Deutschland in den 50er Jahren
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Kultur im Wiederaufbau (Teil 2)

Bildung und Kultur in der DDR


27.12.2002
Erklärtes Ziel der SED war es, in der von ihr diktatorisch gestalteten Gesellschaft der DDR einen neuen, "sozialistischen Menschen" zu entwickeln. Diese sich als Utopie herausstellende Vorstellung gründete sich auf die marxistische Gesellschaftstheorie. Diese Idealvorstellung wurde in das Leitbild der "allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit" gefaßt.

ORIGINAL-BU: 1. Parteikonferenz der SED am 25.-28.1.1949 im Haus der DKW in Berlin.
U.B.z.: den Obersten Sergej Tulpanow, Leiter der politischen Abteilung der SMAD bei seiner Rede.1. Parteikonferenz der SED am 25. Januar 1949 mit dem Slogan, der zum Programm wurde. (© Bundesarchiv, Bild 183-V08668, Fotograf: o.Ang.)

Einleitung



Erklärtes Ziel der SED war es, in der von ihr diktatorisch gestalteten Gesellschaft der DDR einen neuen, "sozialistischen Menschen" zu entwickeln. Diese sich als Utopie herausstellende Vorstellung gründete sich auf die marxistische Gesellschaftstheorie, nach der es mit der Beseitigung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse möglich sein könne, eine gerechte und freie Menschengesellschaft zu schaffen sowie jedem Menschen maximale Bedingungen zur Entfaltung seiner geistigen, kulturellen, körperlichen Fähigkeiten und zur Wahrnehmung seiner geistigen und materiellen Bedürfnisse zu bieten. Diese Idealvorstellung wurde in das Leitbild der "allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit" gefaßt. Deren historisch neue Qualitäten sollten die Einnahme eines sozialistischen Klassenstandpunktes, Verantwortungsbewußtsein für das Ganze, allseitige Bildung, hohes fachliches Wissen und Können, sozialistischer Gemeinschaftsgeist, Organisiertheit und Disziplin, kulturelle Aktivität und Interessiertheit sein. Die Arbeiterklasse sei als herrschende Klasse berufen, diese sozialistische Menschengemeinschaft zu schaffen.

Bildung und Erziehung sowie Kultur und Kunst wurden in diesem Prozeß eine wichtige Rolle zugewiesen. Ein komplexes System von politisch-ideologischen, ökonomischen, propagandistischen sowie kulturellen und wissenschaftlichen Maßnahmen sowie entsprechende Institutionen und Organisationen dienten der Realisierung dieses parteipolitischen Ziels. Das Leitbild "der neue Mensch" war dabei in der Auseinandersetzung mit dem Westen immer auch gegen das Feindbild vom "alten, bürgerlichen Menschen", oft auch als "Klassengegner" oder "Klassenfeind" bezeichnet, gesetzt.

Wichtigste Grundlage des Bildungs- und Erziehungssystems in der DDR stellte die "Brechung des Bildungsprivilegs" dar, um allen Kindern und Jugendlichen ohne Berücksichtigung der elterlichen Vermögensverhältnisse das gleiche Recht auf Bildung zu garantieren. Das 1946 in der SBZ verabschiedete (und bis 1959 gültige) "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule" zielte auf ein einheitliches, integriertes Schulwesen, das dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche folgte und vom Staat finanziert war. Zentraler Streitpunkt war, ob die Schule mehr auf Wissensvermittlung (als "Lernschule") oder auf Denkvermittlung (als "Arbeitsschule") aufgebaut werden sollte. Sowohl unter dem Einfluß der dogmatischen sowjetischen Pädagogik wie auch in der Folge eigener nationaler, in diesem Fall preußischer Traditionen setzte sich letztlich ein Schulsystem durch, in dem die Wissensvermittlung vorherrschte, die Autorität der Lehrkräfte dominierte und die Kinder mehr als Objekte denn als Subjekte behandelt wurden. Der unauflösbare Zusammenhang von Ideologie und Pädagogik bewirkte eine stark ideologisierte Staatserziehung. Die "richtige" Weltanschauung stand im Zentrum dieser Art Bildung und Erziehung. Disziplin war wichtiger als die schöpferische Selbstbetätigung der Schülerinnen und Schüler. Seit 1952 hatte die Schule mit dem proklamierten Aufbau des Sozialismus in der DDR die Zielsetzung, sozialistische Persönlichkeiten herauszubilden.

Schulen und Hochschulen



In den fünfziger Jahren bildete sich in der DDR eine differenzierte Schulstruktur heraus. Sie bestand aus der in den vierziger Jahren geschaffenen achtklassigen Grundschule ("Einheitsschule"), deren Besuch für alle gesetzlich verfügt war, den Zehnklassigen Oberschulen (erstmals im Schuljahr 1950/51, ab 1956 unter dem Namen Mittelschulen), vierklassigen Ober(real)schulen (als Auslaufmodell), die mit dem Abitur abschlossen, den Betriebs- oder Kommunalen Berufsschulen sowie einigen Spezial- und Sonderschulen (Kinder- und Jugend-Sportschulen, Hilfs- und Behinderten-Schulen). Den traditionellen Volkshochschulen wurde die Erwachsenenbildung übertragen. Um den besonderen ländlichen Bedingungen zu entsprechen, wurden für über 400000 Schüler bis 1956 1745 Zentralschulen geschaffen. Von den 4114 einklassigen Landschulen des Jahres 1946 gab es 1959 noch ganze 12, 1960 wurden die letzten beiden aufgelöst.

Die wichtigste Neuerung im Schulsystem der DDR bedeutete die 1959 eingeführte "Zehnklassige polytechnische allgemeinbildende Oberschule" (POS) als grundlegende Schulform für alle weiterführenden Bildungswege und beruflichen Tätigkeiten. Für sie gab es in dieser Form auch keine sowjetischen Vorbilder, wenngleich die seit 1958 stattfindende Polytechnisierung der DDR-Schule auch unter sowjetischen Einflüssen zustande gekommen war. Mit der POS sollte ein engerer Praxis- und Lebensbezug von Bildung, Unterricht und Erziehung erreicht werden. Der polytechnische Unterricht gliederte sich in den 14tägigen "Unterrichtstag in der Produktion" in Industriebetrieben oder in der Landwirtschaft und in das (theoretische) Fach "Einführung in die sozialistische Produktion". Außerdem gehörten der Werk- und Schulgartenunterricht (Klassen 1 bis 4) sowie das Technische Zeichnen (Klassen 7 bis 10) dazu.

Ab Ende der fünfziger Jahre besuchten im Durchschnitt 94 Prozent der Schülerinnen und Schüler die POS, drei Prozent die Sonderschulen, drei Prozent erwarben an Erweiterten Oberschulen (EOS) das Abitur.

Bedeutung der Herkunft

Da sich die DDR als Arbeiter- und Bauern-Staat verstand, wurden Arbeiter- und Bauernkinder in besonderer Weise gefördert. Die "richtige" soziale Herkunft entschied über die Zulassung zur Abiturstufe wie über den Studienplatz. Dabei waren die Klassifikationskriterien jedoch nicht durchgängig soziologisch, sondern eher politisch-ideologisch (zum Beispiel SED-Mitgliedschaft der Eltern) bestimmt. Seit den sechziger Jahren verschwammen sie immer mehr. Kinder aus sogenannten kleinbürgerlichen Verhältnissen oder aus Pfarrhäusern mußten sich trotz bester Leistungen ihr Abitur und einen Studienplatz hart erkämpfen, vielen blieb er ganz versagt.

Als besonders effektives Instrument zur Heranbildung einer neuen Intelligenz wirkten die 1949 aus den seit 1947 bestehenden "Vorstudienanstalten" hervorgegangenen "Arbeiter- und Bauern-Fakultäten" (ABF, nach sowjetischem Vorbild), an denen bis zu ihrer Schließung im Jahre 1964 insgesamt 33729 Personen (davon 80 Prozent aus Arbeiterhaushalten) die Hochschulreife erwarben. Als Hochschulabsolventen bildeten sie den Kern der neuen sozialistischen Intelligenz, die in den sechziger Jahren in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kunst einrückte. Über die erste ABF-Generation hat der Schriftsteller Hermann Kant in dem autobiographischen Roman "Die Aula" (Halle 1965) ein informatives und historisch stimmiges Porträt geliefert.

In den fünfziger Jahren bildete sich ein differenziertes System von Studienformen heraus. Die Hauptform stellte das Direktstudium an Hoch- und Fachschulen dar, bei dem der Anteil der Arbeiterkinder in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre die Fünfzig-Prozent-Grenze überstieg. Das 1950 eingeführte "Fernstudium für Werktätige", das im Mittel 18 Prozent der Gesamtstudierenden aufnahmen, war ein Weg, den spürbaren Nachwuchs- und Qualifikationsmangel zu beheben. Insgesamt stiegen die Studentenzahlen an den über vierzig Hochschulen, davon sieben Universitäten, in den fünfziger Jahren stetig an, zwischen 1951 und 1960 hatte sich die Zahl der Studierenden mehr als verdreifacht (1949: 28500 und 1960: 99860). An den über 200 Fachschulen, davon 58 medizinischen, verfünffachte sich zwischen 1951 und 1989 die Zahl der Studierenden.

Hochschulreform

Die zweite Hochschulreform (1951) begann unter der Losung "Erstürmt die Festung Wissenschaft", den Marxismus-Leninismus in Lehre und Forschung an den Universitäten und Hochschulen durchzusetzen. Es waren vor allem zwei Maßnahmen, die neu und bleibend eingeführt wurden. Das war erstens das für alle Studierenden obligatorische "Grundstudium" des Marxismus-Leninismus. Zweitens war es der viersemestrige Russisch-Unterricht, der die Studenten in die Lage versetzen sollte, sich die Resultate der "führenden Sowjetwissenschaft" anzueignen. Die Dauer des Studiums wurde auf vier bis fünf Jahre, für Medizin sechs Jahre, festgelegt und das Studienjahr auf zehn Monate angesetzt.

Hauptziel der Hochschulreform war es, die sogenannte bürgerliche Ideologie zurückzudrängen, eine ideologische Auseinandersetzung mit allen nicht dem marxistisch-leninistischen Dogma entsprechenden Auffassungen in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zu führen.

Dieser ideologische Druck sowie die ökonomische Attraktivität Westdeutschlands bewirkten, daß Teile der alten Intelligenz sowie eine nicht unbeträchtliche Zahl von Hochschulsabsolventinnen und -absolventen der DDR den Rücken kehrten. Unter den zwischen 1951 und 1961 mehr als drei Millionen aus der DDR Übergesiedelten befanden sich etliche zigtausend hochqualifizierte Personen. In Fachrichtungen wie Medizin, Chemie, Ingenieurwissenschaften planten die staatlichen Zulassungskommissionen vor 1961 generell einen Zuschlag von 25 Prozent für die geschätzte Abwanderungsquote ein. Im Bildungswesen betrug die Anzahl von abgewanderten Fachkräften (Lehrkräfte, Lehrausbilder, Kindergärtnerinnen u.ä.) in den Jahren 1957 bis 1961 etwa 26 Prozent.