Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert
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1880 bis 1914


8.8.2012
Zur Jahrhundertwende steigt in Europa der Wohlstand. Der weltweite Warenhandel erreicht seinen Höhepunkt, ebenso die interkontinentale Migration. Von beiden profitieren vor allem die USA, die zur größten Wirtschaftsmacht aufsteigen. Imperialismus, Sendungsbewusstsein und Rassismus sorgen für die Ausweitung des Kolonialismus, an dem sich nun auch die neue Großmacht Japan beteiligt. Auf internationaler Ebene fördert der Nationalismus staatliche Egoismen und wechselseitiges Misstrauen. Deutschland treibt er in die außenpolitische Isolation.

Auswanderer aus Österreich-Ungarn bei der Abreise in Triest auf einem Schiff der Austro-AmericanaAuswanderer aus Österreich-Ungarn bei der Abreise in Triest auf einem Schiff der Austro-Americana (© Wikimedia)

Deutschland 1880-1914


Politik im Kaiserreich

Es ist nicht leicht, die Gesamtperiode des Kaiserreichs (1871-1914/18) durch eine eindeutige Zwischenzäsur zu teilen. In der politischen Geschichte bedeutete der Sturz Bismarcks 1890 einen Einschnitt. Auch die deutsche Außenpolitik veränderte danach ihren Charakter. In Wirtschaft und Gesellschaft hingegen waren die 1880er-Jahre insgesamt eine Übergangszeit: in vielerlei Hinsicht Deutschlands Eintritt in die „Moderne“. Die Reaktionen in den Künsten und Geisteswissenschaften auf diese Veränderungen fanden großenteils erst in den 1890er-Jahren statt.
Die Innenpolitik des Kaiserreichs wurde von Beginn an in ungewöhnlich hohem Maße von Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck bestimmt. Bismarck war zugleich von 1862 bis 1890 Ministerpräsident von Preußen und daher während dieses gesamten Zeitraums die prägende politische Persönlichkeit in Deutschland. Das Amt des Reichskanzlers war auf Bismarcks Politikverständnis zugeschnitten. Da der Reichskanzler nicht wie ein britischer Premierminister oder ein französischer Ministerpräsident unter der Dritten Republik (die seit 1875 „funktionierte“) von einer Mehrheit im Parlament abhängig war, hatte er von schlechten Wahlergebnissen keine unmittelbar fatalen Folgen für seine politische Karriere zu befürchten. Diese quasi-diktatorische Position hing aber am seidenen Faden des kaiserlichen Vertrauens. Kaiser Wilhelm I. hielt bis zu seinem Tod 1888 an Bismarck fest. Sein Enkel, der junge Kaiser Wilhelm II., entließ den „Eisernen Kanzler“ im Jahre 1890. Mit monarchischer Rückendeckung hatte der Reichskanzler einen immensen Handlungsspielraum. Dennoch musste er zusehen, sich eine Machtbasis in den Institutionen zu sichern. Im Reichstag brauchte er Mehrheiten für die Verabschiedung des Haushalts und der Gesetze. Mit den Einzelstaaten musste er in einem föderalen System den ständigen Ausgleich suchen. In Deutschland war eine in hohem Maße dynamische Gesellschaft entstanden, die sich nicht länger nach altpreußischer „Gutsherrenart“ regieren ließ. Im außerparlamentarischen Raum formierten sich erstmals Verbände und Interessengruppen, etwa der Industrie und der Großagrarier. Eine wichtige neue Macht war die Presse. Mit all seinen Künsten der Einschüchterung und Manipulation vermochte Bismarck sie doch nicht unter Kontrolle zu halten. Die Öffentlichkeit wurde für Politiker immer unberechenbarer. Im Kaiserreich hatte Politik erstmals mit den schwankenden Stimmungen der öffentlichen Meinung zu rechnen. Teils ließ sie sich instrumentalisieren und mobilisieren, teils trat sie von sich aus mit Forderungen an die Politik heran.

Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1871 bis 1912 (Mandate und Stimmenanteile in %)Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1871 bis 1912 (Mandate und Stimmenanteile in %)
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichig.

Selbst ein Kanzler von solch autoritärem Habitus wie Bismarck bewegte sich daher in einem Umfeld unablässiger politischer Bewegung, die er nicht restlos dominieren konnte. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung war die Unterstützung für Bismarck bereits prekär geworden. Keiner seiner Nachfolger erreichte die Statur des ersten Reichskanzlers. In dem Vierteljahrhundert zwischen Bismarcks Entlassung und dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Machtverhältnisse in Deutschland komplizierter. Schwächeren Kanzlern stand ein allmählich erstarkender Reichstag gegenüber. Bei der Reichstagswahl 1890 vereinigte die SPD die meisten Wählerstimmen auf sich; 1912 wurde sie zur stärksten Kraft im Parlament. Ein unabhängiger Machtfaktor blieb das Militär, das nur dem kaiserlichen „Obersten Kriegsherrn“ unterstand. Nach seinen Siegen in den drei „Einigungskriegen“ zwischen 1864 und 1871 genoss es höchstes Prestige. Während der langen Friedenszeit nach 1871 hielt es seine Stellung durch die allgemeine Wehrpflicht aufrecht, die für die meisten Rekruten drei Jahre betrug und zu einem der wichtigsten Integrationsinstrumente der deutschen Gesellschaft wurde. Ein weiteres Machtzentrum war der Kaiserhof. Wilhelm II. hielt sich weniger diskret im Hintergrund als seine beiden Vorgänger. Obwohl keine allgemein verehrte Persönlichkeit wie sein Großvater Wilhelm I., war er in der Öffentlichkeit präsent und mischte sich immer wieder, oft mit bizarren Alleingängen, in die Politik ein. Man kann das politische System des Wilhelminismus (1890-1914) als ein konfliktreiches Zusammenspiel mehrerer Machtfaktoren charakterisieren, von denen keiner die eindeutige Oberhand gewann, auch nicht Kaiser oder Reichskanzler.
Zwei längerfristige Entwicklungen in der deutschen Politik fallen besonders ins Gewicht: die Mobilisierung durch Kampagnen sowie der langsame Aufbau des Interventionsstaates. Kampagnen gingen zumeist von der politischen Rechten aus. Sie vertrat einen im Ton immer schärfer werdenden Nationalismus. Nachdem 1871 die nationale Einheit erreicht und am Ende der 1870er-Jahre der institutionelle Aufbau des Reiches weitgehend abgeschlossen war, suchte sich der Nationalismus neue Ziele. Zunehmend trat die aggressive Abgrenzung nach außen in den Vordergrund. Deutschland, so hieß es, müsse sich einen „Platz an der Sonne“ ertrotzen und erkämpfen. Von diesem Geist war die Kampagne für den Aufbau einer deutschen Schlachtflotte getragen, die 1898 begann. Der wichtigste Initiator dieser Pläne, der Staatssekretär im Reichsmarineamt Admiral Al-fred von Tirpitz (1849-1930), konnte sein Ziel mit Hilfe breiter öffentlicher Begeisterung erreichen. Bis 1913 brachte es der „Flottenverein“ auf 1,1 Millionen Mitglieder; sein tatsächliches Unterstützungspotenzial war angesichts der enormen Bedeutung militärischer Werte in der deutschen Gesellschaft noch größer. Kriegervereine und nationalistische Agitationsverbände waren um die Jahrhundertwende keine ausschließlich deutsche Besonderheit. In Deutschland aber gab es einen „Radikalnationalismus, dem das Widerlager starker liberaler, demokratischer Gegenkräfte fehlte“ (Hans-Ulrich Wehler).
Weniger auffällig verlief der Ausbau des Interventionsstaates, bei dem Deutschland anderen europäischen Ländern vorauseilte. In der Tradition des reglementierenden Obrigkeitsstaates der Vormoderne reagierte der Staat mit neuen Mitteln auf die Herausforderungen der entstehenden Industriegesellschaft. Bereits unter Bismarck war zwischen 1883 und 1889 eine für große Teile der Arbeiterschaft verpflichtende Kranken-, Unfall- sowie Invaliditäts- und Altersversicherung eingeführt worden. Dieses Sozialversicherungssystem wurde bis zum Weltkrieg auf immer weitere Bevölkerungskreise ausgedehnt. Es bedeutete einen großen sozialen Fortschritt, auch wenn die Leistungen gering blieben, eine Arbeitslosenversicherung fehlte und die Rechtsstellung von Arbeitnehmern und Gewerkschaften kaum gesichert wurde. Während des gesamten Kaiserreichs stieg der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt („Staatsquote“) von etwa 3 Prozent kontinuierlich auf etwa 15 Prozent (heute ca. 46 Prozent). Nach der Verstaatlichung der anfangs oft privat gegründeten Eisenbahnen wurde der Staat (auf den Ebenen von Reich, Bundesstaaten und Kommunen) auch zu einem bedeutenden Eigentümer. Erstmals trat die öffentliche Hand als gewichtiger Faktor im Wirtschaftsleben auf.

Quellentext

Militarismus in Preußen

[...] Aus den Einigungskriegen ging die Armee, [...] mit einem Glorienschein hervor. Ihr Anteil an der Gründung des neuen Deutschlands wurde während der Kaiserzeit mit den Feierlichkeiten zum Sedanstag gewürdigt, der an den Sieg über Frankreich erinnerte. [...] Die militärischen Präsentationen in Form von Paraden, Marschkapellen und Manövern wurden penibel einstudiert. Militärangehörige bekamen bei fast allen öffentlichen Anlässen Ehrenplätze. Und militärische Bildung und Symbole drangen sogar in die Privatsphäre ein: Die [...] Uniform wurde, selbst an freien Tagen, voller Stolz getragen; militärische Insignien und Medaillen wurden als Andenken an verstorbene Angehörige aufbewahrt. Der Dienst als preußischer Reserveoffizier – um 1914 gab es rund 120 000 – war in die bürgerlichen Gesellschaft ein begehrtes Statussymbol [...]. Schulkinder in Garnisonsstädten sangen Kriegslieder und marschierten auf den Spielplätzen. Ehemalige Militärangehörige traten in Scharen in die rasch wachsenden Veteranenverbände und Militärvereine ein; bis 1913 zählte der Kyffhäuserbund, die zentrale Organisation der Veteranenverbände in Deutschland, gut 2,9 Millionen Mitglieder.
Mit anderen Worten, das Militär drang nach 1871 immer tiefer in das Alltagsleben ein. Was diese Tatsache konkret zu bedeuten hat, ist allerdings keineswegs so offensichtlich. Nach Ansicht einiger Historiker vertiefte die Militarisierung der preußisch-kaiserlichen Gesellschaft die Kluft zwischen Deutschland und den westeuropäischen Staaten, unterdrückte die kritischen und liberalen Energien der Zivilgesellschaft, bewahrte eine hierarchisch geordnete Gesellschaft und trichterte Millionen Deutschen politische Ansichten ein, die reaktionär, chauvinistisch und ultranationalistisch zu nennen waren. [...]
[Doch] darf man nicht außer Acht lassen, dass die deutsche Friedensbewegung damals einen so starken Zulauf hatte wie in keinem anderen Land. Am Sonntag, dem 20. August 1911, versammelten sich 100 000 Menschen zu einer Friedenskundgebung in Berlin, um gegen die riskante Politik der Großmächte während der Marokkokrise zu demonstrieren. Im Spätsommer kam es zu einer Welle ähnlicher Kundgebungen in Halle, Elberfeld, Barmen, Jena, Essen und anderen deutschen Städten. Den Höhepunkt bildete eine Mammutveranstaltung in Berlin am 3. September, als sich 250 000 Menschen im Treptower Park drängten. In den Jahren 1912/13 ebbte die Bewegung ein wenig ab, doch Ende Juli 1914, als der Krieg eindeutig bevorstand, wurden wiederum große Friedenskundgebungen in Düsseldorf und Berlin veranstaltet. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte keineswegs, wie für gewöhnlich behauptet wird, mit einhelliger Begeisterung auf den Krieg. Im Gegenteil: In den ersten Augusttagen 1914 war die Stimmung gedrückt, ambivalent und an manchen Orten ängstlich.
„Militarismus“ war überdies ein diffuses und intern gespaltenes Phänomen. Man muss klar unterscheiden zwischen den im Wesentlichen aristokratischen und konservativen Moralvorstellungen des preußischen Offizierskorps und den sehr unterschiedlichen Identitäten und Bindungen, die mit dem „Militarismus der kleinen Leute“ verknüpft waren. Der legendäre Standesdünkel der preußischen Offizierskaste und ihre Geringschätzung für zivile Wertvorstellungen und Normen waren ein Extrakt des alten Geistes der Exklusivität des ostelbischen Adelsstandes, vermischt mit der Abwehrhaltung [...] einer sozialen Gruppe, die auf ihre traditionelle Vorherrschaft nicht verzichten wollte. Im Gegensatz dazu waren die Moralvorstellungen vieler Veteranenvereine plebejisch und egalitär. [...] „Von unten“ betrachtet, war das Entscheidende am Militär nicht die Ehrerbietung zwischen den Rängen, sondern die Gleichheit unter den Männern, die gemeinsam Dienst taten.

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang; 1600-1947. Übersetzung: Richard Barth / Norbert Juraschitz / Thomas Pfeiffer © 2007, Deutsche-Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, S. 684 ff.




Quellentext

Flottenrüstung und deutsch-englische Konkurrenz

[...] Reichskanzler Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst in einer undatierten Aufzeichnung, die vermutlich für einen Immediatvortrag beim Kaiser am 5. Januar 1896 vorgesehen war [...]:
Die Entwicklung des deutschen Handels bringt es mit sich, daß dadurch die Eifersucht anderer handeltreibender Völker erregt wird. Das ist zu bedauern, läßt sich aber nicht ändern. Nun haben wir uns bisher bemüht, mit allen Mächten die friedlichsten Beziehungen aufrecht zu erhalten, und dies ist uns auch gelungen. Das kann sich aber ändern, und es ist nicht zu leugnen, daß eine Verschlechterung dieser Beziehungen eintreten kann. Wollen wir uns nicht in allem fügen und auf die Rolle einer Weltmacht verzichten, so müssen wir geachtet sein. Auch das freundlichste Wort macht in internationalen Verhandlungen keinen Eindruck, wenn es nicht durch eine ausreichende Macht unterstützt wird. Dazu ist den Seemächten gegenüber eine Flotte nötig.

Aus: Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Denkwürdigkeiten aus der Reichskanzlerzeit, hrsg. von Karl Alexander von Müller, Stuttgart und Berlin 1931, S. 151 f.

[...] [I]n der Begründung zum 2. Flottengesetz [von 1900] hieß es:
Unter den gegebenen Umständen gibt es nur ein Mittel, um Deutschlands Handel und Kolonien zu schützen: Deutschland muß eine Flotte von solcher Stärke haben, daß selbst für die größte Flotte [gemeint war England – Anm. d. Red.] ein Krieg mit ihm ein solches Risiko in sich schließen würde, daß ihre eigene Überlegenheit gefährdet wäre. [...]

Aus: Walther Hubatsch, Der Kulminationspunkt der deutschen Marinepolitik im Jahre 1912, in: Historische Zeitschrift, Bd. 176, 1953, S. 72 f.

[...] Artikel der englischen Zeitung Saturday Review vom 11. September 1897 […] zum Gegensatz zwischen England und Deutschland [...]:
Auf die Länge beginnen auch in England die Leute einzusehen, daß es in Europa zwei große unversöhnliche, entgegengesetzte Mächte gibt, zwei große Nationen, welche die ganze Welt zu ihrer Domäne machen und von ihr den Handelstribut erheben möchten. England, mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Aggression und der wunderbaren Überzeugung, daß es beim Verfolg seiner eigenen Interessen Licht unter den im Dunkeln wohnenden Völkern verbreite, und Deutschland, Fleisch vom selben Fleisch und Blut vom selben Blut, mit geringerer Willenskraft, aber vielleicht lebhafterer Intelligenz, wetteifern in jedem Winkel des Erdballs. ... Überall, wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, liegt ein deutscher Handlungsreisender mit dem englischen Hausierer im Streit. [...]
Eine Million geringfügiger Streitigkeiten schließen sich zum größten Kriegsgrund zusammen, welchen die Welt je gesehen hat. Wenn morgen Deutschland ausgelöscht würde, gäbe es übermorgen keinen Engländer in der Welt, der nicht um so reicher geworden wäre. [...]

Aus: Saturday Review v. 11.9.1897, zit. nach: William L. Langer, The Diplomacy of Imperialism 1890-1902, New York 1935, S. 437

Bernhard von Bülow, [...] zu dieser Zeit [...] Außenminister [...] und später, von 1900 bis 1909 [...] Reichskanzler [...] 1916 in der Rückschau auf diesen Artikel [...]:
Im Herbste 1897, wenige Wochen nach meiner Übernahme der Geschäfte des Auswärtigen Amtes, brachte die „Saturday Review“ jenen berühmten Artikel, der in der Erklärung gipfelte, daß, wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, es übermorgen keinen Engländer gäbe, der nicht um so reicher sein würde, und der mit den Worten schloß: „Germaniam esse delendam“. Zwölf Jahre später erklärten anläßlich meines Rücktritts zwei große und nicht besonders deutschfreundliche englische Blätter, daß die Stellung Deutschlands eine größere und stärkere sei, als sie seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck je gewesen wäre.
[...] Während dieser Jahre haben wir durch den Bau unserer Flotte den vollen Übergang zur Weltpolitik vollzogen. Unser Aufstieg zur Weltpolitik ist geglückt. [...]

Aus: Fürst Bernhard von Bülow, Deutsche Politik, Berlin 1916, S. 129 f.
In: Manfred Görtemaker, Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. durchgeseh. Aufl., Opladen: Leske+Budrich 1996, S. 362, mit freundlicher Genehmigung der Springer Science and Business Media




Deutschland in Weltpolitik und Weltwirtschaft

Dass 1871 mitten in Europa ein militärisch und wirtschaftlich starker, ein seinen kontinentalen Nachbarn überlegener großer Einheitsstaat entstand, bedeutete eine geopolitische Revolution. Die Mitte Europas war in der Geschichte immer staatlich fragmentiert gewesen. Die Gründung des Deutschen Reiches war gegen Österreich und Frankreich militärisch durchgesetzt und von den anderen beiden Großmächten, Russland und Großbritannien, hingenommen worden. An so etwas wie europäische Integration war zur damaligen Zeit nicht zu denken. Außenpolitik war nach dem Ende des Wiener Systems (siehe oben S. 16 ff.) Anfang der 1850er-Jahre mehr denn je ein Machtspiel zwischen souveränen Staaten, die sich gegenseitig belauerten und zwischen denen trotz der verwandtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Herrscherhäusern so etwas wie „Freundschaft“ keine Rolle spielte.
Bismarck betrieb während seiner gesamten Kanzlerschaft Außenpolitik als Chefsache. Auf diesem Gebiet genießt er auch bei seinen zahlreichen Kritikern nach wie vor ein hohes Maß an Anerkennung. Bismarck verband strategische Ziele mit taktischer Finesse. Er war kein zweiter Napoleon, der ein kontinentales Großreich errichten wollte. Den neuen Nationalstaat sah er als „saturiert“ an. Weitere Territorialgewinne auf Kosten der Nachbarn wurden nicht angestrebt. Zentral für Bismarcks außenpolitisches „System“ war die unterschiedliche Behandlung der unterlegenen Kriegsgegner. Österreich-Ungarn wurde zum wichtigsten Verbündeten des Deutschen Reiches, Frankreich hingegen, wegen der erzwungenen Abtretung von Elsass-Lothringen 1871 tief getroffen und unversöhnlich, blieb der Hauptgegner und musste um jeden Preis diplomatisch isoliert werden. Bismarck trieb ein raffiniertes Spiel der – teilweise geheim gehaltenen – Abkommen und Verträge, die jeweils eine ganz unterschiedliche Verbindlichkeit hatten. Mit Russland gab es eine relativ lose Verbindung, mit Großbritannien trotz dynastischer Nähe (Wilhelm II. war ein Enkel von Queen Victoria) überhaupt keine Bündnisbeziehungen.
Bismarck betrieb Außenpolitik über bloße Nachbarschaftspolitik hinaus. Auf dem Berliner Kongress (1878) und auf der Berliner Westafrika-Konferenz (1884/85) wirkte er als Vermittler zwischen den Großmächten. Dabei gelang es ihm, das Interesse der anderen Mächte von Mitteleuropa auf die außereuropäische (einschließlich balkanische) „Peripherie“ abzulenken und strukturell angelegte Spannungen – etwa zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan oder zwischen Großbritannien und Frankreich in den Kolonien – unterhalb der Schwelle zum Kriegsausbruch am Köcheln zu halten. Am Ende der Bismarck-Ära wurde dies immer schwieriger; Opportunismus und kurzfristige Taktik gewannen die Oberhand.
Bismarcks kunstvolles Gleichgewichtssystem überdauerte seinen Schöpfer nur um kurze Zeit. Ungeschick seiner wilhelminischen Nachfolger und ihr lautstarkes nationalistisches Auftreten destabilisierten die Lage ebenso wie Verschiebungen in einem dynamischen internationalen System. Bis 1907 war eine völlig neue internationale Konstellation entstanden. Durch ein französisch-russisches Bündnis hatte sich Frankreich, das zur gleichen Zeit die russische Wirtschaft stark förderte, aus seiner Isolation befreit: Ein Albtraum Bismarcks war wahr geworden. Großbritannien und Frankreich hatten sich 1904 einander angenähert (Entente cordiale), Russland und Großbritannien 1907 ihre seit einem Jahrhundert schwelenden imperialen Konflikte in Asien durch eine Abgrenzung von Einflusszonen beigelegt. Dem Deutschen Reich blieben als Verbündete allein die beiden militärisch schwächsten unter den europäischen Großmächten: die Habsburgermonarchie und Italien; wegen des alten Gegensatzes zwischen Österreich und Italien war dies jedoch eine wenig tragfähige Partnerschaft. Das Hauptproblem lag darin, dass die deutsche Staatsführung, um die Jahrhundertwende zu einer auftrumpfenden „Weltpolitik“ übergehend, in einer solchen Isolation kein wirkliches Problem sah.
Schon Bismarck hatte seinen Horizont nicht auf Europa beschränkt. 1884/85 hatte er sich trotz einer zuvor deutlich geäußerten Geringschätzung von Kolonialabenteuern an der Aufteilung Afrikas beteiligt. Das Reich eignete sich mehrere Kolonien in Afrika an: Togo und Kamerun in Westafrika, Namibia (Südwestafrika) und große Teile des heutigen Tansania in Ostafrika. Dies war ein vergleichsweise kleiner und wirtschaftlich karger Kolonialbesitz. In der wilhelminischen Zeit kamen noch Neuguinea und Samoa als reine Prestigeobjekte hinzu sowie 1898 das Pachtgebiet Kiautschou (heute: Jiaozhou) um die Hafenstadt Tsingtau (heute: Qingdao), das zu einer „Musterkolonie“ der Reichsmarine werden sollte. Die wilhelminische „Weltpolitik“ seit den späten 1890er-Jahren sah ihr Ziel nicht in der Errichtung eines großen Kolonialreichs (für das es ohnehin nur noch wenige territoriale Möglichkeiten gegeben hätte), sondern in der informellen wirtschaftlichen Durchdringung überseeischer Gebiete. Dies geschah durch privates Unternehmertum mit staatlicher Unterstützung in Südamerika, China (jenseits der Grenzen der kleinen Kolonie) und im Osmanischen Reich (in Gestalt der Bagdad-Bahn). Deutschland benutzte dabei Methoden, die Großbritannien schon seit langer Zeit erfolgreich angewandt hatte. Zur Weltpolitik gehörten auch punktuelle Demonstrationen militärischer Stärke, etwa durch das Entsenden von Kanonenbooten oder durch die Beteiligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China 1900/01 durch ein internationales Expeditionskorps.
Eine wirtschaftlich fundierte Weltpolitik war möglich, weil das Deutsche Reich auf vielfältige Weise in die Weltwirtschaft eingebunden war. Die intensivsten Handels- und Finanzkontakte bestanden dabei mit anderen europäischen Ländern sowie den USA, hatten also keine imperialistische Bedeutung. Wie groß das Gewicht des Exports für Deutschland bis 1913 geworden war, zeigt sich daran, dass er damals 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte, geringfügig weniger als bei Großbritannien (14,7 Prozent), deutlich mehr als bei Frankreich (6,0 Prozent), Österreich-Ungarn (5,2 Prozent) und den USA (4,1 Prozent). Als Kapitalexporteur stand Deutschland hinter Großbritannien ebenfalls an zweiter Stelle. Seine Handelshäuser und Großkonzerne bauten Geschäftsbeziehungen in alle Welt auf. Deutschland war nicht nur Nutznießer, sondern auch aktiver Mitgestalter der großen wirtschaftlichen Globalisierungswelle vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses hohe Maß an wirtschaftlicher Integration steht nur scheinbar im Widerspruch zu einem immer lautstarker werdenden Nationalismus. Während sich Deutschland diplomatisch in die Isolation manövrierte, erreichte es ein beispiellos hohes Maß an Verflechtung in internationale Währungsströme und Kommunikationszusammenhänge, etwa den grenzüberschreitenden Postverkehr. „Die Globalisierung um 1900 und die Institution des Nationalstaats standen nicht in einem Konkurrenzverhältnis.“ (Sebastian Conrad)

Sozialprodukt und Bevölkerung in DeutschlandSozialprodukt und Bevölkerung in Deutschland
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Quellentext

Anfänge deutscher Kolonialpolitik nach 1871

[...] Kanzler Otto von Bismarck [...] am 5. Dezember 1888 [...]:
[...] Die englische Interessensphäre geht bis zu den Quellen des Nils, [...] aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Rußland, und hier ... liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.

Aus: Otto von Bismarck, Die gesammelten Werke, Bd. 8: Gespräche, hrsg. und bearb. von Willi Andres, Berlin 1926, S. 646

[...] Am 28. März 1884 wurde in Berlin die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ gegründet, [...]. In einem von dem Afrika-Forscher Carl Peters verfaßten Aufruf appellierte sie im April 1884 an die Öffentlichkeit [...]:
Die deutsche Nation ist bei der Verteilung der Erde, wie sie vom Ausgang des 15. Jahrhunderts bis auf unsere Tage hin stattgefunden hat, leer ausgegangen. Alle übrigen Kulturvölker Europas besitzen auch außerhalb unseres Erdteils Stätten, wo ihre Sprache und Art feste Wurzel fassen und sich entfalten kann. Der deutsche Auswanderer, sobald er die Grenzen des Reiches hinter sich gelassen hat, ist ein Fremdling auf ausländischem Grund und Boden. Das Deutsche Reich, groß und stark durch die mit Blut errungene Einheit, steht da als die führende Macht auf dem Kontinent von Europa: seine Söhne in der Fremde müssen sich überall Nationen einfügen, welche der unsrigen entweder gleichgültig oder geradezu feindlich gegenüberstehen. [...]
In dieser, für den Nationalstolz so schmerzlichen Tatsache liegt ein ungeheurer wirtschaftlicher Nachteil für unser Volk! Diese Kraftmasse strömt meistens unmittelbar in das Lager unserer wirtschaftlichen Konkurrenten ab und vermehrt die Stärke unserer Gegner. Der deutsche Import von Produkten tropischer Zonen geht von ausländischen Niederlassungen aus, wodurch jährlich viele Millionen deutschen Kapitals an fremde Nationen verlorengehen! Der deutsche Export ist abhängig von der Willkür fremdländischer Zollpolitik. Ein unter allen Umständen sicherer Absatzmarkt fehlt unserer Industrie, weil eigene Kolonien unserem Volke fehlen. [...]

Aus: Hermann Krätschell, Carl Peters 1856 bis 1918. Ein Beitrag zur Publizistik des imperialistischen Nationalismus in Deutschland, Berlin 1959, S. 16 f.

Unter dem Eindruck dieses Appells fand am 26. Juni 1884 eine Debatte des Deutschen Reichstages statt, in der sich Bismarck gezwungen sah, seine Vor-stellungen zur Kolonialfrage ausführlich darzulegen [...]:
[...] Ich wiederhole, daß ich gegen Kolonien [...], die als Unterlage ein Stück Land schaffen und dann Auswanderer herbeizuziehen suchen, Beamte anstellen und Garnisonen errichten –, daß ich meine frühere Abneigung gegen diese Art Kolonisation, die für andere Länder nützlich sein mag, für uns aber nicht ausführbar ist, heute noch nicht aufgegeben habe ...
Etwas ganz anderes ist die Frage, ob es zweckmäßig, und zweitens, ob es die Pflicht des Deutschen Reiches ist, denjenigen seiner Untertanen, die solchen Unternehmungen im Vertrauen auf des Reiches Schutz sich hingeben, diesen Reichsschutz zu gewähren und ihnen gewisse Beihilfen in ihren Kolonialbestrebungen zu leisten [...] Und das bejahe ich, allerdings mit weniger Sicherheit vom Standpunkte der Zweckmäßigkeit – ich kann nicht voraussehen, was daraus wird –, aber mit unbedingter Sicherheit vom Standpunkte der staatlichen Pflicht. (Sehr richtig! rechts.) [...]
Meine von Seiner Majestät dem Kaiser gebilligte Absicht ist, die Verantwortlichkeit für die materielle Entwicklung der Kolonie ebenso wie ihr Entstehen der Tätigkeit und dem Unternehmensgeiste unserer seefahrenden und handeltreibenden Mitbürger zu überlassen [...], und [...] den Interessenten der Kolonie zugleich das Regieren derselben im wesentlichen [zu] überlassen und ihnen nur die Möglichkeit europäischer Jurisdiktion für Europäer und desjenigen Schutzes zu gewähren, den wir ohne stehende Garnison dort leisten können ...
[...]

Aus: Otto von Bismarck, Die gesammelten Werke, Bd. 12: Reden 1878-1885, bearb. von Wilhelm Schüßler, Berlin 1929, S. 479 ff.
In: Manfred Görtemaker, Deutschland im 19. Jahrhundert, 5. durchgeseh. Aufl., Opladen: Leske+Budrich 1996, S. 345 ff., mit freundlicher Genehmigung der Springer Science and Business Media





Lebensverhältnisse und Milieus

Dass die deutsche Wirtschaft am Ende der 1870er-Jahre einen Konjunktureinbruch erlebte und sich seither durch die Höhen und Tiefen des Wirtschaftszyklus bewegte, änderte nichts am langfristigen Aufwärtstrend. Die Wirtschaftsleistung insgesamt wuchs und ebenso, für die Wohlstandsentwicklung entscheidend, die Produktivität der Arbeit pro Stunde und dementsprechend das Realeinkommen pro Kopf. Dieser materielle Fortschritt war für eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung im Alltagsleben spürbar. Die langfristige Tendenz der Urbanisierung beschleunigte sich. Hatten 1871 erst 4,8 Prozent der Bevölkerung in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern gelebt, so waren es 1910 schon 21,3 Prozent. Dies war aber keine „Wasserkopfurbanisierung“, denn Mittelstädte legten auf Kosten des ländlichen Raumes mit ähnlicher Rate zu.
Das wirtschaftliche Wachstum wurde zusätzlich zu den weiterhin dynamischen Leitsektoren Eisen/Stahl und Maschinenbau durch neue Branchen vorangetrieben. In der Elektro- und Chemieindustrie befand sich Deutschland von Anfang an weltweit in der Spitzengruppe. Viele der wichtigsten wissenschaftlichen und technologischen Innovationen stammten aus Deutschland. Manche Historiker sprechen hier von einer „Zweiten Industriellen Revolution“, die gleichzeitig auch anderswo, besonders in den USA, vor sich ging. Zu ihr gehörte auch die zunehmende Bedeutung von „Großbetrieben“, statistisch definiert als Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten, sowie „Riesenbetrieben“, die über 1000 Beschäftigte aufwiesen. Diese Betriebe, als Produktionseinheiten verstanden, bildeten wiederum oft nur Teile großer Konzerne (etwa in der Stahl-, Elektro- oder Chemiebranche), die nach Marktbeherrschung strebten und über Zweighäuser international tätig waren. Auf dem Kapitalmarkt gewannen Großbanken eine immer stärkere Stellung. Durch stabile Preisabsprachen in Gestalt von „Kartellen“ wurde auf manchen Märkten das „freie Spiel der Kräfte“ außer Kraft gesetzt. Schon zeitgenössische Kritiker sprachen hier – übertreibend, aber nicht falsch – vom Übergang vom „Wettbewerbskapitalismus“ zum „Monopolkapitalismus“ oder „organisierten Kapitalismus“.
Wirtschaftliche Dynamik und die Zunahme der Bevölkerung gingen mit sozialer Differenzierung einher. Spätestens für diese Periode ist es unmöglich, pauschal von einer homogenen „Arbeiterschaft“ zu sprechen. Die Verdoppelung der Reallöhne gewerblicher Arbeiter zwischen 1871 und 1913 kam nicht allen Lohnarbeitern gleichermaßen zugute. Am oberen Ende der Skala genoss eine fachlich qualifizierte, in relativ sicherer Beschäftigung stehende Facharbeiterschaft den Lebensstandard des Kleinbürgertums. Am unteren Ende lebten Millionen von Angelernten und Ungelernten an der Armutsgrenze. Charakteristisch blieb selbst in besser gestellten Arbeiterhaushalten, dass das Familienoberhaupt in vielen Fällen das nötige Einkommen nicht allein erwirtschaften konnte. Frauen und – allerdings immer seltener – Kinder mussten hinzuverdienen. Auch in anderer Hinsicht war die Lebenserfahrung der unteren Schichten gemischt. Einen großen Fortschritt bedeutete die Verminderung der tatsächlich geleisteten Wochenarbeitszeit zwischen etwa 1860 und 1910 von 85 auf 55 Stunden; seit 1908 war der Zehnstundentag als gesetzliche Norm festgelegt. Gleichzeitig scheint aber in vielen Branchen die Technisierung der Arbeit die physische Belastung für den Einzelnen gesteigert zu haben. Einer solchen Erschöpfung durch den Maschinenrhythmus stand wiederum eine langfristige Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung gegenüber.
Der Wirtschaftsaufschwung führte nicht nur zu Wanderungen von den Dörfern in die Städte. Die unangenehmsten Arbeiten wurden zunehmend Immigranten zugewiesen, die aus dem zum Zarenreich gehörenden Teil Polens, aus Österreich-Ungarn oder aus Italien stammten. Viele von ihnen wurden auch als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt. Vor 1914 zählten rund sieben Prozent der Arbeiterschaft im Deutschen Reich zu diesen „Gastarbeitern“ der ersten Stunde. Auch nach dem Ende des Sozialistengesetzes 1890 wurden der Selbstorganisation des Proletariats Hindernisse in den Weg gelegt. Trotzdem bildete sich in Deutschland eine politisch aufmerksame und selbstbewusste Arbeiterschaft heraus, die besser organisiert war als überall sonst auf dem europäischen Kontinent und die der herrschenden Ordnung keineswegs in kompromissloser Feindseligkeit gegenüberstand. Zwar erwartete man das Ende des Kapitalismus, richtete sich aber in ihm ein, solange es ihn gab.
Eine neue soziale Gruppe von unsicherem Status und Selbstgefühl waren die Angestellten. Hinsichtlich ihrer Entlohnung vom Facharbeiter nicht allzu weit entfernt, betrachteten sich diese „Handlungsgehilfen“, Buchhalter oder Sekretärinnen, die sich die Hände nicht schmutzig machen mussten und in bürgerlicher Kleidung auftraten (daher in Amerika white-collar workers genannt), als etwas Besseres. Dieser „neue Mittelstand“, der die Angestellten sowohl in den Kontoren der Wirtschaft als auch auf den Ämtern des staatlichen und kommunalen Verwaltungsdienstes umfasste, machte kurz vor dem Ersten Weltkrieg etwa sieben Prozent der Erwerbstätigen aus. Damals gab es neben zwei Millionen Angestellten 14 Millionen Lohnarbeiter.
Das schnelle Anwachsen der Zahl der weiblichen wie männlichen Angestellten ist ein Indiz für die Ausdehnung der verwaltenden Staatstätigkeit. Dass nun ein Heer von Verkäufern entstand, geht wiederum auf das Auftreten von Warenhäusern in den großen Städten zurück. Denn das Kaiserreich sah auch die Anfänge einer massenhaften Konsumkultur. Kaufhäuser präsentierten ein Universum der Warenwelt, wie es bis dahin niemals unter einem Dach zusammengefasst worden war. Sie vertrieben fabrikmäßig hergestellte Konfektionsware, die in Konkurrenz zu den Erzeugnissen von Handwerksbetrieben trat. In „Kolonialwarenläden“ wurden als besondere Attraktionen Konsumgüter aus Übersee feilgeboten. Sie trugen das Exotische in deutsche Wohnstuben hinein, wie es in den Großstädten auch in zoologischen Gärten, Völkerschauen mit lebenden „Wilden“ und ethnologischen Museen zu bestaunen war. In bürgerlichen Salons wurde der Orient, repräsentiert durch den „Perserteppich“, nun geradezu zu einer Mode. Deutschland, obwohl nur eine nachrangige Kolonialmacht, konsumierte die große weite Welt.

Quellentext

Nervosität

„Die gesittete Menschheit wurde von ihren neuen Erfindungen und Fortschritten überrumpelt. [...] Unseren Vätern ist keine Zeit gelassen worden. Gleichsam von einem Tag auf den anderen, ohne Vorbereitung, mit mörderischer Plötzlichkeit mussten sie den behaglichen Gleichschritt des früheren Daseins mit dem Sturmlauf des modernen Lebens vertauschen, und das hielten ihr Herz und ihre Lunge nicht aus.“ So Max Nordau – Arzt, glühender Zionist und radikaler Zivilisationskritiker – in seinem Bestseller „Entartung“ (1892). [...]
[...] Es gibt, in Europa wie in den USA, Anhaltspunkte für zuvor unbekannte nervliche Belastungen [...].
Nervositätsursachen sieht George Miller Beard, der US-amerikanische Pionier der modernen Neurologie, vor allem in der unumgänglichen Anpassung an technische Innovationen, im Zwang zur Spezialisierung, in der Taschenuhr und der von ihr verkörperten Pünktlichkeitsdiktatur, in der Beschleunigung des Geschäftslebens durch die Telegrafie, in der nervenschädigenden Wirkung des Lärms und, nicht zuletzt, in der Elektrizität. Edisons elektrisches Licht sei „die bestmögliche Illustration der Wirkungen der modernen Zivilisation auf das Nervensystem“. [...]
Allerdings: Dass die Verlängerung des Tages durch das elektrische Licht den menschlichen Biorhythmus beeinflusst, sei heute erwiesen, so Joachim Radkau. Es gebe Grund zu der Annahme, dass die Umstellung von Gaslicht auf die Glühlampe Ende des 19. Jahrhunderts von Stresserscheinungen begleitet gewesen sei, [...].
[...] Vielstimmig verständigt sich die Gesellschaft über das Schicksal der Nerven im Prozess der ‚elektrischen Moderne‘. Radikale Ablehnung technischer Neuerungen bis zu pathologischer Technik-Phobie einerseits, forcierte Technikbegeisterung andererseits führen, im Ansturm der Innovationen, zu Überspanntheiten und Überempfindlichkeiten. [...] Um 1880 ist es [...] en vogue, für alle erdenklichen gesellschaftlichen und politischen Phänomene die Elektrizität und ihre vermuteten Auswirkungen zur Rechenschaft zu ziehen. Selbst die vielfach beklagte Rastlosigkeit des Kaisers wird unter diesem Aspekt untersucht. [...]
Vielleicht aber hat nicht die Elektrizität selbst, sondern die ökonomische Form ihrer Einführung [...] in bereits hochentwickelten Industriegesellschaften die Menschheit „überrumpelt“. [...] [A]ls Arbeiter in den Fabriken, als Angestellte in den Büros, [sind die Menschen mit] bisher unbekannten Anforderungen konfrontiert. Ihre Arbeitskraft, ihre Aufmerksamkeit, ihr Nervensystem, ja ihre ganz psycho-physische Existenz muss sich anpassen an die Bedingungen einer neuen ‚elektrifizierten‘ Welt. [...]
Die Leidenserfahrungen derer, die als schlecht bezahlte Heloten an der Front der technischen Vernetzung arbeiten (etwa der deutschen Eisenbahner oder der amerikanischen telephone operators mit ihren Magengeschwüren), sind allenfalls zu erahnen. Sie strömen in die Arztpraxen und Heilstätten, und ihre Krankenakten können heute als Forschungsmaterial für eine Archäologie der zweiten industriellen Revolution herangezogen werden. Das Problem für den Historiker besteht freilich darin, dass die Patienten in ihren Anamnesen nicht über ‚Beschleunigung‘, Technik‘ oder ‚Mechanisierung‘ klagen, sondern schier endlose Geschichten über ihre Verdauung, ihre Schlafstörungen oder ihre Impotenzängste erzählen. [...] „Zwischen den Zeilen“ einer Krankenakte erkennt Joachim Radkau „deutlich das neue Berlin der Jahrhundertwende, das Berlin der Presse und der Börse, des Tempos und der nach Aufträgen jagenden Handlungsreisenden: eine Millionenstadt, deren strapazierende Wirkung auf die Nerven keineswegs nur in der Phantasie reaktionärromantischer Kulturkritiker existierte.“
Tatsache ist, dass die Zahl der Patienten, die sich selbst als ‚nervös‘ bezeichnen oder von ihren Ärzten diagnostiziert werden, zwischen 1870 und 1914 rasant zunimmt. Sie stammen aus allen Klassen und Schichten, beschäftigen in Deutschland die Bürokratien der unter Bismarck geschaffenen Kranken- und Unfallversicherung und lösen kontroverse Debatten unter den medizinischen Kapazitäten aus. Statistisches Quellenmaterial ist äußerst rar; immerhin belegen Zahlen der Reichsversicherungsbehörden von 1902, dass von über 150 000 Patienten, die Zahlungen aus der Unfallversicherung erhalten, mehr als 14 000 unter nicht näher spezifizierten nervösen Störungen leiden.
Der Nervositätsdiskurs freilich ist dezidiert ein Reservat gehobener Schichten, überwiegend des Bildungsbürgertums und zahlreicher Intellektueller, unter ihnen wiederum der musisch Begabten und künstlerisch Tätigen, die mit Hilfe von Selbstdiagnosen nicht zuletzt ihr Unbehagen an den Oberflächenphänomenen der Modernisierung abarbeiten. [...]

Klaus Kreimeier, Traum und Exzess. Die Kulturgeschichte des frühen Kinos, © Paul Zsolnay Verlag Wien 2011, S. 84 ff.




Die Einheit deutscher Kultur

Bei einem Überblick über die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts auf Österreich zu verzichten, wäre für die Zeit des Deutschen Bundes problematisch; für die Zeit danach ist es unter Historikern üblich geworden. Kulturgeschichtlich lässt es sich allerdings nicht rechtfertigen.
Nach dem Sieg der „kleindeutschen“ Nationslösung auf dem Schlachtfeld von Königgrätz 1866 reformierte sich die Habsburgermonarchie. Sie gab sich eine neue Verfassungsform. Das Habsburgerreich, in dem die Sprachgruppe der Deutschen 1910 weniger als ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachte, wurde dezentraler organisiert. Das Ziel einer gesamtstaatlichen Dominanz der deutschsprachigen Minderheit war endgültig unrealistisch geworden. Anders als die zum Nationalstaat erweiterte Hohenzollernmonarchie schlug die Habsburgermonarchie nicht den Weg zu einer stärkeren Integration ein. Auf eine Germanisierung der nicht-deutschen Reichsteile (die auch kaum hätte realisiert werden können) wurde verzichtet. Es gab noch nicht einmal ein gesamtstaatliches Parlament.
In bewusster Abgrenzung zu Deutschland bildete sich im späten Habsburgerreich eine Art von Sondermentalität heraus. Man pflegte einen Stolz auf die habsburgischen Traditionen und den multikulturellen Kosmopolitismus des Reiches und verspürte auch unter Deutsch-Österreichern kaum einen Drang zur politischen Vereinigung mit dem Norden. In der Literatur wurde ein gewisser morbider Ton der Dekadenz und des Untergangs vernehmbar. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die andere Seite dieses Bildes: die Nähe zwischen Deutschland und Österreich. Sie war zunächst eine politische Nähe, denn die Donaumonarchie blieb bis zum bitteren Ende ein Juniorpartner des Deutschen Reiches. In der Julikrise, die 1914 in den Ersten Weltkrieg mündete, spielten Militär und Politik in Österreich eine besonders aggressive und verhängnisvolle Rolle.
Noch auffälliger ist eine Einheit der deutschsprachigen Kultur, die erst nach der Gründung der Republik Österreich 1918 in den Hintergrund trat. Wien blieb eines der großen Zentren der deutschen Kultur, vielleicht noch strahlender als die anderen großen Zentren: Berlin, München, Leipzig oder Zürich. Österreich, Deutschland und die Deutschschweiz bildeten einen gemeinsamen kulturellen Markt. Bücher, die dort irgendwo veröffentlicht wurden, waren überall zu bekommen. Österreichische Künstler wurden an deutschen Theatern oder Opernhäusern engagiert, Professoren aus Deutschland nach Wien oder Prag berufen. In diesem kulturellen Betrieb spielte Wien eine Sonderrolle. Es bildete mehr noch als Berlin oder München eine kulturelle Insel in einer stark ländlich geprägten Umgebung. Auch war es die einzige Großstadt im Habsburgerreich mit einem zahlenmäßig umfangreichen, an Kultur interessierten Bürgertum, in dem jüdische Familien eine ungewöhnlich große Rolle spielten. Wien hatte eine glorreiche Tradition zu bewahren, vor allem in der Musik. Diese Tradition Haydns und Mozarts, Beethovens und Schuberts wurde nicht einfach nur gepflegt. Sie wurde auf dem höchstmöglichen Niveau des Komponierens weitergeführt, vor allem bei dem aus Hamburg stammenden, seit 1875 dauerhaft in Wien ansässigen Johannes Brahms (1833-1897) und dem in Mähren geborenen Gustav Mahler (1860-1911), der zwischen 1897 und 1907 als Hofoperndirektor eine zentrale Stellung im Wiener Kulturleben innehatte. Der jüngere Arnold Schönberg (1874-1951) konnte kurz vor der Jahrhundertwende als Komponist in der Metropole Fuß fassen. Mit seinem Schülerkreis wurde er schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einem radikalen Erneuerer der musikalischen Sprache. Das Wien der Jahrhundertwende war auch in anderer Hinsicht die Kulturhauptstadt Europas. Hier entwickelte der Nervenarzt Sigmund Freud (1856-1939) die Psychoanalyse. Auch in der Philosophie (wo die Ansätze der Vorkriegszeit in den 1920er-Jahren ausreiften) und der Malerei genoss Wien einen europaweiten Ruf. Vielseitig begabte Schriftsteller wie der Lyriker und Dramatiker Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) oder der Essayist und Satiriker Karl Kraus (1874-1936) gehörten zu den wichtigsten Vertretern der deutschsprachigen Literatur der Epoche.
Es ist ein Paradox, dass zu einer Zeit des aufschäumenden öffentlichen Nationalismus die Kultur im Deutschen Reich kaum nationalistisch geprägt war. Versuche, eine „deutsche“ Musik und bildende Kunst zu schaffen, führten nicht weit. Selbst der 1883 verstorbene Richard Wagner, ein Mann von nationalistischer und antisemitischer Gesinnung, eignete sich nicht als Rollenmodell, da seine Musik in ganz Europa Bewunderung fand. Die deutschen Dichter und Schriftsteller sahen sich selbst in gesamteuropäischen Zusammenhängen. Der wissenschaftliche Austausch über Grenzen hinweg war intensiv, trotz einer gewissen Rivalität zwischen den Wissenschaftskulturen. Deutsch stand als Wissenschaftssprache gleichberechtigt neben Französisch und Englisch. All dies verhielt sich widersprüchlich zur politischen Lage auf einem Kontinent, auf dem industrialisierte Großmächte gegeneinander rüsteten.