Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

„Volksgemeinschaft“

Integration der Arbeiterschaft

Eine der wichtigsten Gruppen, um deren Integration in die „Volksgemeinschaft“ sich die Regimeführung sehr bemühte, war die Arbeiterschaft, von der sie wusste, dass sie dem Nationalsozialismus zu einem großen Teil durchaus noch distanziert gegenüberstand. Bei den Betriebsratswahlen im März und April 1933 hatten die Vertreter der Freien Gewerkschaften noch fast drei Viertel der Stimmen erhalten, wohingegen die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) trotz Machtergreifung nur auf gut elf Prozent der Stimmen kam. Die Hitler-Regierung reagierte auf das für sie schlechte Ergebnis mit einer Aussetzung weiterer Wahlen und einem Gesetz Anfang April, mit dem Betriebsräte, die „in staats- und wirtschaftsfeindlichem Sinne eingestellt“ seien, abgelöst und neue „ernannt“ werden konnten.

Um nach der Zerschlagung der Gewerkschaften kein Machtvakuum in den Betrieben entstehen zu lassen und die organisierte Arbeitnehmerschaft aufzufangen, wurde gleich im Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront (DAF) unter Robert Ley gegründet, die die Millionen Gewerkschaftsmitglieder übernahm und zugleich das Vermögen der Gewerkschaften raubte.

Im selben Monat folgte die Einsetzung von sogenannten Treuhändern der Arbeit, die, angeblich unabhängig, tatsächlich jedoch in der Regel zugunsten der Unternehmer, die Lohn- und Arbeitsbedingungen regelten. Die Tarifautonomie war damit aufgehoben. Am 20. Januar 1934 bestätigte das Gesetz zur „Ordnung der nationalen Arbeit“ die Rolle der Treuhänder und bestimmte, dass es künftig in den Betrieben nur eine „Betriebsgemeinschaft“ mit „Führer“ und „Gefolgschaft“ geben dürfe. Statt Betriebsräten gab es nun „Vertrauensräte“, statt Mitbestimmung nur „Beratung“. Als sich dennoch 1935 bei den betrieblichen Wahlen noch Gegenstimmen abzeichneten, erhielten die Treuhänder auch das Recht, „Vertrauensmänner“ zu ernennen. Im selben Jahr wurde zudem das „Arbeitsbuch“ wieder eingeführt, das die freie Wahl des Arbeitsplatzes einschränkte und darüber hinaus die Kontrolle der Arbeitenden erlaubte.

Diese einschneidenden Regelungen, die die sozialen Konflikte in den Betrieben unterdrücken sollten, waren begleitet von zahlreichen Anstrengungen des NS-Regimes, die Arbeiterschaft zu integrieren. Ziel der DAF war, wie es in der Verordnung Hitlers vom 24. Oktober 1934 hieß, „die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen“. Die DAF solle dafür sorgen, „dass jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zu höchster Leistung befähigt und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet“.

Schon zum 1. Mai 1933 war viel von der „Ehre der Arbeit“ die Rede, DAF-Leiter Ley besuchte in den folgenden Monaten zahlreiche Betriebe und machte es sich zur Gewohnheit, demonstrativ Arbeitern an der Werkbank die Hand zu geben. Diese symbolische Geste, die zeigen sollte, dass der „Führer“ auf den „einfachen Mann“ zugeht und ihm „von Mann zu Mann“ die Hand reicht, setzte selbstredend die autoritäre Betriebsverfassung keineswegs außer Kraft, aber die Wirkungskraft solcher „handgreiflicher Anerkennung“ darf dennoch nicht unterschätzt werden.

Offiziell war der DAF eine eigenständige Arbeits- und Sozialpolitik verwehrt, und der verordnete Lohnstopp engte ihren Handlungsspielraum erheblich ein. Gerade deswegen versuchte die Organisation nicht bloß propagandistisch, sondern auch materiell auf die Arbeitsbedingungen in den Betrieben Einfluss zu nehmen. Das DAF-Amt „Schönheit der Arbeit“ kümmerte sich um die Modernisierung von Betriebskantinen, den Bau von Sportanlagen oder die Verbesserung der Hygiene in den Betrieben. Das Reichsheimstättenamt drängte die Kommunen, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben, und die Firmen, ihren Arbeitern billige Kredite für den Hausbau zur Verfügung zu stellen. Stammarbeiter sollten bevorzugt werden, allerdings hatten sie politisch zuverlässig und „erbgesund“ zu sein. Die DAF kümmerte sich um „deutsche Wohnkultur“, ließ Mustereinrichtungen entwerfen und Modellmöbel herstellen, die sich durch Funktionalität und Schlichtheit auszeichnen und, weil in hoher Stückzahl hergestellt, zu erschwinglichen Preisen angeboten werden sollten.
Das Amt für Volksgesundheit führte ärztliche Vorsorgeuntersuchungen in den Betrieben durch, deren Daten dann statistisch aufbereitet und rassenbiologisch ausgewertet wurden. Als bei einem beachtlichen Teil der Belegschaften ein besorgniserregender Gesundheitszustand erkennbar wurde, weitete das Regime seit 1936/37 die Zahl der Betriebsärzte erheblich aus und förderte den Betriebssport, jedoch mit keineswegs bloß sozialpolitischen Absichten, sondern vor allem, um die Wehrertüchtigung zu stärken.

Die DAF förderte die betriebliche Aus- und Weiterbildung und veranstaltete seit 1934 alljährliche „Reichsberufswettkämpfe“, an denen Millionen, zumeist jugendliche Arbeitnehmer teilnahmen. Das Motto lautete: „Freie Bahn dem Tüchtigen!“ und verhieß damit, unabhängig von sozialer Herkunft allein durch persönliche Leistung vorankommen zu können. Mit der „Goldenen Flagge“ wurden alljährlich im „Leistungskampf der deutschen Betriebe“ nationalsozialistische Musterfirmen ausgezeichnet, die eben den betriebs- und sozialpolitischen DAF-Kriterien in besonderer Weise entsprachen. Die Teilnahme war freiwillig, und doch hatten sich zum Beispiel 1939/40 nicht weniger als 273000 Betriebe gemeldet.

Das bekannteste und zweifellos populärste Amt der DAF war „Kraft durch Freude“ (KdF). Im November 1933 nach italienischem, faschistischem Vorbild gegründet, widmete es sich der Freizeitorganisation der Arbeitnehmer, veranstaltete Kulturabende und insbesondere Reisen. Bereits 1935 nahmen über 5,7 Millionen Personen an Kurzfahrten innerhalb Deutschlands teil, über 120000 Menschen kamen im selben Jahr in den Genuss einer Schiffsfahrt mit einem der zehn KdF-Dampfer. Am begehrtesten waren selbstverständlich die Auslandsreisen. 1938 fuhren bereits rund 140000 Deutsche nach Italien, andere reisten nach Norwegen, Griechenland, sogar nach Madeira und auf die Kanarischen Inseln. Dabei ist zusätzlich in Rechnung zu stellen, dass es für Arbeiter erst unter dem NS-Regime einen nennenswerten Urlaub, allerdings differenziert nach Branchen, Lebensalter und der alleinigen Entscheidung der „Betriebsführer“, von sechs bis zwölf Tagen gab.

Für die NS-Führung stand die Wehrhaftigkeit im Vordergrund, wie es Hitler bei der Gründung der Organisation unmissverständlich ausdrückte: „Ich will, dass dem deutschen Volk ein ausreichender Urlaub gewährt wird. Ich wünsche dies, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“ In der alltäglichen Praxis jedoch bedeutete KdF vielmehr die Erfahrung von Freizeit und Konsum. Millionen Deutsche erlebten reale und nicht nur propagandistische Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat in seiner Gesellschaftsgeschichte Deutschlands unterstrichen, dass mit der Verheißung einer „Volksgemeinschaft“ ein „Modernitätsappeal“ und ein Mobilisierungsschub verbunden waren, die entscheidend, insbesondere bei den jüngeren Generationen, zur Legitimation des Regimes beitrugen. Das Versprechen, dass jeder Einzelne nach seiner Leistung, nicht nach seiner Herkunft zähle, hat die Klassenschranken in Deutschland keineswegs eingerissen, aber durchaus zu mehr Aufstiegsmobilität und Leistungsbereitschaft geführt.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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