Vorbild und Beispiel politischer Moral
Wolfgang Benz
30.4.2003
Kränze für die Opfer der Hitlerdiktatur an der Gedenkstätte Plötzensee: Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee 2891 Todesstrafen vollstreckt, so auch die der Beteiligten am Umsturzversuch 20. Juli 1944. (© AP)Einleitung
Opposition gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat gab es in vielen Formen: Sie reichten von der individuellen alltäglichen Verweigerung gegenüber dem Verfügungsanspruch des totalen Staates über den Selbstbehauptungswillen von Gruppen bis zum politischen Widerstand, der den Sturz des Regimes und die Beseitigung der NS-Ideologie zum Ziel hatte. Die Motive des Widerstandes waren so vielfältig wie die Personen und Gruppen, die ihn leisteten. Auch in ihren Zielen und Plänen für eine Neuordnung des politischen Lebens nach Hitler stimmten die Gruppierungen des Widerstandes nicht überein. Viele waren sicher keine Anhänger einer parlamentarischen Demokratie nach unserem Verständnis. Ihre Vorstellungen reichten von einem monarchischen über einen ständischen Staat und verschiedenen demokratischen Staatsformen bis hin zu einer kommunistischen Gesellschaft. Schon wegen ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen, politischen und sozialen Bindungen konnten die Regimekritiker keine geschlossene Front gegen den Nationalsozialismus bilden. Zudem entwickelte sich Widerstand zu verschiedenen Zeiten. Der frühe Widerstand der Arbeiterbewegung war schon zerrieben, als die bürgerlichen Eliten in Opposition zum Regime traten. Es brauchte noch einmal Zeit, bis Militärs, Beamte, Diplomaten sich entschlossen, den Sturz des Diktators und eine neue Staatsordnung zu planen.
Das lange Zögern haben Nachgeborene zum Vorwurf gemacht. Zu bedenken bleibt aber, daß alle Arten von Opposition, von der stillen Verweigerung bis zum äußersten Widerstand, vom nationalsozialistischen Regime als Verrat diffamiert, als Pflichtverletzung oder Treuebruch gebrandmarkt worden sind. Den Gehorsam zu verweigern gehörte nicht zur Tradition und Erziehung der meisten Deutschen. Der NS-Staat verfügte gegen die, die sich auflehnten, über Zwangsmittel, Terrorgesetze und Strafen, die er bedenkenlos einsetzte.
Für viele Deutsche ergab sich aus der Überlagerung von NS-Diktatur und Krieg am Ende ein Zwiespalt, dem sie auch nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft nicht entrinnen konnten. Sie steckten im Dilemma, einerseits Kritik am Nationalsozialismus und Ablehnung des Regimes und seiner Methoden zu empfinden, aber andererseits waren sie von Pflichtbewußtsein und dem Gefühl durchdrungen, äußeren Feinden und Gefahren in erster Linie standhalten zu müssen. Den Soldaten und Beamten und den meisten anderen Bürgern war es am Ende des "Dritten Reichs" wohl klar, daß es ein Unrechtsstaat war, dem sie dienten. Viele wußten, daß Hitler den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte, daß grauenhafte Verbrechen begangen worden waren, aber sie sahen es trotzdem als ihre erste Pflicht, das Vaterland gegen die feindlichen Armeen zu verteidigen. Sie meinten, sich erst nach außen wehren zu müssen, ehe sie im Inneren Änderung schaffen durften.
Bei vielen hinderte aber auch die Begeisterung der ersten Jahre unter NS-Herrschaft die Einsicht, daß Notwehr im Inneren das erste Gebot gewesen wäre. Die zaghaften Versuche dazu blieben erfolglos, weil diese Einsicht der Mehrheit zu lange Zeit fehlte. Deshalb nutzten auch die Appelle des Dichters Thomas Mann nichts, der seit 1941 die Deutschen in regelmäßigen Rundfunksendungen über BBC London beschwor, der Welt das Zeichen zu geben, das sie vor dem "Makel des Versagens" bewahren sollte.
Die Wirklichkeit des NS-Staates war sehr viel komplizierter als das Bild "alle Deutschen waren Nazis" und sein Gegenteil, die Selbstrechtfertigung, nach der die Deutschen die ersten Opfer der Nationalsozialisten gewesen sein wollten. Die historische Realität war zum erheblichen Teil durch den Terror der NS-Diktatur bestimmt. Widerstand dagegen bedeutete Gefährdung, nicht nur der eigenen Person, sondern auch der Familie, möglicherweise auch von Verwandten und Freunden.
Daraus ergab sich ein eigener Zwiespalt: Es gibt keine Pflicht zum Heldentum, aber wieviel Unrecht, Verfolgung und Zwang, wieviel Verletzung der Menschenrechte kann und darf der einzelne hinnehmen? Hilfe für Verfolgte war nach den Gesetzen des NS-Staats strafbar. Das Minimum an Menschlichkeit, das ungefährdet geleistet werden konnte, war auch ein Zeichen von Opposition gegen den umfassenden Verfügungsanspruch des NS-Staats.
Wenn auch die Mehrheit aus der Haltung der Zustimmung allmählich in einen Zustand von Resignation verfiel, aber trotzdem dem Regime in unreflektierter Ergebenheit treu blieb, so hat sich doch eine nicht unbeträchtliche Minderheit dem Regime dauerhaft verweigert. Andere haben aus der Opposition zum bewußten Widerstand gefunden, zu einem Widerstand mit dem politischen Ziel der Beseitigung der nationalsozialistischen Diktatur. Im äußeren Sinne blieb dieser Widerstand erfolglos, die NS-Herrschaft brach erst mit der militärischen Niederlage zusammen. Für den Neube-ginn nach dem Zusammenbruch, für eine auf Humanität, Recht und Demokratie gegründete Staats- und Gesellschaftsordnung nach Hitler war das Vorbild der Widerstand Leistenden wichtig. Als Vorbild und Beispiel politischer Moral gehört der Widerstand deshalb zu den wichtigen sinnstiftenden Erinnerungen der deutschen Geschichte.
weitere Inhalte:
- "Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten
- Der militärische Widerstand
- Jugend- und Studentenopposition
- Kirchen - Selbstbehauptung und Opposition
- Literaturhinweise
- Nachkrieg
- Opposition und Widerstand der Arbeiterbewegung
- Selbstbehauptung und Gegenwehr von Verfolgten
- Verweigerung im Alltag und Widerstand im Krieg
- Widersetzlichkeit und Widerstand von einzelnen: Drei Beispiele
- Widerstand traditioneller Eliten

