Skyline von Schanghai

10.12.2009 | Von:
Joan Clos

Die Stadt als einzige Hoffnung

Joan Clos, ehemaliger Präsident von Metropolis und heute Industrieminister Spaniens

Textversion englisch

Deutsche Übersetzung des Video-Interviews

Es hat eine Veränderung, eine sehr wichtige Veränderung stattgefunden. Noch vor 20 Jahren wurde die Stadt an sich als das eigentliche Problem betrachtet. Die Stadt war der Ort der politischen Unruhe. Sie war der Ort der politischen Schwierigkeiten. Und ich denke heute, 20 Jahre später, wird klar, dass die Städte vielleicht die Lösung sind und nicht das Problem.


Heutzutage besteht das Problem darin, dass die Menschen in die Städte kommen, weil sie auf eine bessere Zukunft hoffen oder darauf, dass in der Stadt überhaupt eine Zukunft auf sie wartet. Vor 20 Jahren war die Bewegung aus den ländlichen Regionen in die Städte mehr oder weniger kontrolliert und angetrieben von der Industrialisierung. Nun haben wir das Problem, dass die Landflucht gar nicht mehr aufgrund eines spezifischen, wirtschaftlichen Motivs besteht. Wir haben lediglich einen Strom von Menschen, die die ländlichen Gebiete verlassen und sich in eine ungewisse Zukunft begeben. Die Stadt wurde für sie zur einzigen Hoffnung und deshalb auch zu einer Art Anziehungspunkt für diese Menschen, was wiederum immense Herausforderungen für den Umgang mit dieser neuen Realität nach sich zieht. Es gibt natürlich immer noch keine anständige Übertragung von Zuständigkeiten von der Zentralregierung auf die Städte, so dass diese auf die immensen und neuen Probleme in den Städten und in den großen Megastädten reagieren können.

Die Stadt als einzige Hoffnung Heutzutage erleben die Megastädte einen starken Zuzug, weil die Menschen dort auf eine bessere Zukunft hoffen, so Juan Clos. Ein Blick auf die Industrieländer zeigt aber, dass die Urbanisierung auch in geregelten Bahnen verlaufen kann. Es müssen nicht zwangsweise riesige Megastädte entstehen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)
Wir führen derzeit Gespräche mit den Vereinten Nationen und der Weltbank und sie ziehen es auch in Erwägung, eine Unterorganisation zu schaffen, um eine Kreditlinie zu den regionalen Regierungseinrichtungen herzustellen. Und das ist ziemlich wichtig, weil in den 80er und 90er Jahren die lokale Infrastruktur hauptsächlich mit Handelskapital finanziert wurde, also mit Kapital aus dem Finanzmarkt und daraus entstanden dann die unglaublich großen Zinsschulden und Schulden in all diesen Ländern. Infrastrukturen werden immer noch benötigt und es wäre wesentlich besser, wenn der Ausbau der Infrastrukturen nicht nur finanziert würde, sondern gewisser Maßen angeleitet und betreut, wenn man nämlich einfach nur Kapital zur Verfügung stellt. Wir haben zu häufig die Erfahrung gemacht, dass dies so nicht die richtige Lösung ist, weil das Geld dann normalerweise in die falschen Hände gelangt.

Werfen wir aber einen Blick auf die Industrieländer vor allem Nordeuropas oder Zentraleuropas, wie Deutschland, sehen wir, dass die Urbanisierung auch in geregelten, gemäßigten Bahnen verlaufen kann und nicht zwangsweise diese riesigen Megastädte entstehen müssen, sondern Städte mittlerer Größe, sagen wir mal mit einer halben Million Einwohner oder 200.000 oder 700.000, die eine sehr viel höhere Lebensqualität bieten als die Megastädte mit ihren 23 oder 30 Millionen Einwohnern, wie Chongqing. Und ich denke zwar, dass wir zunächst viele Megastädte haben werden, wenn es gleichzeitig aber Wachstum gibt, dann denke ich, werden wir auch beobachten können, was wir in den meisten Industrienationen beobachten konnten, nämlich eine zweite, eine Dezentralisierungsphase dieses Urbanisierungsprozesses, der kleinere und lebenswertere Städte, die auf ein größeres Gebiet verteilt sind, hervorbringt.


Redaktion: Sonja Ernst
Kamera: Jörg Pfeiffer
Schnitt: Jörg Pfeiffer
Übersetzung ins Deutsche: Martina Heimermann


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