Japan 255

5.4.2002 | Von:

Grundlagen der Außenpolitik

Asienpolitik

Seit Japans Öffnung gegenüber dem Westen Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Frage, ob Japan ein Teil des Westens oder ein Teil Asiens ist, einen zentralen Punkt in der Diskussion über die nationale Identität des Landes gebildet. Die Antwort auf diese Frage fiel dabei dem zeitgeschichtlichen Kontext entsprechend jeweils recht unterschiedlich aus: Die Meiji-Reformer der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sahen Europa und die USA als ihre Modernisierungsmodelle an. Ihre Haltung kam in dem weit verbreiteten Slogan "aus Asien heraus, nach Europa hinein" zum Ausdruck. Die Gegenwelle folgte in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts, als Ultranationalisten und Militärs die vermeintliche Unterwerfung unter den Westen brandmarkten und eine Besinnung Japans auf seine asiatischen Wurzeln forderten. Allerdings blieb es nicht bei der Besinnung allein; ihre Vision von einer "Großostasiatischen Wohlstandssphäre" unter japanischer Führung brachte den asiatischen Nachbarstaaten des Landes vor und während des Pazifischen Krieges (dem asiatischen Teil des Zweiten Weltkrieges) Unterdrückung und Gewalt in Form von japanischer Kolonialherrschaft oder Besatzung.

Nach der Niederlage im Pazifischen Krieg und der anschließenden amerikanischen Besatzung wurde die Ausrichtung auf Asien in Japan als ein fataler Irrweg angesehen. Fortan bildete die Identifizierung mit dem Westen im allgemeinen und den USA im besonderen den zentralen geostrategischen Orientierungspunkt des Landes. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Entstehen einer dritten dynamischen Wachstumsregion in Ostasien und der damit einhergehenden raschen Zunahme der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Japan und der Region wurde die Frage der "asiatischen Seite" der japanischen Identität wieder aktuell. Weitgehend unstrittig ist dabei mittlerweile zumindest, daß Japan sowohl ein Teil des Westens als auch Asiens ist. Debattiert wird aber darüber, wohin das Schwergewicht gelegt werden soll. Trotz deutlich zunehmenden Interesses Japans an den asiatischen Nachbarstaaten seit Anfang der neunziger Jahre ist dabei klar, daß Japan als global agierendes Land teilweise andere Interessen verfolgt als viele seiner eher regional orientierten Nachbarstaaten.

Infolge der starken Anlehnung der japanischen Außen- und Sicherheitspolitik an die der USA waren Japans Beziehungen zu anderen Ländern der Region lange Zeit von den Strukturen des Kalten Krieges überlagert. Dies hatte insbesondere Auswirkungen auf das Verhältnis zu den kommunistischen Nachbarstaaten China und Rußland. So nahm Tokyo erst 1972 vor dem Hintergrund der amerikanisch-chinesischen Annäherung diplomatische Beziehungen mit Beijing auf. Bis dahin hatte es die Führung auf Taiwan als einzig legitime Vertretung Chinas angesehen. 1978 wurden die Beziehungen zwischen Japan und der Volksrepublik China durch den sogenannten Friedens- und Freundschaftsvertrag ausgebaut.

Derartige Fortschritte lassen bis heute im Verhältnis zu Rußland auf sich warten. Aufgrund eines Territorialkonfliktes um die Kurilen-Inseln existiert bislang nicht einmal ein formeller Friedensvertrag zwischen Tokyo und Moskau. Wenn sich auch die Beziehungen zwischen Tokyo und Moskau seit dem Ende des Kalten Krieges entkrampft und eine Reihe von Treffen auf der obersten Staatsebene stattgefunden haben, konnte ein wirklich freundschaftliches oder vertrauensvolles Verhältnis bisher nicht aufgebaut werden. Gutnachbarschaftliche Beziehungen im Sinne eines intensiven politischen Dialoges, zahlreicher Kontakte auf der Ebene der menschlichen Beziehungen beider Länder sowie ausgedehnte wirtschaftliche Kontakte sind - wenn überhaupt - erst für die Zeit nach einer Lösung des Kurilen-Problems zu erwarten.

Auf der Grundlage ihrer geostrategischen Interessenlage förderten die USA in den fünfziger und frühen sechziger Jahren aktiv die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen Japans mit Südkorea und den Staaten Südostasiens. Hauptanliegen der USA war es dabei, Japans Wirtschaft angesichts des Verlustes des traditionellen Hinterlandes (China, Mandschurei, nördliches Korea) zu stabilisieren, um Japan als Bollwerk gegen den Kommunismus in der Region zu sichern. Das Vermächtnis von Japans Vergangenheit als Kolonial- oder Besatzungsmacht in Ostasien sowie die in den Augen der Nachbarländer nur unvollständig geleistete Vergangenheitsbewältigung in Japan haben eine völlige Normalisierung der Beziehungen aber bisher verhindert. Am wenigsten problembeladen sind dabei noch die Beziehungen zum südostasiatischen Staatenverbund ASEAN (Association of South East Asian Nations; 1967 gegründete Vereinigung südostasiatischer Staaten), dem 1996 Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand, Brunei und Vietnam angehörten. Noch Anfang der siebziger Jahre wurde eine Reise des damaligen japanischen Regierungschefs in die ASEAN von Demonstrationen aufgebrachter Studenten begleitet. Mittlerweile dominiert jedoch eine pragmatische Haltung in der Subregion, wobei Japan vor allem in seiner Funktion als wichtige Stütze des industriellen Entwicklungsprozesses in Südostasien gesehen wird.

Schwieriger gestaltet sich dagegen immer noch das Verhältnis zu den beiden koreanischen Staaten und zur Volksrepublik China, welche die Hauptopfer des japanischen Expansionsdranges vor und während des Zweiten Weltkrieges waren. Allein in China kamen in den Wirren des Krieges mit Japan Millionen von Menschen ums Leben. Auch Japans schonungsloses Kolonialregime in Korea (1910 bis 1945) hinterließ tiefe Narben, wie allein die Tatsache verdeutlicht, daß es trotz amerikanischen Drucks bis zum Jahre 1965 dauerte, um diplomatische Beziehungen zwischen Japan und Südkorea herzustellen. Obwohl das Klima in den offiziellen Beziehungen zwischen Tokyo und Seoul in den neunziger Jahren zunehmend vom Geist der Zusammenarbeit und der Logik gegenseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit bestimmt worden ist, liegen die alten Feindbilder immer noch dicht unter der Oberfläche. Dies zeigte sich etwa Mitte der neunziger Jahre, als zum einen Enthüllungen über das Schicksal koreanischer Frauen, die von der japanischen Armee während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsprostituierte mißbraucht wurden, und als zum anderen ein Aufflammen des alten Territorialstreits über die Takeshima-Inseln zu spontanen Demonstrationen in Südkorea führten.

Quellentext

Verhältnis zu Nachbarn

Zur Stärkung des gegenseitigen Verständnisses ist es auch wichtig, daß die Traditionen und Kulturen der Nachbarn betrachtet werden. In Zusammenarbeit mit privaten Initiativen möchte ich gerne den Kulturaustausch fördern - vor allem unter jungen Menschen, die die Welt künftig führen werden - und die kulturelle Zusammenarbeit auf einer multilateralen Basis festigen, damit unterschiedliche Kulturen harmonisch leben können. Als konkrete Maßnahme möchte ich vorschlagen, daß ein multinationaler Kulturausschuß unter Einbeziehung von Experten aus Japan und der ASEAN eingerichtet wird, der Empfehlungen für den kulturellen Austausch und die Zusammenarbeit unterbreiten soll. Durch diesen Austausch und diese Zusammenarbeit wird, wie ich hoffe, ein Gefühl der Gemeinschaft im ganzen asiatisch-pazifischen Raum gefördert.

[…]

Aufgrund der Situation, daß sowohl Japan als auch die ASEAN in zunehmendem Maß globale Rollen übernehmen, würden ihre gemeinsamen Initiativen, um Aufgaben des 21. Jahrhunderts wie Terrorismus, Umwelt, die Verbesserung der Gesundheitssysteme und des Wohlstandes, das Vorgehen gegen Nahrungsmittel- und Energieengpässe, Bevölkerungswachstum, AIDS, das Drogenproblem und die Stärkung der Rechtssysteme in Angriff zu nehmen, sicherlich die Beziehung zwischen Japan und der ASEAN erweitern und vertiefen. […]

Die Umwelt ist ein Thema von weltweiter Bedeutung. In der Zeit seines hohen wirtschaftlichen Wachstums hat Japan Erfahrungen mit ernster industrieller Verschmutzung der Luft sowie des Wassers gemacht […] und dieses Problem mit Hilfe gemeinsamer Anstrengungen der Regierung und des privaten Sektors behoben, während zeitgleich neue Produkte und Industrien entstanden. In den letzten Jahren war Japan mit Engagement an der Lösung neuer Arten von Umweltproblemen beteiligt; hierzu zählen die Müllbeseitigung und die globale Erwärmung, die ein Resultat der Massenproduktion und des Massenkonsums ist - und in der sich die Verstädterung und Veränderungen im Lebensstil widerspiegeln. Ich hoffe, daß Japan mit den ASEAN-Ländern, die nun ein spektakuläres Wachstum genießen, seine Erfahrungen und Technologien zur Reduzierung der Umweltbelastung sowie zur effizienten Nutzung der Energie teilt - nicht nur seine Erfolge, sondern auch Fehler und Schwierigkeiten der Vergangenheit, damit ihnen nicht dieselben Fehler unterlaufen.

Ministerpräsident Ryutaro Hashimoto in Südostasien; Grundsatzrede in Singapur zu Japans Außenpolitik, in: Archiv der Gegenwart vom 14. Januar 1997.

Verhältnis zu China

Das wohl wichtigste bilaterale Verhältnis in Ostasien ist das zwischen Japan und der Volksrepublik China. Die Beziehung ist von elementarer Bedeutung für Sicherheit, Stabilität und wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Region. Das Verhältnis zwischen Tokyo und Beijing stellt somit eine der Herausforderungen für die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges dar. Nach der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen 1972 gelang es Japan und der Volksrepublik China im großen und ganzen gutnachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Zeitweilig wurden die Beziehungen jedoch immer wieder durch Äußerungen erzkonservativer japanischer Politiker gestört, die eine Verantwortung Japans für die Aggressionen während des Pazifischen Krieges ableugneten. Andererseits führten aber auch zuweilen Ereignisse in der Volksrepublik China, wie etwa die wiederholten Atomtests des Landes, zu Verstimmungen in Tokyo. Untermauert wurde das Verhältnis zwischen Tokyo und Beijing wie auch die sino-amerikanischen und die japanisch-amerikanischen Beziehungen dagegen angesichts der gemeinsamen Bedrohung durch die Sowjetunion.

Die wirtschaftliche Reform und außenwirtschaftliche Öffnung der Volksrepublik China seit den späten siebziger Jahren fügte der Beziehung zwischen den beiden Staaten eine neue Dimension hinzu. Japan sah Chinas Reformpolitik als förderlich für die Stabilität Ostasiens an und unterstützte daher die Öffnung des Landes. Die Volksrepublik China wiederum sah in Japan ein Modell für ihren wirtschaftlichen Modernisierungsprozeß. Zudem wird Japan in China als wichtige Quelle von Kapital, Technologie und Managementfähigkeiten betrachtet, während Japan die Volksrepublik China zunehmend als einen Exportmarkt und Basis für Fertigung im Ausland nutzt. Der Auf- und Ausbau kooperativer Beziehungen hat mithin insgesamt die politischen und wirtschaftlichen Interessen beider Länder widergespiegelt.

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Konfuzianismus in Japan

Der Konfuzianismus ist keine Religion, sondern eine Staats- und Morallehre aus dem chinesischen Kaiserreich mit dem Ziel einer festgefügten Gesellschaftsordnung. Seine wichtigsten Prinzipien betreffen die Beziehungen des Volks zum Herrscher, des Schülers zum Lehrer und der Freunde, Mitschüler oder Kollegen untereinander. Vom Einzelnen wird nicht in erster Linie gefordert, die Person des Konfuzius zu verehren, sondern sich mit allen Kräften der eigenen Erziehung zum guten und nützlichen Staatsbürger zu widmen. Jeder hat die Pflicht, fleißig zu lernen, Lehrer zu respektieren und das Wohl des Staates, der Gruppe und der Familie vor das eigene zu stellen.

Als im 19. Jahrhundert das Kaisertum in Japan als Staatsform wieder stabilisiert werden sollte, wurde auch eine Bildungsreform durchgeführt. Einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht sollten die zur Modernisierung notwendigen Kenntnisse, militärische Disziplin und absoluter Gehorsam gegen die Eltern und den Kaiser vermittelt werden. Dazu wurde aus den Überlieferungen des Shinto und den Lehren des Konfuzianismus eine religionsähnliche Staatsideologie aufgebaut. "Die Strategie der Meiji-Regierung bestand darin, die politische Ideologie des Tenno-Staates als das einzige kulturelle Erbe Japans unter dem Volk zu verbreiten. "Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unter dem Einfluß der amerikanischen Besatzung die Leitlinien des Erziehungssystems völlig umgestellt. Die Werte Demokratie, Frieden und Grundrechte für das Individuum sollten von nun an vermittelt werden. Der herkömmliche Moralkundeunterricht an den Schulen wurde zunächst völlig abgeschafft, da er vor dem Krieg zur ideologischen Aufrüstung gebraucht worden war. In den siebziger Jahren wurde die Moralerziehung jedoch wieder eingeführt, weil man inzwischen glaubte, traditionellen japanischen Werten dadurch wieder mehr Bedeutung zu geben.

"Die konkret benannten Lernziele für die drei Schulstufen, Grund-, Mittel- und Oberschulen, sehen wie folgt aus: Bei den Grundschulen: 1. grundlegende Lebensgewohnheiten, 2. Harmonie mit Geschwistern und Freunden und gegenseitige Hilfeleistung, 3. Achtung vor Lehrern und Eltern, 4. Achtung vor der eigenen Klasse. Bei den Mittelschulen: 1. Einhaltung der gesellschaftlichen Normen im Alltag. 2. Vertrauen und Achtung vor Freunden, 3. Liebe zur eigenen Schule, zur eigenen Region und zur eigenen Nation. Bei den Oberschulen: 1. Einhaltung der öffentlichen Tugenden, 2. Dienst an der Gesellschaft, 3. Rücksichtnahme gegenüber den anderen, 4. Achtung vor der japanischen Kultur und Tradition."

Petra Plate, Hamburg, (Zitate nach Mikiko Eswein, Erziehung zwischen Konfuzianismus und Bismarck, Duisburg 1996, S. 7 und 19.).

Die bilaterale Beziehung ist jedoch nach dem Ende des Kalten Krieges in eine Phase der Unsicherheit eingetreten. So hat erstens der Zusammenbruch der Sowjetunion zum Abbau der gemeinsamen Bedrohung für Japan und die Volksrepublik China geführt. Ein neuer strategischer Rahmen ist daher für die Neudefinition der Beziehung nötig. Zweitens ist angesichts des raschen Aufstiegs der Wirtschaft Ostasiens die Führungsrolle der USA in der Asien-Pazifik-Region zurückgegangen. Es stellt sich daher die Frage, ob die Staaten der Region in Zukunft auftretende wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Probleme gravierender Art aus eigenen Kräften lösen können. Drittens schließlich hat die chinesische Wirtschaft seit der Öffnung ein rapides Wachstum erlebt, während die japanische Wirtschaft endgültig in die Phase nur noch geringer Zuwächse eingetreten ist. Der unvermeidliche Wandel in der relativen Bedeutung der beiden Volkswirtschaften wird nicht ohne Auswirkungen auf Aushandlungsprozesse zwischen den beiden Ländern bleiben können.

Nach einer Voraussage der OECD (Organization for Economic Cooperation und Development, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), soll sich Chinas Anteil an der gesamten Weltproduktion von 11,3 Prozent im Jahre 1990 auf 19,1 Prozent im Jahre 2010 vergrößern. Sollte sich die Entwicklung tatsächlich in dieser Richtung vollziehen, würde noch in der ersten Phase des nächsten Jahrtausends China gegenüber Japan und den USA aufholen oder gar die beiden Länder überholen. Die Anpassung an Chinas Aufstieg wird in jedem Fall zu einer der großen Aufgaben für die internationale Staatengemeinschaft im allgemeinen und Nachbarstaaten wie Japan im besonderen werden. Konkret wird es dabei darum gehen, wie China in die Strukturen und Institutionen der internationalen Wirtschaft integriert werden kann und wie die Probleme in den Bereichen der Energie- und Nahrungsmittelversorgung sowie Umweltzerstörung, die aus dem wirtschaftlichen Wachstum Chinas resultieren, angegangen werden können.

Neben wirtschaftlich bedingten Herausforderungen existiert aber mittel- bis langfristig auch eine Reihe von politischen und strategischen Fragen für das Verhältnis zwischen Tokyo und Beijing. So stellt sich vor dem Hintergrund der gegenwärtig begrenzten Fähigkeit Rußlands, eine zentrale Rolle in Ostasien zu spielen und dem immer wieder angezweifelten Willen der USA, auf lange Sicht die Funktion einer strategischen Ordnungsmacht in der Region zu übernehmen, die Frage: Wird es gelingen, multilaterale Strukturen zur Vertrauensbildung und zur Sicherung von Frieden und Stabilität zu schaffen oder aber wird einer der beiden Kandidaten für eine regionale Führungsrolle, nämlich Japan oder die Volksrepublik China, versuchen, das entstehende Machtvakuum aufzufüllen? Dies würde zu einer deutlichen Erhöhung des Konfliktpotentials in der Region führen. Letztlich geht es also um die Frage, ob sich die Schrecken der Vergangenheit wiederholen werden oder ob die Basis für ein "asiatisches Jahrhundert" in Frieden und Wohlstand geschaffen werden kann.

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Territorialkonflikte

Die vier Kurilen-Inseln Etorofu, Kunashiri, Habomai und Shikotan, die nordöstlich von der nördlichen japanischen Hauptinsel Hokkaido liegen, sind zwischen Japan und Rußland umstritten. Die Sowjetunion hatte die Inseln, die in Japan auch als "Nördliche Territorien" bezeichnet werden, am Ende des Zweiten Weltkrieges annektiert, nachdem sie in einem geheimen Zusatz zum Abkommen von Yalta (1944) der Sowjetunion zugeschlagen worden waren. Japan sieht diese Zusatzvereinbarung als illegal an. Während des Kalten Krieges waren auf den Inseln bis zu 10000 sowjetische Soldaten sowie Kampfflugzeug-Geschwader stationiert. Neben ihrem strategischen Wert sind die Inseln auch traditionell wegen der sie umgebenden Fischgründe von Interesse gewesen. Eine Aufteilung der Inseln, in deren Rahmen die kleineren Inseln Habomai und Shikotan an Japan zurückgegeben werden sollten, scheiterte Mitte der fünfziger Jahre mit dem Abbruch der Verhandlungen über einen bilateralen Friedensvertrag zwischen der Sowjetunion und Japan.

Japan, die Volksrepublik China und Taiwan erheben Anspruch auf die sieben unbewohnten Senkaku-Inseln (chinesisch: Diaoyu), die sich 170 Kilometer nördlich von Taiwan im Ostchinesischen Meer befinden. Der Streit entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Japan seine Kolonialherrschaft über Taiwan aufgab, aber die Kontrolle über die Inselgruppe behielt. Der Kontroverse zwischen den drei Staaten liegen unter anderem unterschiedliche Interpretationen des Friedensvertrags von Shimonoseki (1885) zwischen Japan und China zugrunde. Eine Klarstellung der Souveränität über die Inseln, in deren Nähe Ölvorkommen vermutet werden, hätte Auswirkungen auf die Frage, wer 40000 Quadratkilometer des dazugehörigen Festlandsockels wirtschaftlich nutzen darf. Die Frage der Hoheit über die Inseln wurde aus dem Friedens- und Freundschaftsvertrag zwischen Japan und der Volksrepublik China ausgeklammert.

Die Liancourt-Felsen, die in Japan Takeshima ("Bambusinseln") und in Korea Tokdo genannt werden, sind zwei winzige felsige Eilande, welche sich 89 Kilometer von der nächsten südkoreanischen und 161 Kilometer nordwestlich von der nächsten japanischen Insel in der Japanischen See (koreanisch: Ostmeer) befinden. Die Kontroverse über die Inseln kam 1952 auf, als Südkorea das Gebiet mit in sein maritimes Hoheitsgebiet einschloß. Sowohl Japan als auch Korea machen historische Gründe für ihren Territorialanspruch geltend. Südkorea unterhält auf den Felsen eine kleine Polizeitruppe und einen Hubschrauberlandeplatz. Souveränität über die Felsen würde einhergehen mit der wirtschaftlichen Nutzung des bis zu 63300 Quadratkilometer umfassenden Festlandsockels.