Großbritannien
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Bildung und Kultur


27.2.2009
Die Bildungspolitik will Schulen wie Universitäten wettbewerbsorientierter ausrichten und bedarfsgerechter gestalten. Im Medienangebot und in der Unterhaltungsbranche nimmt Großbritannien dagegen bereits seit langem eine herausragende Stellung ein.

Queen Elisabeth II betrachtet die Büste Camillas, die zweite Ehefrau ihres Sohnes Charles.Queen Elisabeth II betrachtet die Büste Camillas, die zweite Ehefrau ihres Sohnes Charles. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Mit dem Education Act von 1944 (Butler Act) sollte im Geiste der Wahrnehmung staatlicher Verantwortung für die Gesellschaft das Recht aller jungen Britinnen und Briten auf eine umfassende Bildung gesichert werden, ohne Ansehen der Person und vor allen Dingen unabhängig vom Vermögen, dem Einfluss oder der sozialen Stellung der Eltern. Durch dieses Gesetz wurde erstmals auch ein Ministerium für das Erziehungswesen eingerichtet, dem aber in erster Linie eine Schieds- und Überwachungsfunktion auf dem Felde der Bildungspolitik zukommen sollte. Die eigentliche Schulverwaltung blieb in den Händen der kommunalen Schulbehörden (Local Education Authorities, die LEAs). Die LEAs bauten die Schulen, stellten die Lehrer ein und beschafften die Lehrmittel. Die Lehrpläne wurden in der Regel im Auftrag der LEAs von den leitenden Lehrkräften vor Ort in Zusammenarbeit mit den dort ansässigen Universitäten erstellt. Die britischen Lehrerinnen und Lehrer sind Angestellte. Ihre Verträge sind kündbar, und sie haben das Recht zu streiken. Aufgrund der von der Londoner Regierung in den 1980er Jahren erfolgreich vorgegebenen Ausgabenbegrenzungen für den Etatposten Lehrergehälter gehören heute die britischen Lehrergehälter zu den niedrigsten Europas. Dies ist ein wichtiger Grund für den zum Teil akuten Lehrermangel an britischen Schulen.

Schulwesen



Die allgemeine Schulpflicht beginnt im Alter von fünf Jahren. Bis zum Alter von in der Regel elf Jahren besuchen die Kinder die Grundschule. Danach werden sie mindestens bis zum Alter von 16 Jahren an weiterführenden Schulen unterrichtet. Durch die entsprechenden politischen Initiativen der Labour-Regierungen in den 1970er Jahren sind heute über 90 Prozent der staatlichen weiterführenden Schulen Gesamtschulen (comprehensive schools). Daneben blieb in einigen wenigen Gemeinden das gegliederte Schulsystem mit dem Gymnasium (grammar school) bzw. der Realschule (secondary modern school) als weiterführenden Schulen erhalten. Außerhalb des staatlichen Sektors gibt es ein breit ausgebautes privates Schulwesen (public schools), zum Teil auch in der Form von Internaten. Die führenden Privatschulen, wie Eton, Charterhouse, Ampleforth, titel3es College und andere sind die weitaus besten Schulen im Lande.

Alle Schulen sind Ganztagsschulen. Die Schülerinnen und Schüler nehmen hier ihre Mittagsmahlzeiten ein, und in der Regel werden auch ihre Hausaufgaben betreut. Schulsport, Geselligkeit und andere Aktivitäten, die das Gemeinschaftsgefühl stärken, haben einen großen Stellenwert. Eine Reihe von Traditionen hat bis auf den heutigen Tag hartnäckig überlebt, wie beispielsweise das Tragen von Schuluniformen, der Talar des Rektors oder das Schulgebet.

Schulabschlüsse werden in Großbritannien in weniger Fächern erworben als in Deutschland. Die Reformgesetzgebung des Jahres 1950 beendete die Orientierung der Abschlussprüfungen an einer Reihe von Kern- und Nebenfächern. Prüfungen für das damals eingeführte General Certificate of Education (GCE) können seit 1951 in ausgewählten Fächern im Alter von 16 Jahren auf dem O-Level (ordinary level = mittlere Reife) und im Alter von 18 Jahren auf dem A-Level (advanced level = Abitur) abgelegt werden. Das Bestehen von vier Fächern in einem O-Level-Examen stellt einen guten Durchschnitt dar. Eine der Voraussetzungen für das Studium an den Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge sind drei sehr gut bestandene A-Level-Prüfungen. Die Spezialisierung der Schülerinnen und Schüler auf weniger Prüfungsfächer führt dazu, dass das Niveau der A-Level-Prüfungen in diesen Fächern anspruchsvoller ist als das deutsche Abitur. Aber das Wissen der Schüler ist weniger umfassend als das ihrer deutschen Altersgenossen. Die Idee, dass die Breite des Bildungsangebots besser berücksichtigt werden sollte, führte zur Einführung des ergänzenden AS-Levels bei Abschlussprüfungen. Mit geringerem Zeitaufwand (etwa mit der Hälfte der Zeit, die ein Schüler für eine A-Level-Prüfung benötigt) sollen beispielsweise naturwissenschaftlich begabte Jugendliche die Möglichkeit wahrnehmen, eine Fremdsprache zu erlernen.

Seit 1965 gab es für weniger begabte Schüler die Möglichkeit, ihr Examen nach den Standards des Certificate of Secondary Education (CSE) abzulegen. Damit sollte vermieden werden, dass, wie zuvor, ein großer Teil der 16jährigen Schulabgänger sich ohne bestandene Prüfungen auf dem Arbeitsmarkt um einen Arbeitsplatz bemühen musste. Die Bestnote des CSE entsprach in etwa einem O-Level-Examen. Seit Herbst 1986 wurde der Mittlere Reife-Abschluss vereinheitlicht und so umstrukturiert, dass jeder Schulabgänger einen Leistungsnachweis erhalten kann. Das neue GCSE (General Certificate of Secondary Education) ersetzte das CSE und die O-Levels. Es betont stärker künstlerische, technische und handwerkliche Fertigkeiten. Hinzu kommt das Einbeziehen schulischer Leistungen im Unterrichtsjahr, die früher bei den von den Schulbehörden extern gestellten Abschlussprüfungen keine Rolle spielten.

Berufliche Bildung

Nach der Schule wurden schlecht ausgebildete Jugendliche lange Zeit auch nicht von einem System beruflicher Bildung aufgefangen. Vor 1980 waren die Berufsbildung oder Kontakte zwischen Schule und Industrie so gut wie unbekannt. Üblich war das Anlernen der jungen Leute in den Betrieben, in denen sie Arbeit fanden. Der Anteil der ungelernten Arbeiter an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen betrug fast zwei Drittel.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre lag der Schwerpunkt der Ausbildungsförderung für Jugendliche noch bei finanziellen Anreizen für einstellungswillige Betriebe. Von staatlicher Seite wurde aber auch erstmals der Versuch gemacht, verbindliche Standards für die berufliche Bildung zu etablieren. Der Nationale Rat für berufliche Bildung (National Council for Vocational Qualifications) legte fünf Stufen der beruflichen Qualifikation fest: Routinearbeiten (routine); Selbständiges Arbeiten (operative); Handwerkliches Arbeiten (craft); Techniker (technician) und Experte (professional). Auf lokaler Ebene organisierte das Netzwerk der von den Unternehmen und vom Staat getragenen Qualifizierungszentren (Training and Enterprises Councils) öffentliche Ausbildungsprogramme. Alle Schulabgänger erhielten Ausbildungsgutscheine (Youth Credits), mit denen sie sich Ausbildung bis mindestens zum zweiten Niveau (selbständiges Arbeiten) auf dem freien Markt bei einem Anbieter ihrer Wahl kaufen konnten. Kurz nach Einführung der NVQs boten bereits 30 Prozent der Unternehmen einigen oder allen ihrer Angestellten die Möglichkeit, sich für NVQs zu qualifizieren. Unbefriedigend blieb aber, dass NVQs meist nur auf den unteren Niveaus erworben wurden.

Neben dem NVQ-Programm wurde auch ein Lehrlings-Programm aufgelegt, das für handwerkliche und technische Berufe qualifizierte. Finanzielle Anreize wurden zusätzlich für die betriebliche Ausbildung geschaffen. Ausbildungsbetriebe konnten ihre Arbeitsverträge mit den Auszubildenden und deren Bezahlung abweichend von gesetzlichen Bestimmungen zu ihren Gunsten gestalten und erhielten öffentliche Anerkennung durch Preise und Auszeichnungen. All dies ersetzt noch nicht ein nationales System der beruflichen Bildung. In Großbritannien bleiben die Möglichkeiten auf diesem Sektor weiterhin vor allem eine Ermessensfrage, die die Betriebe beantworten müssen.