Japan 255
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Gesellschaft und Kultur


5.4.2002
Die japanische Gesellschaft wird von ihren Mitgliedern als sehr homogen empfunden. Mehr als 95 Prozent der japanischen Kinder gehen zum Beispiel bis zum Alter von 17 oder 18 Jahren in die Schule - diese gemeinsame Erfahrung ist ein tatsächlich harmonisierender Faktor. Ein Sonderfall, der in Zusammenhang mit der speziellen japanischen Kultur steht.

Schüler und Schülerinnen in ihren traditionellen von der Mode des deutschen Kaiserreichs inspirierten Schuluniformen prägen das Straßenbild in der Nähe der großen Schulen. (© Japan Foto-Archiv)Schüler und Schülerinnen in ihren traditionellen von der Mode des deutschen Kaiserreichs inspirierten Schuluniformen prägen das Straßenbild in der Nähe der großen Schulen. (© Japan Foto-Archiv)

Einleitung



Die japanische Gesellschaft wird von ihren Mitgliedern als sehr homogen empfunden. Mehr als 95 Prozent der japanischen Kinder gehen bis zum Alter von 17 oder 18 Jahren in die Schule - diese gemeinsame Erfahrung ist ein tatsächlich harmonisierender Faktor. In Japan leben nur ein bis zwei Prozent Ausländer, die keine japanische Schule besucht haben. Die Familie und die Schulklasse sind die ersten und wichtigsten Gruppen, in denen Kinder sich als Mitglieder der japanischen Gesellschaft erfahren. Für die Erwachsenen besteht die wichtigste Bezugsgruppe meist am Arbeitsplatz. Auf die individuelle Persönlichkeit wird weniger Wert gelegt als auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Für jede Beziehung - zu den Eltern, den Geschwistern, den Lehrkräften sowie den Mitschülern und Mitschülerinnen - gibt es jeweils feste Umgangsformen. Diese sollen den täglichen Umgang mit anderen erleichtern und bieten für die meisten Situationen eine vorgegebene Haltung, ein "Gesicht", an.

"Gesichtsverlust" würde vor diesem Hintergrund bedeuten, daß ein unerwartetes Verhalten eines Gesprächspartners eine spontane, persönliche Reaktion erfordert. Darin wird die Gefahr gesehen, daß Gefühle und Schwächen preisgegeben werden und die Begegnung keinen zufriedenstellenden Abschluß findet.

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidet über stabile Lebensumstände und Zukunftsaussichten, aber diese Mitgliedschaft muß erst erworben werden. Nur in der Familie wird selbstverständlich Geborgenheit gegeben, während die Kinder die Umgangsformen noch lernen. Jede Lern- und Arbeitsgruppe erwartet, daß sich ihre Mitglieder ihrer Stellung in der Gruppe gemäß verhalten und sich mit Mühe und Ausdauer für die gemeinsamen Ziele einsetzen. Gerade Gruppen, die ihren Mitgliedern ein besonders nützliches Unterstützungsnetzwerk bieten, haben oft auch sehr harte und willkürliche Kriterien, um andere auszugrenzen. Es ist nicht leicht, in eine erfolgsorientierte Gruppe aufzusteigen, um eine gute berufliche Position zu erreichen. Dies kann beispielsweise über die Schullaufbahn gelingen. Die Führungspositionen in Politik und Wirtschaft erreicht nur, wer durch jahrelanges, diszipliniertes Lernen die äußerst schwere Aufnahmeprüfung in eine Eliteuniversität besteht und dabei noch besondere Gewandtheit in der Pflege von sozialen Beziehungen zeigt.

Die im folgenden dargestellten Strukturen der japanischen Familie und des Bildungssystems sind heute noch fast allgemeingültige Modelle. Es gibt Abweichungen und Variationen, aber kaum gleichwertige, alternative Lebensentwürfe. Doch die Dynamik der modernen Industriegesellschaft wird auch in Japan in Zukunft soziale Veränderungen bewirken, welche die bisher gebotene Sicherheit des vorgezeichneten Lebenswegs gefährden und individuelle Entscheidungen notwendig machen.

Familie



Auch nach Abschaffung der Großfamilien, die das traditionelle Japan bestimmten, bleiben die Familien der soziale, materielle und psychische Rückhalt der Menschen.Auch nach Abschaffung der Großfamilien, die das traditionelle Japan bestimmten, bleiben die Familien der soziale, materielle und psychische Rückhalt der Menschen. (© Japan Foto-Archiv)
In Japan wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Gesetze über die Institution der patriarchalen Großfamilie abgeschafft. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus bildeten die Familien aber weiterhin einen wichtigen sozialen und materiellen Rückhalt, der fehlende staatliche Fürsorge abfedern half. Etwa 1955 hatte sich das heute noch geltende Modell der Familie mit fünf Personen herausgebildet, zu der außer dem Elternpaar Kinder, Großeltern oder andere Verwandte gehören. Statistisch sind in den letzten Jahrzehnten neben den üblichen Fünfpersonenfamilien immer mehr Kleinfamilien mit einem Kind und Einpersonenhaushalte hinzugekommen.

Die Lebensphasen Schulbildung bis zum 18. Lebensjahr, Arbeitsaufnahme, Heirat und Elternschaft zu durchlaufen, ist für die japanischen Jugendlichen weiterhin eine selbstverständliche Perspektive. Es ist heute üblich, daß sich die jungen Leute ihre Ehepartner für eine "Liebesheirat" selbst aussuchen, statt die Dienste eines Heiratsvermittlers in Anspruch zu nehmen. Dennoch wird kaum eine Ehe ohne die Zustimmung der beiderseitigen Eltern geschlossen, denn die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn und vor allem die zu erwartenden Enkelkinder werden dadurch in eine der wichtigsten Gruppen ihres Lebens, die Familie, aufgenommen.

Im durchschnittlichen Lebenslauf japanischer Frauen und Männer hat sich im Vergleich zum Jahr 1920 vor allem das für eine Lebensphase typische Eintrittsalter verändert. Das durchschnittliche Heiratsalter sowie das Alter der Eltern sind im Steigen begriffen. Immer mehr Familien wollen überhaupt nur noch ein Kind haben. Das hängt mit den hohen Kosten für den Unterhalt und die Ausbildung eines Kindes zusammen. Daher arbeiten viele verheiratete Paare einige Jahre länger, bis sie eine gewisse finanzielle Grundlage erwirtschaftet haben, bevor sie ihr erstes Kind bekommen. Die jüngeren Japaner und vor allem die Japanerinnen haben heute auch höhere Ansprüche hinsichtlich der Lebensgestaltung. Viele Frauen würden gern eine qualifizierte Berufstätigkeit ausüben, wenn sie eine entsprechende Stelle finden und die Betreuung der Kinder damit vereinbaren könnten. Doch diese Möglichkeit besteht selten. Obwohl mehr als 50 Prozent der verheirateten Frauen arbeiten müssen, um das Haushaltseinkommen zu ergänzen, belegen sie meistens Teilzeitstellen und bleiben trotzdem für die ganze Hauswirtschaft und die Kindererziehung verantwortlich.

Unterschiedliche Aufgabenbereiche

Die Vorstellungen über die Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern verändern sich nur langsam, denn sie sind eine wichtige Quelle von persönlicher Identität. Die Arbeitsverhältnisse sind außerdem so gestaltet, daß sich die Lebensbereiche von Männern und Frauen kaum überschneiden. Die meisten Japaner und hier vor allem die jüngeren bedauern allerdings die Trennung von Arbeit und Familie. Die Männer würden sehr gerne mehr Zeit mit ihren Familien verbringen, und die Frauen wünschen sich mehr Austausch mit ihren Ehemännern und einen größeren Anteil am öffentlichen Leben. Ehepaare gehen selten gemeinsam aus. Die Kinder leben in der Welt der Frauen, in der die Mütter es sich zur Aufgabe machen, einerseits mit den Schulkindern zu lernen und andererseits sie zu bekochen und zu verwöhnen. In den Haushalten leben oft auch Großeltern, die aber im Gegensatz zu früheren Zeiten mit dem Elternpaar gleichberechtigt sind und nicht wie in den Großfamilien die Vormundschaft über sie behalten. 1955 lebten 86 Prozent aller Menschen über 65 bei ihren Kindern, 1990 waren es noch 60 Prozent.

In der Familie lernen die Kinder wichtige Haltungen und Regeln, die sie für die Teilnahme an der japanischen Gesellschaft brauchen. Kleine Kinder leben sehr eng mit der Mutter zusammen und japanische Mütter legen auch schlafende Kinder nicht allein ins Bett. Die Kleinen nehmen durch viel Geduld und ständige Wiederholung alltägliche Abläufe auf. Die Mütter erklären nicht, sondern üben mit den Kindern bestimmte Verhaltensregeln ein: wie man zu wem spricht, daß man die Schuhe vor Betreten des Wohnraums auszieht, oder wie man einen Gefühlsausbruch reguliert. Die Mütter richten ihren Erziehungsstil nach den Nachbarsfamilien und orientieren sich an Expertenmeinungen aus Büchern und Zeitschriften. Wenn die Kinder in die Schule kommen, sollen sie sich nicht wegen ihres Elternhauses von anderen unterscheiden.

Die Schullaufbahn der Kinder ist heute die zentrale Aufgabe der Familien. Sie wenden im Vergleich zu Deutschland nicht nur viel Zeit, sondern auch sehr viel Geld für die Erziehung der Kinder auf. Nur über die Schule und eine gute Universität haben die Kinder die Chance eines gesellschaftlichen Aufstiegs. Im besten Fall kann ein Sohn in ein großes Unternehmen eintreten, das auch seiner Familie die Versorgung sichert. Töchter sollen ebenfalls eine möglichst gute Ausbildung bekommen, denn sie können dann entsprechend heiraten und den eigenen Kindern einen gewissen Bildungsvorsprung mitgeben. Dankbarkeit gegenüber den Eltern für ihren oft aufopferungsvollen Einsatz und die Hoffnung auf ein besseres Leben sind die wesentlichen Motive für den Lerneifer vieler japanischer Schülerinnen und Schüler.

Bildung

Zwischen den Prinzipien japanischer Pädagogik einerseits und dem harten Selektionsdruck durch die immer schwereren Prüfungen andererseits besteht ein deutlicher Gegensatz. Die Neugier und Lernfreude der Kinder soll von der Schule ebenso gefördert werden wie ihre körperliche Gesundheit und ihre kameradschaftliche Beteiligung an gemeinsamen Projekten und Spielen. Sie sollen außerdem Selbstdisziplin, Geduld und Fleiß erwerben, denn nur mit diesen Fähigkeiten - und nicht etwa durch eine individuelle Begabung - können sie nach japanischer Ansicht all das lernen, was für den beruflichen Erfolg in einem modernen Staat benötigt wird. Die japanischen Kinder erwerben auf diese Weise umfassende kulturelle und naturwissenschaftliche Kenntnisse. Japanische Schülerinnen und Schüler schneiden in internationalen Mathematikwettbewerben immer besser ab als ihre europäischen und US-amerikanischen Altersgenossen, sie haben Spaß an Textaufgaben, und die Noten der Mädchen sind auch in den Naturwissenschaften so gut wie die der Jungen.

Junge Leute verbringen einen erheblichenTeil ihrer Freizeit in Spielsalons.Junge Leute verbringen einen erheblichenTeil ihrer Freizeit in Spielsalons. (© Japan Foto-Archiv)
Bis zur Mittelschule steigt jedoch der Druck der Auslese erheblich an, denn der Übergang in die Oberschule steht bevor. Für fast alle vierzehnjährigen Schülerinnen und Schüler bedeutet das Bestehen der Aufnahmeprüfung für eine Oberschule den entscheidenden Schritt, der die Gestalt ihres Lebens für immer festlegt. Da die Schulnoten als Rangordnung innerhalb der Klasse vergeben werden, weiß jeder, wo er im Vergleich zu den anderen steht. Die Klassenverbände zerbrechen in kleinere, gegeneinander konkurrierende Gruppen. Das tägliche Lernpensum beginnt, die Kräfte der Kinder zu überfordern. Sie können sich mit keinen Interessen und Projekten mehr beschäftigen, die nicht direkt als Prüfungsvorbereitung dienen. Gerade diejenigen, die Aussichten haben, an eine Elite-Oberschule und dann eine Elite-Universität zu kommen, müssen dafür auf Kreativität und eigenständiges Denken verzichten und reines Faktenwissen ansammeln.

Die Rangordnung der Universitäten ist ein Maßstab der japanischen Gesellschaftsordnung. An der Spitze ist die Universität Tokyo: Ihren Absolventen ist ein Arbeitsplatz als Regierungsbeamter oder in einem angesehenen Großunternehmen fast sicher. Durch den Besuch dieser Universität wird man Teil eines Jahrgangs, dessen Mitglieder sich ihre Verbundenheit auch später bewahren, wenn sie in Politik und Wirtschaft tätig sind. Ebenfalls sehr hoch angesehen sind andere staatliche Universitäten, etwa in Kyoto und Sendai, sowie einige Privatuniversitäten in Tokyo. Für diese Einrichtungen gibt es die härtesten Aufnahmeprüfungen, und daher auch schon für diejenigen Oberschulen, die wiederum besonders erfolgreich auf diese Prüfungen vorbereiten.

Pflichtschule

Viele Menschen in Japan betrachten die Kindheit und nicht die von Zukunftssorgen belastete Jugend als die schönste Zeit des Lebens. Auch in den ersten Schuljahren sind die meisten japanischen Kinder glücklich und geborgen. Im Kindergarten kommen die Kinder zum ersten Mal in großen Gruppen Gleichberechtigter unter der Leitung einer Lehrerin zusammen, die, anders als die Mutter, als Autorität auftritt. Sie sorgt für die Aufstellung eines regelmäßigen Tagesablaufs und stellt Aufgaben, doch sie läßt die Kinder selbst nach Lösungen suchen, und sie müssen ihre Angelegenheiten untereinander selbst regeln. Durch das gemeinsame Überwinden von Schwierigkeiten soll man besser lernen können als nur durch Unterweisung. Nur in Ausnahmefällen wird im Kindergarten schon Schulstoff angeboten. Wichtiger ist das, was die Kinder und ihre Familien über Verhalten, Gruppenaktivitäten, Ernährung usw. durch den Kindergartenalltag mitbekommen. Etwa 90 Prozent der Kinder haben bei ihrem Schuleintritt mit sechs Jahren mindestens ein Jahr Kindergarten erlebt.

In den sechs Jahren Grundschule lernen die Kinder weiterhin vieles durch eigene Aktivitäten und Experimente. Sie verbessern hier aber auch die Technik des Auswendiglernens durch Wiederholungen und Probeprüfungen. Die im Kindergarten begonnenen Disziplinübungen werden ebenfalls fortgesetzt. Die Schüler müssen pünktlich, ordentlich und respektvoll gegen die Lehrer sein, Verantwortung für gemeinsame Projekte übernehmen und die Schule selbst jede Woche putzen. Ein Schwerpunkt der Bildung in der Grundschule sind außerdem Kenntnisse der japanischen Kultur und Heimatkunde. Diese werden nicht nur durch Bücher vermittelt, sondern auch durch häufige Klassenausflüge in die Umgebung oder durch Gastvorträge etwa von Kunsthandwerkern oder Feuerwehrleuten.

Die Pflichtschulzeit umfaßt die Grundschule und drei Jahre Mittelschule. Man lernt nach landesweit geltenden Lehrplänen aus Lehrbüchern, die vom Kultusministerium überprüft - man könnte auch sagen, zensiert - werden. Wegen des steigenden Selektionsdrucks kommt es nun im ersten Teenageralter am häufigsten zu Problemen unter den Schülern und Schülerinnen. Die Cliquen innerhalb der Klassen werden nun wichtiger als der gesamte Klassenverband. Die Jugendlichen werden sich ihrer Individualität stärker bewußt, aber gleichzeitig bemühen sie sich sehr, in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Fast jeder macht einmal die Erfahrung, von den Gruppenmitgliedern gehänselt zu werden. Manche übernehmen dauerhaft die Rolle des Außenseiters und werden von den anderen geächtet, andere verweigern den Schulbesuch oder bilden aggressive Banden. Doch die meisten lernen, sich bei Überforderung nach innen zurückzuziehen, in eine ausgleichende Welt der Bücher, Comics oder Videospiele.

Zunehmender Leistungsdruck

Nachdem die Aufnahmeprüfung einer Oberschule bestanden ist, steht für etwa ein Drittel der Jugendlichen die Berufslaufbahn schon fest. Sie beschäftigen sich an Fachoberschulen mit ihrer Berufsvorbereitung oder sie verbringen hier die Zeit, bis sie achtzehn werden. Die sozialen Konflikte an den Mittelschulen sind dadurch an den Oberschulen weitgehend entschärft. Manchmal gibt es noch Auseinandersetzungen mit den Lehrern oder es bilden sich Jugendbanden. Für die meisten jedoch beginnt an der Oberschule eine weitere entbehrungsreiche Zeit des Lernens, denn sie müssen sich nun intensiv auf die Aufnahmeprüfungen der Universitäten vorbereiten.

Nachmittags nach der Schule und an den Wochenenden besuchen viele außerdem private Nachhilfeschulen. Es geht ihnen dabei nicht nur um den individuelleren Nachhilfeunterricht und die Prüfungsvorbereitung. Sie erhalten dort auch die seltene Gelegenheit zum Umgang mit Freunden und Freundinnen außerhalb der eigenen Schulklasse. Andererseits unterliegen auch die Privatschulen einer Rangordnung entsprechend dem Status der Oberschulen und Hochschulen, auf die sie vorbereiten. Einige bekommen sogar von diesen Schulen ihre Lehrmaterialien. Entsprechend dieser Rangordnung sind auch die Gebühren der Nachhilfeschulen gestaffelt, so daß Kinder reicher Eltern über eine erfolgversprechende Privatschule einen Vorteil bei den Universitäts-Aufnahmeprüfungen erlangen.

Nur etwa fünf Prozent der Oberschulabsolventen eines Jahrgangs bestehen die Aufnahmeprüfung an der besten Universität, die sie anstreben, 15 Prozent bestehen die Prüfung einer zweijährigen Kurzzeithochschule. Weiteren zehn Prozent gelingt es - nach einem Jahr in einer privaten Nachhilfeschule - beim zweiten Versuch, eventuell auf einer Hochschule mit etwas geringeren Anforderungen aufgenommen zu werden. Das bedeutet, daß etwa ein Viertel eines Jahrgangs den angestrebten Hochschulstudienplatz nicht erreicht.

An den Universitäten findet sich die erste und vielleicht letzte Gelegenheit für die Studentinnen und Studenten, das Leben zu genießen. Hier werden in Sportclubs und Seminaren persönliche Kontakte geknüpft, aus denen Beziehungsnetzwerke für das gesamte Berufsleben hervorgehen. Nach dem vierjährigen Grundstudium finden die meisten Universitätsabsolventen einen Arbeitsplatz. Nur wenige setzen das Studium bis zum Diplom fort. Zumindest die großen Unternehmen sind bereit und in der Lage, den Absolventen erst nach ihrer Anstellung die berufliche Qualifikation für ihre spätere Tätigkeit zu vermitteln. Allerdings ist in den letzten Jahren die fast automatische Übernahme in einen großen Betrieb wegen Veränderungen in der Konjunktur und in der betrieblichen Arbeitsweise nicht mehr garantiert. Deshalb kommt es zunehmend vor, daß Absolventen, vor allem Frauen, ihre während der gesamten Schulzeit gehegten Erwartungen auf eine sichere Arbeitsstelle enttäuscht sehen.

Reformideen der staatlichen Politik für das japanische Schulsystem zielen vor allem auf die veränderten Anforderungen der Wirtschaft. Das Ministerium für Erziehung, Wissenschaft und Kultur sieht die Notwendigkeit, "größere Freiheit in das Schulsystem des Landes einzuführen, und sei es nur, um dem Interesse der Wirtschaft an mehr kreativen Individuen entgegenzukommen, die der Nation helfen werden, bei Software, Computerwissenschaften und anderen wissensintensiven Industrien wettbewerbsfähig zu werden." Mit dieser Absicht werden Änderungen des Lehrplans angestrebt, die aber nur durch eine veränderte Prüfungsordnung für die Aufnahme an Universitäten durchzusetzen sind. Weiter wird eine Stärkung der beruflichen Bildung angestrebt, um Alternativen zur akademischen Laufbahn attraktiv zu machen.