Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Aufstieg

Das Ende der Weimarer Republik

Den Tag der Eröffnung des neuen Reichstages am 13. Oktober 1930 begingen die Nationalsozialisten in Berlin auf ihre Weise. SA-Trupps zogen durch die Innenstadt, randalierten, zertrümmerten die Schaufenster des Kaufhauses Wertheim am Kurfürstendamm und weiterer Geschäfte mit angeblich jüdischen Inhabern in der Berliner Innenstadt. Hatte die Polizei in Preußen, dem größten Flächenstaat des Deutschen Reiches, für das Jahr 1929 579 gewalttätige Zusammenstöße bei politischen Versammlungen registriert, schnellte diese Zahl 1930 sprunghaft auf 2494 an, blieb 1931 mit 2904 Fällen auf einem ähnlich hohen Niveau und erhöhte sich für das Jahr 1932 noch einmal auf 5296 registrierte Zusammenstöße allein in Preußen. Politische Gewalt wurde zu einem allgegenwärtigen Phänomen im Deutschen Reich.

Ohne parlamentarische Mehrheit, nur mit Tolerierung seitens der Sozialdemokraten und auf der Grundlage von Notverordnungen des Reichspräsidenten setzte Brüning seine Regierung auch nach dem September 1930 fort. Die Verwandlung der parlamentarischen Republik in ein autoritäres Präsidialsystem lässt sich nicht zuletzt an der rückläufigen Zahl der Plenarsitzungen erkennen. War der Reichstag 1931 noch 41-mal zusammengetreten, waren es im folgenden Jahr nur noch dreizehn Male. Dafür nutzten sowohl Nationalsozialisten wie Deutschnationale auf der einen und Kommunisten auf der anderen Seite das Parlament für antiparlamentarische und antirepublikanische Agitation, brachten Misstrauensanträge gegen die Regierung Brüning ein oder drohten sogar, Hindenburg vor dem Staatsgerichtshof wegen der Notverordnungspolitik zu verklagen.

Zur Krise trug bei, dass Brüning es wirtschaftspolitisch unterließ, mit kreditfinanzierten staatlichen Investitionsprogrammen die Wirtschaft wieder zu beleben, sondern im Gegenteil durch massive Kürzungen bei den staatlichen Ausgaben die Verschuldung abbauen und das Lohnniveau senken wollte. Damit verschärfte sich der Konjunktureinbruch, der sich in der zweiten Jahreshälfte 1930 in vollem Umfang bemerkbar machte, dramatisch. Neben einem Rückgang der Industrieproduktion um mehr als 43 Prozent 1932/33 gegenüber 1927/28 schnellte die Zahl der Arbeitslosen auf über vier Millionen Anfang 1931 und über sechs Millionen im Februar 1932, wovon die jugendlichen Arbeitnehmer in besonders hohem Maße betroffen wurden.

Die Notverordnungen, die Brüning 1931 erließ, brachten drastische Senkungen der Gehälter im öffentlichen Dienst, Abbau von Ruhestandsbezügen und Kindergeld sowie zusätzliche Steuererhöhungen. Entsprechend scharf war der Protest der Gewerkschaften und der politischen Opposition. In Bad Harzburg bildete sich im Oktober 1931 gegen die Regierung Brüning eine Einheitsfront von nationalistischen Verbänden, der Deutschnationalen Volkspartei, dem mächtigen konservativ-autoritären Frontsoldatenverband „Stahlhelm“ und der NSDAP, die Reichstagsneuwahlen und die Aufhebung der Notverordnungen forderten. Die „Harzburger Front“ wurde vom DNVP-Vorsitzenden Hugenberg angeführt, Hitler hatte aber ein entscheidendes Wort mitzureden.

Wahlen 1932

Als Anfang 1932 der Reichspräsident neu gewählt werden musste, schloss sich die NSDAP nicht dem Bündnis zur Unterstützung einer Wiederwahl Hindenburgs an, sondern stellte mit Hitler einen eigenen Kandidaten auf. Als „Führer des jungen Deutschland“ stilisierte ihn die Partei gegen das „sterbende System“ von Weimar und den greisen Hindenburg. Im ersten Wahlgang am 13. März 1932 lag Hindenburg mit 49,6 Prozent zwar deutlich vor Hitler, der 30,1 Prozent der Stimmen erhielt. Er hatte aber die absolute Mehrheit verfehlt, so dass ein zweiter Wahlgang nötig wurde. In der Stichwahl am 10. April siegte Hindenburg mit 53 Prozent, aber Hitlers Stimmenanteile stiegen noch einmal auf 36,8 Prozent – ein doppelt so hohes Wahlergebnis für die Nationalsozialisten wie bei den Reichstagswahlen 1930.

In den Landtagswahlen der kommenden Monate ging die NSDAP bis auf das katholisch geprägte Bayern überall als stärkste Partei hervor. In Preußen, in dem seit 1919 eine sozialdemokratisch geführte Regierung existierte, vervielfachte sich die Zahl der nationalsozialistischen Mandate von neun auf 162, während die Sozialdemokraten ein Drittel ihrer Sitze abgeben mussten.

Die politischen Verwerfungen sowie die anhaltende wirtschaftliche Krise sorgten dafür, dass das Vertrauen in die Kompetenz Brünings schwand. Hindenburg ließ Brüning Ende Mai fallen und ernannte den deutschnationalen Franz v. Papen zum neuen Reichskanzler, der sogleich den Reichstag auflöste und Neuwahlen für den 31. Juli ansetzte. Die Wahlen, erklärte Hitler vor den regionalen Parteiführern, den Gauleitern der NSDAP, müssten „eine Generalabrechnung des deutschen Volkes mit der Politik der letzten 14 Jahre“ werden. Der Hauptgegner, so die Reichspropagandaleitung unter Goebbels, müsse die SPD sein, die KPD sollte durch „Demaskierung der jüdisch-kapitalistischen Drahtzieher“ bekämpft werden. Das zentrale Wahlkampfmotto hieß: „Deutschland erwache! Gebt Adolf Hitler die Macht!“. Gegenüber der „marxistischen Klassenkampfhetze und der Zerrissenheit des bürgerlichen Parteienlagers“ solle die anzustrebende „Einheit des Volkes in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft klar und deutlich herausgestellt werden“.

Unter dem Motto „Hitler über Deutschland“ organisierte die Partei vier Deutschlandflüge Hitlers, mit denen er jeweils zu Großkundgebungen eingeflogen wurde. Diese Flüge, die das Bild eines über den Klassen schwebenden Heilsbringers inszenierten, trugen entscheidend dazu bei, dass Hitler die Massen erreichte, wie kein deutscher Politiker vor ihm. Mit den vier Flügen zwischen April und November 1932 hielt er insgesamt 148 Massenkundgebungen ab, durchschnittlich drei am Tag, meistens vor einem Publikum von 20000 bis 30000 Menschen, so dass ihn tatsächlich Millionen Deutsche in diesem Jahr unmittelbar erlebten und hörten.

Bestimmt wurde der Wahlkampf aber auch durch exzessive Gewalt, nicht zuletzt, weil die Regierung Papen das von Brüning und seinem Innenminister Wilhelm Groener verfügte SA-Verbot wieder aufgehoben hatte. Allein in den zehn Tagen vor der Wahl wurden in Preußen 24 Menschen getötet und über 280 verletzt. Als am Sonntag, den 17. Juli, in Altona nahe Hamburg ein nationalsozialistischer Demonstrationszug provozierend durch die Arbeiterviertel marschierte, fielen Schüsse, die zu einer Schießerei zwischen Polizei, Demonstranten und Einwohnern führten, bei der 18 Menschen, zumeist unbeteiligte Anwohner und Passanten, getötet wurden. Der „Altonaer Blutsonntag“ bildete den äußeren Anlass für die Reichsregierung unter v. Papen, mit einer Notverordnung am 20. Juli die preußische Regierung für abgesetzt zu erklären und sich selbst als kommissarischen Ministerpräsidenten Preußens einzusetzen. Die rechtmäßige geschäftsführende Regierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun, die seit der Landtagswahl im April über keine Mehrheit mehr verfügte, wich der Gewalt. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der sozialen Krise wagten Sozialdemokraten und Gewerkschaften keinen Generalstreik; der erwartete Widerstand gegen den verfassungswidrigen Staatsstreich von rechts blieb aus.

Als am Abend des 31. Juli die Wahllokale schlossen, war einer der erbittertsten Wahlkämpfe der Weimarer Jahre zu Ende gegangen. Die liberal-konservative bürgerliche Mitte war der entscheidende Verlierer der Wahl, auch die Deutschnationalen verbuchten Verluste; die Sozialdemokraten verloren zehn Sitze und errangen nur noch 21,6 Prozent der Stimmen; die KPD gewann zwölf Mandate hinzu und kam auf 14,3 Prozent. Die NSDAP dagegen war die herausragende Gewinnerin: 37,3 Prozent der Stimmen und 230 Reichstagsmandate hießen, dass die Nationalsozialisten zur weitaus stärksten Partei in Deutschland geworden waren. Dennoch war die Parteiführung enttäuscht, denn trotz ihrer großen Wahlkampagne hatte sich die Stimmenzahl für die Nationalsozialisten gegenüber der Reichspräsidentenwahl im März und den preußischen Landtagswahlen im April nicht sonderlich erhöht. „Zur absoluten Mehrheit kommen wir so nicht“, notierte Goebbels in sein Tagebuch. „Also einen anderen Weg einschlagen.“

Dennoch machte sich Hitler nach diesem Wahlsieg berechtigte Hoffnungen, von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt zu werden. Aber der Reichspräsident verweigerte sich zum damaligen Zeitpunkt. Eine Unterredung zwischen beiden am 13. August verlief ergebnislos, da Hitler Hindenburgs Aufforderung ablehnte, in eine Regierung unter von Papen einzutreten, sondern kompromisslos auf seinem Führungsanspruch beharrte. Hitlers Verweigerung, sich mit der Teilhabe an der Macht zu begnügen, stürzte die NSDAP als eine schon siegesgewisse, machthungrige und der Opposition überdrüssige Partei im Winter 1932/33 in eine schwere Krise. „Ich sprach mit vielen Pgn [Parteigenossen]. Große Hoffnungslosigkeit“, konstatierte Goebbels. „Die SA hat zu stark die Hoffnung genährt. Ein Fehler.“ Gerade die SA, die die Erringung der Macht schon vor den Augen gesehen hatte, ließ ihrem Hass freien Lauf. In Königsberg überfielen Nazitrupps Privathäuser, steckten Tankstellen in Brand, warfen eine Bombe auf die Zentrale der SPD und zerstörten jüdische Geschäfte. Dabei wurde ein kommunistischer Stadtverordneter ermordet, andere sozialdemokratische und liberale Politiker durch Schüsse schwer verletzt. Ebenso gab es Bomben- und Revolverattentate in Schlesien und Schleswig-Holstein.

Ein besonders brutaler Mord ereignete sich am 10. August im schlesischen Potempa, wo betrunkene SA-Leute einen Arbeiter, der mit den Kommunisten sympathisierte, in dessen Wohnung buchstäblich zu Tode trampelten. In dem nachfolgenden Prozess verurteilte das Sondergericht Beuthen die Täter zum Tode, was Hitler zu einem pathetischen Solidaritätstelegramm mit den Mördern veranlasste. Goebbels hetzte unter der Überschrift „Die Juden sind schuld“, dass die Nationalsozialisten keine Ruhe lassen würden, bis diese Regierung aus der Macht verjagt worden sei.

Die aufgeflammte Gewalt und der Hass konnten indes nicht über die politische Sackgasse hinwegtäuschen, in die sich die NS-Führung unter Hitler manövriert hatte. Die Regierung Papen hatte die große Mehrheit des Parlaments gegen sich, Neuwahlen wurden unvermeidlich, und die Enttäuschung in der Bevölkerung über die Unfähigkeit der Parteien, eine Lösung der politischen Krise zu finden, drückte sich nicht zuletzt in dem Anstieg der Nichtwähler von sieben Millionen im Juli auf 8,6 Millionen bei den Reichstagswahlen am 6. November aus. Die NSDAP verlor gegenüber der Juli-Wahl zwei Millionen Stimmen und sank von 37,3 auf 33,1 Prozent, blieb aber deutlich stärkste Partei. Demgegenüber stiegen die Stimmen für die Deutschnationalen erstmals wieder, was nicht zuletzt auf die gemeinsame Unterstützung des Streiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben durch Kommunisten und Nationalsozialisten wenige Tage vor der Wahl zurückzuführen war, mit dem die mittelständische Angst vor der revolutionären Militanz des Nationalsozialismus neu geschürt worden war. Die SPD verlor gleichfalls an Stimmen, während die Kommunisten hinzugewannen und nun bei knapp 17 Prozent lagen.

Die politisch festgefahrene Lage wurde mit dem Wahlergebnis nicht verändert. Das „Kabinett der Barone“ unter Franz v. Papen stützte sich weiterhin auf nicht mehr als zehn Prozent der Wählerstimmen, wohingegen neun Zehntel für Parteien gestimmt hatten, die gegen die amtierende Reichsregierung opponierten, aber untereinander viel zu gegensätzlich waren, um eine eigene Mehrheit zustande zu bringen. Papen wollte unverhohlen eine diktatorische Lösung, die das Parlament gänzlich ausschalten sollte, scheiterte damit aber an der Reichswehrführung, die sich zu schwach gegenüber der SA glaubte. Mitte November trat von Papen zurück und sein Nachfolger General Kurt v. Schleicher, Reichswehrminister und einflussreicher Politiker in der Machtkamarilla um Präsident Hindenburg, unternahm den Versuch, eine „Querfront“ mit den Gewerkschaften und einem Teil der NSDAP unter dem Organisationsleiter der NSDAP, Gregor Straßer, zu bilden. In einem Geheimtreffen am 3. Dezember bot Schleicher Straßer die Ämter des Vizekanzlers und des preußischen Ministerpräsidenten an.

Aber Straßer wagte den Aufstand gegen Hitler nicht. In dieser Auseinandersetzung zeigte sich, wie stark mittlerweile der „Führerkult“ auch innerhalb der NSDAP verankert war und Hitler selbst für eine äußerst riskante Politik des „Alles oder Nichts“ erfolgreich Gefolgschaft beanspruchen konnte. Gregor Straßer gelang es trotz seiner hohen Parteifunktion nicht mehr, das politische Ruder in der NSDAP zu bewegen und wesentliche Teile der Parteiführung auf seine Seite zu ziehen. Die Macht, die von Schleicher Gregor Straßer zutraute, besaß dieser nicht mehr; Hitler hielt alle Fäden in der Hand; gegen seinen Willen konnte keine Entscheidung in der NSDAP mehr gefällt werden. Straßer trat von allen Parteiämtern zurück und verließ Berlin. Beide, Gregor Straßer wie Kurt v. Schleicher, wurden anderthalb Jahre später Mordopfer bei der Aktion gegen die SA-Führung im Juni 1934.

Hitler setzte, unterstützt von Goebbels, nach wie vor auf die Mobilisierungskraft der nationalsozialistischen Bewegung und auf die Erringung unbeschränkter Macht. Die Landtagswahlen im Kleinstaat Lippe-Detmold am 15. Januar 1933 wurden zum Beweis für die ungebrochene Kraft des Nationalsozialismus hochstilisiert. Mit einem aufwändig geführten Wahlkampf gelang es der NSDAP, 6000 Stimmen hinzuzugewinnen und ihren Anteil wieder auf 39,5 Prozent zu steigern. Verglichen mit dem Wahlergebnis vom Juli 1932 hatte die Partei zwar immer noch weniger Stimmen bekommen, aber die Inszenierung des Erfolgs war gelungen, und Hitler ging öffentlich gestärkt aus den Wahlen hervor.

Nicht zuletzt lehnten etliche Industrielle und Großgrundbesitzer Schleichers Konzept der „Querfront“ als „sozialistisch“ ab und intervenierten gegen ihn beim Reichspräsidenten. Zugleich gab es hinter den Kulissen seit Anfang Januar 1933 wieder geheime Verhandlungen zwischen Hitler und von Papen, der glaubte, auch einen Reichskanzler Hitler unter Kontrolle halten zu können. Nach dem Rücktritt von Schleichers am 28. Januar zeigte sich nun auch Hindenburg geneigt, einem Kabinett Hitler zuzustimmen, zumal von Papen zusätzlich die Deutschnationalen samt ihres Parteichefs Hugenberg für das neue Kabinett gewonnen hatte.

Die Ernennung Hitlers war keineswegs unvermeidlich; politische Alternativen gab es durchaus. Aber Papen und sein Förderer Hindenburg glaubten, die NS-Bewegung als Massenunterstützung für einen nationalkonservativen, autoritären Machtstaat benutzen und sich die NS-Führung gefügig machen zu können. Die parlamentarische Demokratie hatten sie bereits aufgegeben. Wenn es noch einmal zu Wahlen, nunmehr mit der vereinten Rechten, kommen sollte, die dann auf den Sieg hoffte, sollten dies die letzten freien Wahlen in Deutschland sein.

Ebenso hatten sich wesentliche Teile der Wirtschaftselite von der demokratischen Republik längst abgewandt und verlangten ihrerseits eine autoritär unternehmerfreundliche Politik, die insbesondere die Kommunisten, aber auch die Sozialdemokraten radikal bekämpfen sollte. Nicht zuletzt unterstützten einflussreiche Reichswehrgeneräle wie Werner von Blomberg die Machtübertragung an die Nationalsozialisten, weil sie damit eine Stärkung der Stellung des Militärs im Staat und in der Gesellschaft erwarteten.

Die herrschenden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten hatten die Demokratie abgeschrieben, bevor sie Hitler an die Macht brachten. Vielmehr setzten sie auf einen autoritären Staat unter Einschluss der Nationalsozialisten, die sie hofften, zähmen zu können. Im Vertrauen auf die Herrschaft über die wichtigsten institutionellen Machtapparate wie das Heer, die Bürokratie und die Justiz sowie die Unterstützung seitens der Wirtschaft glaubten sie, die nationalsozialistische Massenbewegung als Mehrheitsbeschafferin einbinden und zugleich von den tatsächlichen Entscheidungen fernhalten zu können. „In zwei Monaten“, so soll von Papen gesagt haben, „haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“ – eine ebenso bornierte wie katastrophale Fehleinschätzung. Denn Hitler und die NS-Führung waren keineswegs gewillt, nur den Steigbügelhalter für die alte Herrenklasse zu spielen, sondern wollten die politische wie gesellschaftliche Ordnung in Deutschland grundlegend verändern und besaßen den unbedingten politischen Willen wie die gewalttätige Rücksichtslosigkeit, ihren Reden Taten folgen zu lassen.

Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1928 bis 1932Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1928 bis 1932
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Quellentext

Machtkampf in der „Harzburger Front“

[...] [A]m 10. und 11. Oktober 1931 [trifft sich] in dem Städtchen am Harz [Bad Harzburg] [...] die „nationale Opposition“ zu einer Heerschau. Sonderzüge, Busse und Autos bringen Tausende von Menschen herbei. Für zwei Tage beherrschen die uniformierten Kolonnen des Stahlhelms – das ist der Bund der Frontsoldaten – und der SA das Straßenbild. Es wird ein internationales Ereignis: Über fünfzig in- und ausländische Reporter sind angereist. [...] Initiator des Treffens [...] ist der 66-jährige Pressezar Alfred Hugenberg, seit 1928 Vorsitzender der DNVP. [...]

Mit ihrer Kundgebung in Harzburg will die „nationale Opposition“ ihre Stärke und Geschlossenheit demonstrieren. Und sie will, wie das Zentralorgan der DNVP „Unsere Partei“ unverhüllt verkündet, „das Signal zum Angriff“ geben „gegen ein morsch gewordenes System“, gegen die verhasste Demokratie von Weimar. [...]
Bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 konnten die Nationalsozialisten sensationelle 18,3 Prozent der Stimmen erzielen und die Zahl ihrer Mandate von 12 auf 107 steigern. Die DNVP kam dagegen nur noch auf 7 Prozent, gegenüber 1928 hatte sich ihr Anteil halbiert. Viele ihrer Wähler waren offenkundig zu den Nazis übergelaufen. [...]
So hatten sich die Gewichte innerhalb des rechten politischen Spektrums deutlich zugunsten der NSDAP verschoben, und die Landtagswahlen des Jahres 1931 signalisierten, dass sie sich weiter kräftig im Aufwind befand. Gegenüber den konservativen Bündnis- partnern von 1929 betonte Hitler nun seine Unabhängigkeit. Er machte ihnen klar, dass er keineswegs nur den „Trommler“ geben wollte. [...]
Das Tagebuch von Joseph Goebbels, dem Berliner Gauleiter und Propagandachef der Partei, verrät, mit wie viel Skepsis und Misstrauen man in Hitlers Umgebung der Kundgebung entgegensah. „Hugenberg sucht uns die Führung zu nehmen“, notierte Goebbels am 9. Oktober. „In Harzburg sollen wir öffentlich festgenagelt werden und Hugenberg zum ‚Führer‘ der ‚nationalen Opposition‘ ernannt. Ich habe Hitler gewarnt. Er wird aufpassen.“
[...] [A]m Abend [des 10. Oktober – Anm. d. Red.] fuhr Hitler im Auto nach Bad Harzburg. Er traf hier erst zwei Stunden nach Mitternacht ein – zu spät, um noch an der Vorbesprechung teilzunehmen, auf der die Marschroute für den nächsten Tag festgelegt wurde. „Hitler ist wütend, da man uns an die Wand quetschen will“, beschreibt Goebbels die gereizte Stimmung seines Chefs bei der Ankunft.
[...] Hitler [...] kommt nach Bad Harzburg, nicht um Gemeinsamkeit zu demonstrieren, sondern um seinen Führungsanspruch zu reklamieren. Während der gesamten Zusammenkunft legt er ein primadonnenhaftes Verhalten an den Tag. Ein ums andere Mal brüskiert er seine konservativen Bündnispartner.
So erscheint er zwar am Sonntagvormittag zu einer Sitzung der NSDAP-Fraktion, nicht aber zu der danach anberaumten gemeinsamen Sitzung der DNVP- und NSDAP-Fraktionen. Dem Feldgottesdienst bleibt er ebenfalls fern, und die anschließende Parade der SA nimmt er stehend im Auto ab, um sich dann demonstrativ zu entfernen, als die Formationen des Stahlhelms anrücken – für die Führung des Bundes der Frontsoldaten „eine schwere Kränkung“, wie [Franz] Seldte [einer der beiden Bundesführer des Stahlhelms – Anm. d. Red.] sich später beklagt. Auch beim gemeinsamen Mittagessen wartet man vergeblich auf den Führer der NSDAP.
Für den Nachmittag ist die Abschlusskundgebung im Kurhaussaal angesetzt. [...] Hugenberg eröffnet seine Rede mit der Behauptung, die in Bad Harzburg versammelte Rechte repräsentiere „die Mehrheit des deutschen Volkes“. Der Regierung Brüning wirft er „eine Katastrophenpolitik“ vor, die „auf geradem Weg ins Chaos“ führen müsse, und er beschwört die Gefahr des Bolschewismus. Es gebe nur zwei Wege: „Der eine ist der russische, der andere ist der deutsche.“ Hitler, der nach Hugenberg das Wort ergreift, schert wiederum aus der gemeinsamen Front aus, indem er so tut, als befinde er sich ausschließlich unter seinen Gefolgsleuten. Er redet alle Anwesenden mit „Parteigenossen und Parteigenossinnen!“ an und schließt mit dem Ausruf: „Es lebe unsere herrliche nationalsozialistische Bewegung!“ [...]
In ihrer Schlussresolution fordern die Harzburger Frondeure den Rücktritt Brünings und der preußischen Regierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Otto Braun sowie Neuwahlen. An Hindenburg appellieren sie, „dem stürmischen Drängen von Millionen vaterländischer Männer und Frauen, Frontsoldaten und Jugend“ nachzugeben und „in letzter Stunde durch Berufung einer wirklichen Nationalregierung den rettenden Kurswechsel“ herbeizuführen.
[...] Doch einig ist sich die Harzburger Front nur im Negativen, in der bedingungslosen Ablehnung des Weimarer „Systems“. Auf ein Programm für eine gemeinsame Regierung hat man sich nicht verständigen können. Hinter den Kulissen geht der Kampf um die Füh- rung weiter. [...]
Wie brüchig die Harzburger Front ist, zeigt sich bereits am 18. Oktober, als Hitler in Braunschweig an die 100000 Angehörige von SA, SS und HitlerJugend aufmarschieren lässt. Damit will er nicht nur seine Eigenständigkeit zur Schau stellen, sondern zugleich deutlich machen, dass allein die NSDAP Massen mobilisieren kann. [...]
Trotz Hitlers Extratouren hält Hugenberg unverdrossen an der Perspektive einer gemeinsamen Machtübernahme fest. Ende Januar 1932 teilt er Hitler mit, dass es „vielleicht in Kürze möglich“ sein werde, „das in Harzburg aufgestellte Ziel des Ersatzes der bisherigen Regierung durch eine wirkliche Rechtsregierung zu verwirklichen“. [...]
Im Januar 1933 sind Hugenberg und Hitler am Ziel. In der „Regierung der nationalen Konzentration“, die Hindenburg am 30. Januar vereidigt, wird der Reichskanzler Hitler von konservativen Fachministern „eingerahmt“; Hugenberg bekommt ein Doppelressort, das Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium, Seldte das Arbeitsministerium. Die Posten seien so verteilt worden, bemerkt Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen Berliner Tageblatts, „wie es die Herren der ‚Harzburger Front‘ erstrebt“ hätten.
Doch die Hoffnung, Hitler in seinen Machtambitionen zügeln und ihn nach den eigenen Vorstellungen lenken zu können, entpuppt sich rasch als grandiose Illusion. Der neue Mann in der Reichskanzlei braucht nur wenige Monate, um seine konservativen Bündnispartner an die Wand zu spielen. Hugenberg muss bereits Ende Juni 1933 zurücktreten; sein Konzern wird Schritt für Schritt von den Nationalsozialisten übernommen. Das hindert ihn nicht daran, Hitler in einem Brief zum ersten Jahrestag der Machtergreifung 1934 noch einmal zu versichern, dass er „an all den Gedanken und Zielen“ festhalte, „die uns damals zusammengeführt haben“. Jetzt steht sie, die Harzburger Front – geschlossen hinter Hitler.

Volker Ullrich, „Das Signal zum Angriff“, in: Die Zeit, Nr. 41 vom 6. Oktober 2011




Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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