Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Sonja Ernst

Die Debatte um "asiatische Werte"

Rückblick und Bilanz

In den 1990er Jahren lieferten sich westliche Länder und Teile Asiens einen Schlagabtausch über die so genannten "asiatischen Werte": eine Debatte über individuelle Rechte versus Gemeinschaftsrechte sowie über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung.

Massenhochzeit in SüdkoreaMassenhochzeit in Südkorea (© AP)

Das Konzept "asiatischer Werte" wurde vor allem von China, Indonesien, Malaysia und Singapur postuliert. Die politischen Eliten betonten Fleiß, Sparsamkeit sowie die Anerkennung von Autorität und Gemeinschaft als wesentliche ethische Merkmale ihrer Gesellschaften. Die Bedeutung von Familie und Bildung wurde unterstrichen; ebenso das Streben nach Harmonie und Konsens sowie die Ablehnung von Konfrontation und Konflikt. Nicht das Recht des Einzelnen gegenüber dem Staat stand im Vordergrund, wie es im westlichen Demokratieverständnis festgeschrieben ist. Vielmehr galt der Einzelne als Teil einer größeren Gemeinschaft. Die Rechte und Interessen dieser Gemeinschaft wurden über die des Individuums gestellt. Und der Staat sollte die Interessen der Gemeinschaft, der Nation definieren und repräsentieren: Dieses paternalistische Staatsverständnis bildete ein wichtiges Element im Konzept "asiatischer Werte". Zugleich instrumentalisierten autoritäre Regierungen dieses Konzept aber auch für ihre eigenen Interessen – als Legitimation für staatliche Repressionen, das Verbot freier Gewerkschaften, die Einschränkung der Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit, der Religionsfreiheit sowie weiterer Menschenrechte.

Die Debatte um "asiatische Werte" wurde auf verschiedenen Ebenen geführt. Zum einen wurde die Universalität der Menschenrechte von einzelnen asiatischen Regierungen, wie China oder Singapur, in Frage gestellt: Menschenrechte sollten demnach abhängig von kulturellen Besonderheiten gelten. Zum anderen ging es um das Verhältnis zwischen Entwicklung und Demokratie.


Ab den 1960er bis in die 1990er Jahre hinein hatten die Länder Ost- und Südostasiens eine beispiellose wirtschaftliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Japan, Südkorea, Hongkong, Singapur, Taiwan sowie China, Indonesien, Malaysia und Thailand galten als "Ostasiatisches Wunder". Einzelne Regierungen deuteten die spezifisch konfuzianische, asiatische Kultur als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg der Region. Der ökonomische Erfolg ließ eine selbstbewusste politische Elite entstehen, die vom Westen das Recht auf einen eigenen entwicklungspolitischen Weg einforderte und die Vormachtstellung der alten Industriestaaten Europas und Nordamerikas herausforderte.

"Westliche" versus "asiatische Werte"?

"Gibt es denn nur eine Form der Demokratie oder nur einen Hohen Priester, der sie interpretiert – den Westen?", so Mahathir Mohamad in einem Interview im August 1995.[1] Der damalige Ministerpräsident Malaysias war neben dem Ministerpräsidenten Singapurs, Lee Kuan Yew, der zentrale Wortführer der Debatte. Mahathir sprach über die jungen Menschen in seinem Land: "Wir wollen ihnen klarmachen, dass der Niedergang des Westens dem Werteverfall zuzuschreiben ist. Dass die Rechte des Individuums nicht über denen der Gemeinschaft stehen, sondern umgekehrt", so Mahathir. Den Werteverfall des Westens sah er vor allem im Verfall der Familien, im Drogenkonsum, in zunehmender Gewalt und Kriminalität.

Die "asiatischen Werte" sollten dieser Auffassung nach dazu beitragen, der Bevormundung durch den Westen einen Riegel vorzuschieben. "Indem man anstrebte, eine eigene asiatische Identität hervorzuheben, wollte man sich sicherlich auch gegen westliche Politik absetzen, die in diesen Ländern vielfach Kolonialpolitik gewesen war, und sich jede Einmischung von außen verbitten", sagt Dr. Wolfgang S. Heinz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Menschenrechte in Berlin sowie Mitglied im Expertenausschuss des UN-Menschenrechtsrats.[2]

Instrumentalisierung der "asiatischen Werte"?

Die Debatte um "asiatische Werte" hatte jedoch nicht nur eine außenpolitische Dimension. Auch innenpolitisch erfüllte sie ihren Zweck. "Das Konzept der asiatischen Werte hatte auch die Funktion der Rechtfertigung und Legitimierung der eigenen autoritären Regierungsform, die offiziell auf eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung als Hauptziel setzte", so Heinz. In dem ökonomischen Erfolg sahen autoritäre Regierungen wie in Singapur oder Malaysia die Rechtfertigung, dass es keiner Zivilgesellschaft bedürfe – dass die aktive politische Teilhabe der Bevölkerung gleichsam überflüssig sei, solange der Staat mit Bravour die wirtschaftlichen Geschicke des Landes regelt.

Das Konzept der "asiatischen Werte" war jedoch an vielen Stellen problematisch. Mit dem Wirtschaftsboom wandelten sich die Gesellschaften Ost- und Südostasiens: Die Phase der Industrialisierung, eine teils rapide Urbanisierung sowie anhaltende Migrationsbewegungen führten auch hier zu Individualisierungsprozessen. In vielen städtischen Haushalten Asiens wich die Groß- der Kleinfamilie. Ein solcher Wertewandel war im Konzept der "asiatischen Werte" nicht vorgesehen – fußte es doch auf angeblich stabilen, ewigen Werten. Zugleich diente das Beharren auf einen festgeschriebenen Wertekanon den autoritär-konservativen Regierungen, den gesellschaftlichen Status quo und die eigene Macht zu zementieren.


Fußnoten

1.
"Sie zelebrieren das Chaos", Interview mit Malaysias Premier Mahathir Mohamad, in: DER SPIEGEL, Nr. 34, 21. August 1995, Seite 136-139.
2.
Dr. Wolfgang S. Heinz im Gespräch mit der Autorin am 26. August 2009.