Skyline von Schanghai

10.12.2009 | Von:
Alfredo Sirkis

Brasilien: Die Armen waren auf sich allein gestellt

Alfredo Sirkis, ehemaliger Regionalsekretär von Metropolis für Südamerika und die Karibik

Textversion englisch

Deutsche Übersetzung des Video-Interviews

Das Phänomen der Landflucht ist in den meisten Ländern des Südens das gleiche. Nach dem zweiten Weltkrieg lebten 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land und heute, 60 Jahre später, haben wir genau das Gegenteil: 80 Prozent der Bevölkerung oder sogar mehr, vielleicht 83, 84 Prozent der Bevölkerung leben in den Städten. Diese Migration in die Städte der letzten circa 60 Jahren hat die Ausbreitung des illegalen Häuserbaus zur Folge gehabt, weil der Staat, bzw. die Politik sich nicht darum kümmerte, die Armen mit Unterkünften zu versorgen; und die wirtschaftliche Situation im Allgemeinen bietet dem privaten Sektor keinen Anreiz, in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Dieser Sektor investiert nur in Häuser für die Mittel- und Oberschicht. Im Grunde genommen war über all die Jahre die Botschaft der Gesellschaft und des Staates an die Armen nur "kümmert euch um euch selbst" und das haben sie getan.


Und die Favelas sind eigentlich das Resultat davon, dass die Armen sich auf etwas chaotische Weise um sich selbst gekümmert haben mit extremen Folgen für die Umwelt, mit denen wir uns nun wiederum in irgendeiner Weise beschäftigen müssen. In den letzten hundert Jahren gab es drei verschiedene politische Ansätze, um das Problem anzugehen.

Während der zwei Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurde versucht, diese Menschen an den Stadtrand umzusiedeln.

Dann, in den 80er Jahren, wurde genau das Gegenteil versucht. Die Regierung dachte damals, dass die Favelas nicht das Problem, sondern die Lösung seien, was auch falsch ist, weil sie ernste Umweltprobleme nach sich ziehen: Die Abholzung der an die Stadt angrenzenden Hänge, Bodenerosion, Erdrutsche, und dieser Prozess fordert natürlich seine Opfer.

Brasilien: Die Armen waren auf sich allein gestellt Der Umgang mit den Favelas, den illegalen Siedlungen, habe sich gewandelt, so Alfredo Sirkis, ehemaliger Regionalsekretär von Metropolis für Südamerika und Karibik. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© 2007 Bundeszentrale für politische Bildung)
Seit den 90er Jahren versucht die Stadtregierung diese Siedlungen in das formale Stadtgebiet einzugliedern: Sie arbeitet an der Infrastruktur, baut Abwassersysteme, Kinderhorte, Sportanlagen. Und dann versucht sie gleichzeitig Projekte durchzuführen, die der Umwelt helfen sollen: die Wiedergutmachung der entstandenen Umweltschäden, wie Aufforstung, Abfallentsorgung, etc., sowie Vollzeit- und Teilzeitarbeitsplätze für die Menschen, die in den Favelas leben, zu schaffen. So entsteht eine positive Dynamik. Die Situation verbessert sich aus umweltpolitischer Sicht und aus sozialer Sicht.

Schließlich besteht der dritte Punkt unserer Strategie in der Legalisierung der Existenz, d.h. in der letzten Phase, der Baugenehmigung, der Aufenthaltsgenehmigung und in der Benennung der Straßen in den Favelas, in der Nummerierung der Häuser, so dass letztendlich jeder Bewohner eine Adresse hat. Und dann entwickeln wir ganz einfache Bauregelungen für die Favelas; die betreffen hauptsächlich die Grenze mit den Grünflächen, die wir die Eco-Grenze nennen, maximale Bauhöhen, die Respektierung der öffentlichen Flächen und der Minimalbedingungen für sanitäre Einrichtungen, die Beleuchtung und den Raum zum Atmen, usw. Und so entstehen besondere Bauvorschriften für diese ganz besondere Realität.


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