Deutscher Widerstand 1933-1945
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Widerstand traditioneller Eliten


30.4.2003
Der Kreisauer Kreis, der Goerdeler-Kreis, der Solf-Kreis, die Strassmann-Gruppe und der Freiburger Kreis planten eine Neuordnung nach dem erhofften Ende der NS-Herrschaft und sogar den Sturz Hitlers.

Briefmarkenblock zum Jahrestag des 20. Juli.Am "20. Juli 1944" waren unterschiedliche Gruppierungen beteiligt, unter anderem Widerstandskämpfer aus dem Kreiser Kreis, wie Helmuth James Graf von Moltke. (© Wikimedia)

Einleitung



Das Bürgertum, die durch Besitz, Bildung, Einfluß geprägte Schicht, stand dem NS-Staat, der an patriotische Gefühle appellierte und der die politische Linke vernichtete, lange Zeit mehrheitlich mit Sympathie, z. T. sogar mit Begeisterung, gegenüber. Eine Minderheit konservativ und liberal denkender Bürger war von Anfang an skeptisch, hatte sich aber in die "innere Emigration" zurückgezogen und zeigte Opposition nach außen allenfalls durch Verweigerung. Nur im Kreis Gleichgesinnter wurden politische Ereignisse und Lebensumstände kritisch kommentiert. Angesichts des augenscheinlichen Erfolgs der Nationalsozialisten hatte auch die Regimegegner eine Art Lähmung befallen.

Die allmählich wachsende moralische Empörung einzelner über die Korruption und die alltägliche Gewalt verdichtete sich ab 1938 - dem Jahr des Pogroms gegen die Juden und der Sudetenkrise - zum politischen Widerstand. Unter hohen Militärs, im bayerischen Adel, unter Beamten und Diplomaten, in ganz verschiedenen Kreisen der traditionellen Eliten, die von den Nationalsozialisten entmachtet worden waren oder die nach anfänglicher Gefolgschaft zur Einsicht in die wahre Natur des Regimes kamen, entstand Unruhe: Zum einen über die Radikalisierung der nationalsozialistischen Politik, insbesondere gegenüber den Juden, und zum anderen wegen der expansionistischen Außenpolitik Hitlers, die offenkundig auf Krieg angelegt war. Wachsende Kritik am Dilettantismus der NS-Politik bildete einen weiteren Anlaß, über eine Neuordnung nach dem erhofften Ende der NS-Herrschaft nachzudenken. Der Krieg machte diese Notwendigkeit noch deutlicher. In mehreren Widerstandskreisen, die durch persönliche Beziehungen einzelner Mitglieder meist auch voneinander wußten, sich gegenseitig informierten und auch mit dem militärischen Widerstand Kontakt aufnahmen, wurde für die Zeit nach Hitler oder ganz konkret sein Sturz geplant.

Der Kreisauer Kreis



In Kreisau in Niederschlesien, auf dem Gut des Grafen Moltke, trafen sich Pfingsten 1942 einige Männer und Frauen. Es waren die Tage vom 22. bis 25. Mai, die von dem Freundeskreis genutzt wurden, über Themen zu diskutieren, die vom Verhältnis zwischen Staat und Kirche über Erziehung bis zu Hochschulreform und Lehrerbildung reichten. Es war eine Diskussion über allgemeine und abstrakte Probleme, deren Ergebnisse schriftlich fixiert wurden. So wäre das Treffen in Kreisau zu charakterisieren, wenn es in normalen Zeiten stattgefunden hätte. Für den nationalsozialistischen Staat aber war es Hochverrat.

Ihre führenden Köpfe waren Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg. Moltke hatte Jura studiert, war mit der angelsächsischen Welt vertraut. Politisch liberal und von tiefer christlicher Überzeugung, verachtete er die Nationalsozialisten und verzichtete nach seinem Assessorexamen 1933 auf die erstrebte Karriere als Richter. Er ließ sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Moltke Referent für Völkerrecht in der Auslandsabwehr des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Peter Graf Yorck von Wartenburg war ebenfalls Träger eines berühmten preußischen Namens. Auch er war Jurist, hatte es im Staatsdienst zum Oberregierungsrat gebracht, war ab 1942 im Wehrwirtschaftsamt des OKW tätig.

Schon vor dem Krieg hatten beide Gesprächskreise von Regimegegnern um sich geschart. Ab 1940 trafen sich in Kreisau, aber auch in Berlin und München in wechselnder Zusammensetzung etwa 20 Personen, die in der Opposition gegen den Nationalsozialismus übereinstimmten, denen (mit ungefähr noch einmal so vielen Sympathisanten) Weltläufigkeit, soziale Verantwortung und christliches Engagement gemeinsam war.

Zu den Gleichgesinnten, wenn auch von ganz anderem Herkommen, gehörte Eugen Gerstenmaier, ein aus schwäbischem Kleinbürgertum stammender evangelischer Theologe, der im Krieg zu der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes dienstverpflichtet worden war. Adam von Trott zu Solz, Jurist im Auswärtigen Amt, kosmopolitischer Patriot mit Verbindungen ins Ausland, gehörte zu den Kreisauern ebenso wie der Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien Hans Lukaschek, den die Nationalsozialisten aus dem Amt gejagt hatten und Theodor Steltzer, der bis 1933 Landrat in Rendsburg gewesen war. Der Kreisauer Kreis bestand aus Männern, die aus ganz unterschiedlichen sozialen, ideologischen und politischen Bereichen kamen. Alfred Delp und Augustin Rösch waren Jesuitenpatres, Adolf Reichwein war Pädagoge und Sozialdemokrat, Hans Peters Professor für Verwaltungsrecht, engagierter Katholik und Demokrat, Harald Poelchau war evangelischer Geistlicher und religiöser Sozialist, Theo Haubach, Julius Leber und Carlo Mierendorff hatten sich als sozialdemokratische Politiker profiliert und dafür im KZ gelitten. Viele Mitglieder des Kreises waren von der Jugendbewegung geprägt, soziales Engagement einte sie alle.

Forderung für Erneuerung

Die "Grundsätzliche Erklärung", die sie im Mai 1942 formulierten, rechnet man zu den Schlüsseldokumenten des Widerstandes gegen Hitler. Zum Ausdruck kommt darin die Absicht, eine Neuordnung und Neuorientierung von Staat und Gesellschaft nach der Überwindung des Nationalsozialismus zu gestalten. "Wir sehen im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der Völker."

Quellentext

Kreisauer Kreis: Grundsätze 1943

Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft.

[...] Die Reichsregierung ist daher entschlossen, folgende nach innen und außen unverzichtbare Forderungen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu verwirklichen:

1. Das zertretene Recht muß wieder aufgerichtet und zur Herrschaft über alle Ordnungen des menschlichen Lebens gebracht werden. Unter dem Schutz gewissenhafter, unabhängiger und von Menschenfurcht freier Richter ist es Grundlage für alle zukünftige Friedensgestaltung.

2. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit wird gewährleistet. [...]

3. Brechung des totalitären Gewissenszwangs und Anerkennung der unverletzlichen Würde der menschlichen Person als Grundlage der zu erstrebenden Rechts- und Friedensordnung. Jedermann wirkt in voller Verantwortung an den verschiedenen sozialen, politischen und internationalen Lebensbereichen mit. Das Recht auf Arbeit und Eigentum steht ohne Ansehen der Rassen-, Volks- und Glaubenszugehörigkeit unter öffentlichem Schutz.

4. Die Grundeinheit friedlichen Zusammenlebens ist die Familie. Sie steht unter öffentlichem Schutz, der neben der Erziehung auch die äußeren Lebensgüter: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Garten und Gesundheit sichern soll. [...]

6. Die persönliche politische Verantwortung eines jeden erfordert seine mitbestimmende Beteiligung an der neu zu belebenden Selbstverwaltung der kleinen und überschaubaren Gemeinschaften. In ihnen verwurzelt und bewährt, muß seine Mitbestimmung im Staat und in der Völkergemeinschaft durch selbstgewählte Vertreter gesichert und ihm so die lebendige Überzeugung der Mitverantwortung für das politische Gesamtgeschehen vermittelt werden.

7. Die besondere Verantwortung und Treue, die jeder einzelne seinem nationalen Ursprung, seiner Sprache, der geistigen und geschichtlichen Überlieferung seines Volkes schuldet, muß geachtet und geschützt werden.

Quelle: Walter Hofer (Hrsg.), Der Nationalsozialismus, Dokumente 1933-1945, Fischer TB, Frankfurt a. M. 1983, S. 333 f.


In drei größeren Treffen diskutierte der Kreisauer Kreis die Grundlagen einer humanen und sozialen Ordnung des Zusammenlebens im nationalen und europäischen Rahmen, die 1943 in den "Grundsätzen für die Neuordnung" endgültig formuliert wurden. Sieben unverzichtbare Forderungen sollten das Fundament der inneren Erneuerung und eines gerechten und dauerhaften Friedens bilden. Die Wiederherstellung des Rechtsstaats, die Garantie von Glaubens- und Gewissensfreiheit, das Recht auf Arbeit und Eigentum standen obenan. Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit sollten wieder an die Stelle des Prinzips von Befehl und Gehorsam treten. Statt Diktatur und Unterwerfung sollten politische Verantwortung und Mitwirkung jedes einzelnen, die Mitbestimmung im Betrieb und in der Wirtschaft einschloß, die Prinzipien staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung bilden. Wichtig war den Kreisauern aber auch die Überwindung des Nationalismus. Die Gründung einer Völkergemeinschaft im Geiste internationaler Toleranz lag ihnen mehr am Herzen als die Bewahrung einzelstaatlicher Souveränitätsrechte.

Die "Grundsätze für die Neuordnung" waren ein Programm für den Neuaufbau nach der NS-Diktatur, in dessen Mittelpunkt Arbeiterschaft und Kirchen stehen sollten. Die Grundsätze boten auch eine interessante Variante zum Wahlrecht: jedes Familienoberhaupt sollte für jedes nicht wahlberechtigte Kind eine zusätzliche Stimme erhalten. Politische Beamte und Waffenträger sollten für den Reichstag, dessen indirekte Wahl durch die Landtage vorgesehen war, nicht wählbar sein. Das Wirtschaftsprogramm war von den Leitmotiven staatlicher Wirtschaftsführung, Sozialisierung der Schlüsselindustrien und vom Gedanken der Mitbestimmung beherrscht. Gegen die nationalsozialistische, auf Zwang, Unterwerfung und Irrationalität beruhende Herrschaft setzten die Kreisauer eine Gesellschafts- und Staatsordnung, die sich auf Humanität, christliche Ethik, Gerechtigkeit und Überwindung von Klassenschranken gründen sollte. Ziel des Kreisauer Kreises war die Wiederherstellung eines humanen Rechtsstaats, der nach der Bestrafung der nationalsozialistischen Verbrecher mit einer demokratischen Verfassung neu aufgebaut werden sollte.

Zur Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes oder zum Attentat auf Hitler fühlten sich die Kreisauer nicht berufen. Sie hofften auf eine Art Arbeitsteilung, bei der sie die Reformpläne ausarbeiten wollten, damit sie zur Verfügung stünden, wenn die Zeit dafür gekommen war. Den Weg sollte die Militäropposition frei machen, zu der man Verbindungen unterhielt.

Graf von Moltke wurde vor allem durch die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden, den Kriegsgefangenen und der Bevölkerung in den besetzten Gebieten zum Widerstand getrieben. Er wollte zwar die Nationalsozialisten ablösen, den Machtstaat und das Rassendenken überwinden, den Gedanken an eine gewaltsame Beseitigung Hitlers lehnte er jedoch lange Zeit ab. Er hatte jedoch nicht nur moralische Bedenken gegen den Tyrannenmord.

Wie viele andere Gegner des Nationalsozialismus fürchteten auch die Kreisauer, der gewaltsame Sturz des Regimes im Kriege könnte zu Legenden führen. Denn nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg hatten diejenigen, die sich mit der Niederlage Deutschlands nicht abfinden konnten, die "Dolchstoßlegende" in die Welt gesetzt: Verrat habe den Krieg entschieden, das tapfere und siegreiche deutsche Heer sei von hinten, also aus der Heimat, erdolcht worden. Mit einer ähnlichen Hypothek, zu der ein Attentat auf Hitler den Anlaß geboten hätte, wollten die Kreisauer die Neuordnung von Staat und Gesellschaft nicht belasten.

Im Januar 1944 wurde Graf von Moltke durch die Gestapo verhaftet, weil er einen Kollegen vor der drohenden Festnahme gewarnt hatte. Der Kreisauer Kreis war ohne Moltke als geistigen Mittelpunkt am Ende. Die aktivsten Mitglieder schlossen sich der Widerstandsgruppe um Goerdeler an und beteiligten sich am Attentat des 20. Juli 1944. Mitte August 1944 stieß die Gestapo beim Verhör der vielen Mitwisser des 20. Juli auch auf den Kreisauer Kreis. Nach Mißhandlung und Folter standen die führenden Mitglieder vor dem Volksgerichtshof. Um möglichst viele Freunde aus dem Kreisauer Kreis zu schützen, verteidigte sich Moltke mit der Strategie, man habe keinen Umsturz geplant, keine organisatorischen Schritte getan, mit niemandem über Ämter und Funktionen in einer Regierung nach Hitler gesprochen. Man habe nur theoretische Erörterungen angestellt. Im Grunde seien auch nur der Jesuitenpater Delp, der Theologe Gerstenmaier und von Moltke beteiligt gewesen, allenfalls noch Peter Graf Yorck von Wartenburg und Adam von Trott zu Solz.

Eugen Gerstenmaier ordnete später den Kreisauer Kreis folgendermaßen in den Gesamtzusammenhang des Widerstandes ein: "Geschichtliche Wahrheit ist, daß auch die Kreisauer für den Sturz Hitlers gearbeitet haben, indem sie sich energisch darum mühten, daß Deutschland nach der Vernichtung Hitlers bestehen könne. Sie waren der Meinung, je genauer und weitblickender die Vorbereitung dafür sei, desto mehr Chancen habe der Tag X und desto eher werde der Sturz Hitlers und seines Systems herbeizuführen sein."

Am 11. Januar 1945 wurde Helmuth James von Moltke zum Tode verurteilt. Am 23. Januar 1945, drei Monate vor dem Zusammenbruch des Hitlerstaates, wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Nur wenige aus dem Zentrum des Kreisauer Kreises entgingen den Henkern des NS-Regimes. Einige spielten beim demokratischen Neubau Deutschlands nach Hitler eine Rolle. Eugen Gerstenmaier war von 1954 bis 1969 Präsident des Deutschen Bundestages, Theodor Steltzer in der ersten Nachkriegszeit Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Hans Lukaschek war unter Adenauer Bundesvertriebenenminister. Das Vermächtnis der Kreisauer blieb die in ihren Dokumenten und Briefen niedergelegte Idee einer humanen und sozialen Gesellschaft nach Hitler.


Der Goerdeler-Kreis



Carl Goerdeler, 1884 geboren, entstammte einer traditionsreichen preußischen Beamtenfamilie. Nach dem Studium der Rechte trat er in den Kommunaldienst und wurde 1930 Oberbürgermeister von Leipzig. Sein Ruf als hervorragender Verwaltungsfachmann und Organisator drang weit über Leipzig hinaus, mehrmals war er als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch. Im Dezember 1931 wurde er zum Reichspreiskommissar berufen. Anders als bei seinem Kollegen Konrad Adenauer, dessen Amtszeit als Kölner Oberbürgermeister mit dem nationalsozialistischen Machtbeginn jäh endete, mußte Goerdeler als national-konservativ gesinnter Politiker den Leipziger Oberbürgermeisterstuhl nicht verlassen. Im Januar 1934 wurde er auch wieder zum Preiskommissar ernannt, obwohl er keine Zugeständnisse an die neue Reichsregierung gemacht hatte und auch nicht der NSDAP beigetreten war.

Goerdeler geriet jedoch bald in Gegensatz zur nationalsozialistischen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Er mißbilligte die unseriöse Kreditschöpfung des Wirtschaftsministers Hjalmar Schacht, mit der die Aufrüstung finanziert wurde, und er kritisierte die antijüdische Politik des Dritten Reiches wegen ihrer negativen Wirkungen für das deutsche Ansehen im Ausland. In zwei Gutachten (1935 und 1936) zur Finanzlage, die Hitler bei Goerdeler in Auftrag gegeben hatte, verhehlte er diese Überzeugung nicht. Aus der kritischen Einstellung des Leipziger Oberbürgermeisters wurde offener Protest, als die Nationalsozialisten im November 1936 die Entfernung des Denkmals für den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig erzwangen, weil er Jude gewesen war. Am 1. April 1937 trat er, 52jährig, zurück.

Goerdelers oppositionelle Einstellung war aber noch keine Widerstandshaltung, die auf die Beseitigung der Hitlerregierung zielte. Mit manchen außen- und wehrpolitischen Bestrebungen des NS-Regimes stimmte Goerdeler - wie viele Konservative - überein. Auch wenn sie die Methoden der Nationalsozialisten mißbilligten, so gehörten die Überwindung des Versailler Vertrages und die Hoffnung auf die Wiederherstellung der Reichsgrenzen von 1914 zu den gemeinsamen Zielen. Vom Stuttgarter Industriellen Robert Bosch mit einem Beratervertrag ausgestattet, unternahm Goerdeler mit Wissen und Zustimmung von Hermann Göring (der als "Beauftragter für den Vierjahresplan" eine zentrale Rolle in der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik spielte) in den Jahren nach seinem Rücktritt ausgedehnte "Geschäftsreisen" auch ins Ausland. Als deren Folge warnte er wiederholt Göring vor einer Unterschätzung Frankreichs und Großbritanniens durch die deutsche außenpolitische Führung. Gleichzeitig machte er auf den negativen Eindruck der nationalsozialistischen Kirchenpolitik und der Judenverfolgung auf das Ausland aufmerksam. Ein anderer Zweck der Reisen bestand darin, Sympathien und Verständnis für oppositionelle Haltungen gegenüber der Reichsregierung zu wecken und zu fördern.

Treffpunkt von Kritikern und Gegnern der Nationalsozialisten wurde die Berliner Mittwochsgesellschaft, ein traditionsreicher Zirkel von liberalen und konservativen Persönlichkeiten der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens, der seit 1863 jeden zweiten Mittwoch zur "wissenschaftlichen Unterhaltung" zusammenkam. Hier fand Goerdeler gedankliche Übereinstimmung in der Kritik an Hitler mit dem Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, mit dem deutschen Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, dem preußischen Finanzminister Johannes Popitz, dem Wirtschaftswissenschaftler Jens Jessen und anderen. Einig waren sich diese Männer darin, daß der Krieg, den Hitler offen anstrebte, verhängnisvoll für Deutschland sein würde. Generaloberst Ludwig Beck versuchte bis zum Sommer 1938 mit Denkschriften und Vorträgen über das Risiko eines Krieges für Deutschland auf Hitler einzuwirken. Als er erkannte, wie wenig Rückhalt er unter hohen Offizieren mit seinen Warnungen fand, bat er am 18. August 1938 um seinen Abschied.

Überparteiliche Gruppierung

Mit seinen weitreichenden Verbindungen zu Oppositionellen in ganz Deutschland wurde Goerdeler Mittelpunkt eines Widerstandskreises, der sich in verschiedenen Richtungen erweiterte und über Ludwig Beck eng mit der Militäropposition verbunden war. Nach Kriegsbeginn im Herbst 1939 fanden Gewerkschafter wie Jakob Kaiser (1949-1957 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen) und der Sozialdemokrat Wilhelm Leuschner (er war bis 1933 hessischer Innenminister) zum Goerdeler-Kreis. Die Industriellen Robert Bosch und Paul Reusch sympathisierten mit den Plänen des Goerdeler-Kreises, das Netz der Gleichgesinnten - überwiegend Männer des konservativen und nationalliberalen Bürgertums und christliche Politiker - dehnte sich aus.

Die Aktivitäten des Goerdeler-Kreises gingen in zwei Richtungen. Zum einen drängte Goerdeler, inzwischen zum unerbittlichen Gegner des NS-Regimes geworden, zum Staatsstreich, zum Sturz Hitlers durch das Militär, um die Ausweitung des Krieges zu verhindern. Zum anderen arbeitete er an Entwürfen für eine Staats- und Gesellschaftsordnung, deren Grund-lage Rechtsstaatlichkeit, Moral, bürgerlicher Anstand und die christliche Weltanschauung sein sollten. Die Vorstellungen des Goerdeler-Kreises waren stärker von autoritären Zügen geprägt als von demokratischen, ganz unübersehbar waren nationalkonservative Sehnsüchte, die sich an dem von Bismarck geprägten Deutschen Kaiserreich orientierten.

Die von Carl Goerdeler Ende 1941 verfaßte und von Ludwig Beck mitverantwortete Denkschrift "Das Ziel" ist neben den "Grundsätzen für die Neuordnung" aus dem Kreisauer Kreis der wichtigste Verfassungsentwurf des Widerstandes. Aus der Entstehungszeit (es war die Zeit der größten militärischen Erfolge Hitlers) erklärte sich die Annahme, das Deutsche Reich werde in seinen territorialen Grenzen von 1938 (unter Einschluß Österreichs, des Elsaß, des Sudetenlands und polnischer Gebiete) fortbestehen können.

Quellentext

Entwurf einer Erklärung der Regierung Beck/Goerdeler 1944

Nachdem uns die Geschäfte der Reichsregierung übertragen sind, ist es unsere Pflicht, die Grundsätze bekanntzugeben, nach denen wir die Regierung führen werden, und die Ziele mitzuteilen, die wir erstreben.

1. Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts. Die Regierung selbst muß darauf bedacht sein, jede Willkür zu vermeiden, sie muß sich daher einer geordneten Kontrolle durch das Volk unterstellen. Während des Krieges kann diese Kontrolle nur vorläufig geordnet werden. Einstweilen werden lautere, sachkundige Männer aus allen Ständen berufen werden; ihnen werden wir Rede und Antwort stehen, ihren Rat wollen wir einholen. Vor allem aber werden wir sie beauftragen, auf allen Gebieten genau die Erbschaft festzustellen, die wir übernommen haben. [...]

2. Wir wollen die Moral wiederherstellen, und zwar auf allen Gebieten des privaten wie öffentlichen Lebens.

Die Korruption ist in unserem früher so reinen Volk von hohen und höchsten Würdenträgern in einem bisher in der Welt nicht dagewesenen Umfang großgezogen. Während draußen unsere Soldaten kämpfen, bluten und fallen, ihre Glieder verlieren, führen Männer wie Göring und andere Größen ein Luxusleben, rauben Edelsteine, Gemälde und sonstige Wertstücke, füllen ihre Keller und Böden mit Vorräten, fordern das Volk zum Durchhalten auf und drücken sich und ihren Anhang feige vor dem Opfer dort draußen. [...]

Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Menschen. Die Judenverfolgung, die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wiedergutzumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort eingestellt. Wer geglaubt hat, sich am jüdischen Vermögen bereichern zu können, wird erfahren, daß es eine Schande für jeden Deutschen ist, nach einem unredlichen Besitz zu streben. Mit solchen Marodeuren und Hyänen unter den von Gott geschaffenen Geschöpfen will das deutsche Volk in Wahrheit auch gar nichts zu tun haben. [...]

3. Der Lüge sagen wir den Kampf an, die Sonne der Wahrheit soll ihre dicken Nebel auflösen. Unser Volk ist in der schamlosesten Weise über seine wirtschaftlichen, finanziellen und politischen sowie über die militärischen Ereignisse belogen worden. [...]

4. Die zerbrochene Freiheit des Geistes, des Gewissens, des Glaubens und der Meinung wird wiederhergestellt.

Die Kirchen erhalten wieder das Recht, frei für ihr Bekenntnis zu wirken. Sie werden in Zukunft vom Staate getrennt leben, weil sie nur in Selbständigkeit und unter Fernhaltung von aller aktiven politischen Betätigung ihrer Aufgabe gerecht werden können. [...]

Die Presse soll wieder frei sein. Im Krieg muß sie sich den Beschränkungen unterwerfen, die in jedem Kriege für ein Land unerläßlich sind. Jeder, der eine Zeitung liest, soll erfahren, wer hinter dieser Zeitung steht. Der Presse wird es nicht wieder gestattet sein, bewußt oder fahrlässig die Unwahrheit zu sagen. [...]

5. Es ist vor allem die deutsche Jugend, die nach der Wahrhaftigkeit ruft. Wenn es eines Beweises für die göttliche Natur des Menschen bedürfte, hier haben wir ihn. Selbst die Kinder wenden sich in natürlicher Erkenntnis dessen, was wahr und gelogen ist, beschämt und empört von der ihnen zugemuteten Unwahrhaftigkeit der Gesinnung und Rede ab. Es war wohl das größte Verbrechen, diesen Wahrhaftigkeitssinn und mit ihm den Idealismus unserer Jugend zu mißachten und zu mißbrauchen. Wir wollen ihn daher schützen und stärken - der Jugend und ihrer Erziehung gilt eine unserer Hauptsorgen. [...]

Die Erziehung muß wieder bewußt auf die christlich-religiöse Grundlage gestellt werden, ohne daß die christlichen Gesetze der äußersten Duldsamkeit gegenüber Andersgläubigen verletzt werden sollen. Auf dieser Grundlage muß das Erziehungs- und Bildungswesen wieder ruhig und stetig geleitet und von dauernden Änderungen und Unruhen bewahrt bleiben. [...]

8. Die Wirtschaft kann im Kriege nur in der bisherigen Verfassung der Zwangswirtschaft und der bewachten Kreise fortgeführt werden. Solange ein Mangel an lebenswichtigen Gütern besteht, ist, wie jeder einsehen wird, eine freiere Wirtschaft nicht möglich, es sei denn, daß man über die Lebensinteressen der Minderbemittelten kaltherzig zur Tagesordnung übergehen wollte. Wir werden auch alle Maßnahmen aufheben, die zu tief in die Freiheiten des einzelnen eingegriffen haben und die ohne Überlegung und zwingende Notwendigkeit die wirtschaftliche Existenzen in Handel, Handwerk, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft vernichtet haben. [...]

9. Daraus ergibt sich der Inhalt der auf Ausgleich gerichteten Staatspolitik, Sozialpolitik. Sie soll unverschuldete Schwäche schützen und die Möglichkeit geben, sich solidarisch gegen die Widrigkeiten dieses Lebens zu sichern. Sie soll ferner da eintreten, wo das Interesse, Ersparnisse (Kapital) zu erhalten, in Widerspruch gerät mit dem Interesse, die Arbeitskraft der jetzt Lebenden zu sichern. [...]

10. Grundvoraussetzung gesunder Wirtschaft ist die Ordnung der öffentlichen Haushalte. Die Ausgaben müssen sich im Rahmen der echten Einnahmen halten, die Staat, Gaue, Kreise und Gemeinden in ihren Bürgern beziehen können. Es erfordert Anstrengung, Charakter, Verzicht und Kampf, um diese Ordnung wiederzuerrichten; aber sie ist die wichtigste und unerläßliche Grundlage gesicherter Währung und allen wirtschaftlichen Lebens. Von ihr hängt der Wert aller Ersparnisse ab. Ohne sie ist auch der Außenhandel nicht möglich, auf den wir seit mehr als hundert Jahren angewiesen sind.

Wir sehen in den wachsenden Schuldenlasten aller kriegführenden und neutralen Staaten eine ungeheuer große Gefahr. Sie bedrohen die Währungen. Jeder Staat wird sich nach diesem Kriege vor eine ganz außerordentlich schwierige Aufgabe gestellt sehen. Wir hoffen, für die Schuldentilgung Lösungen finden zu können, wenn es gelingt, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Völker wiederherzustellen. [...]

11. Aber noch ist Krieg. In ihm gebührt unser aller Arbeit, Opfer und Liebe den Männern, die das Vaterland verteidigen. Ihnen haben wir alles an seelischen und materiellen Werten zuzuführen, was wir irgend schaffen können. Mit ihnen stehen wir in Reih und Glied, aber nunmehr alle wissen, daß nur die zur Verteidigung des Vaterlandes und zum Wohle des Volkes notwendigen, nicht aber die der Eroberungssucht und dem Prestigebedürfnis eines Wahnsinnigen dienende Opfer verlangt werden, und daß wir diesen Krieg fernerhin mit reinen Händen, in Anstand, mit der Ehrenhaftigkeit, die jeden braven Soldaten auszeichnet, führen werden. [...]

Gehen wir wieder den Weg des Rechts, des Anstands und der gegenseitigen Achtung! In solchem Geist wollen wir alle unsere Pflicht erfüllen. Folgen wir ernsthaft und in allem den in unser Gewissen geschriebenen Geboten Gottes, auch dann, wenn sie uns hart ankommen, tun wir alles, um verwundete Seelen zu heilen und Leid zu mindern. Dann allein können wir die Grundlage für eine gesicherte Zukunft auch unseres Volkes in einer wieder von Vertrauen, von gesunder Arbeit und friedlichen Gefühlen erfüllten Völkerfamilie schaffen.

Entwurf einer Regierungserklärung von Ludwig Beck und Carl Friedrich Goerdeler. Das Original ist verschollen; diese Fassung ist nach den Unterlagen der Sonderkommission zur Untersuchung des Attentats vom 20. Juli 1944 rekonstruiert worden.

Quelle: Katalog der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Ausstellung: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin, 1 Material 13/1.


Die politische Haltung des Goerdeler-Kreises zeigte sich in dieser Denkschrift am besten. Bezeichnend sind die Aussagen zum Wahlrecht, zum Reichsaufbau von unten nach oben, zum Selbstverwaltungsgedanken und zur beherrschenden Stellung des Reichskanzlers. Die Volksvertretung erscheint unter den verfassungsmäßigen Institutionen an letzter Stelle, quasi als Anhängsel der Reichsregierung. Dem indirekt gewählten Reichstag sollte ein nichtgewähltes Reichsständehaus (aus Vertretern von Berufsgruppen, Hochschulen und vom "Staatsführer" Berufenen) gleichberechtigt zur Seite stehen. Bei der Aufzählung der notwendigen Minister erscheint der Wehrminister an erster Stelle. Ein Arbeitsminister wurde bewußt abgelehnt, weil sich alle Ministerien in gleicher Weise für diesen wichtigsten Bereich sozialen Lebens engagieren sollten. ("Die Einrichtung eines besonderen Arbeitsministeriums vermindert die entscheidende Verantwortung, die jeder Minister als erste gerade auf dem Gebiet der Arbeit hat.")

Patriarchalische Züge mischen sich in der Konzeption Goerdelers und Becks mit moralisch-aufklärerischen Forderungen. Verantwortungsgefühl und das "Vertrauen anständiger Männer untereinander" waren den Verfassern der Denkschrift wichtigere Werte als demokratische Mitwirkungskategorien. "Der diaktatorische oder tyrannische Führerstaat" schien ihnen "ebenso unmöglich wie der entfesselte überdemokratische Parlamentarismus". Als Staatsspitze wurden Möglichkeiten wie Erbkaiser, Wahlkaiser oder auf Zeit gewählter "Reichsführer" erwogen, mit einer deutlichen Vorliebe für die Erbmonarchie.

Zeichen des Widerstandes

Im Winter 1941/42 konkretisierten sich die Pläne dahin, daß nach dem gewaltsamen Sturz Hitlers zunächst ein Direktorium die Regierungsgewalt ausüben sollte: Generaloberst Beck als Staatsoberhaupt ("Reichsführer"), Goerdeler als Reichskanzler und Generalfeldmarschall von Witzleben als Oberbefehlshaber des Heeres. Ministerlisten wurden ausgearbeitet, die später der Gestapo in die Hände fielen, mit tödlichen Folgen für viele. Ein Regierungsprogramm entstand im Sommer 1944 in der Erwartung des bevorstehenden Staatsstreichs. Dazu bedurfte es langer Verhandlungen und immer neuen Einwirkens auf die Militäropposition. 1942 versuchte Goerdeler, einen hochrangigen Truppenbefehlshaber zu gewinnen. Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben kam nicht mehr in Frage, als er im Februar 1942 von Hitler als Oberbefehlshaber West abgelöst wurde. Im Spätherbst 1942 versuchte Goerdeler vergeblich, den Chef der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront, den Generalfeldmarschall Kluge, zu gewinnen. Weil sich die populären Frontkämpfer versagten, blieben nur die Offiziere in Positionen des Ersatzheeres, vor allem in Berliner Dienststellen, die den Staatsstreich militärisch durchsetzen konnten. Wichtigster Ansprechpartner war General Friedrich Olbricht, der Chef des Allgemeinen Heeresamtes.

Quellentext

Denkschrift Goerdelers an die Generalität 1943

[...] Heute stehen wir unter einer Führung, die sich nicht nur als unfähig erwiesen hat, sondern vermessen und wahnwitzig ist und jedes sittlichen Gehalts entbehrt, weil sie sich des Verbrechens bedient, Verbrechen anordnet und Verbrechen sowie Korruption duldet.

Das deutsche Volk hat in allen seinen Schichten, insbesondere in der Arbeiterschaft, dies erkannt. Stalingrad, die Zerstörungen durch Luftangriffe und die Schließungen von Geschäften haben diese Erkenntnis wesentlich gefördert. Das Volk hat, von Teilen der Intellektuellen abgesehen, das Vertrauen zu Hitler verloren, soweit dies je wahrhaftig vorhanden und nicht durch Demagogie erschlichen war. [...] Ein Mann kann führen, entweder durch die Stärke seiner sittlichen Kraft oder durch Erfolge. Fehlt, wie hier, jene vollkommen und hören diese auf, so ist er erledigt. Das Volk ist nicht nur reif, sondern es wartet, daß eine rettende Tat geschieht. [...]

Wie ist es möglich, daß das so anständige deutsche Volk so lange ein so unhaltbares System trägt? Die Erklärung ist einfach: nur weil sich alle Verstöße gegen Recht und Anstand im Schutze der Geheimhaltung und unter dem Druck des Terrors vollziehen. Dies ändert sich mit einem Schlage, wenn das Licht der Wahrheit in aller Öffentlichkeit auf die unhaltbaren Zustände gerichtet wird. Man stelle dem deutschen Volk in klaren Worten, aber öffentlich, dar, was es im geheimen schon weiß und bespricht: nämlich die Folgen unfähiger militärischer Führung, das Übermaß von Korruption, die zahllosen Verbrechen, die mit unserer Ehre nicht vereinbar sind, und richte dann öffentlich an alle die Frage, wer bereit ist, diesen Zustand gutzuheißen, und wer es für richtig hält, daß er bestehen bleibt. Ich übernehme die Bürgschaft dafür, daß niemand dann vortritt; denn es gibt in der ganzen Welt niemand, selbst keinen geborenen Verbrecher, der sich öffentlich zu einem System der Verbrecher bekennt.

Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, daß die seelische Kraft des deutschen Volkes erschöpft sei; sie ist nur geradezu planmäßig verschüttet. Es ist also die Aufgabe einer rettenden Tat, die Deckmasse, d. h. das Geheimnis und den Terror, hinwegzuräumen, Recht und Anstand wiederherzustellen und damit einen ungeheuren seelischen Kraftzuwachs frei zu machen. [...]

Quelle: Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1954, S. 577 ff.


Je mehr Zeit verstrich und je mehr Attentatspläne der Militäropposition mißlangen, je schlechter die militärische Lage für Deutschland wurde, desto deutlicher wurde, daß der Staatsstreich nicht mehr der politischen Erneuerung, sondern nur noch der Beendigung des Krieges dienen konnte. Er hatte zudem das Ziel, der Welt ein Zeichen zu geben, daß es Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben hatte. Die Regierung Goerdeler/Beck, die nach der Beseitigung Hitlers amtieren sollte, hätte nicht viel mehr tun können, als einen Waffenstillstand ohne Bedingungen zu schließen.

Schon vor dem 20. Juli 1944, an dem das Attentat auf Hitler stattfand, geriet Goerdeler unter Verdacht der Gestapo und tauchte unter. Nach einer Denunziation wurde er entdeckt und am 12. August 1944 verhaftet. Am 8. September 1944 zum Tode verurteilt, wurde er nach vielen Verhören am 2. Februar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Sein Schicksal teilten Johannes Popitz und der Großgrundbesitzer Ewald von Kleist-Schmenzin, Eugen Bolz, Ulrich von Hassell, der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg und viele andere.


Der Solf-Kreis



Typisch für die Formierung von Regimekritik unter gebildeten Bürgern, die zum Widerstand gegen das NS-Regime wurde, waren die Teegesellschaften in der Berliner Wohnung von Hanna Solf. Sie war die Witwe des 1936 verstorbenen deutschen Botschafters in Tokio. In ihrem Salon trafen sich Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt, wie der Gesandte Dr. Otto Kiep, der Legationsrat Hilger van Scherpenberg (er war Schwiegersohn des ehemaligen Reichsbankpräsidenten und Wirtschaftsministers Hjalmar Schacht), der Botschaftsrat i.R. Albrecht Graf von Bernstorff, Industrielle wie Nikolaus von Halem und Publizisten wie Karl Ludwig Freiherr von Guttenberg, der Herausgeber der katholischen Zeitschrift "Weiße Blätter". Vom Solf-Kreis wurden weder Attentate geplant noch Entwürfe für eine Staats- und Gesellschaftsordnung nach Hitler ausgearbeitet. Hier tauschten vielmehr Gleichgesinnte in der Abneigung gegen den Nationalsozialismus ihre Gedanken aus. Vor allem aber liefen viele Verbindungen vom Solf-Kreis zu anderen Gegnern Hitlers. Halem hatte nicht nur Kontakt zur Militäropposition, sondern auch zur kommunistischen Uhrig-Römer-Gruppe. Über Otto Kiep gab es Beziehungen zu regimekritischen Beamten im Auswärtigen Amt und zum Kreisauer Kreis. Mitgliedern des Solf-Kreises war die Hilfe für Verfolgte, vor allem für Juden, ein Anliegen.

In eine Zusammenkunft bei Elisabeth von Thadden am 10. September 1943 hatte die Gestapo einen Spitzel eingeschleust. Seiner Denunziation fielen die meisten Angehörigen des Zirkels zum Opfer. Während Hanna Solf, ihre Tochter Gräfin Ballestrem und van Scherpenberg wegen mehrmaliger Verschiebung ihrer Gerichtsverhandlung das Kriegsende überlebten, wurden Elisabeth von Thadden, Otto Kiep, Freiherr Guttenberg, Nikolaus von Halem und andere hingerichtet. Graf Bernstorff und Legationsrat Richard Kuenzer wurden noch am 24. April 1945 in der Nähe des Lehrter Bahnhofs in Berlin ermordet.

Die Strassmann-Gruppe



Pfingsten 1934 gründeten drei entschiedene Liberale, der Berliner Richter Ernst Strassmann, der Hamburger Kaufmann Hans Robinsohn und der Berliner Journalist Oskar Stark einen Widerstandskreis. Strassmann und Robinsohn kannten sich seit langem, sie hatten als Mitglieder der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei vor 1933 in Hamburg eine Rolle gespielt. Ihr Kreis hatte keinen Namen; er wurde nachträglich nach Strassmann benannt, da Oskar Stark bald wieder ausschied und Robinsohn 1938 nach Dänemark emigrierte. Die Gruppe war straff organisiert und arbeitete strikt konspirativ. Die Tätigkeit der Strassmann-Gruppe bestand im Sammeln von Nachrichten und im Versuch, das Ausland auf die Existenz oppositioneller Strömungen in Deutschland aufmerksam zu machen und Unterstützung für eine Regierung nach einem Umsturz in Deutschland zu gewinnen. Im Frühjahr 1939 nahmen Vertreter der Gruppe zum britischen Außenministerium Kontakt auf. Konkrete Hilfe für den deutschen Widerstand ergab sich daraus aber nicht. Die Strassmann-Gruppe unterhielt Verbindungen zu anderen Widerstandskreisen. Über den früheren Berliner Bürgermeister Fritz Elsas gab es Beziehungen zum Goerdeler-Kreis. Zur Militäropposition führte der Weg über den Referenten im Reichsjustizministerium und nach Kriegsausbruch Mitarbeiter in der militärischen Abwehr Hans von Dohnanyi, der schon vor 1933 zum politischen Freundeskreis von Robinsohn und Strassmann gehört hatte. Zur Bekennenden Kirche, vor allem zu Eugen Gerstenmaier, aber auch zum Kreisauer Kreis gab es Verbindungen ebenso zu Gewerkschaftern wie Wilhelm Leuschner.

Der Zahl nach eher bescheiden, galten die Aktivitäten der Gruppe darüber hinaus der Ausarbeitung von Plänen für eine Nachkriegsordnung. Eine große Denkschrift aus dem Jahr 1938, verfaßt von Hans Robinsohn, steckte die außenpolitischen Ziele ab. Sie enthielt mit der Absage an den Nationalismus ein deutliches Bekenntnis zu Europa: "Die Voraussetzung jeder Innen- und Wirtschaftspolitik [...] ist Frieden und Zusammenarbeit zwischen den Nationen. Daher ist es auf außenpolitischem Gebiet das Bestreben der Deutschen Opposition, so schnell wie möglich Deutschland wieder in ein internationales System der Zusammenarbeit auf friedlicher und die Rechte aller Nationen wahrender Art einzugliedern." Im Herbst 1942 wurde, nachdem bereits ein Kurier der Gruppe in die Hände der Gestapo gefallen war, Ernst Strassmann verhaftet. Er blieb bis Kriegsende im Gewahrsam der Gestapo. Das System der Geheimhaltung innerhalb der Gruppe bewährte sich: Der Kreis der Mitwisser war klein und niemand wußte alles über die Strassmann-Gruppe. So gelang es den nationalsozialistischen Verfolgern nicht, wie bei anderen Gruppen, weiteren Mitgliedern auf die Spur zu kommen.

Von der Nachkriegskarriere her gesehen war Thomas Dehler, Bundesjustizminister von 1949 bis 1953 und FDP-Vorsitzender von 1954 bis 1957, das prominenteste Mitglied des Strassmann-Kreises. Er erinnerte sich in den 60er Jahren daran: "Seit Mitte der dreißiger Jahre gehörte ich zu einem über das ganze Reich verstreuten Kreis freiheitlicher Menschen, einem Kreis des unbedingten Widerstandes." Die Aktivitäten auch dieses Kreises "galten nicht so sehr dem Umsturz - er konnte nur durch eine Aktion der Soldaten ausgelöst werden -, sondern der Ordnung der deutschen Dinge danach".

Der Freiburger Kreis



Drei Professoren der Volkswirtschaft, Adolf Lampe, Constantin von Dietze und Walter Eucken, die auch der Bekennenden Kirche angehörten, arbeiteten seit Ende 1938 in einem Gesprächskreis, dem "Freiburger Konzil", zusammen, um mit dem Historiker Gerhard Ritter und anderen Interessierten - Geistlichen beider Konfessionen - theologische Fragen zu diskutieren. Es ging vor allem um das Problem, wie sich Christen gegenüber einem Staat verhalten sollen, dessen Führung die göttlichen Gebote mißachtet. Gerhard Ritter verdichtete die Überlegungen zu einer Denkschrift, und die Bekennende Kirche gab den Freiburgern den Auftrag, Grundsätze der Neuordnung Deutschlands für eine nach dem Krieg geplante Weltkirchenkonferenz auszuarbeiten. Eine aus dem Konzil hervorgegangene Gruppe arbeitete daran; zur Diskussion des Entwurfs wurde auch Carl Goerdeler eingeladen. Nach dem 20. Juli 1944 wurden auch Dietze, Lampe und Ritter verhaftet, weil die Gestapo von der Verbindung der Freiburger zum Goerdeler-Kreis erfahren hatte.

Eine weitere Freiburger Gruppe, zu der wiederum die Wirtschaftswissenschaftler Dietze, Eucken und Lampe gehörten, beschäftigte sich seit 1943 mit Problemen der Wirtschaft nach dem Krieg. Die Gelehrten dieser "Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath" erstellten Gutachten für den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Die Freiburger Nationalökonomen, Finanz- und Staatswissenschaftler, die eine zentralgelenkte Wirtschaftsordnung ebenso ablehnten wie einen völlig sich selbst überlassenen marktwirtschaftlichen Wettbewerb, leisteten mit ihren Gutachten und wissenschaftlichen Untersuchungen die theoretischen Vorarbeiten für die nach dem Krieg von Ludwig Erhard eingeführte soziale Marktwirtschaft.

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