Deutscher Widerstand 1933-1945
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Jugend- und Studentenopposition


30.4.2003
Verweigerung und Auflehnung bis zu Widerstandsaktionen mittels Flugblättern und Wandparolen kennzeichnen den Jugendprotest. Am bekanntesten wurden die Weiße Rose in München und die jungen Berliner Arbeiter um Herbert Baum.

Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.Die Weiße Rose: Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942. (© George (Jürgen) Wittenstein/akg )

Einleitung



Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde die Hitlerjugend (HJ), unter deren Dach auch der Bund Deutscher Mädel (BDM) organisiert war, zum alleinigen Staatsjugendverband ausgebaut. Dazu mußten zunächst alle anderen Jugendverbände, von den Pfadfindern und der Sozialistischen Arbeiterjugend über die Bündischen Organisationen in der Tradition des "Wandervogel" bis zu Sportverbänden und christlichen Jugendbünden (wie z. B. "Neudeutschland"), verboten, aufgelöst und "gleichgeschaltet" werden. Das bedeutete, die Jugendlichen wurden zum Übertritt gezwungen. Dies erfolgte bis Sommer 1933, zum Teil gegen heftiges Widerstreben der Betroffenen. Aus den Reihen der katholischen Jugendverbände (etwa 1,5 Millionen Mitglieder) war der nachdrücklichste Protest zu vernehmen.

Der kommunistische Jugendverband mit 55000 Mitgliedern (1932) leistete analog der Taktik der KPD politisch motivierten Widerstand. So erschienen in Berlin und Essen kommunistische Jugendliche, die als erste in die Illegalität gedrängt waren, auf öffentlichen Plätzen zu "Blitzdemonstrationen". Sie warfen Flugblätter von Dächern in belebte Einkaufsstraßen, malten nachts antinationalsozialistische Parolen an Wände. Überzeugt von der Überlegenheit der eigenen Ideologie, getrieben von einer offensiv taktierenden Parteileitung und von jugendlichem Heroismus, wollten die Jungkommunisten demonstrieren, daß sie sich nicht unterkriegen lassen wollten. Die Verluste waren beträchtlich. Die Gestapo brauchte kaum zwei Jahre, um diese Aktionen zu unterbinden. Soweit sie nicht ins Ausland fliehen konnten, kamen die jungen Widerständler in Gefängnis und KZ. Das gleiche galt für Mitglieder sozialistischer Jugendorganisationen, wie die Sozialistische Arbeiterjugend oder die Naturfreunde, soweit sie sich radikalisierten und Widerstand zu leisten versuchten. Die Mehrheit zog sich zurück und beschränkte sich darauf, das politische Milieu unauffällig zu bewahren.

Konfessionelle Selbstbehauptung

Die oppositionelle Haltung der konfessionellen Jugendorganisationen entsprang dem Willen zur Selbstbehauptung. Die 400000 Mitglieder des Katholischen Jungmännerverbandes hatten sich zwar im März 1933 demonstrativ für die Zentrumspartei und gegen die NSDAP engagiert. Weiteren politischen Bekenntnissen dieser Art war durch den Vertrag zwischen der Katholischen Kirche und dem Deutschen Reich (Konkordat vom 20. Juli 1933) der Boden entzogen. Immerhin blieben die katholischen Vereine und Verbände von der Auflösung verschont. In der Praxis wurden allerdings die Bestimmungen, daß sie nur rein religiösen, kulturellen und karitativen Zwecken dienen dürften, immer enger und schikanöser ausgelegt.

Die Behinderungen der kirchlichen Jugendarbeit und des Gruppenlebens stärkten den Selbstbehauptungswillen der jungen Katholiken. Es kam häufig zu Zusammenstößen zwischen katholischen Jugendlichen und der HJ. Kirchliche Proteste gegen die Übergriffe wurden regelmäßig erhoben, blieben aber wirkungslos. Ab Juli 1935 waren alle nicht-religiösen und nicht-kirchlichen Aktivitäten verboten. Oppositionelle Haltung demonstrierten viele durch die Teilnahme an religiösen Anlässen wie Fronleichnamsprozessionen, Festgottesdiensten oder Wallfahrten. Ostern 1935 brachen die Katholischen Sturmscharen mit 50 Omnibussen zu einer Wallfahrt nach Rom auf. Ihr Erscheinen auf dem Petersplatz zur Papstaudienz war eine regimekritische Demonstration.

Die HJ hatte ab Ende 1936 endgültig die Stellung einer Staatsjugendorganisation mit dem Zweck, die gesamte Erziehung der Jugend außerhalb des (und im Zweifelsfall gegen) Elternhauses und der Schule zu lenken. Im Frühjahr 1939 wurde der Zwangscharakter der HJ durch die Einführung einer "Jugenddienstpflicht" noch deutlicher. Die Teilnahme an den Veranstaltungen der HJ konnte durch die Polizei erzwungen werden. Das galt für die gesamte deutsche Jugend zwischen 10 und 18 Jahren, Jungen wie Mädchen. Neben Geländespielen und Sport stand vor allem "Weltanschauliche Schulung" auf dem Dienstplan der HJ; militärischer Drill, Befehl und Gehorsam bildeten Rahmen wie Inhalt des Dienstes.

Für viele Jugendliche war das Grund genug zur stillen Verweigerung bis zur offenen Auflehnung gegen das totale Erfaßtwerden durch den Staat. Die Formen des Jugendprotestes waren so vielfältig wie die Anlässe und Motive. Wenn sich Berliner sozialdemokratische Jugendliche aus dem verbotenen Sozialistischen Jugendverband (SJV) als "Freie Faltbootfahrer" neu gruppierten, so wollten sie damit auch ihre politische Tradition in Opposition zum Regime fortsetzen. Wenn der Leiter der evangelischen Schülerbibelkreise Udo Schmidt 1934 die Selbstauflösung des Bundes durchführte, so tat er es mit dem Auftrag an die jungen Christen, "daß Ihr in Schule und Elternhaus den heimlichen Kampf um Wahrheit und Reinheit zu kämpfen habt". Andere blieben ihren Pfadfinderidealen treu oder versuchten im Freundeskreis Ideen und Formen der bündischen Jugendbewegung - jugendgemäße Lebensform, Kritik der Erwachsenenwelt, Unabhängigkeit in Kleidung und Freizeitverhalten - zu bewahren. Das alles brachte die Jugendlichen in Gegensatz zur offiziellen HJ, dem autoritären und militant-bürokratischen Werkzeug des NS-Staats.

So vielfältig die Formen des Jugendprotestes waren, so wenig lassen sich Zahlen nennen. Aus Gestapoberichten geht allerdings hervor, daß die Opposition von Jugendlichen - durch Verweigerung oder durch Auflehnung bis hin zu Widerstandsformen, in denen mit Flugblättern oder Wandparolen der Sturz des Regimes verlangt wurde - insgesamt eine beträchtliche Größenordnung hatte.

Verweigerung und Auflehnung

Drei Grundformen und zwei zeitliche Phasen (die erste 1933 bis 1939, die zweite in den Kriegsjahren) sind zu unterscheiden. Es gab erstens Gruppen, die unter politischen, religiösen oder anderen weltanschaulichen Vorzeichen schon vor 1933 existiert hatten und die versuchten, ihre Traditionen im NS-Staat weiterzuleben. Es entstanden zweitens neue Gruppierungen, deren Motiv die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bildete. Dazu gehörte z. B. der Freundeskreis um Walter Klingenbeck, eine Gruppe katholischer Jugendlicher in München, die 1941/42 mit selbstgebauten Rundfunksendern regimefeindliche Nachrichten verbreitete und zum Kampf gegen Hitler aufrief. Klingenbeck wurde im August 1943 von der NS-Justiz hingerichtet, zwei Freunde wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Eine andere Gruppe scharte sich um Hanno Günther in Berlin; die Mitglieder kamen aus der Rütli-Schule in Neukölln und verteilten ab 1939 Zettel und selbstgefertigte Flugschriften gegen den Krieg und den NS-Staat. Wieder andere junge Menschen machten das gleiche in Hamburg. Sie bildeten den Freundeskreis von Helmuth Hübener und gehörten der Religionsgemeinschaft der Mormonen an.

Drittens bildeten sich, vor allem in den Kriegsjahren, an vielen Orten Cliquen und Banden, deren Opposition zunächst in der Ablehnung der HJ bestand. Sie wurden bekannt unter Namen wie "Edelweißpiraten", "Swing-Jugend", "Meuten". Durch ihre bloße Existenz bereiteten sie den Behörden viel Verdruß. Im Herbst 1944 gab der "Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei", Heinrich Himmler, einen Erlaß heraus, in dem es hieß: "In allen Teilen des Reiches, insbesondere in größeren Städten haben sich seit einigen Jahren - und in letzter Zeit in verstärktem Maße - Zusammenschlüsse Jugendlicher (Cliquen) gebildet. Diese zeigen z. T. kriminell-asoziale oder politisch-oppositionelle Bestrebungen und bedürfen deshalb, vor allem in Hinblick auf die kriegsbedingte Abwesenheit vieler Väter, Hitler-Jugend-Führer und Erzieher, einer verstärkten Überwachung."

Der pauschale Vorwurf "asozialen Verhaltens" war im NS-Staat gegen unangepaßte Personen und Gruppen schnell zur Hand. Er brauchte auch nicht bewiesen zu werden, wenn man als "Asozialer" ins KZ eingeliefert wurde. Bei den einige tausend Jugendliche umfassenden Gruppen, die unter dem Sammelnamen "Edelweißpiraten" verfolgt wurden, waren die Grenzen zwischen provokativ zur Schau getragenem selbstbestimmten Jugendleben ("Herumlungern", Ablehnung bürgerlicher Ordnungsvorstellungen) und tatsächlicher Kriminalität fließend. Außer wegen Prügeleien mit HJ-Streifen wurden "Edelweißpiraten" auch wegen strafrechtlicher Delikte wie Schwarzhandel oder Einbruch verurteilt. Entwurzelung und Großstadtkriminalität unter extremen Lebensumständen am Ende des Krieges waren in der Regel stärkere Bewegkräfte als politische Motive. Die Verfolgung jugendlicher Cliquen förderte wiederum deren Abneigung gegen den Staat. So mischten sich auch die Beweggründe im berühmtesten Fall: In Köln Ehrenfeld versuchten Jugendliche nach einer Reihe von Gewalttaten das Gestapo-Gebäude in die Luft zu sprengen. Nach einer anschließenden Schießerei wurden die Mitglieder einer Gruppe von "Edelweißpiraten" ohne Gerichtsurteil öffentlich erhängt.

Im Rheinland und im Ruhrgebiet, namentlich in Großstädten wie Köln, Düsseldorf und Essen, gab es etliche dieser nach ihrem Erkennungszeichen "Edelweißpiraten" genannten Jugendliche. Sie demonstrierten in Auftreten und Kleidung einen Lebensstil, der mit bündischen und proletarischen Elementen deutlich von der Staatslinie abwich. Ähnliches nonkonformes Verhalten zeigten "die Schlurfs" in Wien und Gruppen in anderen Regionen, wie in Sachsen oder in Frankfurt am Main. Ebenso der oppositionellen jugendlichen Subkultur zuzurechnen sind die Leipziger oder Erfurter "Meuten", die "Proletengefolgschaften" in Halle und andere Gruppen. Gemeinsam war ihnen die Herkunft aus dem Arbeitermilieu.

Aus anderer Wurzel, nämlich der großstädtisch-bürgerlichen Kultur, entstand etwa ab 1939 eine eigene jugendliche Subkultur, die "Swing-Jugend" mit Schwerpunkt in Hamburg. Durch betont lässiges Auftreten, langes Haar und unmilitärische Kleidung, durch forciert angelsächsisches Gehabe und die Bevorzugung ausländischer, in Deutschland verpönter Musikstile (Swing und Jazz), provozierten diese Jugendlichen die NS-Behörden. Die Reaktion war Verfolgung und Einweisung von "Swing-Jugendlichen" ins KZ. Ohne daß eine ausdrückliche politische Betätigung vorlag, betrachtete das Regime diese Art der Verweigerung als Widerstand und reagierte entsprechend.

Aus der Ablehnung der Staatsjugend entstand (insbesondere nach staatlichen Repressalien) vielfach grundsätzliche Opposition gegen den NS-Staat. Die Jugendlichen wollten sich der Bevormundung und Indoktrination durch die Nationalsozialisten entziehen, ohne daß sie deshalb politische Konzepte entwickelten. Viele wollten einfach ihre oppositionelle Haltung zur Schau tragen. Unter den Historikern ist umstritten, ob sie zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu rechnen sind.



 
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