Deutschland 1945-1949

Editorial

13.7.2005
Christine HesseChristine Hesse
Aus der Distanz von sechzig Jahren wirkt die unmittelbare Nachkriegszeit seltsam unwirklich. Jahrzehnte, in denen Deutschland die längste Friedensperiode seiner Geschichte, relative Sicherheit, demokratische Verhältnisse und wachsenden Wohlstand erlebte, legen einen Weichzeichner über die Anfänge. Im Zeitraffer betrachtet erscheinen die großen Stationen der deutschen Nachkriegsgeschichte - Zusammenbruch, Teilung und Wiedervereinigung - geradezu folgerichtig und logisch. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, wie ungewiss, wie offen die Situation im Mai 1945 erschien. "Nie war die Zukunft in Deutschland so wenig vorhersehbar, nie das Chaos so allgegenwärtig wie im Frühjahr 1945" (Heinrich August Winkler).

Die Deutschen standen in mehrfacher Hinsicht vor Trümmern: Sie waren Hitler willig in einen Lebensraum-Krieg gefolgt, dessen Ziele sich spätestens mit der Niederlage als Illusion erwiesen hatten. Mit dem verbrecherischen Angriffskrieg und dem millionenfachen Völkermord hatten sie sich vor der Welt moralisch diskreditiert. Nun spürten sie die Folgen: Im Bombenhagel waren mehr als 2,5 Millionen Wohnungen zerstört worden, speziell die größeren Städte Deutschlands lagen in Schutt und Asche. Die Ernährungslage war seit Kriegsende katastrophal. Mit den Gebieten im Osten ging fast ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche verloren, die Ernteerträge in den verbliebenen Gebieten waren kriegsbedingt um die Hälfte gesunken und konnten aufgrund der zerstörten Transportwege von 13 000 Kilometern Eisenbahnstrecke waren im Mai 1945 nur noch 1000 befahrbar nicht verteilt werden. Acht bis zehn Millionen ausländische Zwangsverschleppte, mehr als drei Millionen aus den StädtenEvakuierte, um die vierzehn Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten waren zusätzlich zu versorgen.

Anders als 1918 hatte Deutschland als Staat aufgehört zu existieren, die Deutschen sahen sich auf Gedeih und Verderb den Siegern ausgeliefert. Diese übernahmen als Besatzungsmächte zunächst eine gemeinsame Verantwortung für Deutschland, die an ideologischen Differenzen im Zuge des seit 1947 aufbrechenden Kalten Krieges jedoch schnell zerbrach. Schon bald gingen sie bei der Neuordnung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in ihren Besatzungszonen eigene Wege.

In der Sowjetischen Besatzungszone(SBZ)wurde mit Verstaatlichung der Banken, Boden- und Industriereform, Planwirtschaft und Gleichschaltung der gesellschaftlichen Kräfte eine sozialistische Gesellschaftsordnung etabliert. Durch die Reparationsleistungen an die Sowjetunion war die SBZ besonders von materiellen Einbußen betroffen.

In den Westzonen setzte sich eine sozial fundierte Marktwirtschaft durch, sorgten die Hilfsleistungen der USA im Zuge des Marshallplans und die Währungsreform für Anschübe des Wirtschaftslebens, erhielten die Menschen nach anfänglichen Entnazifizierungs- und Umerziehungsmaßnahmen zunehmend mehr Freiräume zu politischer, gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe. Ein neues Lebensgefühl regte sich, Erich Kästner lieh ihm im Oktober 1945 seine Stimme: "Kein Hindernis ist zu hoch und kein Abenteuer verzwickt genug, den edlen Eifer zu dämpfen. Mögen die privaten Sorgen getrost dazukommen! Wohnungssuche, Zuzugsgenehmigung, keine Möbel, das letzte Paar Schuhe, keine Nachricht von den Angehörigen... alles tritt schattenhaft zurück hinter das, was nun, nach zwölf Jahren geistiger Fesselung und Bedrohung, endlich wieder winkt: die Freiheit der Meinung und der Kunst."

Die unterschiedlichen Gesellschaftskonzepte prägten auch nach der doppelten Staatsgründung von 1949 die beiden deutschen Staaten und haben bis heute, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung, ihre Spuren hinterlassen.

Christine Hesse