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Japan 255

5.4.2002 | Von:

Gesellschaft und Kultur

Frauen

Haushalt und Kindererziehung werden auch bei Berufstätigkeit den Frauen überlassen.Haushalt und Kindererziehung werden auch bei Berufstätigkeit den Frauen überlassen. (© Japan Photo-Archiv)
Wenn die Arbeit der Mittelpunkt im Leben der japanischen Männer ist, so kann man ebenso klar die Familie als Mittelpunkt im Leben der Japanerinnen bezeichnen. Die Frauen sind praktisch allein verantwortlich für die Erziehung der Kinder, sie versorgen den Haushalt, wobei sie meistens selbständig über das Familienbudget entscheiden, und sind allein zuständig für die Betreuung und Pflege der Eltern bzw. Schwiegereltern. Die Männer sind somit jeglicher Aufgaben innerhalb der Familie enthoben und können sich ganz auf Beruf und Geldverdienen konzentrieren. Diese Aufgabenteilung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß die japanischen Männer ihre Energie so ausschließlich der Arbeit zuwenden können.

An dieser grundsätzlichen Rollenverteilung hat sich bis heute wenig verändert, so daß die Japanerinnen aus westlicher Sicht oft als nicht emanzipiert angesehen werden. Diese Einschätzung geht allerdings von westlichen Maßstäben aus, die dem japanischen Selbstverständnis nicht unbedingt entsprechen. So wird beispielsweise das Ansehen unterschätzt, daß japanische "Nur-Hausfrauen" genießen. Zum einen ist es Ausdruck einer gehobenen Position des Mannes, wenn die Frau nicht zu arbeiten braucht - und bestimmt damit auch den gesellschaftlichen Status der Frau. Zum anderen definiert sich der Status der Hausfrauen über den Erfolg der Kinder in der Schullaufbahn, der ihrer Verantwortung obliegt. Persönliche Erfüllung und Anerkennung können die Hausfrauen außerdem in sozialen Aktivitäten wie Verbraucherorganisationen oder dadurch, daß sie klassische Künste unterrichten (etwa Tanz oder Malerei) erlangen. Diese Frauen empfinden sich nicht als unterlegen, sondern als privilegiert aufgrund ihrer Freiräume. Und sie werden als Trägerinnen wichtiger gesellschaftlicher Aufgaben respektiert.

Teilzeitbeschäftigung

Allerdings werden Frauen grundsätzlich nicht von den familienbezogenen Aufgaben befreit, wenn sie berufstätig werden wollen. In diesem Fall wird erwartet, daß sie ihre Arbeit mit ihren Familienaufgaben verbinden und diese nicht vernachlässigen. Das ist ein Grund, warum sich viele verheiratete Frauen für eine Teilzeitbeschäftigung entscheiden. Immer mehr Japanerinnen sind berufstätig, seit 1990 ist es jede zweite Frau im erwerbsfähigen Alter. Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist üblicherweise in zwei Abschnitte unterteilt: Nach dem Hochschulabschluß arbeiten fast alle jungen Frauen und nehmen in der Regel einfache Bürojobs in Großunternehmen an. Eine Karriere wird ihnen nicht angeboten und von den meisten auch nicht angestrebt, da die Mehrheit bei Heirat oder der Geburt eines Kindes ohnehin aus dem Beruf ausscheidet. Nach dieser Familienpause treten viele Frauen ab etwa 40 Jahren erneut ins Berufsleben ein, dann aber nehmen sie - wegen mangelnder Berufsqualifikation und -erfahrung und wegen der Familienpflichten - häufig eine Teilzeitbeschäftigung an, während Männer in der Regel Vollzeitbeschäftigungen ausüben; vier von fünf Teilzeitbeschäftigten sind daher Frauen. Dies entspricht der in Japan immer noch weitverbreiteten Vorstellung, daß der Mann der Hauptverdiener der Familie ist und die Frau bestenfalls "ein wenig dazuverdient".

Diejenigen Frauen, die eine berufliche Karriere anstreben, haben es insofern schwer, als sie in der männerdominierten Berufswelt nicht die gleichen Chancen wie die Männer haben. In Führungspositionen ist der Frauenanteil verschwindend gering. Seit 1986 ist zwar Chancengleichheit im Beruf für Männer und Frauen per Gesetz vorgeschrieben, das heißt Diskriminierung bei Grundausbildung oder Entlassung (etwa wegen Schwangerschaft) ist verboten, doch es gibt keine rechtlichen Sanktionen für Firmen, die dagegen verstoßen. Ansonsten "appelliert" das Gesetz lediglich an die Firmen, Frauen und Männern gleiche Chancen bei Einstellung, Beförderung etc. zu gewähren. Die Firmen rechtfertigen die real unterschiedliche Behandlung mit dem Argument, daß sich die Ausbildung weiblicher Beschäftigter nicht lohne, weil diese ohnehin nach kurzer Zeit ausscheiden - ein Argument, das von der Statistik unterstützt wird. Allerdings ist schwer zu sagen, ob diese Einstellung von den Frauen ausgeht oder eine Reaktion (oder Resignation) auf die Bedingungen in den Unternehmen ist.

In westlichen Feminismuskreisen wird häufig gefragt, warum die japanischen Frauen nicht für mehr Gleichberechtigung in Beruf und Gesellschaft kämpfen. Auch das Gesetz von 1986 zielt nicht auf eine Gleichstellung ab, sondern nur auf gleiche Chancen. Doch die japanische Frauenbewegung, die seit den siebziger Jahren durchaus aktiv ist, ist mehr an Selbstverwirklichung als an Gleichberechtigung interessiert. Wenn Gleichstellung bedeutet, ebenso ausschließlich für die Arbeit leben zu müssen wie die Männer, ist dieser Ansatz sogar verständlich. Zumal die Frauen auch als Mutter und Hausfrau durchaus eine angesehene Position in der Gesellschaft haben. Japanische Frauenrechtlerinnen betonen daher, daß es darum gehen müsse, die Lebens- und Arbeitsweise der Männer zu humanisieren, statt die der Frauen der männlichen gleichzustellen. Davon abgesehen wird aber auch eine Verschärfung des Chancengleichheitsgesetzes gefordert, um die Chancen der Frauen tatsächlich zu verbessern.

Die gesellschaftliche Position der japanischen Frauen ist nicht einfach zu beurteilen, und sicher nicht ausschließlich nach westlichen Maßstäben. Inzwischen ist ein Vordringen der Frauen in die "Männerwelt" Arbeit festzustellen, aber umgekehrt fast nirgends eine stärkere Beteiligung der Männer in der Welt der Frauen. Insofern sind die Frauen in der japanischen Gesellschaft von einer echten Wahlfreiheit bei ihrer persönlichen und beruflichen Lebensgestaltung noch weit entfernt.