Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Aufstieg

Erste Erfolge

Hitler nutzte die Festungshaft in Landsberg, um die politische Taktik der NSDAP nach dem Putschdebakel neu abzustecken. Dabei kam ihm zugute, dass er einerseits innerhalb der Partei und der völkischen Szene mittlerweile die Aura eines unbeugsamen Führers errungen hatte, andererseits aus dem Gefängnis heraus nicht in die organisatorischen Tagesgeschäfte eingreifen konnte. Also überließ er es der zweiten Führungsriege, die Partei zu verwalten, zog sich offiziell für eine Zeit aus der Politik zurück und konnte sich sicher sein, dass jeder Streit unter den rivalisierenden Gruppen und Anführern seinen eigenen Nimbus als Führer nur stärken würde.

Er selbst schrieb iwährend seiner Haftzeit, in der er bequem mit nahezu unbeschränkten Besuchs- und Versorgungsmöglichkeiten ausgestattet war, den ersten Teil von „Mein Kampf“.

Quellentext

„Mein Kampf“

„Mein Kampf“ umfasste zwei Bände: eine politisch stilisierte Auto-biographie Adolf Hitlers und eine programmatische Schrift zu sämtlichen Aspekten der nationalsozialistischen „Weltanschauung“: eine Abrechnung mit den „Novemberverbrechern“ und dem Parlamentarismus, Ausführungen zum völkischen Rassismus, radikalen Antisemitismus, Antimarxismus, zur „Lebensraum-Philosophie“ und zum Führerkult.


Der erste Band wurde 1925, der zweite Ende 1926 veröffentlicht. Eine sogenannte Volksausgabe in einem Band erschien 1930. Trotz zunächst eher mäßigen Verkaufserfolgen blieb Hitlers Buch nicht unbeachtet. Die Reaktionen reichten von intellektueller Geringschätzung über harsche Kritik aus dem konkurrierenden völkischen Lager, teils wohlwollenden Einschätzungen aus konfessionellen Milieus bis hin zu Bewunderung. Ein „ungelesener Bestseller“, wie Historiker noch Mitte der 1960er-Jahre glaubten, war „Mein Kampf“ keineswegs.

Waren schon 1932 nach den Wahlerfolgen der NSDAP beachtliche 90000 Exemplare verkauft worden, explodierten die Verkaufszahlen nach der Machtübernahme 1933. Von 1936 an sollte allen neu vermählten Ehepaaren eine Ausgabe als Hochzeitsgeschenk überreicht werden, was aber keineswegs alle Standesämter taten. Ab 1939 entwickelte sich die Wehrmacht zum Großabnehmer des Buches.

Bis 1945 wurde „Mein Kampf“ in über zehn Millionen Exemplaren verkauft und in 16 Sprachen übersetzt, wodurch der Autor Adolf Hitler Millionen verdiente und 1933 publikumswirksam auf sein Gehalt als Reichskanzler verzichten konnte. Dieses Vermögen diente Hitler unter anderem dazu, Würdenträger des Regimes und Wehrmachtsgeneräle mit großzügigen Geldgeschenken an sich zu binden.

Als Hitler am 20. Dezember 1924 das Gefängnis verließ, befand sich die völkische Bewegung auf einem Tiefpunkt. In den Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924 hatte die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, einer der mannigfaltigen Versuche einer völkischen Einheitsorganisation unter Einschluss der Nationalsozialisten, nur noch drei Prozent der Stimmen erhalten und damit real über eine Million Wähler verloren; die völkischen Führer hatten sich als wenig erfolgreich erwiesen und waren untereinander zerstritten. Während es den bürgerlichen Weimarer Politikern schien, als sei die völkische Politik erledigt, bot deren Krise Hitler die Chance eines Neubeginns unter seiner ausschließlichen Führung.

Am 16. Februar 1925 wurde in Bayern das Verbot der NSDAP und des „Völkischen Beobachters“ wieder aufgehoben; allerdings hatte Hitler außerhalb Bayerns weiterhin ein öffentliches Redeverbot. Sogleich verkündete er die Neugründung der Partei zum 27. Februar 1925, der nur beitreten konnte, wer einen erneuten Mitgliedsantrag stellte. Damit hatte die Parteiführung eine zentrale Mitgliederkontrolle in der Hand.

Erneut kam Hitler ein günstiger Zufall zugute. Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert, der erste und einzige sozialdemokratische Reichspräsident der Weimarer Republik. Sozialdemokraten, Liberale und katholisches Zentrum einigten sich auf den Zentrumspolitiker Wilhelm Marx als Kandidaten, dessen Sieg sicher schien. Für die politische Rechte ging der 78-jährige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ins Rennen. Hitler hatte Ludendorff überredet, im ersten Wahlgang als Kandidat der extremen Rechten anzutreten, was diesem schmeichelte, aber für ihn in einer deutlichen Niederlage endete. Ludendorff erhielt nur ein Prozent der Stimmen, das war noch einmal ein Rückgang gegenüber der Reichstagswahl 1924. In der Stichwahl siegte Hindenburg gegen Marx, weil es ihm gelang, über das konservative protestantische Milieu in Nord- und Ostdeutschland hinaus auch katholische Kreise in Süd- und Westdeutschland zu gewinnen.

Hitlers Macht konzentrierte sich nach wie vor auf München und Süddeutschland. Außerhalb Bayerns war er auf einflussreiche Parteiführer wie Gregor Straßer angewiesen, der die Arbeitsgemeinschaft der nordwestdeutschen Gauleiter, also der dortigen regionalen Parteiführer, anführte, ein lockeres Bündnis eher „linker“ Strömungen in der NSDAP. Dessen Bruder, Otto Straßer, gab die Zeitschrift „Der Nationale Sozialist“ heraus und vertrat eine betont sozialistische Linie. Auch der junge Joseph Goebbels gehörte als Redakteur der „Nationalsozialistischen Briefe“ zur parteiinternen „Linken“. Erst im Frühjahr 1926 gelang es Hitler, auf einer Parteiführertagung in Bamberg diese konkurrierenden Strömungen zurückzudrängen, nicht zuletzt weil Goebbels mit Begeisterung auf Hitlers Seite wechselte. Nun erklärte Hitler jede programmatische Diskussion für beendet.

Nach Ludendorffs Debakel und dem Sieg über die innerparteilichen Konkurrenten galt Hitler als anerkannter „Führer“, der für sich die absolute Herrschaft innerhalb der NSDAP beanspruchte. Immer stärker inszenierte die Partei einen „Führerkult“ um Hitler. Parteimitglieder hatten nun mit „Heil Hitler“ zu grüßen; die Jugendorganisation wurde „Hitlerjugend“ genannt; Hitlers Wort galt in der Partei als unumstößlich; das Parteiprogramm verschmolz immer mehr mit seiner Person. Insbesondere Goebbels, der 1930 Reichspropagandaleiter wurde, stellte die Außenwirkung der Partei ganz entscheidend auf die Person Hitlers ab, der nicht als „Führer“ der NSDAP, sondern des ganzen Deutschland präsentiert wurde. Hitlers Machtstellung gründete damit zum einen in der unumstrittenen Führungsrolle innerhalb der NSDAP, zum anderen in der außergewöhnlichen symbolischen Position eines „Führers“. Die Führererwartung breiter gesellschaftlicher Kreise, die sich Orientierung erhofften, traf auf den bewusst inszenierten Führerkult, den die Propaganda der Partei unaufhörlich betrieb.

Zusätzlich entstand in den folgenden Jahren ein Netzwerk von Berufs- und Sonderorganisationen um die NSDAP herum. Neben der „Hitler-Jugend“ gründeten sich 1926 der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund“, 1928 der „Bund Nationalsozialistischer Juristen“, 1929 der „Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund“ und der „Kampfbund für Deutsche Kultur“, 1929 der „Nationalsozialistische Schülerbund“, 1930 der „Agrarpolitische Apparat“ und die „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation“ (NSBO).

Quellentext

Hitlers Weltbild

[...] Wenn man die starren Koordinaten [von Hitlers] Weltbild [...] systematisch ordnet, stößt man auf zehn axiomatische Basisüberzeugungen.

1. Hitler verstand die Geschichte als endlosen sozialdarwinistischen Kampf, in dem sich das Recht des Stärkeren, die natürliche Auslese der Überlegenen, das Überleben der Tüchtigsten durchsetzte. Der Krieg wurde als „Vater aller Dinge“ glorifiziert. So gesehen verstand Hitler seine Politik zuerst als Kriegserklärung, dann als Kriegsführung gegen die bestehende Welt und die vorherrschende Weltauffassung.
2. In diesem welthistorischen Kampf besaß das „arische“ Volk der Deutschen dank seiner unübertrefflichen Rassequalität im Prinzip die Überlegenheit, die ihm das Anrecht auf die Eroberung der weltpolitischen Führung gewährte. [...]
3. Innerhalb dieses von der Natur privilegierten Rassestaats galt das Führerprinzip. [...]
4. Als Handlungseinheit und Loyalitätspol, als Integrationszentrum und Lebenssinn besaß die Nation den höchsten Wert. [...]
5. Das innere Ordnungsgefüge der Nation mußte zur „Volksgemeinschaft“ umgebaut werden [...].
6. Mit der Etablierung der „Volksgemeinschaft“ sollte auch der Marxismus, den die NS-Bewegung von Anfang an erbittert bekämpft hatte, endgültig überwunden werden. [...]
7. Wie die Zielutopie und die Politik aller Linksparteien abgelehnt wurden, gehörten auch Liberalismus und Demokratie in die Rumpelkammer der Geschichte. Die Republik und der Parlamentarismus mußten einer autoritären Staatsform weichen. Dank dieser antiliberalen und antidemokratischen, antirepublikanischen und antiparlamentarischen Grundhaltung wurde der Nationalsozialismus zum Erben aller völkischen und rechtsradikalen Strömungen, aber auch vieler in die Gesellschaft tief hineinreichender antimoderner Traditionen.
8. Die höchste Priorität genossen jedoch zwei weitere Zielvorstellungen: die „Entfernung der Juden“ – dieses „unverrückbar“ feststehende „letzte Ziel“ des Antisemitismus hatte Hitler, wie erinnerlich, schon in seinem ersten politischen Schriftstück vom September 1919 fixiert – und die Eroberung von „Lebensraum im Osten“. [...]
9. Um den Kampf um die Weltherrschaft, der in diesem wahnhaften Denken einen so prominenten Platz besaß, auch gegen die Intrigen des „Weltjudentums“ durchstehen zu können, bedurfte das „Dritte Reich“ einer riesigen kontinentalen Machtbasis, die nur durch die imperialistische Eroberung von „Lebensraum“ in Rußland gewonnen werden konnte. [...]
10. Judenvernichtung und Lebensraumeroberung – sie gehörten zu den essentiellen Bestandteilen von Hitlers Gegenwarts- und Endzeitvorstellung. Nach dem Armageddon der Juden, das der „Führer“ herbeizuführen bestimmt sei, öffnete sich eine grandiose Zukunft: die Weltherrschaft der „Arier“, vertreten durch das „Großgermanische Reich Deutscher Nation“.

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949, C. H. Beck, München 2003, S. 577 ff.

Agitation auf dem Land

Aber noch stand die NSDAP am Beginn ihres politischen Aufstiegs. Sieger der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 waren die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Die SPD wurde mit knapp 30 Prozent der Stimmen stärkste Partei und erreichte damit ihr bestes Wahlergebnis seit 1919; die KPD erhielt gut zehn Prozent. Dagegen verlor die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) fast ein Drittel ihrer Wähler und kam nur noch auf gut 14 Prozent. Die NSDAP, die erstmals allein antrat, erreichte spärliche 2,6 Prozent der Stimmen, konnte aber dennoch, da es in der Weimarer Republik keine 5-Prozent-Sperrklausel gab, zwölf Abgeordnete in den Reichstag entsenden.

Vor allem in den Städten, sieht man einmal von München, Nürnberg, Koblenz und Weimar ab, wo sie jeweils über zehn Prozent erreichte, waren die Ergebnisse für die NSDAP miserabel. In Berlin errang sie zwar öffentliche Aufmerksamkeit, aber noch keine Wählerstimmen und erzielte nur 1,6 Prozent. Auf dem Land sah die Lage allerdings anders aus. In Franken und Oberbayern lagen die Stimmanteile deutlich über dem Durchschnitt, aber auch in den ländlichen Regionen Norddeutschlands, wo sie bislang kaum aktiv gewesen war, hatten deutlich mehr Wählerinnen und Wähler als im Reichsdurchschnitt der NSDAP ihre Stimme gegeben. Die Parteiführung zog daraus den folgerichtigen Schluss und verlagerte das Schwergewicht der Propaganda auf die ländlichen Gebiete und kleineren Städte, um die Bauern und den Mittelstand zu gewinnen.

Die Lage der Landwirtschaft war in dieser Zeit sehr angespannt. Durch die langjährige Schutzzollpolitik war zwar der Import billigen Getreides vom Weltmarkt abgewehrt und die deutsche Landwirtschaft geschont worden, diese zugleich aber davon abgehalten, ihre Produktionsmethoden an das Weltmarktniveau anzugleichen. Die unabänderlich notwendige Modernisierung der Agrarproduktion war nun – mit der Öffnung der Märkte in der Weimarer Republik – verbunden mit einem Anstieg der Preise für Maschinen, Kunstdünger und Geräte und zwang viele Bauern, Kredite aufzunehmen. Zugleich verfielen die Erzeugerpreise aufgrund einer weltweiten Überproduktion insbesondere von Getreide. Da zahlreiche Höfe nicht mehr in der Lage waren, die Zinsen, geschweige denn den Kredit selbst, abzubezahlen, waren Zwangsversteigerungen die Folge. Wie in Schleswig-Holstein, wo die „Landvolkbewegung“ Zehntausende mobilisierte und in einen, zum Teil gewalttätigen Widerstand trieb, setzten sich auch in Ostpreußen die Bauern zur Wehr.

Die militante Aufkündigung staatsbürgerlicher Loyalität darf nicht unterschätzt werden. Denn sie war Ausdruck dafür, wie sich der Hass gegen das Weimarer „System“ verstärkte, das anscheinend nicht in der Lage war, die wirtschaftliche Not zu lindern und die bedrängten Bauern gegen die ruinösen Ansprüche der Gläubiger zu schützen. Die staatliche Pflicht zur Zwangsvollstreckung, wenn der Gläubiger vor Gericht die Eintreibung seiner Schulden erstritten hatte, erschien den Betroffenen als Parteinahme des bürgerlichen Staates für das anonyme, kalte, „raffende“ Kapital. Der rasante Aufstieg der Nationalsozialisten innerhalb weniger Jahre ist daher nicht allein mit der sozialen Misere zu erklären, sondern bedurfte auch dieser politischen Ablösung aus der Loyalität zur bürgerlichen Rechtsordnung und der Hinwendung zu Selbsthilfe und Gewalt.

Ende 1928 schilderte die Wochenzeitung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (CV) unter der Überschrift „Nationalsozialistischer Terror! Flaches Land und Kleinstadt werden besonders bearbeitet“ über mehrere Seiten hinweg die Gewaltaktionen gegen Juden im Deutschen Reich, wobei neben Bayern besonders das angrenzende sächsische Vogtland, das Rheinland, Hannover und Ostfriesland, Groß-Berlin und Ostpreußen herausgehoben wurden. In der Tat ging die NSDAP aufgrund der Wahlerfolge in den ländlichen Gebieten verstärkt dazu über, in den kleinen und mittleren Orten Präsenz zu zeigen und Stärke zu demonstrieren. Dazu wurden regional SA-Einheiten zusammengezogen, die dann in geschlossener Formation durch die Dörfer marschierten.

Sicher bedeutete ein solches Spektakel für die Dorfbevölkerung auch eine willkommene Abwechslung, vergleichbar mit dem Jahrmarkt, einer Filmvorführung oder einem Zirkusbesuch. Zugleich aber sorgte der stereotype Ablauf, der immer wieder Gelegenheit zu gezielten Gewaltausbrüchen bot, dafür, dass der jeweilige Ort für Stunden von der SA regelrecht beherrscht wurde und die normale Ordnung des Dorfes außer Kraft gesetzt war: Gefallenenehrung vor dem örtlichen Kriegerdenkmal, Propagandamarsch durch die Kleinstadt, öffentliche Kundgebung, Standkonzert der SA-Kapelle, abendliche Saalveranstaltung und schließlich nächtlicher Fackelmarsch und Zapfenstreich.

Propaganda

Die Rednerveranstaltung bildete die Basis der politischen Arbeit. 1928 verfügte die NSDAP über reichsweit 300 Redner, die in diesem Jahr allein 20000 Veranstaltungen bestritten. Noch im selben Jahr wurde eine zentrale Rednerschule geschaffen, mit deren Hilfe es in den nächsten beiden Jahren gelang, die Zahl der Redner bis zur Reichstagswahl 1930 auf etwa tausend zu verdreifachen. Seither führte die NSDAP, was die Versammlungsdichte betraf, die Statistik vor den Kommunisten und Sozialdemokraten an. Gerade in der Provinz traten nationalsozialistische Redner auf. Eine Denkschrift des Preußischen Innenministeriums aus dem Mai 1930 konstatierte, dass kaum ein Tag vergehe, an dem nicht selbst in den entlegenen Bezirken mehrere nationalsozialistische Versammlungen stattfänden. Die Redner seien gut geschult, gingen geschickt mit ihren Themen auf die Zuhörer ein und sorgten nach den Beobachtungen der Polizei für fast durchweg überfüllte Säle und Beifall des Publikums. Versammlungen mit 1000 bis 5000 Teilnehmern seien in den größeren Städten eine tägliche Erscheinung.

Die zweite wichtige Propagandaform waren die Straßendemonstrationen in den Städten und Werbemärsche in der Provinz durch die SA. „Die einzige Form, in der sich die SA an die Öffentlichkeit wendet“, hieß es im SA-Befehl „SA und Öffentlichkeit (Propaganda)“ vom November 1926, „ist das geschlossene Auftreten. Dieses ist zugleich eine der stärksten Propagandaformen.“ Neben den Parolen, Kundgebungen und Flugblättern sollte vor allem der SA-Mann selbst das „junge Deutschland“ verkörpern.

Massenveranstaltungen und Demonstrationen waren nicht bloß politische Manifestationen, sondern überlegte und organisierte Inszenierungen, die Macht und Überlegenheit vermitteln sollten. Komplexe Sachverhalte wurden auf einfache Slogans und eindeutige Symbole reduziert. Nicht nur bei der NSDAP, die gesamte politische Auseinandersetzung in der Weimarer Republik war ganz wesentlich von einem neuen Bildmedium geprägt: dem Plakat, das, in hoher Auflage gedruckt, massenhaft vor allem in den Städten verbreitet werden konnte. Auf einem Plakat konnten Bild und Text, Slogan und Symbol, Form und Farbe in wirksamer Weise konzentriert werden. „Unser Krieg wird in der Hauptsache mit Plakaten und Reden geführt“, schrieb Goebbels am 1. März 1932 in sein Tagebuch. Im Reichstagswahlkampf im Juli 1932 ließ allein die Hamburger NSDAP über 77000 Plakate kleben. Gewalttätige Parolen wie „Zerschmettert den Weltfeind“ (1928) oder „Haut sie zusammen!“ (1930), die durch die Darstellung von kraftstrotzenden Männern mit zum Schlag erhobenen Hämmern gegen die „internationale Hochfinanz“ oder die bürgerlichen Parteien bekräftigt wurden, dominierten die Wahlkämpfe 1928 und 1930, während danach Zukunftsversprechen wie „Arbeit und Brot“ und die Fokussierung auf Hitler die Propaganda beherrschten.

Inhaltlich richtete sich die NS-Propaganda in den Wahlkämpfen 1928 und 1930 gegen die Sozialdemokraten, denen Verrat wegen ihrer Zustimmung zum Versailler Vertrag, Korruption und Bonzentum vorgeworfen wurde. Als „Büttel der jüdischen Hochfinanz“ treibe die SPD Deutschland in den Abgrund. Nicht zuletzt mobilisierten die Nationalsozialisten im „Kampf gegen den Marxismus“ die antikommunistischen Ängste des Bürgertums auch gegen die Sozialdemokraten. Zwar stand der Antisemitismus nicht ausdrücklich in der Propaganda im Vordergrund, aber Weimarer Republik, Demokratie und Judentum wurden im „Kampf gegen das System“ untrennbar miteinander verknüpft. Im Reichstagswahlkampf 1930 wurden die politischen Repräsentanten der Republik als Juden dargestellt und die Forderung gestellt: „Deutsches Volk, Du hast zu wählen“.

Ein zunehmend wichtiger werdendes Element in der Propaganda der Partei wurde die Person Adolf Hitler selbst. Mochte es auch noch weiterhin politische Richtungskämpfe und Machtauseinandersetzungen zwischen Partei- und SA-Führern gegeben haben, an der Rolle Hitlers als „Führer“, der das divergierende völkische Spektrum als Symbol der Einheit verkörperte, rüttelte niemand mehr. Joseph Goebbels und Rudolf Heß bemühten sich ihrerseits, den „Führer-Mythos“ (Ian Kershaw) zu festigen und auszubauen.

Dass es eine lange deutsche Führertradition gab, die über Bismarck, Friedrich II., Luther bis zum Kaiser Barbarossa zurückreichte, und nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs erst recht nach einem willensstarken, weitsichtigen, tatkräftigen „Führer“ verlangt wurde, kam der Inszenierung des Hitlerbildes durchaus entgegen. Zudem besaß er im Unterschied beispielsweise zum greisen Reichspräsidenten Hindenburg nicht nur den Vorteil, jung zu sein, sondern vor allem als ein „Mann aus dem Volk“ zu gelten, „einer von uns“ zu sein, der zeigt, was „in uns steckt“, ein Außenseiter jenseits des politischen Alltagsbetriebes des Kompromisses, jemand, der aus der Routine ausbricht und das Unvorgesehene tut, „instinktiv“ Entscheidungen trifft und etwas wagt.

Die Mobilisierung der Partei wurde durch die Krise der Weimarer Republik unterstützt. Der weltweite Konjunkturrückgang ließ auch in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen steigen. Im Februar 1929 waren es erstmals über drei Millionen, was die KPD glauben machte, mit einem scharfen Linkskurs die Arbeitermassen revolutionär mobilisieren zu können. Trotz des Demonstrationsverbots, das der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Karl Friedrich Zörgiebel, nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten im Dezember 1928 verhängt hatte, demonstrierte die KPD am 1. Mai 1929 und lieferte sich schwere Straßenschlachten mit der Polizei. Über 30 Tote, 194 Verletzte und über 1200 Verhaftungen waren die Folge dieses „Blutmai“, wie er in der Agitation der KPD anschließend hieß.

Zudem wurde die Reparationsfrage neu aufgerollt, als im Juli 1929 der sogenannte Young-Plan zwischen den Alliierten und der deutschen Reichsregierung unterzeichnet wurde, mit dem Reparationszahlungen bis in das Jahr 1988 hinein vereinbart worden waren. Zwar hatte die deutsche Delegation durchaus einiges zugunsten des Reiches in den Verhandlungen erreicht, aber die deutsche Rechte, einschließlich der NSDAP, machte dessen ungeachtet mit aller Gewalt gegen den Young-Plan mobil. Als am 24. Oktober 1929 („Schwarzer Freitag“) die internationalen Börsen zusammenbrachen und ein weltweites wirtschaftliches Erdbeben auslösten, war die tiefe ökonomische wie soziale Krise unübersehbar geworden.

Wahlerfolg 1930

In dieser Situation erweckte die politische Klasse in Berlin keineswegs den Anschein, der schwierigen Lage gewachsen zu sein. Im März 1930 brach das sozialdemokratisch geführte Kabinett, das sich auf eine Reichstagsmehrheit von SPD, DDP, DVP und Zentrum hatte stützen können, an seinen inneren politischen Widersprüchen auseinander. Die nachfolgende Regierung unter dem Zentrumspolitiker Heinrich Brüning brauchte sich nicht mehr, so die Zusage des Reichspräsidenten Hindenburg, um parlamentarische Mehrheiten zu kümmern, sondern konnte mit Notverordnungen aufgrund des Artikels 48 regieren, der laut Verfassung nur bei Gefahr der öffentlichen Sicherheit und Ordnung angewandt werden durfte. Als eine Mehrheit des Reichstags am 16. Juli 1930 von ihrem Verfassungsrecht Gebrauch machte und die ersten Notverordnungen zu Steuerfragen zurückwies, löste Brüning mit einer Vollmacht Hindenburgs den Reichstag auf und setzte Neuwahlen für den 14. September 1930 fest – eine klare Missachtung der verfassungsmäßigen Rechte des Parlaments. Von nun an regierten bis 1933 autoritäre Präsidialkabinette ohne parlamentarische Mehrheit allein mit der Notverordnungsvollmacht des Reichspräsidenten; die parlamentarische Demokratie war faktisch ausgesetzt.

Insgesamt hatte sich die politische Landschaft mittlerweile nach rechts verschoben. In der Deutschnationalen Volkspartei, die in den Reichstagswahlen 1928 zwar fast ein Drittel ihrer Wähler verloren hatte, aber dennoch nach der SPD zweitstärkste Fraktion des Reichstags blieb, hatte der rechtsnationalistische Chef eines weit verzweigten Presse- und Filmkonzerns, Alfred Hugenberg, die Wahlniederlage genutzt, um die bisherige nationalkonservative Parteiführung abzulösen und sich an die Spitze der Partei zu stellen. Auch im katholischen Zentrum übernahm mit dem Trierer Prälaten Ludwig Kaas eine deutlich national-autoritäre Figur die Führung der Partei und drängte den sozialen Katholizismus an den Rand. Und wer die Wahlen in jenen Monaten aufmerksam beobachtete, konnte den unaufhörlichen Aufstieg der NSDAP kaum übersehen.

Bei den Landtagswahlen in Sachsen im Mai 1929 stieg der Anteil der NSDAP-Stimmen von 1,6 Prozent auf fünf Prozent, bei den badischen Landtagswahlen im Oktober 1929 erreichte sie sieben Prozent und hatte damit die Zahl ihrer Wähler versiebenfacht. In Berlin wählten einen Monat später über 130000 Wähler, knapp sechs Prozent, die Nationalsozialisten. Damit zogen erstmals 13 NSDAP-Abgeordnete in die Berliner Stadtverordnetenversammlung ein. Und im Dezember 1929 gewann die Partei in Thüringen über elf Prozent der Stimmen, was dazu führte, dass ein Nationalsozialist, Wilhelm Frick, als Minister für Inneres und Volksbildung Mitglied in einer Landesregierung wurde. Als im Juni 1930 erneut Landtagswahlen in Sachsen notwendig wurden, verdreifachte die NSDAP ihr Vorjahresergebnis nahezu auf nunmehr über 14 Prozent.

Im Wahlkampf für die Reichstagswahlen im September 1930, der von Joseph Goebbels als frisch ernanntem Reichspropagandaleiter geführt wurde, waren die Nationalsozialisten überaus aktiv. Im Sommer fanden bis hin in die entlegensten Orte Wahlveranstaltungen der NSDAP statt. Allein in den letzten vier Wochen vor dem Wahltermin waren nicht weniger als 34000 Versammlungen angesetzt. In seinen Reden griff Hitler die parlamentarische Demokratie und die Parteien scharf an, die allesamt nur Interessen vertreten würden, während die NSDAP für die ganze „Volksgemeinschaft“ stünde.

Trotz aller Anzeichen war das Ergebnis der Reichstagswahlen am 14. September 1930 für viele Beobachter ein Schock. Während die SPD im September 1930 zwar Stimmen verlor, mit 24,5 Prozent aber immer noch stärkste Reichstagsfraktion blieb und die KPD ihren Anteil auf 13,1 Prozent steigern konnte, erlitt das bürgerliche Lager dramatische Verluste. Dagegen übertraf der Erfolg der NSDAP selbst die eigenen Erwartungen. Ihre Stimmenzahl stieg von gut 800000 auf über 6,4 Millionen, das entsprach einem Anteil von 18,3 Prozent. Damit wurde die NSDAP auf Anhieb zweitstärkste Partei und zog mit 107 Abgeordneten in den Reichstag ein – ein politischer Erdrutsch, wie es ihn in der Geschichte der parlamentarischen Wahlen in Deutschland bis dahin noch nicht gegeben hatte.

Wählerinnen und Wähler der NSDAP

Woher kamen die Stimmen für die NSDAP? Erstens konnten die Nationalsozialisten stärker als andere Parteien bisherige Nichtwähler, vor allem in den ländlichen Wahlkreisen, mobilisieren und profitierten vom generellen Anstieg der Wahlbeteiligung. Hatten 1928 gut 31 Millionen Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgegeben, waren es im Sommer 1932 knapp 37 Millionen, bei den Märzwahlen 1933 sogar 39 Millionen. Rund ein Viertel derjenigen, die 1930 für die NSDAP votierten, waren zwei Jahre zuvor nicht zur Wahl gegangen.

Zweitens konnten die Nationalsozialisten in hohem Maße Stimmen aus dem deutschnationalen und rechtsbürgerlichen Lager abziehen, wie die drastischen Verluste der Deutschnationalen Volkspartei DNVP und der Deutschen Volkspartei DVP zeigten. Die DNVP, die im Dezember 1924 mit über sechs Millionen Stimmen bei mehr als zwanzig Prozent gelegen hatte, erreichte jetzt gerade einmal sieben Prozent; die DVP halbierte im selben Zeitraum ihre Stimmenzahl und kam auf nur noch knapp fünf Prozent. Überall dort, wo diese Parteien Stimmen verloren, gewannen die Nationalsozialisten überdurchschnittlich hinzu. Neben den bisherigen Nichtwählern speiste sich der Erfolg der NSDAP vor allem aus diesem Wählerreservoir. Der Zerfall des bürgerlich-protestantischen Lagers, das nicht mehr in der Lage war, kontinuierliche politische Bindungen herzustellen, begünstigte das Image der NSDAP als einer jungen Volkspartei, die klassen- und schichtenübergreifend die deutsche „Volksgemeinschaft“ schaffen wollte.

Entgegen einer immer noch landläufigen Meinung waren es keineswegs die Frauen, die Hitler und der NSDAP zum Aufstieg verhalfen. Zwar erzielten die Nationalsozialisten bei den Wählerinnen einen überdurchschnittlichen Stimmenzuwachs. Aber Frauen gehörten, obwohl sie deutlich mehr Wahlberechtigte stellten als die Männer, eher zu den Nichtwählern. Und wenn sie zur Wahl gingen, stimmten sie mehr für die konservativen Parteien der Mitte als für die Radikalen auf der rechten oder linken Seite. Zwischen 1924 und 1930 wurde die NSDAP deutlich weniger von Frauen gewählt als von Männern. Nach 1932 änderten jedoch viele Wählerinnen ihre Meinung, und der Zustrom weiblicher Stimmen für die Nationalsozialisten, vor allem bei den Reichstagswahlen im März 1933, trug ohne Zweifel zur nochmaligen Steigerung der nationalsozialistischen Stimmenzahl bei.

Sehr schwer tat sich die NSDAP in den katholischen Gegenden. Deutschland war zu gut zwei Dritteln protestantisch und einem Drittel katholisch geprägt, und im Vergleich zur Bundesrepublik zeichnete sich die Weimarer Republik noch durch eine hohe konfessionelle Homogenität in den jeweiligen Regionen aus. Landkreise mit jeweils über 90 Prozent der einen oder anderen Konfession stellten durchaus keine Seltenheit dar, sondern waren eher die Regel. Aufgrund der Minderheitsposition, die durch die staatlich-protestantische Diskriminierungspolitik von Reichskanzler Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts, den sogenannten Kirchenkampf, verstärkt worden war, hatte sich ein eigenes katholisches Milieu mit Vereinen, Wertnormen und nicht zuletzt einer eigenen politischen Partei, dem Zentrum, gebildet. So war es auch noch in der Weimarer Republik für einen deutschen Katholiken geboten, nicht nach Schicht, Klasse oder Region als vielmehr nach konfessioneller Zugehörigkeit zu wählen. Keine andere Partei hatte eine solche Stabilität ihrer Wähler vorzuweisen wie das Zentrum und die regionale Bayrische Volkspartei. Noch bei den letzten Wahlen der Weimarer Republik im März 1933 konnten diese beiden Parteien über vierzig Prozent der katholischen Wähler, und damit eine klare Mehrheit der praktizierenden Katholiken, an sich binden. Allerdings war der Zenit der Stabilität des katholischen Milieus damit bereits überschritten, und nach 1933 erodierte die konfessionelle Bindungskraft des politischen Katholizismus.

Weit mehr Erfolg hatten die Nationalsozialisten dagegen in den protestantisch geprägten Gegenden. Bei allen Wahlen nach 1928 ist ein starker statistischer Zusammenhang zwischen dem Anteil evangelischer Wähler und den Wahlerfolgen der NSDAP zu beobachten. Kein anderes Sozialmerkmal hat den Erfolg der NSDAP bei den Wahlen in der Weimarer Republik so beeinflusst wie die Konfession. 1930 stimmten doppelt so viele Protestanten wie Katholiken für die Nationalsozialisten, im Juli 1932 war das Verhältnis sogar extremer. Erst in den letzten Monaten der Republik begann sich der Abstand zwischen katholischen und evangelischen Wählern der NSDAP anzugleichen. Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war vom protestantischen Preußen dominiert worden. Die sogenannte kleindeutsche Lösung, die das katholische Österreich ausschloss, hatte die Katholiken in die Minderheit gebracht und den Protestanten die kulturelle Hegemonie verschafft. Deutscher Nationalismus und Protestantismus waren seither eng miteinander verbunden.

Die wichtigste Gruppe der NSDAP-Wähler schienen nach zeitgenössischer Ansicht die Mittelschichten zu sein. Nach der Septemberwahl 1930 prägte der Soziologe Theodor Geiger das Schlagwort von der „Panik im Mittelstand“. Die Arbeiter galten den Zeitgenossen als weniger anfällig für den Nationalsozialismus. Demgegenüber ist jedoch festzuhalten, dass keineswegs alle Arbeiter in der Weimarer Republik links wählten. Die Arbeiterschaft stellte zwar die größte soziale Gruppe der Wahlberechtigten, aber zu ihr zählten die ostelbischen Landarbeiter ebenso wie Heimarbeiter aus dem Erzgebirge und Arbeiter in kleinen Handwerksbetrieben. Nur eine Minderheit gehörte zur klassischen Industriearbeiterschaft, die überwiegend sozialdemokratisch wählte.

Arbeiterstimmen trugen nicht in besonderem Maß zum Erfolg der NSDAP bei, sondern sie entsprachen dem durchschnittlichen Zuwachs. Bemerkenswert ist auch, dass es nicht die Arbeitslosen, sondern vielmehr die erwerbstätigen Arbeiter waren, die für die NSDAP stimmten. Hingegen lässt sich ein positiver statistischer Zusammenhang zwischen Landarbeitern und NSDAP feststellen. Die Wahlerfolge der Nationalsozialisten in den agrarischen Regionen Deutschlands wurden demnach nicht nur von den Bauern, sondern auch von den Landarbeitern getragen.

Den stärksten Anstieg zwischen 1928 und 1933 erzielte die NSDAP in den protestantischen ländlichen Gebieten, in denen sie auch hinsichtlich der absoluten Stimmenzahl die höchsten Wähleranteile mobilisieren konnte. Die Wahlerfolge auf dem Land schlugen sich auch in den Neueintritten nieder. 40 Prozent der neuen Parteimitglieder in den Jahren 1925 bis 1930 stammten aus Orten mit weniger als 5000 Einwohnern, 1931 waren es sogar 50 Prozent.

Ab den Reichstagswahlen im Juli 1932 gaben mehr Arbeiter der NSDAP ihre Stimme als jeweils der KPD und SPD. Deswegen wurde die NSDAP noch nicht, wie sie sich selbst gern gesehen hat, eine Arbeiterpartei. Aber eine reine Mittelschichtspartei war sie ebenso wenig. Auch die Affinität von Angestellten zur NSDAP ist weniger eindeutig als es häufig angenommen wird. Eher haben es die Nationalsozialisten in Wahlkreisen, in denen überdurchschnittlich viele Angestellte wohnten, sogar schwerer gehabt als anderswo.

Dagegen war die Beamtenschaft in ihrer Gesamtheit deutlich anfälliger für den Nationalsozialismus. Zwischen 1928 und 1933 traten Beamte in überdurchschnittlicher Zahl in die NSDAP ein, so dass sogar die amtliche Parteistatistik feststellen musste, dass sie als Berufsgruppe unter den Mitgliedern schon vor dem September 1930 überrepräsentiert waren. Und nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 waren es wiederum die Beamten, die den Hauptzustrom an neuen Mitgliedern stellten. Den Beamten, die aufgrund von Gehalts- und Pensionskürzungen ebenfalls unter der desaströsen Lage der öffentlichen Haushalte durch die Wirtschaftskrise litten, bot sich die NSDAP als Verteidigerin ihrer Interessen an. Nicht von ungefähr hieß das antisemitische Gesetz vom April 1933, das den deutschen Juden im öffentlichen Dienst Berufsverbot erteilen sollte, „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“.

Der entscheidende Wahlerfolg der NSDAP im September 1930 beförderte auch die Mitgliederentwicklung. Gab es Ende 1928 rund 97000 NSDAP-Mitglieder, wuchs deren Zahl auf knapp 130000 im September 1930 und sollte sich bis zur Machtübernahme im Januar 1933 auf annähernd 850000 steigern. Die zunehmende organisatorische Stärke der Partei machte es ihr wiederum leichter, mit zahlreichen Veranstaltungen vor Ort Wahlerfolge zu erzielen.

Obgleich die Oberschicht in absoluten Zahlen nur einen kleinen Teil der NSDAP-Mitgliedschaft ausmachte, so war dennoch auch sie deutlich überrepräsentiert. Neben Adligen und Selbstständigen stellte vor allem die angehende akademische Elite einen signifikanten Teil der NSDAP-Mitglieder. Es gab neunmal so viele Studenten in der NSDAP wie in der erwerbstätigen Bevölkerung insgesamt. Und es waren die Universitäten, an denen die Nationalsozialisten frühe Triumphe feiern konnten. 1926 gegründet, breitete sich der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) im reaktionär und antisemitisch geprägten studentischen Milieu rasch aus. Nach internen Auseinandersetzungen übernahm Baldur von Schirach als Hitlers Gefolgsmann die Leitung des NSDStB im Juli 1928. Von nun an folgten die Hochschulgruppen der Linie der NSDAP, viele nationalsozialistische Studenten gehörten zugleich der Partei, der SA oder SS an.

Die NSDAP präsentierte sich als Partei der Jugend, des Aufbruchs und des neuen Deutschlands. Dies wurde durch die Altersstruktur ihrer Mitglieder untermauert. Bei der Neugründung 1925 lag das Durchschnittsalter bei 29 Jahren, und die neuen Mitglieder, die der Partei bis 1933 zuliefen, waren im Durchschnitt etwa 31 Jahre alt. Auch zur SA, vor allem in Großstädten wie Berlin, stießen vorwiegend junge Männer: Weit über zwei Drittel der SA-Mitglieder waren unter 30 Jahre alt. Dagegen waren die Mitglieder der übrigen Parteien der Weimarer Republik im Durchschnitt entschieden älter – bis auf die KPD, die eine ähnlich junge Mitgliederstruktur wie die NSDAP aufweisen konnte. „Macht Platz, ihr Alten!“ forderte dementsprechend Gregor Straßer; die Hitlerjugend gab 1932 die Parole aus: „Das System ist jugendfeindlich!“, und Goebbels denunzierte die Weimarer Republik als „Republik der Greise“, womit er in der Tat einen Schwachpunkt traf, denn die politische Führungsschicht der Republik war in der Tat stark überaltert. Hitler selbst ließ keine Gelegenheit aus, die „Kraftlosigkeit und Indifferenz der Väter“ anzuprangern und sich selbst auch als „Führer“ der Jugend zu feiern.

Während die ehemals fest gefügten „sozialmoralischen Milieus“ (M. Rainer Lepsius) der bisherigen politischen Strömungen aus dem 19. Jahrhundert – Liberale, Konservative, Katholiken und Sozialdemokraten – brüchig wurden und die KPD eine ausdrückliche Klassenpolitik betrieb, konnte die NSDAP sich als junge, klassenübergreifende „Volkspartei“ präsentieren. Hitler gewann das Charisma eines „Führers“ des gesamten Volkes, der imstande wäre, die Wünsche nach Einheit und Sicherheit in einer künftigen „Volksgemeinschaft“ zu erfüllen.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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