Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Verfolgung

Polizei

In Preußen war die politische Polizei zwar aus der sonstigen Polizeiverwaltung ausgegliedert und faktisch einer verwaltungsrechtlichen Kontrolle entzogen, blieb aber als Oberste Landesbehörde unmittelbar dem Ministerpräsidenten unterstellt und damit Teil der preußischen Verwaltung. Ähnliche Pläne wurden für die Leitung der Konzentrationslager entworfen. Nachdem die „wilden“ SA-Lager aufgelöst und die Häftlinge in Konzentrationslager unter staatlicher Aufsicht zusammengefasst wurden, sollte ein ziviler Direktor an der Spitze der Konzentrationslager direkt dem preußischen Innenministerium unterstehen.

In Bayern dagegen gerieten politische Polizei und Konzentrationslager von vornherein unter eine einheitliche Leitung. Heinrich Himmler, der nach dem Januar 1933 zunächst mit dem Posten des Polizeipräsidenten in München eher abgespeist worden war, erhielt Mitte März 1933 die Führung über die gesamte politische Polizei Bayerns. Damit waren die Funktionen als Chef der SS und als Führer der Politischen Polizei Bayerns in seiner Person vereinigt. Und Himmler erreichte, dass ihm das Konzentrationslager Dachau unterstellt wurde. In Bayern entstand eine Verbindung aus SS, Politischer Polizei und Konzentrationslager, das sich als das siegreiche Modell im Machtkampf innerhalb der NS-Führung, wer die Kontrolle über die Polizei erhalten solle, herausstellte.

Himmler verfügte mit der SS über eine als diszipliniert geltende Truppe, die sich einerseits von der in ihrem revolutionären Elan unberechenbaren SA abhob, andererseits gegenüber konservativen oder deutschnationalen Kandidaten für die Polizeiführung die Gewähr einwandfreier nationalsozialistischer Gesinnung und Härte gegenüber den politischen Gegnern bot. Zugleich bedeutete gerade die Verbindung von politischer Polizei, Konzentrationslagern und deren Wachmannschaften ein uneingeschränktes Feld des Terrors.

Mit Hitlers Unterstützung gelang es Himmler in den kommenden Monaten, von Bayern aus die Führung der politischen Polizeien in den übrigen Ländern und damit auch die Verfügungsgewalt über die Konzentrationslager in seine Hand zu bekommen. Im April 1933 wurde Himmler zum Inspekteur der preußischen Gestapo ernannt und kontrollierte damit auch die politische Polizei des größten Landes des Deutschen Reiches. Er und Heydrich wechselten nun ihre Machtzentrale von München nach Berlin.

Schon in dieser frühen Phase richtete sich die nationalsozialistische Verfolgung nicht allein gegen politische Oppositionelle, sondern auch gegen „Gemeinschaftsfremde“ und „Asoziale“. Im September 1933 waren reichsweit Tausende von Landstreichern und Bettlern zeitweise verhaftet worden – eine Aktion, mit der das neue Regime öffentlich unter Beweis stellen wollte, dass es „Ordnung“ schaffe. In Berlin gab es zu dieser „Bettlerrazzia“ sogar eine Radioreportage vor Ort, ebenso wie Zeitungen öffentlich über die Internierung von politischen Oppositionellen in Konzentrationslagern berichteten.

„Rassische Generalprävention“

Im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung standen für Hitler und Himmler nicht mehr bloß die Ausschaltung der politischen Opposition als vielmehr eine allumfassende „rassische Generalprävention“, so der Historiker Ulrich Herbert, durch SS und Polizei. „Die nationalsozialistische Idee, die heute das deutsche Volk und das Reich beherrscht, sieht im Volk, nicht im Einzelmenschen, die wirkliche Erscheinungsform des Menschentums“, führte Heinrich Himmler 1937 in einem grundsätzlichen Aufsatz über Aufgaben und Aufbau der Polizei im Nationalsozialismus aus. „Die Polizei hat das deutsche Volk als organisches Gesamtwesen, seine Lebenskraft und seine Einrichtungen gegen Zerstörungen und Zersetzung zu sichern. Die Befugnisse einer Polizei, der diese Aufgaben gestellt sind, können nicht einschränkend ausgelegt werden.“

Ein entscheidender Schritt zum Aufbau einer solchen rassistischen Polizei war Hitlers Entscheidung, Himmler im Juni 1936 zum Chef der gesamten deutschen Polizei zu ernennen und damit die Polizei aus der bisherigen Struktur der inneren Verwaltung herauszulösen. Bezeichnenderweise setzte sich Himmler erfolgreich gegen die Absicht des Innenministeriums zur Wehr, seine Ernennung „unter Berufung in das Beamtenverhältnis“ vorzunehmen. Seine neue Funktion verstand der Reichsführer SS keineswegs als Staatsdienst im herkömmlichen Sinn, sondern als Aufgabe einer künftigen rassistischen staatlichen Ordnung. Sogleich strukturierte er den Polizeiapparat um, fasste Kriminalpolizei und Geheime Staatspolizei in einem Hauptamt Sicherheitspolizei zusammen, das von Reinhard Heydrich geleitet wurde, und unterstellte die übrige Polizei in einem Hauptamt Ordnungspolizei dem altgedienten SS-Obergruppenführer Kurt Daluege.

Quellentext

KZ Moringen 1933 – aus zwei verschiedenen Blickwinkeln

August Baumgarte aus Hannover und Karl Ebeling aus Lauenstein am Ith berichten:


„Im März wurden wir als ‚Schutzhäftlinge‘ nach Moringen überführt und in das sogenannte Arbeitshaus eingesperrt. In zwei großen Sälen lagen 280 Kommunisten, 30 Sozialdemokraten und 20 Mitglieder anderer Parteien. Am 2. Mai wurde eine Amnestie erlassen. Etwa 100 Häftlinge durften nach Hause. Nach und nach wurden neue eingeliefert. Zuerst durften wir in Arbeitskolonnen als ‚Freiwillige‘ Wege und Straßen bauen – unter Bewachung von SA-Leuten. Dann wollte man uns zur Arbeit zwingen. Wir forderten tarifliche Bezahlung. Wir hatten abgesprochen, alles gemeinsam zu tun. Die SA versuchte, uns gegeneinander auszuspielen. Doch wir hielten zusammen. Das machte unsere Bewacher wild. Sie fingen an zu schlagen. Willkürlich holten sie einzelne von uns heraus und prügelten sie im Bunker. Darauf verweigerten wir alle das Essen. [...] Am zweiten Tag des Hungerstreiks drehte man uns das Wasser ab. Es war ein heißer Sommer. Wir hatten fürchterlichen Durst. Bald hatten die sanitären Anlagen kein Wasser mehr! Am dritten Tag machten die ersten schlapp. Am vierten Tag waren viele völlig apathisch. Da holte sich die SA Polizeikommandos aus Hannover zur Verstärkung. Unter ärztlicher Anleitung versuchte man, uns zwangsweise zu füttern.
Wir lebten noch immer in den Vorstellungen der Weimarer Demokratie von Recht und Ordnung. Wir blieben standhaft. Schließlich gab man die Fütterungsaktion auf. Nach fünf Tagen erschien eine staatliche Kommission, der wir unsere Forderungen nach anständiger Behandlung, vernünftigem Essen und tariflicher Bezahlung vortrugen. Sie akzeptierten und ließen uns vier Wochen in Ruhe. –
Inzwischen bauten die Faschisten ihre Macht in Deutschland aus. Nach vier Wochen wurde unsere Wachmannschaft abgelöst. Jetzt kam die SS! Was sich nun abspielte, ist unbeschreiblich. Jeden Tag wurden mehrere Razzien durchgeführt. Jeder, der den SS-Banditen nicht paßte, wurde im Bunker durchgeprügelt. [...] Derartige Exzesse waren an der Tagesordnung. Das ging vier Wochen lang. Dann wurden wir aufgeteilt. Ein Teil von uns kam nach Esterwegen, der andere nach Oranienburg.“ (Baumgarte)
„Die Brutalität fing an, als die Polizei von der SS abgelöst und SS-Sturmführer Kordes Kommandant wurde. Er richtete einen Raum ein, den sie ‚Freudenzimmer‘ nannten. So mancher hat dieses ‚Freudenzimmer‘ kennengelernt. Ich denke besonders an den sozialdemokratischen Polizeirat Buchholz aus Hannover, der mein Tischnachbar war. Drei Tage haben wir ihn nicht gesehen. Als er wieder raus kam, sah er furchtbar aus. [...]“

NS-Presse über KZ Moringen Juni 33
Ein Besuch im Provinzial-Werkhaus in Moringen

Vor einigen Tagen hatte ein Mitglied unserer Schriftleitung anläßlich einer Besichtigung des Werkhauses in Moringen durch die Staatsanwaltschaft Gelegenheit, an dem Besuche teilzunehmen.
Das Werkhaus Moringen ist das Arbeits- und Korrektionshaus der Provinz Hannover. Es untersteht direkt dem Landesdirektorium Hannover. Die Leitung liegt in den Händen von Direktor Krack.
Im Arbeitshaus werden Arbeitsunwillige untergebracht, z. B. Landstreicher und Bettler, und solche, die sich der Unterhaltspflicht gegen ihre Familie entziehen. Zur Zeit sind außer den Arbeitshäuslern auch politische Schutzhäftlinge, insbesondere Kommunisten, sowie alle, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit bilden, in die Anstalt gebracht.
Das Werkhaus ist jetzt belegt von etwa 70 bis 80 Arbeitshäuslern und etwa 300 politischen Schutzhäftlingen, darunter befinden sich eine große Anzahl Clausthaler Kommunisten. Auch die KPD.-Göttingen ist mit einigen ihrer Prachtexemplare vertreten. [...]
Im Hauptgebäude, das an der Hauptstraße liegt, sind in einem Flügel die weiblichen Insassen untergebracht, die politischen Schutzhäftlinge sind von den eigentlichen Werkhäuslern getrennt. In einem anderen Flügel befinden sich die Bekleidungskammern. Über einen langen Gang hinweg Lazarett, Operationszimmer und Arztzimmer. Die sanitären Räume sind hell und weit. Wir steigen die Treppe hinunter und treten in den großen Hof. Die Schutzhäftlinge machen gerade ihren Spaziergang. Vor den Gebäuden stehen Wachen der SA.- und SS.-Hilfspolizei. Der Hof ist umschlossen von hohen Gebäuden, die wiederum von einem tiefen Wassergraben umgeben sind. Auf dem Hofe sind Turngeräte aufgebaut, an denen sich die Gefangenen betätigen können. Gleich rechts liegt der große Bibliotheksraum, in dem eine reichhaltige Bücherei untergebracht ist. [...]
Im Erdgeschoß der Wohnräume der Arbeitshäuser sind ausgedehnte Werkstätten, in denen sich die Gefangenen nach ihrer beruflichen Ausbildung betätigen können. [...]
[E]ine Schlosserei, eine Wagnerei, eine Schneiderei und eine Schusterei [sind] eingerichtet. Die Erzeugnisse werden nur für den internen Betrieb der Anstalt hergestellt. In den äußeren Handel kommen nur Mattengeflechte und Fisch- und Weidenkörbe, also ausgesprochene Anstaltsarbeiten.
Gegenüber liegen die Küche und die Baderäume. Der Speisezettel wird jedesmal für einen Monat festgelegt und in jedem Raume ausgehängt. Die Badeeinrichtung bietet jedem Insassen Gelegenheit, morgens ein Brausebad zu nehmen. Die politischen Schutzhäftlinge sind in einem besonderen Gebäude untergebracht. Vor den Gebäuden stehen Wachen von hannoverschen Schutzpolizisten, die unter dem Kommando eines Schutzpolizeihauptmanns stehen, der die militärische Befehlsgewalt in der Anstalt ausübt. Große lichte Tagesräume bieten den Häftlingen Aufenthalt für den Tag. Die weiten Schlafräume sind hell und gut durchgelüftet.
In einem besonders abgeschlossenen Flügel sind Zellen für Einzelhaft eingerichtet, die für widerspenstige Häftlinge zur Verfügung gehalten werden.[...]
Die Stimmung unter den Häftlingen vermittelte uns nach Schluß der Besichtigung eine Gruppe von politischen Schutzhäftlingen, die von der Arbeit auf dem Felde kamen. Frische und kräftige Gestalten. Fast alle hatten sich mit Blumen geschmückt oder trugen Sträuße in der Hand. Sie marschierten singend, in Gruppenkolonne, unter der Führung eines Polizeiwachtmeisters durch die Straßen. Man hatte den Eindruck, daß in das Leben dieser Männer, die früher nur den Klassenhaß kannten, ein neuer Rhythmus getreten ist. Vielleicht haben sie alle erst jetzt gelernt, daß Zucht und Ordnung die Grundlagen des Staates sein müssen, wenn er bestehen will.

In: Thomas Berger (Hg.), Lebenssituationen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, für Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1981, S. 37 ff.




Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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