Skyline von Schanghai
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24.8.2006 | Von:
Christof Parnreiter

Global Cities – Urbane Zentren der Weltwirtschaft

Globalisierung und Verstädterung

In Megastädten werden die globalen Ströme von Kapital, Gütern, Informationen und auch Migranten gelenkt. Doch nicht jede Megastadt nimmt tatsächlich derart Einfluss auf die internationalen Märkte. Wie wird eine Stadt zur Global City?

Einleitung

Mit den Prozessen der Globalisierung, die wir seit den 1980er Jahren beobachten, haben sich auch unsere Vorstellungen von der Geographie der Weltwirtschaft verändert. Sahen wir für eine lange Zeit eine Ansammlung von mehr oder weniger selbständigen und mächtigen Staaten in der Verantwortung für die globale Entwicklung. So wird uns nun immer mehr die Bedeutung bewusst, die (große) Städte im Norden wie im Süden für das Zustandekommen und die Steuerung der weltweiten Flüsse von Kapital, Waren, Dienstleistungen, aber auch von Migrantinnen und Migranten haben. Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen Globalisierung und Verstädterung?


Die zwei wesentlichsten weltwirtschaftlichen Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte sind einerseits die Verlagerung vieler Industrien in Länder der "Dritten Welt" – das Entstehen des "globalen Fließbands". Andererseits eine enorme Ausweitung der Transaktionen, die auf den internationalen Finanzmärkten abgewickelt werden. Zudem sind diese Umschlagplätze mehr und mehr ineinander verwoben worden, so dass heute tatsächlich ein globaler Finanzmarkt existiert. Diese Entwicklungen haben die Komplexität der Steuerungs- und Managementaufgaben für die globale Wirtschaft erhöht, wovon der Bedeutungsgewinn der so genannten Produktionsdienste (wie z.B. Finanz-, Versicherungs-, Immobilien- und Rechtsdienste, aber auch Marketing oder Unternehmensberatung) Zeugnis ablegt.

Die Globalisierung wird nur an wenigen Orten "gemacht"

Drei entscheidende Punkte lassen sich nennen, um den Zusammenhang zwischen Verstädterung und Globalisierung aufzuzeigen. Da ist zum ersten die Tatsache, dass die genannten Produktionsdienste räumlich stark konzentriert sind, nämlich auf weltweit gesehen nur wenige Städte – die so genannten Global Cities. Als solche bezeichnet die Stadtsoziologin Saskia Sassen Städte, in denen Firmen konzentriert sind, die jene Produktionsdienste erbringen, die für die Integration der weltweit verstreuten Standorte der Produktion agrarischer sowie industrieller Güter erforderlich sind. Global Cities sind Städte, in denen sich Firmen niederlassen, die Kommando-, Kontroll- und Managementaufgaben für die Weltwirtschaft ausüben. Von dort verknüpfen sie regionale, nationale und internationale Ökonomien zu einer Weltwirtschaft. Global Cities sind also, in einem Wort, diejenigen Orte, an denen Globalisierung "gemacht" wird.

Stellt man sich die Weltwirtschaft als eine Vielzahl einander überlappender Warenketten oder Produktionsnetze vor, so sind die Global Cities die Knotenpunkte, durch welche die globalen Flüsse von Kapital, Gütern, Informationen, Dienstleistungen sowie Migrantinnen und Migranten fließen, und an denen sie gesteuert, gemanagt und kontrolliert werden.

World City NetworkWorld City Network - Global Players und ihre Hierarchie (© GaWC, University Loughborough)
Für diese umfangreichen Aufgaben braucht es mehr als eine oder auch nur eine Hand voll Global Cities. Die "Globalization and World Cities - Study Group & Network" (GaWC) an der britischen Universität Loughborough zählt weltweit 55 Städte zu den Global bzw. World Cities. Eine Konzentration auf Nord-Amerika, West-Europa und den asiatisch-pazifischen Raum ist jedoch unbestreitbar. Erwartungsgemäß zählen Tokio und New York zu den Global Cities, aber auch Atlanta, Istanbul und Kuala Lumpur. Aus dem Umstand, dass Global Cities die Knotenpunkte der weltweiten Produktionsnetze bilden, ergibt sich, dass diese zugleich untereinander verbunden sind. Sie bilden ein "world city network", so Peter Taylor, Co-Direktor des GaWC, das einerseits innerhalb der jeweiligen Nationalstaaten verankert ist, sich andererseits aber auch über deren Grenzen hinwegsetzt.

Globales Handeln der Eliten – lokale Interessen der Mehrheit

Global Cities zeichnen sich ferner dadurch aus, dass ihre Eliten eine starke Orientierung auf den Weltmarkt aufweisen. Die dominanten sozialen Schichten dieser Städte haben bezüglich "ihrer" Stadt primär ein Klassen-, aber weniger ein territoriales oder nationales Interesse. Sie agieren global und sind lokal vergleichsweise wenig verwurzelt. Die Folge ist ein Auseinanderfallen von lokalen Institutionen und Anliegen großer Bevölkerungsteile einerseits, und den nach "außen" orientierten Interessen und Aktivitäten der global agierenden Eliten andererseits.

Dennoch wäre es falsch, die Global Cities als losgelöst von den Staaten, in denen sie liegen, zu betrachten. Sie unterliegen nationaler Gesetzgebung und ihre Fähigkeit, jene Unternehmen anzuziehen, die Ökonomien und Gesellschaften in unterschiedlichsten Weltgegenden hierarchisch miteinander verbinden, hat viel mit der Stärke des Staates zu tun, in dem sie sich befinden – beispielsweise hinsichtlich der Währung, aber auch der politischen Ordnung. Die Wall Street wäre ohne US-Dollar und ohne demokratische Verfassung sicher nicht DIE Börse der Welt. Schließlich sind Global Cities auch für Binnenmärkte bedeutsam – in ihnen leben und arbeiten Millionen Menschen, deren Interessen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eben nicht global verortet sind.

Die Liste der Global Cities der Forschungsgruppe GaWC führen unumstritten die "Großen Drei" an: New York, London und Tokio. Dahinter folgen Städte wie Paris, Chicago, Frankfurt, Los Angeles, Mailand oder Zürich. Aber auch Städte in Schwellen- und Entwicklungsländern üben "Global City-Funktionen" aus: Mexico City, São Paulo, Johannesburg, Peking oder Bangkok sind für die Integration der Weltwirtschaft entscheidend – und sie sind ähnlich bedeutsam wie Madrid, Amsterdam oder Rom. Die mexikanische Hauptstadt beispielsweise ist mehr als nur eine riesige Megastadt mit wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen. Sie ist auch eine Stadt, der eine wichtige Aufgabe für das Funktionieren der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) zukommt. War die Rolle von Mexico City für Jahrzehnte die eines Motors für die nachholende und binnenmarktorientierte Industrialisierung Mexikos, so ist es heute ihre Aufgabe, Dienstleistungen für die in Mexiko produzierende Exportwirtschaft zu erbringen.

Urbane Dynamiken in der "Dritten Welt"

Der zweite entscheidende Zusammenhang zwischen Verstädterung und Globalisierung ist, dass in vielen Ländern der so genannten Dritten Welt die Verstädterung durch die Neustrukturierung der Weltwirtschaft enorm beschleunigt wurde und wird. Zwei Prozesse sind dafür verantwortlich.

Auf der einen Seite sind viele klein- und mittelbäuerliche Betriebe in zahlreichen Ländern der Konkurrenz, die durch die Liberalisierung des weltweiten Agrarhandels forciert wird, nicht gewachsen. So erlebt Mexiko, das seit 1994 mit den USA in der NAFTA verbunden ist, eine scharfe Polarisierung der Landwirtschaft in einen prosperierenden Exportmarkt und einen stagnierenden binnenmarktbezogenen Sektor. Während Ausfuhren von Frischgemüse und -obst in die USA wachsen, werden die Produzentinnen und Produzenten von Weizen, Bohnen oder Mais durch rasch steigende Importe aus den USA vom heimischen Markt verdrängt.

"Überflüssig" gemacht, müssen diese Bäuerinnen und Bauern abwandern – nach Mexico City, in eine der neuen Industriestädte im Norden des Landes oder in die USA. Sowohl die Binnen- als auch die internationale Migration haben durch die Öffnung des Agrarhandels bisher nicht gekannte Ausmaße angenommen. Mexiko ist dabei nur ein Beispiel für diesen Trend. Globalisierung bedeutet also auch eine transnationale Verstädterung. Die Krise der mexikanischen Landwirtschaft als Folge des Freihandels, lässt Städte wie Los Angeles oder Houston besonders schnell wachsen. Dort, wie in anderen Städten im Süden der USA, suchen Migrantinnen und Migranten aus Mexiko und weiteren Ländern Lateinamerikas Arbeit und eine Zukunft.

Auf der anderen Seite sind durch die globale Verlagerung von Industrien nach Asien (vor allem nach China, Thailand oder Indonesien), aber auch nach Lateinamerika (insbesondere Mexiko wie auch Costa Rica) neue Industriestädte mit großer wirtschaftlicher Dynamik entstanden. In diesen Boomstädten herrscht im Landesvergleich eine überproportionale Nachfrage nach Arbeitskräften. Es kommt zu umfangreichen Binnenmigrationen, die zu einem raschen Bevölkerungswachstum in diesen Städten führen.

In China hat sich beispielsweise in neuen Industriestädten wie Chongqing oder Wuhan die Bevölkerung in den letzten 25 Jahren verdoppelt. Administrativ gesehen, zählt Chongqing heute zu den größten Städten der Welt mit rund 31 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die chinesische Sonderwirtschaftszone Shenzhen hat ihre Bevölkerungszahl gar vervierfacht. In Mexiko wachsen an der Grenze zu den USA neue Industriestädte wie Tijuana oder Ciudad Juarez heran. In den so genannten "Maquiladoras" (Exportproduktionszonen) fertigen schlecht entlohnte Arbeitskräfte, vor allem Frauen, Güter für die Ausfuhr in die USA.

"Weltstädte" und ihre innere Fragmentierung

Zusammenhänge zwischen Globalisierung und Stadtentwicklung zeigen sich – drittens – auch im Inneren der Städte. Viele Städte, und zwar sowohl in der "Ersten" wie auch in der "Dritten" Welt, mach(t)en im Zuge der Globalisierung einen Prozess der Polarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft durch. Der Niedergang traditioneller städtischer Industrien und das Entstehen neuer Wirtschaftsmotoren, beispielsweise Finanzsektoren oder produktionsbezogene Dienstleistungen, führen nicht nur zu Veränderungen in der Arbeitsorganisation, der Einkommensverteilung und der Arbeitskraftnachfrage. Ebenso bilden sich neue sozialpolitische Arrangements. Mit der Folge einer starken Polarisierung der urbanen Gesellschaft. Global Cities sind vielfach auch "Dual Cities" – gespaltene Städte. Einer der Gründe dafür ist, dass der gehobene Dienstleistungssektor einen relativ großen Anteil hoch qualifizierter und sehr gut bezahlter, aber einen noch größeren Anteil unqualifizierter und schlecht entlohnter Arbeitskräfte erzeugt. Währenddessen die traditionelle Mittelschicht, die in den Städten etwa durch Beamte, aber auch durch Facharbeiterinnen und -arbeiter gebildet wird, am Arbeitsmarkt mehr und mehr unter Druck gerät.

Sichtbar werden die Fragmentierungstendenzen in den Städten an der massiven Ausweitung informeller Arbeitsmärkte, die oft auch durch Gelegenheitsjobs gekennzeichnet sind. Das gilt nicht nur für Lateinamerika oder Afrika, sondern auch für den "Norden". In den OECD-Staaten werden nach Angaben des Ökonomen Friedrich Schneider aktuell 18 Prozent der Wertschöpfung informell erbracht, wobei bemerkenswert ist, dass dieser Anteil kontinuierlich steigt – zwischen 1989 und 2002 um rund ein Viertel.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Informalisierung städtischer Arbeitsmärkte. Lauten die Prinzipien der so genannten "shareholder-value economy" Kostensenkung und Flexibilität, um möglichst hohe Gewinne erzielen zu können, so versuchen viele Unternehmen, die Regulierungen auf den städtischen Arbeitsmärkten in den USA, in Europa und teilweise auch in Lateinamerika zu umgehen. "Making it underground", so Sassen und der Soziologe Alejandro Portes, wurde zu einer bewusst gewählten Strategie, um mehr und mehr Produktionsabschnitte in den informellen Sektor auszulagern, wo die Arbeitskräfte weniger geschützt sind.

Erste und Dritte Welt in direkter Nachbarschaft

Die Fragmentierung der städtischen Arbeitsmärkte geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach zugewanderter Arbeitskraft, weil Immigrantinnen und Immigranten meist weniger Rechte haben und schlechtere Arbeits-, aber auch Wohnbedingungen akzeptieren müssen. Die Stadtentwicklung im globalen Zeitalter ist folglich geprägt durch wachsende Zuwanderung. Die türkisch- und kurdischsprachige Einwanderergemeinde in Berlin würde für sich genommen zahlenmäßig einer Großstadt in der Türkei entsprechen. In Los Angeles ist Spanisch ob der massiven Zuwanderung aus Mexiko so gegenwärtig, dass manche schon von einer Re-Mexikanisierung sprechen. Und selbst Tokio, das bis in die 1980er Jahre kaum Immigration kannte, ist mittlerweile Ziel für – meist illegale – Zuwanderinnen und Zuwanderer von den Philippinen, aus China, Süd-Korea oder Thailand.

Die Folge dieser Entwicklung ist, dass die Mittelschicht kleiner wird und der Gegensatz zwischen "arm" und "reich" wächst. Was die Lage in vielen Städte heute so explosiv macht, ist, dass dort das globale "Zentrum" und die globale "Peripherie" auf das Engste aufeinander treffen – New York hat seine "Dritte Welt" ebenso wie São Paulo seine "Erste Welt". Aber anders als zur Zeit der Industrialisierung ist das Ghetto der Armen der Stadt heute nicht mehr der Ausgangspunkt für gesellschaftliche Integration und sozialen Aufstieg, sondern Anfang und Ende einer Ausgrenzung. Allerdings: Städte, die sich den politischen Willen sozialer Gerechtigkeit und die ökonomische Fähigkeit zur Intervention erhalten (haben), können den negativen sozialen Auswirkungen gegensteuern.
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