Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Aufstieg

Krisenjahr 1923

Hyperinflation

Als die Reichsregierung im Herbst 1922 um die Stundung von Reparationszahlungen bat und auch mit den Lieferungen von Kohle und Holz in Verzug kam, besetzten französische und belgische Truppen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet, um die Lieferung von Kohle und Eisen zu erzwingen. Der daraufhin von der deutschen Regierung ausgerufene „passive Widerstand“ zerrüttete Wirtschaft und Staatsfinanzen und trieb die Geldentwertung in eine kaum vorstellbare Dimension. Hatte der Wechselkurs der Mark zum US-Dollar im Dezember 1922 noch bei 8000 gelegen, stieg er bis zum April 1923 auf 20000 an und erreichte Anfang August die schwindelerregende Marke von einer Million. Danach sank der Wert der Reichsmark ins Bodenlose. Vor allem die sozial Schwachen, Soldatenwitwen, Rentner oder Kriegsinvaliden, waren der Hyperinflation, die ihre ohnehin kärglichen Renten radikal dezimierte, ohnmächtig ausgeliefert. Hingegen minimierte die Hyperinflation ebenso alle Geldschulden. Gerade diejenigen, denen es mit Geschick und Skrupellosigkeit gelang, sich Geld zu leihen, um damit Sachwerte zu kaufen, konnten glänzende Geschäfte machen. Alle antisemitischen Ressentiments gegen angeblich jüdische Geschäftemacher und Spekulanten wurden wieder virulent. Bürgerliche Grundsätze wie: „Gutes Geld für gute Arbeit“ oder „Sparen heißt das Alter sichern“ zerstoben im Wirbel der Hyperinflation, die eben nicht nur die materiellen Sparvermögen vernichtete, sondern auch den Glauben an die Gültigkeit der immateriellen Werte bürgerlicher Gesellschaft. Erst im November 1923 gelang es dem neuen Reichskanzler Gustav Stresemann von der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP), mit einer einschneidenden Währungsreform die Hyperinflation zu stoppen und wieder die Stabilität des Geldwertes zu erreichen.

Rheinlandbesetzung

Politisch geriet der „Ruhrkampf“ zu einer Arena separatistischer wie nationalistischer Extremisten. Insbesondere erregten die schwarzen französischen Soldaten aus den Kolonien die deutschen Gemüter. Selbst ein in seinem republikanischen Denken unzweifelhafter Sozialdemokrat wie Reichspräsident Friedrich Ebert äußerte im Februar 1923, „dass die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer eine herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation“ sei.

Die französische Seite reagierte auf den zivilen Widerstand mit Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Ausweisungen. Ende März wurden bei einer Demonstration in Essen 14 Krupp-Arbeiter von französischen Truppen erschossen. Als am 26. Mai 1923 der junge nationalsozialistische Aktivist und ehemalige Freikorpsoffizier Albert Leo Schlageter, der als Führer eines Sabotagekommandos Eisenbahnschienen gesprengt hatte, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, stilisierte ihn die NSDAP zum nationalsozialistischen Märtyrer. Selbst die Kommunisten versuchten, durch nationale Rhetorik und Lobreden auf den „jungen Aktivisten“ Schlageter, der das Richtige gewollt, sich jedoch der falschen Seite angeschlossen habe, aus der nationalen Welle Gewinn zu ziehen.

Linke wie Rechte waren bemüht, die Krise radikal für sich zu nutzen. Die KPD versuchte im Oktober 1923 mit finanzieller Hilfe der Sowjetunion einen Aufstand, der aber nur in Hamburg wenige Tage zu spüren war und kläglich scheiterte. Die NSDAP, der in diesen Krisenmonaten über 35000 neue Mitglieder zuströmten, fühlte sich stark genug, den „Marsch auf Berlin“ zu wagen. In Großkundgebungen hetzten die Nationalsozialisten und andere Organisationen in München gegen die „Novemberverbrecher“ in Berlin. Zentrale Symbolfigur der völkischen Staatsstreichpläne war General Erich Ludendorff, bei dem sich die Spitzen der paramilitärischen Organisationen trafen und der Hitler nunmehr Reputation auch auf Reichsebene verschaffte. Die Ernennung Gustav Ritter von Kahrs zum Staatskommissar in Bayern mit diktatorischen Vollmachten durch die dortige rechtskonservative Regierung, verbunden mit der Erklärung des Ausnahmezustands, fachte die kursierenden Staatsstreichpläne weiter an.

Hitler-Ludendorff-Putsch

Im November wagte Hitler in München, die putschbereiten Kräfte vor vollendete Tatsachen zu stellen. Zusammen mit Ludendorff heckte er den Plan aus, bei einer Versammlung am 8. November im Bürgerbräukeller, zu der alle prominenten rechten Politiker erscheinen würden, die Übernahme der Regierung zu erklären und die zögernde Rechte zum Mitmachen zu zwingen. Doch schlossen sich weder das Militär noch die Polizei dem Putsch an. Hitler, der glaubte, durch eine Demonstration der Stärke doch noch zum Erfolg zu kommen, marschierte mit seinen Anhängern am Morgen des 9. November durch die Münchner Innenstadt. Vor der Feldherrenhalle wurden die Demonstranten von einer Polizeitruppe aufgehalten. Welche Seite zuerst schoss, konnte nie geklärt werden. Im anschließenden heftigen Schusswechsel kamen vier Polizisten und 14 Putschisten, darunter Max Erwin von Scheubner-Richter, der vorne Arm in Arm mit Hitler marschiert war, ums Leben. Hätte die Kugel nur wenige Zentimeter weiter rechts getroffen, bemerkte der britische Historiker und Hitler-Biograph Ian Kershaw lapidar, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.

Hitler und die anderen Hochverräter wurden verhaftet und vor Gericht gebracht. Was das endgültige Ende der politischen Karriere Hitlers und der NSDAP hätte bedeuten müssen, geriet indessen zur propagandistischen Umdeutung und Mythologisierung der „Novemberrevolution“ von 1923. Der Vorsitzende Richter besaß offenkundig viel Sympathie für die Putschisten und ließ den Angeklagten breiten Raum für deren propagandistische Verteidigung. Über den Prozess und über die Reden der Angeklagten wurde ausführlich in den Zeitungen berichtet; als am 1. April 1924 das Urteil verkündet wurde, waren die Zuschauerbänke des Gerichtssaals voll besetzt. Ludendorff wurde freigesprochen, Hitler zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, aus der er bereits am 20. Dezember 1924 entlassen wurde. Für seine weitere politische Karriere in Deutschland war weit mehr von Bedeutung, dass er als österreichischer Staatsangehöriger nicht ausgewiesen wurde, was angesichts seiner Straftat eigentlich erwartbar gewesen wäre.

Bei den bayrischen Landtagswahlen im April 1924 erzielte das Wahlbündnis Völkischer Block einen Stimmenanteil von 17 Prozent und lag damit gleichauf mit der SPD. Und auch bei den Reichstagswahlen einen Monat später gaben 16 Prozent der bayrischen Wählerinnen und Wähler ihre Stimme den Völkischen, die reichsweit auf 6,5 Prozent der Stimmen kamen und mit 32 Abgeordneten, darunter zehn Nationalsozialisten, in den Reichstag einzogen. Aber trotz des Triumphes vor Gericht und der folgenden, durchaus beachtlichen Wahlergebnisse war klar, dass der Weg des Staatsstreiches vorerst an sein Ende gelangt war und eine neue politische Strategie ausgearbeitet werden musste.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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