftliche Integration und sozialen Aufstieg, sondern Anfang und Ende einer Ausgrenzung. Allerdings: Städte, die sich den politischen Willen sozialer Gerechtigkeit und die ökonomische Fähigkeit zur Intervention erhalten (haben), können den negativen sozialen Auswirkungen gegensteuern.


Zahlen und Fakten: Globalisierung
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