Das Bistro Zum Kaiser in der namibischen Stadt Swapokmund: Zeugnis der deutschen Kolonialvergangenheit in "Deutsch-Südwest-Afrika", die im Juli 1915 mit der Kapitulation vor den Truppen der südafrikanischen Union endete.

Die fragile Erinnerung des Entinnerten - Essay


23.10.2012
Nach einer langen Phase der Entinnerung ist der postkoloniale Diskurs fast im akademischen Mainstream angekommen. Damit beginnt der schwierige Lernprozess, koloniale Kultur und Geschichte in Deutschland zu vergegenwärtigen.

Leben wir in Deutschland aufgrund der historischen Errungenschaften der europäischen Aufklärung und des westlichen Universalismus in einer säkularisierten, von Irrationalität und ideologischen Zwangsvorstellungen weitgehend befreiten Gesellschaft? Wie die jüngste Vergabe des Friedensnobelpreises an die Europäische Union zeigt, hat dieses Selbstbild die eigendynamische Tendenz sich als self-fulfilling prophecy in einem surrealen Zwischenraum zwischen dem imaginierten und dem ersehnten Selbst zu verselbstständigen. Es ist ein selbstreferenzieller Diskurs, der an der komplexeren Realität mit seinen uneindeutigen Grenzen zu scheitern droht.

Auffällig ist auch, dass mithilfe orientalistischer, rassistischer oder antiziganistischer Zerrbilder und Stereotypen die "Anderen" als binäre Opposition zum vernunftbegabten westlich-demokratischen Subjekt kreiert werden. Umso größer war daher die Überraschung für das "westliche Expertentum" als das unerwartet große Verlangen nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechten der "arabischen Massen" zum nicht möglich gehaltenen Ausbruch des "Arabischen Frühlings" führte. Die aus innerem Antrieb in Gang gesetzte "Arabellion" kann auch als Krise dualistisch geprägter Welt- und Menschenbilder gelesen werden. Das dahinterstehende Motiv, universalistische Werte und die Fähigkeit zur Selbstkritik und Aufklärung vor allem als westliche Attribute zu monopolisieren, steht im Konflikt mit komplexeren und realistischeren Analysen.

Auch innenpolitisch spielt diese grundlegende und oftmals als nicht überbrückbar gedachte Grenzziehung in der Frage der Zugehörigkeit zum "gesellschaftlichen Wir" in Sinne eines Foucaultschen Dispositivs eine ausgesprochen fundamentale Rolle:[1] Die rückwärtsgewandte Suche nach einem hegemonialen, kulturell und ethnisch möglichst homogenen nationalen Kollektiv erfüllt eine sinn- wie identitätsstiftende Symbolfunktion. In ihrer subjektkonstituierenden, gesellschaftspolitischen und kulturbildenden Bedeutung reichen die Auswirkungen dieser Identitätspolitik weit über den Bereich der Migrations- und Integrationspolitik hinaus.

Diese diskriminatorisch kodierte Binarität, die Menschen entlang historisch etablierter Machtdynamiken und ethnisch-kultureller Identitätsmodelle in "Zugehörige" und "Fremde" aufspaltet, reartikuliert in Gesellschaften mit latenter kolonialer Prägung meines Erachtens nach die Grenzziehungen des colonial divide.[2] Davon zeugt die langanhaltende Schwierigkeit vieler Weißer[3] Deutscher anerkennend mit kultureller Differenz und Diversität im Einwanderungsland umzugehen. Im Alltag werden interkulturelle Dialogansätze oftmals durch den regelmäßigen Aufschrei von sogenannten Überfremdungsängsten überschattet. Die jahrelang verschleppte Implementierung von europaweit gültigen Anti-Diskriminierungsstandards[4] durch unterschiedliche Regierungen lässt Zweifel aufkommen, ob Diskriminierungsfreiheit tatsächlich erwünscht ist. Obwohl weder fundierte Praxiserfahrungen noch Evaluationen vorlagen, ließ sich der damals zuständige Bundesinnenminister Otto Schily in seiner Politik offenbar vom folgenden Glaubenssatz leiten: Seiner Meinung nach wäre die Rücknahme des Anti-Diskriminierungsgesetzes "ein echter Beitrag zum Bürokratieabbau".[5] Demgegenüber wurde im selben Jahr (2005) unter der Ägide desselben Ministers mit immensen bürokratischen Aufwand die obligatorischen Integrationskurse für alteingesessene Migrantinnen und Migranten sowie Neueingewanderte aus Nicht-EU-Staaten mit einem beträchtlichen Sanktionssystem eingeführt. Sie werden in diesem unfreiwilligen System kollektiv als kulturell unterentwickelte Menschengruppen mit politischen Devianzen angesehen, die daher wie Schülerinnen und Schüler der Aufklärung, Kontrolle und gegebenenfalls auch der Bestrafung bedürfen, um integrierbar gemacht zu werden.[6]

Die mangelnde Bereitschaft, die undemokratische Norm rassifizierter Privilegien wie Marginalisierungen etwa durch eine aktive Anti-Diskriminierungspolitik infrage zu stellen, steht in einem engen Zusammenhang mit der verdrängten und unsichtbar gemachten kolonialen Erfahrung der deutschen Gesellschaft und ihrem verborgenen Nachleben in der politischen Kultur. Wiederholt haben unterschiedliche empirische Untersuchungen attestiert, dass etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung über latent rechtsextreme und rassistische Einstellungen verfügt, die auf entsprechend wirkungsmächtigen Weltbildern basieren.[7] Die Forschungsergebnisse bestätigen die Persistenz diskriminierender Einstellungen und Annahmen in breiten Bevölkerungskreisen. Die strukturelle Verankerung überkommener Ideologeme, die nicht ohne die kolonialrassistische und antisemitische Vergangenheit Deutschlands denkbar sind und analysiert werden können, wirft unweigerlich politisch unangenehme Problemlagen auf. So stellt sich unter anderem die Frage, inwieweit koloniale und rassistische Elemente der deutschen Gesellschaft tatsächlich in einem republikanischen Sinne aufgearbeitet wurden. Ein republikanisches Verständnis misst beispielsweise Gesellschaftszugehörigkeit eben nicht mehr nach konstruierten "rassischen" Kriterien, die letztlich dem kolonialrassistischen Denken des 19. Jahrhunderts verhaftet geblieben sind.

Wie stark ein biologistisches Verständnis von gesellschaftlicher Zugehörigkeit im deutschen Kontext präsent ist, lässt sich an einem Klassiker des Desintegrationsdiskurses im Alltag ablesen.[8] Wann immer nicht "deutsch" (also nicht "europäisch") aussehende Deutsche gefragt werden, woher sie wirklich kommen und warum sie so gut Deutsch sprechen, findet eine Reinszenierung der gesellschaftlichen Grenzziehung und Ausweisung statt. Diese Praktiken orientieren sich an dem eurozentrierten Weltbild des geografischen und kulturellen colonial divide, der von einer festen Zuordnung von Raum, "Rasse" und Kultur zu einer unhinterfragbaren Einheit ausgeht. Obwohl das koloniale Modell von einem solchen starren Modell ausgeht, sind die Auswirkungen kolonialer Praktiken, wie Edward Said feststellt, weitaus ambivalenter: "No one today is purely one thing. Labels like Indian, or woman, or Muslim, or American are no more than starting-points, which if followed into actual experience for only a moment are quickly left behind. Imperialism consolidated the mixture of cultures and identities on a global scale. But its worst and most paradoxical gift was to allow people to believe that they were only, mainly, exclusively, white, or black, or Western, or Oriental."[9]

Die nach wie vor nicht aufgearbeitete koloniale Geschichte Deutschlands und ihre kulturellen Präsenzen sind meiner Meinung nach ein Kernproblem auf dem Weg zu einer Einwanderungsgesellschaft, die sich tatsächlich ihrer historischen Dimensionen und strukturellen Machtkonstellationen bewusst ist. Die Bewusstmachung und der Abbau kolonialer Altlasten und Strukturen im kulturellen und institutionellen Gefüge der Gesellschaft sind von elementarer Bedeutung, wenn wir tatsächlich alle gemeinsam mit unseren unendlichen Differenzen und trotz unserer unterschiedlichen geschichtlichen Ausgangsbedingungen gleichberechtigt in einer Rassismus abbauenden Gesellschaft leben wollen.

Blinde Flecken



Nach Einschätzungen mancher Fachexperten produzierte die DDR-Geschichtswissenschaft erstaunlicherweise gerade in diesem Arbeitsbereich trotz politischer Instrumentalisierung "eine Vielzahl origineller Untersuchungen",[10] die wie einige Aufsätze in Helmuth Stoeckers "Drang nach Afrika" (1977)[11] in der langfristigen Rückschau als "exzellent"[12] gelten. Nach Ansicht des angesehenen US-amerikanischen Historikers Roger Chickering haben viele der darin entwickelten marxistischen Erklärungsansätze zu einem besseren Verständnis des imperialistischen Zeitalters beigetragen.[13] Doch neben wissenschaftlichen spielten auch propagandistische Ziele eine nicht unwesentliche Rolle, die sich zudem außenpolitisch verwerten ließen: Die marxistisch-leninistische Auseinandersetzung mit dem Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus war in der DDR, sofern die Diskussionen und Themen den offiziell erlaubten Rahmen nicht überschritten, eine ideologiekonforme und politisch erwünschte Arbeit. Die meist doktrinäre und monokausale Lesart der politischen Ökonomie schränkte das Forschungsinteresse stark ein und erlaubte keine selbstkritische Analyse. Da die DDR sich in der kommunistischen Tradition des antifaschistischen Deutschlands und der revolutionären Solidarität des weltweiten Proletariats sah, konnte es per definitionem keine koloniale Verstrickung und Tradierung in der DDR geben. Während die DDR-Geschichtswissenschaft sich unter ideologischen Vorzeichen am Zusammenhang zwischen Kapitalismus und kolonialer Expansion abarbeitete, wurden so grundlegende Themen wie Eurozentrismus, antikolonialer Feminismus und Rassismus gar nicht erst in den Blick genommen.

Für eine selbstkritische Analyse der tradierten politischen Kultur und der wissenschaftlich bestimmenden Leitorientierungen in der früheren Bundesrepublik kann eine vergleichende Perspektive durchaus erhellend sein. Gerade im Vergleich mit der politischen Kultur der DDR, die nicht gerade für ihre Selbstreflexivität bekannt ist, treten ideologische Defizite und blinde Flecken umso deutlicher in Erscheinung. Die vergleichsweise fortgeschrittene Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands in der DDR-Geschichtswissenschaft resultierte vor allem aus der weitgehenden Verdrängung in Westdeutschland. Die politische wie wissenschaftliche Diskussion in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft befand sich in einem lähmenden Vakuum. Nicht nur der Holocaust, sondern auch Begriffe wie Rassismus und Kolonialismus waren tabuisiert, da sie die Ideologie und Praktiken der Nationalsozialisten wachriefen.

Erst die zunehmenden studentischen Proteste gegen den als neokolonial wahrgenommenen Vietnamkrieg der USA und ihrer Verbündeten sowie die allmähliche Thematisierung und Aufarbeitung des deutschen Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden bewirkte eine kurzzeitige Horizontöffnung. In der Bundesrepublik kam eine kritisch intendierte Aufarbeitung des Imperialismus erst Ende der 1960er Jahre in einem größeren Umfang auf. Die kurze akademische Modewelle der westdeutschen Kolonialforschung flaute jedoch parallel zur Krise der Neuen Linken bereits Mitte der 1970er Jahre ab.[14] Da sie nicht institutionalisiert wurde, hing die Fortführung dieses Forschungsfeldes in der Folgezeit von dem besonderen Engagement von interessierten Einzelpersonen und zufälligen Parametern ab. Wie in der DDR spielte die selbstkritische Auseinandersetzung mit kolonialen Praktiken und Bildern zu dieser Zeit keine nennenswerte Rolle.

Umkämpfte Räume und Perspektiven



Seit Ende der 1990er Jahre erfährt die interdisziplinäre Erforschung der kolonialen Geschichte Deutschlands im Rahmen imperialer Weltsysteme ein Revival. Obwohl auch andere Fachrichtungen wie die Soziologie, Kulturwissenschaft und Ethnologie in Deutschland Interesse zeigten, wird dieser Themenkomplex vor allem von der Geschichtswissenschaft bearbeitet. Die Anzahl von Publikationen, Konferenzen und Forschungsprojekten ist in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Obwohl diese Entwicklung grundsätzlich positiv ist, stellt die relative Dominanz der Geschichtswissenschaft auch ein Problem dar, da sie auch unwillentlich das politische Interesse an einer Historisierung verstärkt und andere Zugänge in der gesellschaftlichen Wahrnehmung marginalisiert. Auch lassen sich Defizite und problematische Trends in der Aufarbeitung ausmachen.

So beschäftigt sich ein Großteil der Forschung mit der Kolonialisierung außereuropäischer Gebiete. Das hat jedoch zur Folge, dass der wechselseitige Prozess von äußerer Fremd- und innerer Selbst-Kolonialisierung aufgespalten wird. Auf diese Weise bleibt die Produktion entgrenzter Räume mit ihren weitreichenden sozioökonomischen, kulturellen, politischen und juristischen Effekten im Prozess der Kolonialisierung unterbelichtet. Solche Ansätze laufen Gefahr neue Blindstellen zu schaffen, da sie ein einseitiges Bild der Kolonialisierung entwerfen. Vielversprechender sind dagegen Ansätze, die davon ausgehen, dass die Kolonialisierung ein wechselseitiger Prozess ist, der sowohl die kolonialisierenden als auch die kolonialisierten Länder mit unterschiedlichen Auswirkungen verändert. Studien, welche die Kontinuität und Transformation kolonialer Denkweisen, Bilder und Strukturen bis in die Gegenwart analysieren, sind immer noch recht selten. Solange die Überlagerung ineinanderlaufender Zeit- und Gesellschaftssedimente kein relevantes Thema ist und die wissenschaftliche Aufarbeitung rein historisch verbleibt, können die Einflüsse kolonialer Effekte auf die rassistischen Konditionen der deutschen Gegenwartsgesellschaft nicht in den Blick genommen werden.[15] Geschichte nicht als offenes und dynamisches Feld zu begreifen, bedeutet, die Aktualität kolonialer Präsenzen als Fragestellung nicht zuzulassen. Bisher werden auch in der kritischen deutschen Rassismusforschung die kolonialen Ursprünge und Elemente rassistischer Herrschafts- und Gewaltformen nur unzureichend beachtet und in den Analyserahmen einbezogen. Gerade aus der Verschränkung unterschiedlicher Zeitlichkeiten und der Überlappung räumlicher Interaktionsprozesse ergeben sich jedoch neue Einsichten und politische Ansatzpunkte der Intervention. Diesem Interesse wird in einigen neueren Publikationen nachgegangen.[16]

Im Prozess der Aufarbeitung stoßen wir unvermeidlich auf eine Vielzahl neuer Fragestellungen und Problemlagen, die auf die Unabgeschlossenheit postkolonialer Räume, Verhältnisse und Interessenkonflikte hinweisen. Sie schließt nichts ab, sondern eröffnet eine Vielzahl neuer Baustellen, die ihre eigenen Abgründe offenbaren. Deutlich wird das bei manchen Formen, die sich nach den Interessen eines Weißen Massenpublikums richten, wie etwa bei den mit großem Aufwand hergestellten ZDF-Dokumentationsfilmen. Den Anfang machte die dreiteilige Serie "Deutsche Kolonien" (2005), die unter der wissenschaftlichen Mitarbeit eines bekannten Kolonialhistorikers hergestellt wurde.[17] Um den Ruf des Berufsstandes zu retten, sparte Jürgen Zimmerer nicht mit Kritik, zumal die positiven Bezüge zur deutschen Kolonialzeit und die exotisierende Zurschaustellung der Kolonialisierten nicht zu übersehen waren. Er befand, "Film und Buch verkitschen und verharmlosen den deutschen Kolonialismus in skandalöser Weise".[18] Die gleichen Fehler wiederholten sich in der Dokumentation "Das Weltreich der Deutschen" (2010) von Guido Knopp. Deutschlands populärster Historiker "trauert (dort) um geplatzte Kolonialträume".[19]

Was diese Filmbeispiele im Verhältnis von Repräsentation und Perspektivität offenbaren, wiederholt sich in subtileren und weniger offensichtlichen Formen auch in anderen Prozessen und Ebenen der Aufarbeitung. Die Prozesse der Aufarbeitung sind nicht jenseits der gesellschaftlichen Machtverhältnisse verortet, die rassistische und koloniale Logiken begünstigen können. Ein zentraler Punkt ist daher die grundlegende Frage, wie beim Versuch der Aufarbeitung diskriminierende Prozeduren, eurozentristische Standards und rassistische Effekte vermieden werden können. Diese Frage ist auch beim heutigen Umgang mit dem deutschen Genozid an den Herero und Nama präsent und lässt sich auch nicht von der Kontroverse über eine angemessene Gedenk- und Reparationspolitik abkoppeln. Auch in anderen Kontexten stellt sich diese Grundfrage: so etwa in der Auseinandersetzung um die ethnologischen Sammlungen und ihre musealen Arbeitskonzepte. Es bestehen unterschiedliche Vorstellungen über die Thematisierung der Kolonialgeschichte von Institutionen und die Aneignung außereuropäischer Kulturgüter, die sich mit der richtigen oder angemessenen Form der Repräsentation und Kontextualisierung beschäftigen. Ähnliches lässt sich über die langwierige Diskussion über Sinn und Unsinn des Berliner Humboldt-Forums oder von den verschiedenen postkolonialen Aktionsgruppen sagen, die Straßenumbenennungen, Umwidmung öffentlicher Räume und einen kritischen Umgang mit Kolonialdenkmälern einfordern.

Im Kern geht es um eine viel weiter reichende Streitfrage: Wollen wir koloniale Aufarbeitung oder wollen wir Deutschlands Kultur dekolonialisieren? Wenn ja, welche Wege und Mittel sind gangbar und zielführend? Natürlich hängt die Antwort auch von der Struktur der deutschen Kultur- und Wissenschaftslandschaft ab. Solange ihre Institutionen noch am Anfang interkultureller Öffnungsprozesse stehen, ist die Antwort absehbar. Gegenwärtig haben wir eine Struktur, in der die Perspektiven von People of Color im Regelfall nur Amateur- oder Betroffenenstatus erhalten.

Für die weitere Entwicklung ist die Frage wesentlich, ob kritische Forschungsansätze an deutschen Universitäten Raum erhalten. Das wird auch Einfluss darauf haben, welche Perspektiven in den wissenschaftlichen und kulturpolitischen Deutungskämpfen vertreten sind. Wünschenswert wäre es, wenn in diesem Rahmen ein Prozess der kulturellen und epistemologischen Dekolonialisierung eingeleitet werden könnte, der sich auch auf andere Bereiche überträgt.

Dieser Artikel erschien erstmalig in "Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 44–45/2012): Kolonialismus".


Fußnoten

1.
Vgl. Paul Mecheril, Wirklichkeit schaffen: Integration als Dispositiv, in: APuZ, (2011) 43, S. 49–54.
2.
Vgl. Ramon Grosfoguel, The Epistemic Decolonial Turn, in: Cultural Studies, 21 (2007) 2–3, S. 211–223.
3.
Wenn Begriffe wie "weiß" und "schwarz" eine politische Kategorie mit rassenkonstruktivistischer Bedeutung ausdrücken, wird die Großschreibung verwendet.
4.
Vgl. Online-Dossier "Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" der Heinrich-Böll-Stiftung, 2006: http://migration-boell.de/web/diversity/48_533.asp« (12.10.2010)
5.
Zit. nach: Berliner Morgenpost vom 4.3.2005.
6.
Vgl. Kien Nghi Ha, Aufklärung, Bildungszwang oder Kolonialpädagogik?, in: Bülent Ucar (Hrsg.), Zur Bedeutung der Religion in der Integrationspolitik, Frankfurt/M. u.a. 2010, S. 403–424.
7.
Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler/Norman Geißler, Vom Rand zur Mitte, Berlin 2006; Oliver Decker/Elmar Brähler, Die Mitte in der Krise, Berlin 2010.
8.
Vgl. Mutlu Ergün, Kara Günlük. Die geheimen Tagebücher des Sesperado, in: Kien Nghi Ha/Nicola Lauré al-Samarai/Sheila Mysorekar (Hrsg.), re/visionen, Münster 2007.
9.
Edward W. Said, Culture and Imperialism, New York 1994, S. 336.
10.
Gustav Schmidt, Der europäische Imperialismus, München 1985, S. 132.
11.
Vgl. Helmuth Stoecker (Hrsg.), Drang nach Afrika, Berlin 19912.
12.
Woodruff D. Smith, Colonialism and Colonial Empire, in: Roger Chickering (ed.), Imperial Germany, Westport 1996, S. 453.
13.
Vgl. Roger Chickering, Imperial Germany at War, 1914–1918, in: ebd., S. 501.
14.
Vgl. W. D. Smith (Anm. 12), S. 431f.
15.
Vgl. Kien Nghi Ha, Die kolonialen Muster deutscher Arbeitsmigrationspolitik, in: Encarnación Gutiérrez Rodriguez/Hito Steyerl (Hrsg.), Spricht die Subalterne deutsch?, Münster 2003, S. 56–107.
16.
Vgl. Julia Reuter/Paula-Irene Villa (Hrsg.), Postkoloniale Soziologie: Theoretische Anschlüsse – Empirische Befunde – politische Interventionen, Bielefeld 2009; Gabriele Dietze/Claudia Brunner/Edith Wenzel (Hrsg.), Kritik des Okzidentalismus, Bielefeld 2009; Encarnación Gutiérrez-Rodríguez/Manuela Boatcă/Sérgio Costa (eds.), Decolonising European Sociology, Farnham 2010.
17.
Vgl. Gisela Graichen/Horst Gründer, Deutsche Kolonien, Berlin 2005.
18.
Jürgen Zimmerer, Warum nicht mal ’nen Neger?, in: Süddeutsche Zeitung vom 23.11.2005.
19.
Steffen Grimberg, Spurensuche in Afrika, in: die tageszeitung vom 6.4.2010.

 

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