Die Deutsche Frage in der internationalen Politik
Manfred Görtemaker
27.8.2009
Eskalation im Kalten Krieg, mitten in Berlin: Am 28. Oktober 1961 stehen sich am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße US-amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber. (© AP)Einleitung
Von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis nach dem Zweiten Weltkrieg galt Deutschland für viele ausländische Politiker und Beobachter als die eigentliche Bedrohung für Europa und die Welt. Das vorherrschende Bild von den Deutschen war geprägt von Militarismus, zeitweiser politischer Zügellosigkeit und dem Mangel an Gespür für die Ängste und Bedürfnisse anderer.
Diese Sichtweise wurde maßgeblich bestimmt durch den Verlauf der Geschichte zwischen 1871 und 1945, als Deutschland zunächst unter Führung Bismarcks zu einem einheitlichen Reich heranwuchs und schließlich unter Hitler nahezu ganz Europa in die Katastrophe stürzte. Die Geschichte des Deutschen Reiches schien zu beweisen, dass Größe und Dynamik eines geeinten Deutschlands mit einem stabilen europäischen Staatensystem nicht verträglich waren. Die deutsche Neigung zu politischer Aggressivität wurde vielfach nicht nur als Ausdruck der legitimen Verfolgung nationaler Interessen, sondern auch als eine typische Eigenart des deutschen Nationalcharakters angesehen. Vor dem Hintergrund von 74 Jahren deutscher Einheit zwischen 1871 und 1945, zweier Weltkriege, der NS-Herrschaft und nahezu 65 Millionen Menschen, die durch die Kriegshandlungen ums Leben gekommen oder in Konzentrationslagern ermordet worden waren, wurde behauptet, dass Deutschlands politische, wirtschaftliche und militärische Macht unausweichlich die Unabhängigkeit und das Wohlergehen seiner Nachbarn bedrohe. Überdies habe das verbreitete Obrigkeitsdenken seiner Bewohner Deutschland nicht nur aggressiv nach außen, sondern auch empfänglich für den Totalitarismus im Innern gemacht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sah es so aus, als hätten die Teilung Deutschlands und die amerikanisch-sowjetische Vorherrschaft in Europa diese Bedrohung gebannt: Durch die Teilung und damit die Eindämmung deutscher Macht schienen Europa und die Welt sicher vor den Deutschen - und die Deutschen sicher vor sich selbst. Die Wende von 1989 stellte aus Sicht vieler Nachbarn diesen "Lösungsansatz" wieder in Frage: Das vereinte Deutschland und Europa mussten aufs Neue lernen, miteinander zu leben. Unter diesem Blickwinkel lässt sich die Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90 nicht als isoliertes Ereignis der Gegenwart begreifen, sondern muss im Zusammenhang mit der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts gesehen werden.
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