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Japan 255

5.4.2002 | Von:

Gesellschaft und Kultur

Religion

Das japanische Religionsverständnis unterscheidet sich von dem des Westens. Die japanischen Religionen haben keinen Anspruch auf Alleingültigkeit erhoben und wurden daher auch nicht zum Gegenstand von Kritik und Aufklärung. Sie blieben vielmehr offen für andere religiöse Einflüsse. Japan hat bewußt fremde Rituale, Gebräuche und Lehren in die eigene religiöse Tradition übernommen und sie zu verschiedenen historischen Zeitpunkten wechselnden politischen und sozialen Bedürfnissen angepaßt. Die meisten Japaner gehören keiner bestimmten Religionsgemeinschaft an. Sie fühlen sich zu mehreren Religionen hingezogen und befolgen deren Lehren und Rituale je nach ihren Bedürfnissen oder entsprechend eines bestimmten Anlasses.

Unterschiedliche Richtungen

Die wichtigsten japanischen Religionen sind die folgenden: Shinto ("der Weg der Götter") ist eine Bezeichnung für die sehr alten Religionen, die mit den japanischen Landschaften verbunden sind. Durch die Zusammenfassung der verschiedenen Schreinkulte und Volksreligionen mit den Ritualen des Kaisertums und durch Theologisierung ihrer reichhaltigen Mythologie wurde mehrmals, zuletzt während der Etablierung des Meiji-Kaiserreichs, der Versuch unternommen, eine einheitliche, original japanische Religion herauszubilden. Einige Shinto-Strömungen zeigen daher nationalistische Tendenzen.

Den Shinto-Religionen sind die folgenden Merkmale gemeinsam: Naturverbundenheit mit dem Jahreskreis und mit der Landschaft - bis hin zum Animismus (der Glaube, daß Bäume, Berge oder Flüsse beseelt sind); Ahnenverehrung, wobei die Ahnenreihe von einem Stammesgott abgeleitet wird; und Reinigungszeremonien durch Wasser und weiße Dinge wie Salz gegen Verunreinigung, vor allem durch Tod und Blut. Außerdem kam es vor, daß ein Mensch nach seinem Tod zum göttlichen Ahnen eines Shinto-Kultes erhoben wurde, indem man ihn mit einem bestehenden Gott identifizierte. Sehr umstritten ist dieses Vorgehen im Fall des Yasukuni-Schreins in Tokyo, wo im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten sozusagen als nationale Ahnen verehrt werden.

Die Heiligtümer des Shinto sind Schreine in einer charakteristischen Holzarchitektur, in denen die Götter anwesend sind. Manchmal sind betretbare Gebäude und Anlagen um sie herum errichtet. Die heiligen Bereiche werden durch Seile mit Papierstreifen und vor allem durch das Wahrzeichen Japans, das Schreintor torii, von der Alltagswelt abgegrenzt. Im Lauf der Geschichte entwickelten manche Schreinkulte einen größeren Einflußbereich. So sind die Schreine des Gottes für Reis und Reichtum Inari, mit den kleinen Füchsen, die ihm als Boten dienen, im ganzen Land verbreitet. Während der japanischen Modernisierung wurde Inari auch zum Gott des Handels, und die Kaufhäuser beispielsweise haben auf dem Dach einen Inari-Schrein. Auch sonst begegnet man shintoistischen Details im Alltag: kleinen Küchenschreinen, Markierungen von alten Bäumen und Steinen oder Salz auf den Türschwellen.

Der Buddhismus wurde im 6. Jahrhundert über Korea in Japan verbreitet. Er wurde in der Begeisterung für chinesische Ideen der T´ang-Dynastie im 8. Jahrhundert eine Zeitlang Staatsreligion. Später konnte der Buddhismus dadurch weiter wirken, daß er Bestattungen und Totengebete übernahm. Die buddhistischen Lehren waren tröstlicher als die shintoistischen Reinigungszeremonien, da sie persönliche Heiligkeit und die Möglichkeit des Paradieses nach dem Tode kennen. Deshalb sind es heute in Japan meist buddhistische Hausaltäre, in denen das Gedenken an die Verstorbenen wachgehalten wird.

Buddhistische Schulen

Im 12. Jahrhundert entstanden typisch japanische Schulen des "Neuen Buddhismus":

  • Der Amida-Buddhismus "vom Reinen Land", der es den Mönchen schon damals erlaubte, Fleisch zu essen und ein normales Familienleben zu führen, ist bis heute wegen seiner Bejahung der menschlichen Bedürfnisse in Japan sehr populär. Auch ein einfacher Gläubiger, der nicht die Kraft zu einem asketischen Leben hat, kann erlöst werden. Wenn er den Beistand Amidas anruft, besonders in der Todesstunde, so wird dieser Buddha der Gnade kommen und die Seele in das Reine Land holen.

  • Den Zen-Buddhismus lernten seine japanischen Gründer Eisai und Honen in China kennen. Eigentlich wird Zen nur von den Mönchen praktiziert, die in einem Tempel leben, wo sie durch Arbeit, Askese und Meditation nach Erleuchtung suchen. Es gibt viele verschiedene Meditationsformen. Die wichtigste ist die bekannte Sitzhaltung, aber auch die tägliche Arbeit, das Betteln und vor allem die Ausübung einer Kunst wie Tuschmalerei, Flötenspiel oder die Teezeremonie sind Übungen auf dem Weg zur Erleuchtung. Besucher des Tempels können an Meditationen teilnehmen, Gebete abhalten lassen oder sogar Firmenlehrgänge und andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

  • Der Gründer einer weiteren buddhistischen Richtung, Nichiren, war eine charismatische Persönlichkeit, die viele Anhänger für ein Leben nach asketischen Regeln und für die Meditation nach klassischen buddhistischen Texten gewann. Durch sie soll das Heilige in dieser Welt verwirklicht werden. Eine moderne Variante dieser Richtung ist die Soka-Gakkai ("Werteschaffende Gesellschaft"), die so viele Anhänger hat, daß sie eine der großen Parteien Japans tragen kann, die Komeito ("Partei für eine saubere Politik").


In der Nachfolge Nichirens sind durch andere Personen in Japan seither mehrere tausend "Neue Religionen" oder Sekten gegründet worden. Die japanische Religiosität hat keine Schwierigkeiten damit, Geld und Segen zu vereinbaren, und ein Tempel, der durch Spenden reich geworden ist, wird deswegen um so mehr geachtet. Unter dem Schutz der Gesetze über Religionsgemeinschaften konnten allerdings auch weniger seriöse Gruppierungen ihre Aktivitäten entfalten, Steuern hinterziehen oder Anhänger in seelischer oder finanzieller Abhängigkeit halten. 1995 wurden in der Folge eines Giftgasanschlags in der U-Bahn von Tokyo, bei dem viele Menschen getötet wurden, die Aktivitäten der Aum-Sekte des Gurus Shoko Asahara aufgedeckt. Die Haltung des Respekts gegenüber religiösen Vereinigungen ist dadurch in Frage gestellt worden, und sie werden in Zukunft - trotz berechtigter Einwände der etablierten Religionen - mit strengeren staatlichen Kontrollen rechnen müssen.

Nur etwa eineinhalb Millionen Japaner und Japanerinnen sind Mitglieder christlicher Kirchen, doch das Christentum hat in Japan weitreichenden Einfluß. Das von Missionaren eingeführte Christentum war während der Abgeschlossenheit Japans von 1600 bis 1862 vom Shogunat wegen seiner ausländischen Herkunft verboten, wenn auch eine kleine Widerstandsströmung im Geheimen weiterbestand.

Nach der Öffnung des Landes wollten die japanischen Politiker nicht nur die Technologien, sondern auch die ideologischen Grundlagen des Westens kennenlernen, unter denen das Christentum eine wichtige Rolle spielt. Einige Kirchen haben höhere Schulen und heute sehr angesehene Universitäten auch für Frauen gegründet sowie Kindergärten mit niedrigen Gebühren eingerichtet. Mit der amerikanischen Populärkultur kamen schließlich christliche Festgebräuche nach Japan, etwa ein weißes Brautkleid als Ergänzung einer shintoistischen Hochzeit oder ein Weihnachtsmann im Einkaufszentrum.