Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.

24.5.2012 | Von:
Michael Wildt

Verfolgung

Errichtung der Konzentrationslager

Zur selben Zeit ließ Himmler alle bisherigen kleinen Schutzhaftlager auflösen und neben Dachau, das erheblich erweitert wurde, zwei neue, große Konzentrationslager in Sachsenhausen bei Berlin sowie in Buchenwald nahe Weimar errichten. 1938 kamen die Konzentrationslager Flossenbürg, Neuengamme und Mauthausen (nach dem „Anschluss“ Österreichs) sowie das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück hinzu. Alle Lager wurden von eigenen SS-Wachverbänden, seit März 1936 offiziell SS-Totenkopfverbände genannt, bewacht und die Lagerorganisation vereinheitlicht. Während im KZ Dachau nach wie vor vornehmlich politische Häftlinge interniert wurden, füllten sich die neuen Konzentrationslager mit Menschen, die nicht mehr wegen ihrer politischen Gesinnung, sondern nach rassenbiologischen Kriterien ausgewählt worden waren.

Verfolgung von „Asozialen“ und Homosexuellen

Der Begriff der „Asozialität“ wurde zu einer zentralen Kategorie der Verfolgung, und kriminalbiologische Vorgaben bildeten die Grundlage einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“. Im März 1937 verhaftete die Kriminalpolizei nach vorbereiteten Listen etwa 2000 „Berufs-", „Gewohnheits-" und „Sittlichkeitsverbrecher“ und verschleppte sie nach Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald, um sie dort für den Ausbau der Lager einzusetzen. Unter den Verhafteten befanden sich vermutlich auch viele Homosexuelle, nachdem 1935 bereits der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches verschärft worden war, was zu einem drastischen Anstieg von Strafurteilen und der KZ-Internierung von tausenden Homosexuellen geführt hatte. Im Oktober 1936 war außerdem eine zentrale Stelle im Reichskriminalpolizeiamt zur „Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ eingerichtet worden. Noch kurz vor der Verhaftungsaktion hatte Himmler in einer Rede vor SS-Gruppenführern im Februar 1937 den Kampf gegen die männliche Homosexualität besonders hervorgehoben, weil diese Männer in Himmlers rassistischer Weltsicht für die Fortpflanzung des Volkes ausfielen.

Im Januar 1938 erteilte Himmler den Gestapostellen im Reich und dann auch in Österreich, das im März angegliedert worden war, den Befehl, sogenannte Arbeitsscheue zu verhaften und im KZ Buchenwald zu internieren. Diese Aktion, die etwa 1500 Menschen ins Konzentrationslager brachte, war aber nur der Auftakt für eine größere Verhaftungswelle im Juni 1938. Dieses Mal erhielt jeder Leitstellenbezirk der Kriminalpolizei eine feste Quote, mindestens 200 arbeitsfähige „asoziale“ Männer zu verhaften. Zusätzlich sollten alle männlichen Juden interniert werden, die jemals zu einer Haftstrafe von mindestens einem Monat verurteilt worden waren, was mittlerweile bei den geringsten Delikten möglich war. Die Polizei erfüllte das Soll um ein Dreifaches; insgesamt wurden rund 10000 Männer verhaftet und nach Buchenwald und Sachsenhausen gebracht. Der Zweck der Internierung lag darin, die Häftlinge als Arbeitskräfte für den Ausbau der Lager und für die SS-eigenen Betriebe, insbesondere zur Herstellung von Ziegeln für die Baubranche, auszunutzen; zugleich sollten die „Asozialen“ aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgesondert werden.

Verfolgung von Roma und Sinti

Auch Roma und Sinti wurden als „Asoziale“ verfolgt. Schon in der Kaiserzeit wie in der Weimarer Republik hatten lokale Behörden Roma und Sinti schikaniert. Nun systematisierte das NS-Regime die Verfolgung. 1936 begannen mehrere Großstädte, Lager für Roma und Sinti zu errichten, und internierten Hunderte unter hygienisch elenden Bedingungen. Ein eigenes Referat widmete sich im Reichskriminalpolizeiamt der Verfolgung der „Zigeunerplage“. Im Dezember 1938 befahl Himmler die rassenbiologische Erfassung sämtlicher „Zigeuner“ in Deutschland. Danach erhielten sie, je nachdem, ob sie als „reinrassige Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ oder „nicht-seßhafte Zigeuner“ eingestuft wurden, unterschiedliche Ausweise, ohne die es ihnen nicht möglich war, Arbeit zu bekommen. Zudem wurde ihnen jedwede Mobilität verboten, vielmehr sollte die Polizei sie „festsetzen“. Unter den internierten, „asozialen“ KZ-Häftlingen befanden sich zahlreiche Roma und Sinti.

Häftlingszahlen

Die Zahl der KZ-Häftlinge stieg aufgrund der Verhaftungsaktionen innerhalb von zwei Jahren um das Fünffache: von über 4700 im November 1936 auf etwa 24000 Anfang November 1938. Wenige Tage später kamen infolge der Verhaftungswelle jüdischer Männer nach dem Novemberpogrom für mehrere Wochen etwa 36000 neue Häftlinge hinzu, so dass die Zahl der Häftlinge kurzzeitig auf fast 60000 anwuchs – mit all den katastrophalen Folgen für die Unterkunft, Verpflegung und hygienischen Bedingungen in den Lagern, die auf solche Belegungszahlen nicht eingerichtet waren. Bis zum Jahresende wurde zwar ein Großteil der jüdischen Häftlinge wieder entlassen, sobald sie der Enteignung ihres Vermögens und der sofortigen Ausreise „zugestimmt“ hatten. Bis zum Kriegsbeginn wuchs aber die Zahl der Häftlinge wieder auf über 21000 an und stieg dann immens während des Krieges.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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