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Japan 255

5.4.2002 | Von:

Gesellschaft und Kultur

Einstellung zur Arbeit

In hierarchisch geordneten Großraumbüros wird fast täglich bis zu 12 Stunden gearbeitet.In hierarchisch geordneten Großraumbüros wird fast täglich bis zu 12 Stunden gearbeitet. (© Japan aktuell - Jungkwan Chi)
Das Bild des arbeitswütigen Japaners ist eines der hartnäckigsten Japanklischees. Der scheinbar uneigennützige, grenzenlose Einsatz der japanischen Arbeitnehmer wird stets als einer der Erfolgsfaktoren Japans, aber auch als ein Beispiel für die Unverständlichkeit der Japaner genannt. Das Geheimnis läßt sich weitgehend auf rationale Weise entmystifizieren, wobei die Grundhaltung der japanischen Arbeitnehmer, die ihre jeweilige Aufgabe prinzipiell ernst nehmen und sie mit Stolz und Sorgfalt ausführen, unbestritten ist.

Wie aus der Darstellung des Bildungswesens deutlich wird, werden schon japanische Kinder von klein auf dazu erzogen, sich in erster Linie als Mitglied einer Gruppe zu sehen statt als Individuum, das sich zudem den Interessen der Gruppe prinzipiell unterzuordnen hat. Diese Einstellung gilt auch in der Firma, die großen Einfluß auf den sozialen Status hat: Die kaisha (Firma) ist die übergeordnete Gruppe, der gegenüber man sich loyal verhält und die einen im Gegenzug rundum versorgt und auch in Krisenzeiten nicht fallen läßt. Daneben übt die Abteilung mitunter großen Druck aus, um einzelne Kollegen daran zu hindern, auszuscheren und sich egoistisch zu verhalten. Aus diesem Grund verläßt man beispielsweise den Arbeitsplatz in der Regel nicht, bevor der Chef geht und nimmt keinen langen Urlaub, durch den man den Kollegen Mehrarbeit aufbürden würde. So erklären sich die langen Arbeitszeiten in japanischen Firmen.

Lange Arbeitszeiten sind deshalb nicht zwangsläufig mit hoher Leistung verbunden, denn als Beweis für die eigene Anstrengung wird oft schon die bloße Anwesenheit betrachtet. Die Arbeitsabläufe sind derartig zeitaufwendig organisiert und die Tage von so vielen Besprechungen und Teepausen unterbrochen, daß die Arbeitsproduktivität von japanischen Angestellten geringer ist als die ihrer deutschen Kollegen. Auch in Japan geht der Trend im übrigen zu kürzeren Arbeitszeiten, auch wenn der Weg bis zur deutschen 35-Stunden-Woche noch weit ist - erst seit 1994 ist die 40-Stunden-Woche gesetzlich festgeschrieben.

Die Übergänge zwischen Arbeits- und Freizeit sind fließend, die Angestellten sind so stark in ihre Firma bzw. Arbeitsgruppe eingebunden, daß es selbstverständlich ist, auch einen Teil der Freizeit am Abend im Kollegenkreis zu verbringen; auch hier hilft der Gruppendruck mitunter nach. Wer nicht mitgeht, grenzt sich bewußt aus der Gemeinschaft aus und verpaßt obendrein ein wichtiges Forum, auf dem Informationen über die Firma ausgetauscht werden und Meinungen offener als im Büro geäußert werden können. Firma und Familie sind hingegen sehr eindeutig voneinander abgetrennt, so daß Männer und Frauen in völlig verschiedenen Welten leben. In der Frauenwelt Familie ist zuweilen gar kein Platz für den Vater. Auch dies ist ein Grund für ihn, sein Nachhausekommen hinauszuschieben.

In jüngster Zeit steigt der Unmut über diese Trennung, denn die jüngere Generation von Vätern legt mehr Wert auf ein gemeinsames Familienleben und ist immer weniger bereit, dies für ihre Arbeitgeber so vollständig zu opfern. Sie pochen mehr auf ihre Rechte als es ihre Väter getan haben, zumal sie sich nicht mehr im gleichen Maß auf die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes verlassen können. Langfristig wird sich hier ein weitgreifender Wertewandel anbahnen, bei dem wohl die Arbeit als Mittelpunkt des (Männer-)Lebens ihre dominierende Stellung verlieren wird.

Quellentext

Streß am Arbeitsplatz

Angesichts einer im Weltvergleich beneidenswert niedrigen, doch für Japan beunruhigend hohen Arbeitslosigkeit von 3,4 Prozent ist in vielen Firmen ein rauher Ton eingekehrt. Wo lebenslange Arbeitsplatzgarantie und automatische Beförderung vorher ein Gefühl von Sicherheit vermittelten, prägt jetzt Angst die Atmosphäre. Es wird geschuftet - oft bis zum Umfallen.

[…]

In Japan beginnt der Feierabend meist erst, wenn der Chef sich von seinem Fensterplatz im streng hierarchisch aufgeteilten Großraumbüro erhebt und das Jackett anzieht. Und dann geht es meist nicht nach Hause, sondern auf anstrengende Zechtour durch Kneipen oder Karaoke-Bars.

Im Interesse der betrieblichen Harmonie erwarten viele japanische Firmen vom Personal stillschweigend unbezahlte Gefälligkeitsüberstunden. Über die Mehrarbeit wird nirgends Buch geführt, und auch in der offiziellen Statistik des Arbeitsministeriums taucht sie nicht auf.

Laut Arbeitsministerium arbeiten die Japaner jährlich nur 1930 Stunden. In der Glanzbroschüre des japanischen Außenministeriums "Neues aus Japan" heißt es, damit hätten die Japaner mit einer Wochenarbeitszeit von 39 Stunden sogar mit dem auch in Asien berühmten "Freizeitpark Deutschland" gleichgezogen.

Doch die Rechnung täuscht: Dem japanischen Amt für Management und Koordination zufolge, dessen Statistik neben der bezahlten auch die tatsächlich getane Arbeit erfaßt, arbeiteten die Japaner im Fiskaljahr 1995/96 durchschnittlich 43,4 Wochenstunden. […]

Auch beim Urlaub spiegeln die offiziellen Angaben nicht die Realität: So hatte Junichi Watanabe zwar offiziell Anspruch auf 40 Tage bezahlten Jahresurlaub, inklusive der Feiertage. Tatsächlich erschien der pflichtbewußte Angestellte in den letzten sechs Monaten seines Lebens nur an zwei Tagen nicht in der Firma - es waren die gesetzlichen Feiertage.

[…]

Doch bisher debattiert die Nation vor allem mit juristischen und medizinischen Argumenten über Streß am Arbeitsplatz. Die gesellschaftspolitische Diskussion hat gerade erst begonnen. Den braven Firmen-Gewerkschaften geht es noch immer vor allem um das Wohl der Firma. Am Ende von Konflikten im Betrieb siegt meist der Gruppenkonsens.

Auch die geschundenen Beschäftigten trauen sich nur selten, die Schufterei anzuprangern. Die oft nächtelange Maloche wird als heldenhafter Einsatz verklärt. Japans Firmenmenschen fehle zuweilen der nötige Respekt vor sich selbst und den Kollegen. […]

Der Spiegel 8/1997.