Deutschland 1945-1949
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Wirtschaftsentwicklung von 1945 bis 1949


13.7.2005
Nach der Demontage der deutschen Industrie in den ersten Nachkriegsjahren kam es ab 1948 durch den so genannten Marshall-Plan zu einem umfassenden Hilfsprogramm für Europa. Im gleichen Jahr wurde mit der Währungsreform die D-Mark eingeführt.

US-Amerikaner William Averell Harriman, links, US-Sondergesandte für den Marshallplan, steht neben dem Oberbürgermeister von Berlin, Ernst Reuter.Der US-Sondergesandte für den Marshallplan Harrimann und der Berliner Oberbürgermeister Reuter. (© AP)

Einleitung



Kaum eine Operation der Alliierten stieß auf so viel Unverständnis und Erbitterung bei den Deutschen wie der Potsdamer Beschluss, die Industriekapazität der deutschen Wirtschaft planmäßig zu verringern. Die Demontage von Industriebetrieben sollte zum einen der ökonomischen Entmilitarisierung durch den Abbau von Schwerindustrie dienen, zum anderen waren die Fabrikationsanlagen Reparationsgüter, die den von Deutschland im Krieg geschädigten Volkswirtschaften zugute kommen sollten. In der französischen und der sowjetischen Zone wurde der Abbau von Industrie- und Verkehrsanlagen exzessiv betrieben, auch Ressourcen wie Bodenschätze und Wälder fielen den Entschädigungsansprüchen zum Opfer. Diese Demontagen gerieten jedoch in einen zunehmenden Widerspruch zu den Anstrengungen auf Produktivitätssteigerung in der amerikanischen und der britischen Zone, die den Deutschen durch den Export von Industriegütern (und Kohle) allmählich wieder die Selbstversorgung ermöglichensollten.

In langwierigen Verhandlungen bemühte sich der Alliierte Kontrollrat, die Grenzen der künftig erlaubten Industriekapazität zu ziehen und die Quoten festzulegen, die in Zukunft produziert werden durften. Um die Stahlerzeugung wurde besonders gestritten, bis ihr Leistungsumfang auf 39 Prozent der Vorkriegsproduktion festgesetzt wurde. Erzeugnisse der chemischen Industrie waren auf 40 Prozent, Leichtmetalle auf 54 Prozent, Werkzeugmaschinen auf elf Prozent der Vorkriegsproduktion begrenzt.

Das Ergebnis der Verhandlungen im Kontrollrat wurde am 26. März 1946 in Gestalt des Industrieniveau-Plans festgeschrieben. Damit war bestimmt, welchen Umfang die deutsche Nachkriegswirtschaft haben durfte und welches Ausmaß der Kapazitätsabbau zugunsten der Reparationslieferungen haben würde. Im Anschluss wurde eine Liste der zu demontierenden Betriebe veröffentlicht.

Als Grundsatz galt die Aufrechterhaltung eines mittleren Lebensstandards in Deutschland, der den durchschnittlichen Lebensstandard in Europa (ausgenommen Großbritannien und Sowjetunion) nicht übersteigen durfte, und nach der Zahlung der Reparationen sollte Deutschland sich selbst erhalten können. Nicht nur wegen des Selbstbedienungsverfahrens, das schon vor der Verabschiedung des Industrieplans in allen Zonen begonnen hatte und namentlich im Osten und Südwesten Deutschlands fortgesetzt wurde, war der Plan freilich bald Makulatur. Außer der Sowjetunion und Polen gab es 18 Staaten mit Reparationsansprüchen an Deutschland, die aus den Westzonen befriedigt wurden. Auf der Pariser Reparationskonferenz (9. November bis 21. Dezember 1945) wurden die Quoten festgelegt, die auf die einzelnen Staaten entfielen und deren Verteilung ab 1946 die Interalliierte Reparationsagentur in Brüssel vornahm.

Demontagen und Reparationen



In der sowjetischen Zone wurden nicht nur, unmittelbar nach Kriegsende beginnend, Fabrikanlagen, Eisenbahngleise, Transporteinrichtungen demontiert und abtransportiert. Es gab auch eine zweite Art der Demontage in Form einer Enteignung und Umwandlung von Betrieben zu "Sowjetischen Aktiengesellschaften" (SAG), die an Ort und Stelle unter sowjetischer Regie weiter produzierten. Etwa 200 Unternehmen, die 20 Prozent der Industrieproduktion der SBZ erzeugten, wurden 1947 in diese neue Rechtsform überführt, darunter das Bunawerk bei Merseburg und das Leunawerk. Die SAG gingen ab 1953 durch Kauf in den Besitz der DDR über. Die mit über 100 000 Beschäftigten größte SAG, die Wismut AG, die in Sachsen und Thüringen Uran abbaute, blieb mit Sonderstatus bis zum Ende der DDR gemeinsamer Besitz der DDR und der Sowjetunion. Die SAG produzierten nicht ausschließlich für die Besatzungsmacht. 30 Prozent der Erzeugung gingen auf ein Reparationskonto, ein Drittel stand dem Binnenmarkt zur Verfügung, ein Drittel ging in den Export.

Die eigentliche Demontage betraf bis Ende 1946 über 1000 Betriebe, vor allem der Eisen schaffenden, chemischen und optischen Industrie, des Maschinenbaus und der Energieerzeugung. Dazu kamen die Entnahmen aus der laufenden Produktion. Die Höhe der Reparationsleistungen, die die Sowjetunion ihrer Besatzungszone bzw. der DDR bis 1952 entnahm, ist unbekannt. Geschätzt werden bis zu 66 Milliarden Mark. Unstrittig ist, dass die in Jalta geforderte Summe von zehn Milliarden Dollar zugunsten der Sowjetunion durch die sowjetische Besatzungszone mehr als aufgebracht wurde.

Hinzurechnen müsste man auch die Arbeitsleistung, die von deutschen Kriegsgefangenen beim Wiederaufbau in der Sowjetunion und in Frankreich erbracht wurde. Kriegsgefangenenarbeit war in der Nachkriegswirtschaft dieser beiden Länder ein beachtlicher Faktor. Von den über elf Millionen deutschen Soldaten befanden sich etwa 7,7 Millionen im Gewahrsam der Westmächte, insbesondere der USA, etwa 3,2 Millionen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Während Amerikaner und Briten unmittelbar nach Kriegsende begannen, ihre Gefangenen zu entlassen, behielt die Sowjetunion, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde, deutsche Kriegsgefangene noch jahrelang in sibirischen Lagern zurück. Ähnlich verhielten sich zunächst die Franzosen, die sogar noch "Kriegsgefangene" machten, als der Krieg zu Ende war. Aus Stuttgart wird zum Beispiel der Fall berichtet, dass ein Konvoi deutscher Soldaten, die von den Amerikanern entlassen werden sollten, im Moment der Entlassung zu französischen Kriegsgefangenen erklÀ¤rt und in die andere Richtung abtransportiert wurden.

Den Amerikanern lag am Sachverstand deutscher Wissenschaftler und technischer Spezialisten, die sie zwischen 1945 und 1950 in die USA brachten. Die amerikanische Raketentechnik profitierte am sichtbarsten davon.